Die Rückkehr von Eliécer

Das Misstrauen ist ein fundamentaler Teil des negativen Vermächtnisses, das uns dieses System hinterlässt. Der Zweifel kommt vor einer Umarmung, der Argwohn vor der Treuherzigkeit, und Sätze wie „Der ist bestimmt vom staatlichen Sicherheitsdienst“ anstatt „Wie gut, dass er sich das traut!“. Es gibt nichts Frustrierenderes für denjenigen, der die Linie zwischen Schweigen und Stellungnahme überschreitet, als auf der anderen Seite mit Argwohn empfangen zu werden. Dieses endlose Verdächtigen, das sie uns von klein auf eingeflößt haben, erweißt sich als das beste Erzeugnis, das der Castrismus hervorgebracht hat. Ich bin es leid, den anderen zu fürchten, mich zu fragen, was seine wirklichen Absichten sind, zu glauben, dass er kommt, um zu informieren, zu lügen, herumzuschnüffeln. Ich verschmähe die Vorsicht; es ist mehr noch, sie lähmt mich, sie macht mich traurig.

Die Rückkehr von Eliécer Ávila, mit seinem exzellenten Interview für das Programm „Estado de SATS“, hat dazu geführt, dass sich mein Handy mit Nachrichten füllt wie „Vorsicht, das kann ein Köder der politischen Polizei sein“, „Achtung, wahrscheinlich kommt er als verdeckter Ermittler zurück“. Ich habe sie alle in Ruhe gelesen, dankbar für die ehrliche Besorgnis, welche viele übermitteln, aber ich bin nicht bereit, mit diesem Kreislauf der Befürchtungen weiterzumachen. Jedes Wort von Eliécer erscheint mir geboren aus der Aufrichtigkeit. Wenn mir das Leben eines schönen Tages beweist, dass es eine falsche Würdigung war, werde ich weiterhin denken, dass seine Worte jetzt – in dieser Minute –nachteiliger für die Machthaber waren als sie ihr dann, nach dieser hypothetischen Enthüllung, nützlich sein könnte.

Wenn wir jemanden zurückweisen oder ihm nicht die Hand reichen, aus Angst, dass er ein Maulwurf des Auslandsgeheimdienstes sein könnte, dann erlangt irgendein finsterer Offizier in unserem kreolischen Lubjanka* eine Medaille. Sie ernähren sich von unserer Furcht, sie werden immer stärker auf dem Feld der Intrigen. Ich weigere mich also, ihnen ihre Arbeit weiterhin so einfach zu machen. Denn letztlich ist es ganz schön armselig, wenn sich eine Regierung damit brüsten muss, dass sie in Gruppen, die transparent und friedlich sind, einen Geheimagenten infiltriert haben. Lachhaft, so eine Verwaltung, die zugibt, im Schatten zu kontrollieren, da sie es in der Legalität und mit Argumenten nicht schafft.

* Anm. d. Ü.
Die Lubjanka ist der inoffizielle Name eines am gleichnamigen Platz in Moskau gelegenen Gebäudes. Von 1920 bis 1991 war es das Hauptquartier, das zentrale Gefängnis und das Archiv des sowjetischen Geheimdienstes in Moskau.
(aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Lubjanka)

Übersetzung: Birgit Grassnick

Werden sie überleben?

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Zwischen den hässlichen Gebäuden aus Beton und den alten Villen mit Garten kommen zaghafte Vergnügungszonen zutage. Ein Viertel, das jahrzehntelang zur nächtlichen Langeweile verurteilt war, dazu, ein Teil der Schlafstadt zu sein, sieht jetzt, wie hier und dort Leuchtreklame und Bartheken, die Getränken anbieten, aus dem Boden wachsen. Gemütliche Kaffees, Bars, Sportzentren und Friseurläden erscheinen mit dem neuen Aufleben der selbstständigen Arbeit. Unter den Unternehmern von heute waren nur wenige Teil der Welle von kleinen Unternehmen, die Mitte der Neunziger Jahre auftauchte. Sie bewahren deshalb in ihrer Erinnerung auch nicht das Trauma der Geschäftsaufgabe, des staatlichen Diktats, das ihnen mit hohen Steuern, absurden Auflagen und ausufernden Inspektionen die Luft abdrückte.

Neben der behelfsmäßigen Kneipe entstehen auch Geschäftsräume, die in Bezug auf Schönheit und Effizienz mit dem besten Hotel der Insel konkurrieren können. Kunstwerke an den Wänden, Möbel aus fein bearbeitetem Holz und von einheimischen Kunsthandwerkern hergestellte Lampen sind einige der Details, die diese neue Klasse von Unternehmern benutzt, um ihre Räume auszustatten. Die Neuigkeit verbreitet sich wie ein Lauffeuer:“ein Privatrestaurant mit mexikanischem Essen wurde an der und der Ecke eröffnet“; „ein schwedischer Küchenchef unterrichtet Köche, die in Centro-Havanna ein Lokal eröffnen wollen“; „ von diesem Balkon aus werden die leckersten Paellas des Landes verkauft“. Man könnte meinen, dass ein solcher Zustrom an Kreativität nicht zu stoppen sei und dass sie diesmal nicht, wie früher, einem Sektor Einhalt gebieten können, der die staatlichen Einrichtungen an Qualität übertrifft.

Das Viertel ist zum Ziel derjenigen geworden, die früher auf der Suche nach Zerstreuung auf die 23. Straße oder den Malecón auswichen. Aber eine gewisse Unruhe hindert uns noch daran, die makellose Tischdecke und die Ober mit Krawatte zu genießen. Einige Fragen drängen sich mit jedem Bissen, den wir probieren, auf: Werden sie überleben? Wird man sie existieren lassen oder wird man sie wieder auslöschen?

Übersetzung: Iris Wißmüller

Chupi Chupi und das Dilemma mit den Grenzen

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Ich stimme dem, was du sagst, nicht zu, ich bin damit überhaupt nicht einverstanden, aber ich würde unter Einsatz meines Lebens dein Recht verteidigen, es zu sagen. Voltaire

Ich drücke auf meine Kopfhörer, bis sie fast mein Trommelfell berühren, doch die Musik aus dem Sammeltaxi dringt mir immer noch in den Kopf. Es ist das dritte Mal an diesem Tag, dass ich gezwungen bin, dasselbe Lied zu hören, einen anzüglichen Reggaeton, der die Fahrgäste erröten lässt, die in diesem Ford aus den 50-er Jahren sitzen. Das äußerst beliebte Lied hat einerseits Begeisterung, andererseits Ablehnung hervorgerufen und sogar eine starke Kritik des Kulturministers Abel Prieto im nationalen Fernsehen provoziert. Es scheint, dass niemand unbeteiligt und ruhig bleiben kann, wenn er dieses „Dame un chupi chupi, que yo lo disfruti, abre la bocuti, trágatelo tuti”* hört. Entweder kreist man mit den Hüften oder stopft sich die Ohren zu, etwas dazwischen gibt es nicht.

Chupi Chupi (zum Video: s. spanische Version) wurde als Videoclip für den Lucas-Preis nominiert, doch vor einigen Tagen stufte es der Präsident des Instituts für Kubanische Musik in eigener Person als „schrecklich“ ein. Die vielen Anhänger des Songschreibers Osmani García und seiner umstrittenen Texte wissen nicht, ob der Song im Wettbewerb bleiben wird, jetzt, da er kaum noch in den Medien gespielt wird. Hunderte von Menschen haben schon ihre Stimme abgegeben – in Form einer SMS übers Handy – damit der Beliebtheitspreis an diesen Reggaetonero geht. Sie hoffen, zu dem Rhythmus seiner Kreation auf der Gala am kommenden Sonntag im Karl Marx Theater tanzen zu können. Ein TV-Moderator sagte jedoch – halb im Scherz und halb im Ernst-, dass „weder Lollipops, noch Bonbons auf die Veranstaltung an diesem Wochenende mitgebracht werden dürfen… da sie den Zähnen schaden“, in offenkundiger Anspielung darauf, dass der umstrittene Rhythmus mit seinen unverblümten sexuellen Andeutungen nicht gebracht wird.

Wenn in Cuba das gesamte Fernsehen, die Zeitungen und das Radio nicht das Privateigentum einer einzigen Partei wären, würde es auch für solche Produktionen einen Sendeplatz geben, selbst wenn sie uns nicht gefallen. Wenn solche Produktionen im nationalen Fernsehen ausgestrahlt würden, dann entstünde jetzt der Eindruck, als hieße die Kommunistische Partei selbst sie gut. Dann müsste der ganze politische Diskurs eingestehen, dass der „Neue Mensch“ sich mehr für sein Vergnügen und für Schlüpfriges interessiert, als für Arbeiterhymnen und Lieder über die Utopie. Ich vertraue darauf, dass es eines Tages Sender geben wird, die ideologiefrei zu Zeiten, wo die Kinder im Bett sind, Themen bringen wie dieses, jenseits musikalischer Vorlieben oder jenseits der Schamgrenze, die von jedem akzeptiert wird. Das wird natürlich Kontroversen hervorrufen und Debatten auslösen, doch kein Amtsträger wird diese mit einem Federstrich auslöschen können, da Musikgeschmack sich durch Zensur nicht verändert. Wenn jemand daran zweifelt, dann soll er doch jetzt sofort in eines der Sammeltaxis von Havanna steigen.

Anm. d. Ü.
* „Gib mir einen Lutscher, damit ich ihn genieße, öffne deinen Mund und schluck es runter“

Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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Wahlurnen in Übersee

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Nach dem Abendessen blieben sie am Esstisch sitzen, um die Stimmzettel auszufüllen. Er nervös, sie entschlossener. Vierhändig machten sie ihre Kreuze, während die Kinder auf dem Sofa spielten. Jene Papiere, die sie auf dem Spanischen Konsulat in Havanna erhalten hatten, rochen neu, nach frischer Tinte auf dem mit Säulen und Kronen verzierten Wappen. Das eigentlich Neuartige für das Paar war jedoch die Tatsache, aus einer Liste mit mehreren Parteien auswählen und sich zwischen verschiedenen politischen Couleurs entscheiden zu können. Beide, die bis vor kurzem als Pioniere gekleidet über Wahlurnen gewacht hatten, gaben zum ersten Mal seit dem Erhalt der spanischen Staatsbürgerschaft ihre Stimme ab. Sie griffen mit einer Entschlossenheit zum Stift, die sie nie zuvor bei einer hiesigen Wahl an den Tag gelegt hatten, und wählten aus der Ferne, weil sie es zuhause noch immer nicht tun können.

Millionen von Kubanern haben noch nie aus dem Munde eines Parlamentskandidaten ein politisches Programm gehört, nicht einmal eine Vorankündigung zu so aktuellen Themen wie die doppelte Währung, die gleichgeschlechtliche Ehe oder die dringliche Reform des Zuwanderungsgesetzes. Vielleicht entstand auf Grund dieser heimischen Enttäuschung die Ernsthaftigkeit, mit der 12.458 unserer Landsleute den Antrag gestellt haben, bei den spanischen Wahlen an diesem 20. November teilnehmen zu können. Als Nutznießer der ‘Ley de Nietos‘ * versuchen sie, über den Atlantik hinweg ihre Spuren in einer anderen Realität zu hinterlassen, in dem Bewusstsein, dass ihre eigene Zukunft nur von einem engen Kreis von denen dort oben entschieden wird. Wer möchte in Abrede stellen, dass die gestiegene Teilnahme an diesen Wahlen Einfluss nimmt auf die Zusammensetzung des Parlaments, die Bündnisse, das Lächeln oder die Tränen, die in dieser Nacht in Madrid fallen werden.

Die Aufmerksamkeit, mit der die spanische Gemeinschaft hier auf der Insel den Wahlkampf in Spanien verfolgt hat, ist erstaunlich. Bei den hiesigen Wählern ist deutlich die Absicht zu spüren, im Moncloa-Palast in der Politik etwas anzustoßen, was auf dem ‘Platz der Revolution‘ etwas in Bewegung bringt. Der Stimmzettel, der in diese ‘Wahlurne in Übersee‘ geworfen wird, hat viel von einem Schrei nach Aufmerksamkeit an sich, von einem Taschentuch, das in Seenot geschwenkt wird. Dasselbe Paar, das an seinem Tisch in Havanna ein Kreuz neben dem Namen einer ausländischen Partei machte, befindet sich in diesen Tagen in der Zwickmühle, ob sie ihre Kinder Richtung Vaterland führen oder in dem Land lassen sollen, in dem sie geboren wurden. Ob uns solch eine Abhängigkeit gefällt oder nicht, heute entscheidet sich in Spanien zu einem gewissen Teil auch, welchen politischen Kurs Kuba einschlagen wird, eine Nation, die sich ihrer Souveränität rühmt, in Wirklichkeit aber an vielen Fäden hängt, die weitab von ihnen gewoben werden.

A. d. Ü.
Das ‘Ley de Nietos‘ („Gesetz der Enkelkinder“) sieht vor, dass die Nachfahren von ins Ausland geflohenen Spanierinnen und Spaniern zwei Jahre Zeit haben, zusätzlich zu ihrer kubanischen Staatsbürgerschaft die spanische Staatsbürgerschaft zu erlangen.
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmann

Die dunkle Seite des Festivals

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Der am meisten erwartete Monat des Jahres war der Dezember, mit seinen Kaltfronten, die uns erlaubten, die warmen Klamotten vorzuholen und mit dem Angebot an Filmen des internationalen Festivals des Neuen Lateinamerikanischen Kinos. Ich kann mich noch genau an einen Nachmittag im Jahre 1992 erinnern, als das Glas der Türen des Kinos Acapulco zerbrach, weil Hunderte Personen, die den argentinischen Film „Die dunkle Seite des Herzens“ sehen wollten, dagegen drückten. Wir haben mit unserer Begeisterung nicht übertrieben, denn nur in diesem letzten Monat des Jahres konnten wir ein etwas anderes Kino als das sowjetische genießen, welches auch mehr künstlerische Qualität aufwies als die nordamerikanischen Thriller im nationalen Fernsehen. Zu jener Zeit besaßen nur sehr wenige einen Apparat, der Videokassetten abspielen konnte und die Magie des dunklen Saales, in dem ein Projektor hinter unseren Rücken surrt, war beinahe noch ungetrübt.

Allerdings hat das Festival, das nun schon zum 33. Mal stattfindet, nach und nach an Wichtigkeit im kulturellen Leben Havannas verloren. Unter anderem, weil die Raubkopien von Serien, Fernsehfilmen und Hollywood-Produktionen dazu verleiten, zu Hause beim DVD-Player oder der verbotenen Satellitenschüssel zu bleiben. Es demotiviert natürlich auch, dass zig Kinos in den Stadtvierteln zugemacht haben, unter anderem das komfortable Bayamo aus meiner Kindheit, die majestätischen Rex und Duplex oder das zentral gelegene Cuba. Aber das größte Festival der lateinamerikanischen Filmografie hat noch mit anderen Unannehmlichkeiten zu kämpfen, die in seinem Inneren keimen, Einschränkungen, die durch seine eigene Struktur entstehen.

Zensuren, Werke die nur einmal aufgeführt werden, während andere das Veranstaltungsprogramm einheimsen, Autoren, die „übertreiben“ in ihrer sozialen oder politischen Kritik und deshalb nicht akzeptiert werden, dass sind einige der Vorfälle, die das Filmfestival verarmen ließen. Der Zentralismus in der Entscheidungsgewalt, personifiziert in der Figur von Alfredo Guevara, verursacht beim Festival einen ähnlichen Effekt, den unsere durch und durch vertikale Regierung über unserer Land hervorruft. Der Ausschluss, in diesem Falle des Filmes „Vinci“ von dem Regisseur Eduardo de Llano, dürfte uns in Anbetracht dieser Vorgeschichte nicht einmal überraschen. Angesichts des Beschwerdeschreibens des Schöpfers von Kurzfilmen wie „Monte Rouge“ und „Exit“ konnte sich die Festivalleitung nur noch auf thematische Belange berufen. Aber viele von uns wissen, worum es wirklich geht: Del Llano ist ein unbequemer Filmemacher und seine Produktionen werden nur widerwillig akzeptiert, weil sie die wunden Punkte der Realität aufzeigen, welche die Parteilinie schönreden will. Mit etwas Glück wird vielleicht über dieselben unkonventionellen Netze, welche die brasilianischen Seifenopern und Reality Shows übertragen – in Kürze – auch dieser abgelehnte Film verbreitet. In diesem Fall müssen wir nur noch das Licht in unserem Wohnzimmer ausschalten, einen Knopf auf unserer Fernbedienung drücken und die Vorstellung kann beginnen, diese persönliche Vorführung, bei der keiner entscheiden kann, was wir sehen dürfen und was nicht.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Straßenverkäufer oder rastlose Wanderer

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Foto: Private Vermieter bieten ihre Zimmer den Touristen an.

“Ich will einen Baiser-Kringel”, sagte der Junge in der rot-weißen Uniform zu einem Verkäufer, der unentwegt hin und her lief, ohne stehen zu bleiben. Um seine Schulter hängt ein breiter Stoffriemen, der eine Holzkiste voller Kuchenteilchen, Biskuits und Gebäck trägt. Tony ist der bekannteste Süßwarenverkäufer des Viertels. Er eröffnete seinen ersten Konfitüren-Stand vor mehr als zehn Jahren und hat alle Phasen des allmählich entstehenden Privatsektors in Kuba mitgemacht: die Begeisterung, den Ärger, die Zahlen, die nicht passen, und sogar die Rückgabe der Lizenz. Jetzt erlebt er eine erneute Wiedergeburt, gemeinsam mit 346 000 kleinen Privatunternehmern, die sich besonders seit letztem Jahr auf den Straßen des ganzen Landes zeigen.

Dieses Mal wollte Tony nicht seinen winzigen Stand in der Nähe des Endbahnhofs von Tulipán behalten, wo er so viele Erdnuss-Turrones verkauft hatte. Die hohen Mietpreise für staatlichen Boden ließen ihn Abschied nehmen von seinem alten Stand zwischen dem Getöse der Avenida und dem Pfeifen der Lokomotiven. Geschäftskundig erkannte er, dass die Lizenz für einen „fliegenden Händler“ geringere Auflagen hatte und entschloss sich, die Straßenecken und die Umgebung der Schulen abzulaufen. Er rechnete sich aus, dass er auf diese Weise nichts für Strom ausgeben musste und auch seinen Kiosk nicht mit einem halben Dutzend Vorhängeschlössern schützen musste, damit man ihn nachts nicht beraubte. Ebenso wenig müsste er die Polizisten akzeptieren, die an dem kleinen Stand aßen, ohne zu bezahlen. Der Verzicht auf einen festen Platz zugunsten der Mobilität seiner zwei Beine schien ihm nur Vorteile zu bringen.

Aus dem Kleingedruckten des Vertrages für “Fliegende Händler” lässt sich jedoch nicht erschließen, wie lange Tony am selben Platz stehen bleiben darf. Jeder Inspektor legt auf seine Weise die erlaubte Aufenthaltsdauer an einer Stelle für diese „Süßigkeits-Nomaden“ fest. So kam es, dass unser Kleinunternehmer des Viertels in einem Monat so viel Geld ausgeben musste für Strafzahlungen und für das Herschenken von Magdalenas an diese unerbittlichen Aufsichtspersonen, dass die hohen Beträge seiner vorhergehenden Lizenz ihm dagegen gering erschienen. Jetzt zieht Tony eine Schlange von Kindern hinter sich her, die hier ein Baiser, dort ein Blätterteigteilchen verlangen, ohne stehen bleiben zu können. Er läuft von der Boyeros-Straße zur protzigen Avenida 26 und fragt sich, warum dieser aufstrebende Bereich zwischen so vielen absurden Verordnungen und so vielen Beschränkungen gefangen ist. Eine Entscheidung nimmt in seinem Kopf Form an: sich den 25 % der Privatunternehmer anzuschließen, die ihre Lizenz endgültig zurückgegeben haben.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Das Erlernen von Toleranz

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Vor einigen Jahren hatte ich den Tick, ein bestimmtes Füllwort zwischen den Sätzen einzuschieben. Ein wiederholtes „Verstehst du?“ schaffte es, selbst meine verständnisvollsten Freunde zu nerven. Ich sagte es in den unpassendsten Momenten, bis mir jemand eine Lektion erteilte, in dem er sagte: „Warum denkst du, dass ich dich nicht verstehe? Bist es nicht vielmehr du, die sich nicht begreifen kann?“ Die Sprache hat die Fähigkeit, uns zu entkleiden und uns der Außenwelt auszusetzen. Worte können offenbaren, was wir hinter der Fassade unserer guten Laune verstecken. Besonders die sozialen Netzwerke haben sich zu einem Laufsteg entwickelt, auf dem wir uns in Unterwäsche den forschenden Blicken der Leser, Freunde und der großen Schar von Kritikern aussetzen. Jede Silbe, die wir für dieses Meinungs-Konglomerat schreiben, verrät und entblößt uns.

Ich erinnere mich, als ich bei Twitter anfing, war meine Stimme eher unbeholfen und wenig vertraut mit der Vielfältigkeit, die dieser Raum birgt. Seit August 2008, als ich bei diesem Mikroblogging-Anbieter meinen Account eröffnete, hat jeder veröffentlichte Eintrag von 140 Zeichen mich zu einem toleranteren und taktvolleren Menschen gemacht. Daher die Überraschung, die die Antwort von Mariela Castro bei mir hervorgerufen hat, auf die Frage, die ich ihr in einem Tweet stellte: Wann können wir Kubaner die anderen Beschränkungen hinter uns lassen?

Der persönliche Angriff, mit dem sie mir antwortete, bestürzte mich. Ich hatte natürlich nicht eine zum Dialog ausgestreckte Hand erwartet, aber auch nicht eine solche Arroganz. Es ist wahr, dass ich noch vieles lernen muss, wie sie mir riet. Das werde ich auch tun und das werde ich sogar dann fortsetzen, wenn meine Augen die Zeilen in den Büchern nicht mehr unterscheiden können, und meine rheumatischen Finger nicht mehr auf einer Tastatur tippen können. Allerdings habe ich schon gelernt, dass es an Hochmut grenzt, einer Frage auszuweichen, indem man den anderen wegen seiner fehlenden Bildung angreift. Womit muss dann nach einer solchen Reaktion ein Bauer rechnen, der gerade einmal die sechste Klasse abgeschlossen hat, wenn er sich an die Direktorin des „Nationalen Zentrums für sexuelle Erziehung“ wendet?

Trotzdem glaube ich, dass ebenso wie meine dumme Angewohnheit jenes Füllwortes, auch die Gewohnheit von verbalen Attacken eines Tages geheilt werden kann. Die Stimme wird trainiert, man eignet sich Toleranz an, das Ohr weitet sich, um anderen zuzuhören. Twitter ist eine großartige Therapie, um das zu erreichen. Wenn Mariela weiterhin veröffentlicht, so nehme ich an, dass sie dann im Laufe der Zeit die Regeln des demokratischen Dialoges besser verstehen wird, auch ohne Hierarchien und ohne dass jemand versucht, anderen eine Lektion zu erteilen. Wenn diese Zeit gekommen ist, hoffe ich, mit ihr zu plaudern, einen Kaffee zu trinken, zusammen zu „lernen“ – warum auch nicht? – auf dem langen und schwierigen Weg, der noch vor uns liegt.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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Die Apartheid existiert weiterhin

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Reinaldo behauptete, es sei möglich, und er ließ einfach nicht locker. Ich jedoch gehöre zu einer Generation, die schon vorher glaubt, dass fast alles verboten ist, dass sie mich bei jedem Schritt maßregeln und sich mir bei jeder Gelegenheit in den Weg stellen. Unsere eheliche Diskussion fiel dieses Mal deshalb sehr heftig aus. Er war sich sicher, dass wir an Bord jenes Schiffes gehen und von den schaukelnden Wellen aus auf die Bucht von Cienfuegos blicken könnten; eine leise innere Stimme sagte mir, dass so viel Vergnügen Kubanern nichterlaubt sei. Ein paar Stunden lang glaubte ich, dass mein Mann – wie ein ‘tropischer Candid‘ * – mit seinem Optimismus richtig lag. Wir gingen zu dem in der Nähe vom Hotel Jagua gelegenen Hafenbüro, wo uns ein Beamter zwei Tickets für den ersehnten Ausflug verkaufte. Weder verbargen wir unseren starken Havanna- Akzent noch machten wir den Versuch, uns als Ausländer zu verkaufen. Trotzdem fragte niemand nach unserem Ausweis. Wir hatten das Gefühl, dass es auf dem Boot ‘Flipper‘ Plätze gab, auf denen schon unser Namen stand, und so nach und nach verschwanden meine Bedenken.

Wir kamen eine halbe Stunde vor der Abfahrt am Kai an. Touristen mit Sonnenbrand machten sich daran, an Bord zu gehen. Rei und ich ergatterten einen tollen Platz, von dem aus wir Fotos machen würden von dieser Bucht, die groß ist wie ein Meer. Der Traum dauerte nicht einmal fünf Minuten. Als uns der Kapitän reden hörte, fragte er, ob wir Kubaner seien. Wenig später wurde uns mitgeteilt, dass wir an Land gehen müssten, da ‘in allen Küstengebieten des Landes Ausflüge auf Schiffen für Einheimische verboten sind‘. Uns überkamen Wut, Zorn und Beschämung darüber, einen blauen Pass zu haben, der uns schon im Voraus vor dem Gesetz unseres eigenen Landes schuldig spricht. Wir fühlten uns betrogen, wir sind – entgegen der offiziell propagierten Offenheit – in Wahrheit ausgeschlossen und gebrandmarkt. Am liebsten hätten wir einen Skandal provoziert und uns an die Brüstung geklammert, um sie so zu zwingen, uns gewaltsam wegzuschaffen. Aber was hätte das schon gebracht? Mein Mann grub sein Französisch aus und erzählte einer Gruppe von Europäern, was gerade passierte. Sie schauten sich befremdet an und tuschelten miteinander. Keiner von ihnen ging – aus Solidarität mit den Ausgeschlossenen – von Bord und verzichtete auf den Ausflug entlang der Küsten unserer Insel. Für jeden von ihnen schien es akzeptabel, etwas zu genießen, was uns Einheimischen nicht erlaubt ist.

‘Flipper‘ legte ab, das ‘Kielwasser‘ der Apartheid war für einige Sekunden sichtbar und dann verlor es sich in den dunklen Wassern der Bucht. Das Lächeln auf dem Gesicht des Musikers Benny Moré auf einem Plakat in der Nähe, schien zur Grimasse verzogen. Neben seinem Kinn stand der bekannte Refrain ‘Cienfuegos ist die Stadt, die mir am besten gefällt…‘ von einem seiner Lieder. Wir verließen diesen Ort. Reinaldo ernüchtert, ich traurig darüber, dass ich mit meinem Misstrauen Recht gehabt hatte. Wir liefen auf der Straße nach Punta Gorda, als ein Gedanke in unseren Köpfen Gestalt annahm: ‘hätte Benny zur heutigen Zeit gelebt, hätten sie auch ihn wie einen räudigen Hund von diesem Schiff gejagt‘.

Anm. d. Ü.
*“Candid oder der Optimismus“ = eine satirische Novelle Voltaires, in der Candid den Optimismus seines Lehrers ganz verinnerlicht, das wirkliche Leben ihm dann aber einen Streich spielt.
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Die Startlinie

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Auf dem Paseo del Prado ist seit ein paar Tagen viel los und nicht gerade deshalb weil ein paar kleine Jungs herumtollen oder weil die Strichjungen Touristen „jagen“. Die Unruhe kam mit dem neuen gesetzlichen Beschluss Nº 288, welcher neue Regeln für die Übergabe von Wohnungen festsetzt. Eine langersehnte Maßnahme, welche endlich in der „Gaceta Oficial“ zur Erleichterung vieler und zur Besorgnis anderer bekannt gegeben wird. In der spontanen Tauschbörse, die es auf dieser Promenade, eskortiert von Bronzelöwen, gibt, fragen die Neugierigen nach den Einzelheiten einer ohne Zweifel flexibleren, aber noch nicht ausreichenden Maßnahme. Sie möchten wissen, ob der Eigentumsschein, den sie im Besitz haben, ihnen ab jetzt die kompletten Rechte verleiht, ihre Wohnungen zu vermieten, zu vererben oder zu verkaufen. In einer Nation, die jahrzehntelang mit einem auf Eis gelegten Immobilienmarkt gelebt hat, fällt es schwer zu glauben, dass nun alles so einfach sein soll, wie einige es sich vorstellen und so legal, wie das Justizministerium es versichert.

Eine der Hauptsorgen, die heute in den Strassen zu hören ist, betrifft die Frage, auf welche Weise die Zentralbank die Legitimität der Herkunft des Geldes für den Kauf einer Immobilie beurteilt. Für jegliche Transaktion dieser Art muss zuerst Bargeld auf ein Konto einbezahlt werden. Die misstrauischen Kunden unseres Bankensystems aber befürchten, dass dieser Betrag konfisziert wird, sollte der Staat der Meinung sein, dass das Geld nicht „sauber“ ist. Doch auf jedes Risiko antworten die Leute mit einer List, deshalb kann ich mir vorstellen, dass die deklarierten und einbezahlten Summen nur die Hälfte oder ein Drittel dessen sind, was die Wohnung kosten soll. Der Rest wird von einer Hand in die andere gleiten, und von einer Westentasche in die nächste. Viel zu lange haben wir uns in diesem Bereich verhalten wie Verbrecher, die vor dem Gesetz auf der Flucht sind, deshalb sollte man jetzt nicht erwarten, dass nun alles gemäß der 16 Seiten des neuen Beschlusses gehandhabt wird.

Es besteht auch die Möglichkeit einer fluchtartigen Auswanderungswelle, denn „Der Akt der Übergabe von Wohnungen, welcher gesetzesgemäß von dem Eigentümer durchgeführt wird, bevor er das Land endgültig verlässt, ist gültig“. Tausende Kubaner warteten auf dieses Zeichen, so wie ein Wettläufer auf den Startschuss wartet, um die Startlinie hinter sich zu lassen. Die hohen Gebühren für die Ausreiseformalitäten finanzieren sich dann aus dem Verkauf der Wohnungen, die – zum Höchstgebot – auf dem Immobilienmarkt landen. Das Zuhause, das fast 40 Jahre lang nur ein einfacher Anker war, wird nun zum Flügel. Und natürlich muss man auch in dem neuen Beschluss die Bedingungen des Füllhorns erkennen, die schon im Dekret über die Autos offensichtlich wurden. Nur für die ideologisch linientreuesten Gaumen ist ein Stück des Kuchens reserviert, in diesem Fall im Punkt 110 zum Ausdruck gebracht. Denn „Das Führungsgremium des Ministerrats oder sein Präsident können bezüglich Wohnungen, welche sich in bestimmten Regionen des Landes befinden, entscheiden“. Wir werden die Karte der Insel sehen, übersäht mit Markierungen, wo für den Kauf Bedingungen erfüllt werden müssen, die nirgendwo geschrieben stehen. Die sogenannten „auf Eis gelegten Gebiete“ werden zunehmen und mit ihnen werden die – so oft verleugneten – sozialen Unterschiede zu Tage treten, besonders diese große Kluft, welche die Zuverlässigen mit Geld von den Bürgern mit Mitteln, die nicht von der Macht gesegnet sind, trennen.

Übersetzung: Birgit Grassnick