Die Trova*, noch lebendig oder schon Erinnerung?

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Auch wenn die sogenannte „Canción trovadoresca“ an Beliebtheit verloren hat, gibt es in Kuba noch Dutzende von ihren Interpreten. Sie singen für Leute, die lieber den Alltag und dessen Absurdität überdenken, anstatt in eine andere Dimension zu entfliehen. Viele, wie auch wir, bekommen immer noch eine Gänsehaut, wenn sie die Texte von Silvio Rodríguez hören, obwohl uns im Hinblick auf Politik eine große Kluft trennt, ein tiefer Riss teilt unsere philosophischen Ansichten. Wenn es darum geht, unsere musikalische oder literarische Bibliothek zu organisieren, so haben wir gemerkt, dass es ratsamer ist, dies nicht nach Parteipräferenzen zu tun… sonst erlitten wir den traurigen Verlust zahlreicher Liedermacher und Autoren.

Ein beachtlicher Teil des Publikums sucht jenseits der Qualität seiner Akkorde und seiner Verse in der Trova deren Fähigkeit, uns vergangene Momente ins Gedächtnis zurückzurufen: die erste Liebe, der engangschmiegte Tanz, die schweren Jahre, jener Tag des ersten Kusses oder das Konzert, bei dem wir einen ganz besonderen Menschen kennenlernten. Die Trova dient als Auslöser für Erinnerungen, so wie Prousts Madeleine, nur gelangt sie über das Gehör zu uns, anstatt über den Gaumen. Wenn der Liedermacher mit der Gitarre in der Hand erscheint, findet bei uns in Wirklichkeit ein Akt der Erinnerung statt: er versetzt uns in jene Zeiten zurück, in denen wir noch so jung waren, damals, als das Antlitz der “Nueva Trova” noch nicht von der sauren Realität entstellt war.

Der Sänger stimmt eines seiner alten Lieder auf der Bühne an. Das Publikum, dicht gedrängt, singt den Refrain mit und wiegt sich wie in Trance. Diese Woche haben wir eines der vielen Troubadour-Musikfestivals besucht, das diesmal in der Provinz Santa Clara seinen Anfang nahm. Wir konnten auf dieser Veranstaltung einige geglückte Neuaufführungen als auch bestimmte altbekannte Stücke hören, romantische Themen bis hin zu den umstrittensten sozialen Fragen. Musikkreationen, die ihre goldenen Jahre in den 70ern hatten, die aber jetzt, angesichts kommerziellerer Melodien mit härteren Rhythmen, an Bedeutung verlieren. Die meisten jungen Leute möchten sich keine Lieder anhören, deren Texte von Verrat oder Alltagsgeschichten handeln. Vielmehr wollen sie sich erholen und Spaß haben, für eine Nacht wollen sie der Realität entfliehen. Man geht in Diskotheken um dem, was sich draußen abspielt, zu entkommen, und nicht, um daran erinnert zu werden. Deshalb werden diese von Ideologie geprägten Lieder mit Anspielungen auf den neuen Menschen und die Gesellschaft, in der er leben sollte, in die hinterste Schublade geworfen und werden vergessen.

Anm. d. Ü.
*La Nueva Trova Cubana, Mitte der 1960er Jahre in Kuba entstanden, ist eine Musikrichtung mit politischen und poetischen Texten. Traditionelle Elemente kubanischer Volksmusik vermischen sich hier mit anderen Musikrichtungen.
Übersetzung: Nina Beyerlein

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