2011, dieses so ferne Jahr

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Im Oktober ist Laura Pollán* von uns gegangen, in einem dunklen Krankenhaus an einem Tag mit feinem Nieselregen im Jahr 2011, das in Handschellen begann. In den ersten Monaten wurden die Freilassungen von Gefangenen des Schwarzen Frühlings** abgeschlossen und die nationalen und internationalen Schlagzeilen gaben das Hauptverdienst daran der katholischen Kirche und dem spanischen Außenminister und spielten somit den Kampf der Damen in Weiß, die Proteste auf den Straßen, den Hungerstreik von Guillermo Fariñas und die Welle der Empörung in Zusammenhang mit dem Tod von Orlando Zapata Tamayo herunter. April, der grausamste Monat, brachte uns den Kongress der kommunistischen Partei, der sich nur auf wirtschaftliche Themen konzentrierte, den Ausdruck „Anpassungen“ dem Begriff „Reformen“ vorzog und die Macht des Bluterben auf dem kubanischen Thron bestärkte.

Der August, mit seinem Hochsommer und der Knappheit, war nicht viel anders. „Wo sind die Veränderungen?“, fragten sich viele. Bis Oktober musste man darauf warten, dass diese scheibchenweise begannen. So konnten wir nun einen Gebrauchtwagen kaufen, aber uns einer Partei frei anschließen oder unsere Meinung straflos äußern, das konnten wir nicht. Dann kam die gewagteste aller Maßnahmen Raúls: der Kauf und Verkauf eines Hauses war nun möglich, obwohl man den kompletten Lohn von 45 Jahren gebraucht hätte, um das bescheidenste von ihnen zu erwerben. Etwas bewegte sich in einer seit Jahrzehnten mumifizierten Gesellschaft, aber so langsam, dass es zum Verzweifeln war. Mitte Dezember erfuhren wir, dass über 66.000 Kubaner die Staatsangehörigkeit ihrer Großeltern erhalten hatten, die einst aus Asturien, den Kanarischen Inseln, Galizien eingewandert waren … die Menschen flohen weiterhin. Die Verzweiflung wurde nirgendwo anders so wahrgenommen, wie in den langen Schlangen vor den Konsulaten.

Die Fläche für die landwirtschaftliche Nutzung wurde vergrößert, aber auch der Preis für Lebensmittel stieg fast proportional an. Die Presse sprach von Fortschritten, doch die Realität zeigte Stagnation. Die privaten Restaurants drangen in jeden Bezirk ein, mit ihren Speisekarten voller würziger Gerichte und der Sorge, ob man sie noch eine Weile fortbestehen ließe. Der stumme Chor der Nationalversammlung bestätigte, dass das Land für das Jahr 2012 viel mehr Geld brauchen würde, um die Lebensmittel einzuführen, die unsere Erde auch selbst gut produzieren könnte. Und die ersehnte Einwanderungsreform wurde uns wieder zum x-ten Mal vorenthalten.

In der Nacht des heiligen Silvester zeigten nur wenige Häuser Feierlichkeiten und Musik, zumindest in Havanna. Aber ich verspürte eine Erleichterung, dass dieses Jahr zu Ende ging. Dass dieses 2011 der durch Propaganda aufgeblasenen Fortschritte und der verschwiegenen Rückschläge endlich vorbei war.

* Laura Pollán war die Mitgründerin der Frauengruppe „Damen in Weiß“, die seit 2003 jeden Sonntag für die Freilassung ihrer Angehörigen, politischer Gefangener, in Havanna demonstrierte.
** Der Begriff Schwarzer Frühling (spanisch: La Primavera Negra) bezeichnet die ca. zweiwöchige Verhaftungswelle von Regimekritikern im März 2003 auf Kuba, bei der 90 Personen, darunter 27 Journalisten, inhaftiert wurden.
Übersetzung: Valentina Dudinov