Es ist nicht dasselbe Wasser

voces12lunes

Meine kleine Hommage an die Kommentatoren zum Jahresende

Wasser fällt von den Balkonen herab*. Es ist Mitternacht und geräuschvolle Wasserfälle stürzen aus den Fenstern, aus den Haustüren auf die Straße und die Hinterhöfe. Es ist die restliche Flüssigkeit eines langsamen Scheuerns, der Überrest eines nationalen Bades, das unter einem Schwall Wasser aus einem Krug und ohne Seife genommen wurde. Der Körper eines schlecht gewaschenen Landes, hier Schmutz, dort Frustrationen, er riecht nach Schweiß, aber pudert sich kokett die Achseln, überdeckt mit Parfüm seinen Gestank und tupft sich mit einem schönen Taschentuch die Stirn trocken. Wenn dieser mitternächtliche Wasserschwall sprechen könnte und nicht auf dem Asphalt landen und die Neugierigen vollspritzen würde, könnte er uns etwas mitteilen. Es wäre ein Schrei, ein Röcheln. Das Wasser ist schon immer ein fester Bestandteil eines jeden 31. Dezembers gewesen, der beständigste. Als es an Schweinefleisch und Tomaten mangelte, als sogar ein Pfund Reis die Hälfte eines Monatseinkommens kostete, hatten wir immer noch diese so elementare und komplexe Flüssigkeit, mit der wir uns des Zorns, der Frustration und der Angst entledigen wollten. Meine Eltern zogen das Essen auf den Tellern in die Breite und gossen Soße darüber, damit es nach mehr aussah, aber wenn es an der Zeit war, den Eimer zu nehmen und seinen Inhalt in die Dunkelheit zu schütten, sparten sie nicht. Er war randvoll, am überlaufen, so wie unser Verdruss.

Vor ein paar Tagen erklärte im Fernsehen ein Wissenschaftler in einem strahlend weißen Kittel, dass das Wasser ein Gedächtnis habe und die Eindrücke und die Spuren von dem bewahre, womit es in Berührung gekommen war. Auf diese Weise verraten uns die Bäche, die jede Silvesternacht an unseren Fassaden herunterlaufen. Legte man sie unter das forschende Auge eines Mikroskops, kämen Partikel in Form von Rudern, Flößen und Molekülen zum Vorschein, die das Profil einer Maske, eines roten Parteiausweises angenommen haben, den manche lieber ganz hinten in einer Schublade verstecken. Es nimmt unseren morgendlichen Gesichtsausdruck an, das Geräusch der Fingerknöchel im Waschbecken, das Brodeln beim Aufkochen von Kräutertee. Jeder Tropfen dieser Substanz birgt den vollständigsten Bericht, der heutzutage über uns alle geschrieben werden kann. Die Reise durch die Wasserleitungen, bei einigen sind sie verrostet und löchrig; bei anderen neu aus Plastik und aus Teflon. Der Wasserhahn, der sich mit einer einzigen Berührung öffnen lässt, und der andere, der mit Draht geflickt worden ist, damit er nicht die ganze Nacht hindurch tropft. Und anschließend fällt es auf die verbogenen Metallteller von vielen Menschen oder es sprüht mit Druck auf das makellose Geschirr in irgendeinem Haus in Atabey.

Das Kind, das sich in einer Waschschüssel wäscht, weil die Waschlauge noch zum Reinigen des Bodens verwendet werden muss, und der Rentner, der mit krummem Rücken den Handkarren mit den Wassertanks vom Hydranten bis zu der Bruchbude zieht, wo er wohnt. Das sprudelnde Wasser in einem Jacuzzi irgendeines Hotels, die Ruhe der blauen Wellen in einem dieser Pools bestimmter Wohnanlagen, die man nur auf Google Earth sieht, so gut versteckt sind sie hinter der Hibiskus-Hecke und gut bewacht von einem Hund. Es ist nicht dasselbe Wasser. Einmal verdunstet es in einer Pfütze, aus der ein Straßenhund trinken wird, oder es bildet einen nassen Fleck auf einem Dach, das binnen eines Jahres einstürzen wird. Ein andermal befindet es sich in einem Glas und beschreibt konzentrische Kreise, die durch die Stimme des Untersuchungsbeamten in einer Zelle des Gefängnisses Villa Marista hervorgerufen werden. „Möchten Sie etwas? Haben Sie Durst?“ fragt er und der Angeklagte weiß, dass ein Schluck von „dem da“ ihn vielleicht zum Singen bringt wie ein Kanarienvogel oder ihm einen schmerzhaften Druck in der Brust verursachen wird. Aber es ist auch das andere kühle Etwas mit Eis, das uns überreicht wird, sobald man das Haus eines Freundes betreten hat. Der gerade Angekommene würde gerne wissen, ob es abgekocht ist wegen der Amöben, die ihn seit Jahren quälen, aber er geht lieber das Risiko ein, als sein Misstrauen zu offenbaren. Das Wasser mit Honig und Eiweiß, das uns die Füße benetzt an jedem Hauseingang der Reiña – Straße, denn das „Böse“ muss man hinausbefördern, ob man es vor die Tür setzt oder in Tropfenform auf die Straße schüttet, ist egal.

Und dann nehmen wir gemeinsam, ohne uns abgesprochen zu haben oder von jemandem dazu aufgefordert worden zu sein, ein Gefäß oder einen Eimer und warten darauf, dass die Uhr Zwölf schlägt. Der zeitlich exakt abgestimmte und freiwillige Ritus, den wir jedes Jahr vollziehen, die Taufe, die wir vornehmen, damit diese Insel bereit ist für die kommenden zwölf Monate. Aber das Wasser schafft es nicht und reicht auch nicht, die angehäuften Abfälle zu reinigen und fortzuspülen. Die Reinigung ist weit davon entfernt, vollkommen zu sein. Wir müssen sie jeden 31. Dezember wiederholen und uns bemühen, den Inhalt unserer Gefäße genau in der Sekunde, in der der neue Tag beginnt, auszuleeren. Die Pfützen dort unten verraten uns, der Sturzbach spricht und in diesen winzigen Atomen aus Wasser- und Sauerstoff bleibt die Spur dessen, was wir wünschen. Die vollkommenste Verbindung unserer Bestrebungen wird am Morgen verschwinden, sie wird verdunsten, sobald die Sonne aufgeht**.

*Es ist eine kubanische Tradition, an Silvester einen Eimer Wasser aus dem Fenster zu schütten, um damit das Böse des vergangenen Jahres weg zu waschen.
* *Im Spanischen steht hier ein Wortspiel, das im Deutschen nicht möglich ist: „salga el sol“ heißt auch: die Sonne möge aufgehen!)
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier, Iris Wißmüller
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In den Cyberspace abheben und entfliehen

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Sie treffen sich jeden Samstagabend zu einer Party ohne Alkohol, ohne Mädchen, ohne Musik. Die ganze Nacht bis zum Morgengrauen verbringen sie über der Tastatur, starren auf den Bildschirm und haben ihre Computer zu einem Netzwerk verbunden, um zu spielen. Das ist die neuste Mode unter den kubanischen Jugendlichen einer neu entstehenden Mittelschicht, die sich selbst nicht mal als solche erkennt. Die „Pyjama-Partys“, mit Popcorn und Zelten, die mitten in einer Halle aufgeschlagen werden, haben diese Treffen ermöglicht, wo sich Technologie und Gelächter mischen, das Spielerische mit der Realitätsflucht. Die Jugendlichen selbst nennen diese technologischen Marathons „ tubear“* und viele Räumlichkeiten werden gemietet, um die Nacht zum Tag zu machen, mit der Hand auf der Maus. Unter den am meisten gefragten Spielen befinden sich die Strategiespiele und Parallelwelten, die helfen aus der nationalen Realität zu entfliehen.

Diejenigen, die keinen eigenen PC oder Laptop besitzen, um an dem Fest teilzunehmen, können sich in den Computer-Räumen einiger Schulen einfinden, wo die Lehrer an den Wochenenden – ohne Genehmigung – LAN-Partys organisieren. Starcraft, DotA, Counter Strike, Call of duty machen das Rennen unter den Vorlieben der Halbwüchsigen und parallel dazu garantiert ein Markt mit Raubkopien die neuesten Aktualisierungen und all die nötigen Ergänzungen. Folglich ist die größte Herausforderung, sich auf dem Laufenden zu halten, in einem Land, welches immer noch zu den Ländern mit den wenigsten Internetanschlüsse auf diesem Planeten gehört. Deshalb stehen auf der Wunsch- und Bestellliste für den Onkel, der auf Reisen geht, oder für den Freund, der aus dem Ausland zurück kommt, die DVDs dieser Spiele. Die digitalen An- und Verkaufsplätze – wie „Revolico“** – bieten ein großes Sortiment an, um abseits des komplizierten Alltags seinen Spaß zu haben.

Einige Gespräche auf der Straße spiegeln das Ausmaß dieser Unterhaltungform wider. „Du musst dieses Level überspringen, weil das nächste besser ist“, „Bring ihn nicht beim ersten Mal um, denn sonst kostet es dich auch deine eigene Kraft“, „Erbaue Deine Stadt in diesem Gebiet, es ist nicht so stark von Dämonen verseucht“. Unterhaltsame Spiele zum Mittelalter bis zu verwegenen, futuristischen Phantasien sind heutzutage Teil der jugendlichen Vorstellungswelt, wichtige Bestandteile in ihrem Leben. Sie haben bei ihnen den Platz eingenommen, den seinerzeit bei uns die Diskurse und Parolen innehatten. Sie applaudieren nicht, sie klicken; sie glauben nicht, sondern sie spielen. Und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, ob man diese Wirklichkeitsflucht als Waffe gegen den Fundamentalismus willkommen heißen soll oder ob wir uns beklagen sollen, weil diese Realitätsflucht uns der jugendlichen Aufsässigkeit beraubt, die so sehr fehlt.

Anm. d. Ü.
*Das entspricht den LAN-Partys bei uns.
**Revolico ist eine kubanische Website für Kleinanzeigen
Übersetzung: Birgit Grassnick

Begnadigung und Vergessen

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„Sei nicht naiv, du wirst mit deinem gepackten Koffer doch hier bleiben“, sagten mir Freunde gut gemeint von allen Seiten. Aber ein Häftling träumt immer davon, dass sich die Tür einmal öffnet, dass sein eigener Gefängniswärter die Schlüssel nimmt und die Gitter zurückschiebt. Anstelle aus einer Reform der Migrationspolitik bestand gestern der angekündigte Höhepunkt der Nationalversammlung nur aus der Begnadigung von 2.900 Häftlingen. Eine subtile Art und Weise uns mitzuteilen, dass echte Gefängniszellen leichter beseitigt werden können als bürokratische, dass eine Haftentlassung schneller unterschrieben wird als die Abschaffung der Ausreisegenehmigung. Ich weiß nicht, ob Raúl Castro die Enttäuschung ermessen kann, welche seine Worte gestern verursachten, welche Mutlosigkeit das Ausbleiben der Bekanntgabe hervorrief, die seine eigenen Sprecher angekündigt hatten.

Ich stellte mein Gepäck wieder in die Zimmerecke, warf meine Pläne für den Heiligen Abend über Bord und rief meine Mutter an, um ihr zu versichern, dass ich bleibe. Ich vermute, dass heute in vielen kubanischen Häusern gefeiert wird, weil die Angehörigen in Kürze aus irgendeiner dreckigen Haftanstalt entlassen werden. Ich weiß aber auch, dass sich an diesem 24. Dezember viele betrogen und wieder einmal hintergangen fühlen. Wie lange braucht eine Regierung, um die eingeschränkte Bewegungsfreiheit abzuschaffen, die sie selber über ihre Bürger verhängt hat? Kann es sein, dass in diesem Land das Wort „allmählich“ oder der Satz „wir arbeiten gerade daran, diese oder jene Maßnahme umzusetzen“ in Wahrheit zu Synonymen für „niemals“ geworden sind? Wie können sie weiterhin etwas rechtfertigen, was weder ethisch noch legal so aufrecht erhalten werden kann? Wann wird der Präsident diejenigen begnadigen, die die Strafe auferlegt bekamen, nicht ins eigene Land einreisen zu dürfen oder es nicht verlassen zu dürfen?

Aber ich will nicht, dass mich in diesen Tagen die Unnachgiebigkeit der Regierung traurig stimmt oder mir die Verbohrtheit unserer Regierung die Weihnachtsfeiertage verdirbt. Stattdessen werde ich um Mitternacht mein Glas leeren, meinen Sohn in den Arm nehmen und Zukunftspläne für das Jahr 2012 schmieden. Für einen kurzen Moment werde ich die Gitterstäbe vergessen; ich werde aus meinen Gedanken das Bild eines Generals verbannen, der Begnadigungen gewährt, der mit der Lebenszeit eines ganzen Volkes spielt und das als „Vorankommen mit kleinen Schritten“ bezeichnet, was einfach nur Angst ist.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier
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Mit gepacktem Koffer

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Foto: Eine der zahllosen Absagen ohne Begründung.

Wie alle Flughäfen der Welt ist auch der unsere unpersönlich, stressig und überall aus Aluminium und Glas. Ab und zu öffnet sich die Tür der Zollbehörde und jemand kommt – das Gepäck in durchsichtige Folie eingewickelt – heraus. Die wartenden Verwandten stoßen einen Schrei aus, Tränen rinnen und das Gesicht des soeben Angekommenen ist vor lauter Emotionen ganz gerötet. Währenddessen spielen sich im ersten Stock Abschiedsszenen ab. Menschen, die sich vielleicht niemals wiedersehen werden, umarmen sich ein letztes Mal. Es gibt Grenzkontrollhäuschen mit Beamten, welche mit strengem Blick die Dokumente überprüfen. Reisepass, Visum, Flugticket… Ausreisegenehmigung. Immer frage ich mich, was mit denen passiert, die sich ohne das weiße Kärtchen vor diesen Schalter stellen, ohne diese herabwürdigende Genehmigung, die wir Kubaner brauchen, um unser eigenes Land zu verlassen. Aber es gibt nur wenig Zeugnisse dafür, die Verbote werden meist schon in den Büros für Immigration und Ausländertum erteilt, weit entfernt von den Startbahnen, von wo aus die Flugzeuge abheben.

Das Gerücht, welches besagt, daß Raúl Castro am morgigen Freitag eine Flexibilisierung der Ein- und Ausreisebeschränkungen verkünden könnte, lässt mich nicht mehr schlafen. In den letzten vier Jahren hat sich mein Reisepass mit Einreisegenehmigungen für andere Länder gefüllt, aber es enthält keine einzige Erlaubnis zur Ausreise aus diesem Eiland. 18 Absagen sind zu viel; es scheint eher eine Art der persönlichen Rache als ein bürokratischer Akt zu sein. Mein Gepäck ist schon seit langem vorbereitet. Die Kleidung darin ist schon vergilbt, die Geschenke für Freunde sind mittlerweile veraltet oder aus der Mode gekommen und die Vorträge, welche ich zu bestimmten Anlässen halten wollte, haben an Aktualität verloren. Dennoch schaut der Koffer mich nach wie vor aus einer Ecke des Zimmers an. Ich stelle mir vor, wie seine abgenutzten Rädchen mich fragen: “Wann verreisen wir?” Und ich kann ihm nur antworten, dass – vielleicht – diesen Freitag in einem Parlament, das keine wirkliche Macht hat, jemand beschließt, mir ein Recht zurückzugeben, das mir schon immer hätte zustehen sollen.

Für den Fall, daß die erwähnte “Migrationsreform” tatsächlich bekannt gemacht wird, werde ich ihre Grenzen am Flughafen, vor dem Kontrollhäuschen austesten, das so viele fürchten. Mein Koffer und ich sind bereit. Bereit festzustellen, ob die Wache den Knopf drücken wird, welcher die Tür zum Wartebereich öffnet, oder ob er die Sicherheitsleute rufen wird, um mich abzuführen.

Meine Befürchtungen

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Ein einsamer Mann fegt trockene Blätter zusammen auf einer sehr breiten Straße, auf der in beiden Richtungen kein einziges Auto vorbeifährt. Er senkt den Kopf und vermeidet es, mit dem Kameramann zu sprechen. Vielleicht handelt es sich um einen, der bestraft wurde, weil er bei einer Versammlung nicht mit genügend Enthusiasmus applaudiert hat oder weil er sich nicht mit theatralischer Ehrerbietung vor einem Parteimitglied verbeugt hat. Die Szene von dem Straßenkehrer und seiner unbelebten Straße stammt aus einem Dokumentarfilm über Nordkorea, der in unseren alternativen Informationsnetzwerken im Umlauf war. Ein schmerzliches Zeugnis, mit Menschen, die immer auf dieselbe Art gekleidet sind, mit Gebäuden in einem unpersönlichen Grau und mit Standbildern des ewigen Führers überall. Eine Miniaturhölle, die uns – zumindest in diesem Fall – mit einem Gefühl der Erleichterung zurücklässt darüber, dass wir nicht unter der despotischen Dynastie der Kims geboren sind.

Als Fidel Castro im März 1986 Pyongyang besuchte, empfingen ihn fast eine Million Menschen, unter denen tausende von Kindern Wimpeln in verdächtigem Gleichklang hin und her schwenkten. Das kubanische Fernsehen ergötzte sich an den Chören, die wie eine einzige Stimme klangen, an den Tänzerinnen, die sich nicht durch ein einziges abstehendes Haar voneinander unterschieden und über kleine Kinder, die auf der Violine mit einer überraschenden Meisterschaft und einer außergewöhnlichen Simultaneität spielten. Monate nach jener Reise des Präsidenten hat man auf den künstlerischen Brettern der kubanischen Grundschulen versucht, dieser roboterhaften Disziplin nachzueifern. Doch das war unmöglich. Das Mädchen neben mir warf ihren Ball Sekunden, nachdem meiner schon wieder zu Boden gefallen war und irgendein verlassener Schlappen blieb bei jeder Präsentation auf der Bühne zurück. Der Máximo Líder muss enttäuscht gewesen sein über das chaotischen Verhalten seines Volkes, so ganz anders als das, welches in Nordkorea vor dem Generalsekretär der Arbeiterpartei synkopische Kniebeugen vollbrachte.

Diesen Montag haben mich die Bilder von tausenden von Menschen, die auf den Straßen um den Tod von Kim Jong-Il weinten, an diese perfekt abgestimmten Kinder denken lassen. Obwohl es unserem tropischen Experiment nicht gelungen ist, uns wie sie zu „dressieren“, hat es doch etwas von dem koreanischen Modell kopiert. Auch in diesen Gefilden war die Genealogie bestimmender als die Wahlurnen und die familiäre Erbfolge hat uns in 53 Jahren nur zwei Präsidenten beschert, beide mit dem gleichen Nachnamen. Der Dauphin dort heißt Kim Jong-Un; vielleicht wird man uns in Kürze mitteilen, dass unserer Alejandro Castro Espín heißen wird. Allein die Vermutung lässt mich schaudern, wie einst, als die in einer Linie aufgereihten Knirpse in derselben Millisekunde einen Ball hochwarfen.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Der FMC und seine Unfähigkeit, sich zu reformieren

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Mit 6 Jahren hat dich schon das Halstuch erwartet, das Wahrzeichen für „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie Che“. Danach bist du an die weiterführende Schule gekommen und automatisch, ohne dass du gefragt wurdest, warst du Mitglied im „Schülerverband des mittleren Bildungsweges“ (FEEM). Du wuchst weiter heran, das Trägerkleid fing an dich zu zwicken und unter der Uniformbluse fingen ein Paar Knospen sichtbar an zu sprießen. In der Pubertät angekommen warst du schon Mitglied im „Komitee zur Bewachung der Revolution“ und ebenso bist du in den „Verband kubanischer Frauen“ (FMC) gestolpert. Langweilige Versammlungen, Frauen die aufpassten ob du spät nachhause kamst, Zungen die bereit waren, jegliches unehrerbietige Wort, das dir herausrutschte, zu verraten.

Sie erteilten dir zig Kurse über die Rolle der Frauen in der Revolution, aber es kam niemand, um die Hand deines Mannes abzuwehren, der dich zuhause geschlagen hat. Du warst nur eine Nummer in der Liste der Vereinigten und – mehr als nur ein Mal – hast du Geld von der Sammlung für den FMC abgezweigt, um bis zum Monatsende durchzukommen. Es ist dir nicht schwer gefallen zu lernen, das Vokabular, das du für die mit Enthusiasmus vorgetragenen Bekanntmachungen verwendet hast, von den Sätzen zu trennen, mit denen du zuhause wirklich deinen Unmut gezeigt hast. Du hast verschiedene Techniken entwickelt, um das Gähnen während der Versammlungen zu kontrollieren, in denen sie „mehr Opfer, mehr Hingabe“ gefordert haben. Und irgendwann erschien dir das alles plötzlich so was von nutzlos, so abgelöst von der Realität, so weit entfernt von den lächerlichen Zahlungen, die du vom Vater deiner Kinder bekamst und von dem Chef, der „Gefallen“ von dir einforderte, um dir deinen Arbeitsplatz zu sichern. Du hast gemerkt, dass das wahre Thema deiner Tage aus dem halbleeren Topf aufstieg, der wie ein offener Mund inmitten deiner Küche stand.

Seit fünf Jahren bist du kein Mitglied mehr. „Was ist der Nutzen einer solchen Organisation?“ sagst du jetzt, nachdem du verstanden hast, dass die Forderung nach den Rechten der Frauen nicht durch eine durch und durch männliche Bürokratie erfüllt werden kann. Gestern Abend im Fernsehen hast du gehört, dass der FMC seiner Rolle in der Gesellschaft „eine Wende geben“ will und danach hast du dir den Bauch abgetastet, dir an die Arme gefasst, hast dir die Wände deiner ungestrichenen Wohnung und deines Lebens in nationaler Währung angeschaut. Und trotz des Unterschieds zwischen deinem ausgetrockneten Gesicht und dem perfekten Make-up der Befragten in den staatlichen Fernsehnachrichten, hast du dich frei gefühlt. Denn dieser Reportage haftete ein Mief von Mottenkugeln an und dir nicht. Du bist lebendig und zum allerersten Mal in deinen 40 Jahren „gehörst“ du nirgends dazu.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Zwischen Scherzen und Toten

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Das Nichts, die Apathie und das Mäuerchen an der Ecke, auf das man sich für immer setzen will, um die Zeit verstreichen zu lassen. Die Hauptfigur des Films „Juan de los muertos“ (Juan von den Toten) verhält sich bereits wie ein Leichnam, schon bevor die Zombies in Havanna einfallen, in eine Stadt, die eh schon wie unter einem Leichentuch liegt und tot ist. Dieser fiktive Antiheld aktiviert inmitten des Chaos seine Kreativität und seinen Einfallsreichtum, um ein haarsträubendes Geschäft zu gründen. „Wir töten Ihre Lieben“ lautet der Slogan der Firma, die er gemeinsam mit anderen ebenso gestörten Spießgesellen gegründet hat, und deren Marktnische darin besteht, lebende Tote zu jagen. Das Drehbuch vermengt auf amüsante Weise Humor und Fantasy, Spezialeffekte und unretuschierte Realität. Die Zuschauer vor der Leinwand sind gefangen zwischen Schrecken und Amüsement, angesichts des Kapitols, das durch Hubschrauber zerstört wird, und des sinnbildlichen Gebäudes Focsa*, das in Schutt und Asche liegt. Man lacht und gruselt sich gleichzeitig.

“Juan de los muertos” unter der Regie von Alejandro Brugués entfacht gerade in der kubanischen Hauptstadt Begeisterungsstürme. Der Film hat sehr lange Schlangen vor den Kinos hervorgerufen, einige von ihnen wurden von der Polizei mit Schlägen und Tränengas aufgelöst, das Dutzende von Augen in Mitleidenschaft zog. Aber die Neugier war in diesem Fall größer als die Vorsicht. Das Publikum will einerseits in eine Geschichte von Wesen eintauchen, die unseren schlimmsten Alpträumen entspringen, andererseits aber vor allem die Botschaften zwischen den Zeilen entziffern, die der Film enthält. Das sind besonders jene Szenen, in denen Hunderte verzweifelter Menschen von der Mauer des Malecón ins Meer springen, um aus einem Land zu entkommen, wo die Verwesung mehr und mehr an Raum gewinnt.

Etwas von dem automatisierten Verhalten der schnellen Einsatztruppe und der Menge, die bereit ist, Andersartiges anzugreifen, zeigen auch diese furchterregenden Kreaturen, denen sich der Hauptdarsteller gegenübersieht und die er nur dadurch besiegen kann, dass er „ihr Gehirn zerstört“. So kommt es, dass zwischen Lachen und Erschrecken die Metapher bis ins Einzelne durchgespielt und dadurch noch klarer wird. Den Zuschauern auf ihren Kinosesseln wird schließlich die scherzhafte und zugleich klare Frage entgegen geschleudert: Seid ihr nicht auch wie Leichen, die sich mit irrem Blick fortbewegen, wie Zombies, die ohne Zukunftsaussicht durch die Straße La Rampa zum Malecón laufen?

Anm. d. Ü.
*Focsa ist das zweithöchste Gebäude Havannas mit 35 Stockwerken, 1956 erbaut.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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