Freude und Hypertrophie

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Die Panamerikanischen Spiele von Guadalajara brachten frischen Wind ins Fernsehprogramm, das seit Anfang Oktober Ideologie in unerträglichem Ausmaß zeigte. Obwohl unsere Sportreporter immer noch glauben, jeder Wettbewerb funktioniere wie ein Schlachtfeld, wo verlieren eine nationale Niederlage bedeutet, konnte man sie einfach missachten und das Schauspiel genießen. Obwohl die offiziellen Journalisten die Sieger zu überreden versuchten, ihre Medaillen dem „Comandante en jefe“ zu widmen, wollten die meisten sie überraschenderweise lieber der Familie, der Freundin oder der Mutter weihen, die glücklich irgendwo im Lande wartete. Die Abschlusszeremonie und der zweite Platz für unsere Mannschaft freuten diejenigen, die die Niederlage der kubanischen Mannschaft beim Baseballweltcup noch nicht verwunden hatten. Für ein paar Wochen übertönten die Ballabschläge die Parolen und gewisse tägliche Sorgen traten in den Hintergrund.

Nachdem sich die Euphorie des Triumpfes gelegt hat, lohnt es sich jedoch, einmal zu analysieren, ob dieser zweite Platz in der Medaillenliste mit unserer Entwicklung als Land übereinstimmt. Wenn ich unsere kleine Insel vor einer Schwellenmacht wie Brasilien oder vor einem so großflächigen Land wie Mexiko sehe, drängt sich mir immer wieder ein Bild vor mein geistiges Auge: ein schwächlicher und zahnloser Mann zeigt mir seinen Arm mit prallen Muskeln wie Arnold Schwarzenegger. Wir erleben zweifellos eine ähnliche Hypertrophie wie dieser Mann mit seinem riesigen Bizeps und seinen dünnen Beinchen. Wir leiden an einer künstlichen Aufblähung eines Bereichs, der keine Rückenstärkung erhält durch das wirtschaftliche oder produktive Niveau der Nation. Soll man sich da noch freuen über etwas, was das direkte Ergebnis dieses Missverhältnisses ist? Oder sollte man in Ruhe überlegen, warum die Regierung das Bestreben hat, die höchsten Ränge in der internationalen Sportarena zu erklimmen auf Kosten der Vernachlässigung von Bereichen, die in unserer Realität weniger sichtbar oder messbar sind.

Es genügt schon, in Havanna auf der Suche nach einem Schwimmbad herumzulaufen, wo unsere Kinder schwimmen lernen können, um sich zu fragen, ob die finanziellen Mittel, die für viele ausgegeben werden sollten, bei einigen wenigen hängen bleiben. Wir leben auf einer Insel und dennoch würde ein Großteil der Bevölkerung ertrinken, wenn er ins Wasser fiele. Der Kauf eines Fahrrades in einem Laden mit konvertibler Währung kann das Gehalt eines ganzen Arbeitsjahres kosten, aber die Rennradmannschaft der Frauen erzielte drei Medaillenplätze in Guadalajara. Die Sportkapitale Havanna ruft Mitleid hervor angesichts ihres fortschreitenden Verfalls, während das Gold am Hals von Dutzenden von kubanischen Athleten hängt. Mein eigener Sohn hatte ein ganzes Schuljahr keinen Sportlehrer, weil wenige für ein Gehalt arbeiten wollen, das nur symbolisch ist. Um Sport treiben zu können, braucht man eine materielle Infrastruktur, aber nicht nur in den Sportakademien und den darauf spezialisierten Schulen. Es wäre nötig, auch in die Bereiche der allgemeinen Sportausübung zu investieren. Würde man das so machen, dann würden wir zwar weniger Medaillen erreichen, aber es zeigte sich wenigstens nicht das Bild der Hypertrophie, das heute jeden sportlichen Sieg kennzeichnet.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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ETESCA: von der Überwachung zum Datenmissbrauch

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„Was meinst du, wie viele Telefone von der politischen Polizei abgehört werden?“, fragte mich der Mann, der einmal für den Geheimdienst gearbeitet hat und jetzt zu den vielen gehört, die abgeschoben wurden. Ich schätzte eine dreistellige Zahl, eine niedrige Hunderterziffer, was ein schallendes Gelächter auf seinem von Falten gezeichneten Gesicht auslöste. „Bis Mitte der 90er waren etwa 21 Tausend Leitungen angezapft und in diesem Augenblick müsste es wegen der Zunahme der Handys das Doppelte sein“. Diese Zahl bestätigte mir ein anderer Mann, dessen Arbeit einst darin bestand, in den Gesprächen von anderen Leuten herum zu schnüffeln und Mikrofone in Häusern von Dissidenten, Beamten und sogar von unbequemen Künstlern zu installieren. An dem Tag, an dem ich ihn diese enorme Ziffer sagen hörte, spürte ich das Auge von Big Brother auf jedem Baum, in jeder Ecke meines Hauses, und stellte mir das indiskrete Ohr auf dem Display und der Tastatur des Gerätes in meiner Tasche vor.

ETESCA, das einzige Telefonunternehmen des Landes, nutzt seinen Status als Staatsmonopol für Kommunikation, um dem Innenministerium Abhördienste anzubieten. Das sind keine Wahnvorstellungen meines fiebrigen Geistes. Ich habe den Test gemacht, indem ich mein Handy zerlegte, sogar den Akku heraus nahm und die Stadt verließ; die Nervosität der „Schatten“, die mein Haus bewachten, ließ nicht lange auf sich warten. Wenn ich jemandem eine SMS schicke, in der ich sage, dass ich in Kürze an dem und dem Ort sein werde, treffe ich bei der Ankunft auf die ruhelosen Jungs, die mich überall hin verfolgen. Ich gebe zu, dass ich manchmal aus Spaß mehrere Freunde über mein Handy zur Teilnahme an irgendeiner Vorstellung eines offiziell gut geheißenen Buches oder einer, von einer Institution organisierten, Veranstaltung einlade. Die daraus resultierende Geschäftigkeit wäre fast schon komisch, wären da nicht die übermäßigen Mittel, die vom Staat für solche Dinge aufgewendet werden, anstatt sie zum Wohlergehen des Volkes zu verwenden.

Der Bewachte kann sich jedoch auch in einen Bewacher verwandeln. Die Mitarbeiter von ETESCA filterten über alternative Netzwerke eine Datenbank mit vielen Details über die Telefonnummern des Landes heraus. Ohne Zweifel ist das eine Verletzung der Diskretion, die ein Unternehmen über die Informationen ihrer Kunden bewahren sollte. Dieses hat jedoch dazu beigetragen, dass man die Telefonnummern der Leute herausfinden kann, die uns beobachten und uns anschwärzen. Journalisten der offiziellen Zeitung Granma, Mitglieder des Zentralkomitees, bis hin zu hochrangigen Beamten der politischen Polizei sind dort mit Ausweisnummer und sogar Privatadresse registriert. Abkürzungen offenbaren, ob das Telefon von einer staatlichen Stelle oder privat bezahlt wird, was zur Aufdeckung von offiziellen Verbindungen von denjenigen führt, die sich als unabhängig bezeichnen. Jedenfalls hat die detaillierte Bestandsaufnahme, die sie über jeden Bürger durchgeführt haben, uns dazu gedient, von „ihnen“ zu wissen und zu erfahren, dass diejenigen, die uns auf der anderen Seite der Leitung belauschen, auch einen Namen und nicht nur ein Pseudonym haben. Jetzt könnte jeder sie anrufen, ihnen eine Nachricht schicken, zum Beispiel eine kurze und direkte SMS, die besagt „Es reicht!“.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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Felipes Schweigen

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Vor nicht einmal vier Jahren spielte der ehemalige Außenminister Felipe Pérez Roque die Hauptrolle auf der Konferenz gegen das nordamerikanische Embargo gegen Kuba. Es war seine Stimme, die von den daraus resultierenden wirtschaftlichen und finanziellen Einschränkungen erzählte. Der hitzköpfige Funktionär legte dar, was viele von uns in- und auswendig kennen: die vielfältigen negativen Auswirkungen, die diese seit 1962 bestehenden Beschränkungen auf die Industrie, die Technologieentwicklung und sogar das Gesundheitswesen haben. Worüber der damalige Außenminister allerdings nichts sagte, war der interne Zaun, der uns einschließt – diese andere Mauer von Zensur und Strafen, die sich kurze Zeit später über ihn selbst stürzen sollte.

Die bloße Entscheidung, ob man das Wort „Embargo“ wählt oder den reißerischeren Begriff „Blockade“ sagt, stellt schon eine beinahe ideologische Stellungnahme dar. Das Thema wurde von der nationalen Presse dermaßen manipuliert, dass die Regierung nicht einmal eingesteht, dass sich Viele, die gegen das System sind, auch entschieden gegen die Handelsbeschränkungen aussprechen, die unserer Insel von den USA auferlegt wurden. Die staatliche Tageszeitung Grandma stellt es als Tatsache dar, dass alle von uns, die eine politische Öffnung verlangen, ipso facto auch die Existenz des Embargos gutheißen. Daher sah man dann auch viele verdutzte Gesichter, als wir unsere eigenen Argumente dafür hörten, dass dieses so bald wie möglich aufgehoben werden soll; jene Rechtfertigungen, die Felipe Pérez Roque niemals vor der UNO äußerte und die er erst entdeckte, als er bereits ein entlassener Minister war.

Die Verlängerung der „Blockade“ um weitere 50 Jahre erlaubte es, dass jeder Schaden, den wir erlitten haben, darauf geschoben, mit ihren Auswirkungen gerechtfertigt wurde. Und dennoch verhindert ihre Existenz nicht, dass es in den luxuriösen Villen der Nomenklatura nie an Whiskey mangelt, die Kühlschränke gerammelt voll sind und die modernsten Autos in den Garagen parken. Und zu allem Überdruss hat die wirtschaftliche Mauer die Vorstellung der „belagerten Insel“ gestärkt, auf der Andersdenken mit Landesverrat gleichgesetzt wird. Somit hat die externe Blockade die interne Blockade an Kraft gewinnen lassen.

Ich wünsche mir, dass die heutige Entscheidung der Vereinten Nationen zugunsten derer ausfällt, die wir auf ein Ende einer solchen Absurdität hoffen, und vor allem zugunsten derer, die wir das Ende des Embargos als Todesstoß für den Autoritarismus ansehen, unter dem wir leben. Die offizielle Delegation würde es wiederum anders interpretieren: Sie würde zufrieden applaudieren und verkünden, dass dies „einen weiteren Sieg der Revolution“ darstelle. In Havanna werden währenddessen, weit weg von neugierigen Blicken, gewisse Führungspersonen mit Johnny Walker anstoßen und irgendwelche leckeren Häppchen „Made in USA“ verschlingen.

Übersetzung: Florian Becker

Das Ende

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Ceausescu entschwand in seinem Hubschrauber, Saddam Hussein verbarg sich in einem Loch, der Tunesier Ben Ali ging ins Exil, Gaddafi flüchtete in einem Konvoi und endete verborgen in einem Abflussrohr. Die Autokraten entkommen, machen sich aus dem Staub, sie opfern sich nicht in ihren Palästen, von denen aus sie ihre Willkürgesetze verkündeten; sie sterben nicht auf ihren Präsidentenstühlen mit der roten Präsidentenschärpe über ihrer Brust. Sie verfügen immer über eine verborgene Tür oder einen Geheimgang, durch die sie entwischen können, wenn sie Gefahr wittern. Jahrzehntelang bauen sie ihren geheimen Bunker, ihren abgeschirmten Rückzugsort oder ihre unterirdische Zuflucht, denn sie fürchten, dass dasselbe Volk, das ihnen auf den Plätzen zujubelt, hinter ihnen her sein wird, wenn es erst einmal seine Angst verloren hat. In den Albträumen der Diktatoren, sind die Dämonen ihre eigenen Untertanen, nehmen die Abgründe die Gestalt des Mobs an, der ihre Statuen stürzen und auf ihre Fotos spucken will. Diese despotischen Herrscher leiden unter einem oberflächlichen Schlaf, immer auf der Hut, ob jemand schreit oder an die Tür hämmert, … und leben oft in der Vorausahnung ihres eigenen Todes.

Ich hätte Muammar el Gaddafi lieber vor Gericht gesehen, der Verbrechen angeklagt, die er an seinem Volk begangen hat. Ich glaube, dass ein gewaltsamer Tod den Satrapen nur die Aura von Märtyrern verleiht, eine Aura, die sie nicht verdienen. Sie sollten am Leben bleiben, um die öffentlichen Zeugenaussagen ihrer Opfer zu hören, zuzuschauen, wie ihr Land ohne den Störenfried, den sie darstellten, funktioniert, und zu erleben, wie wankelmütig die Opportunisten sind, die sie einmal unterstützt hatten. Sie sollten am Leben bleiben, um Zeuge zu werden, wie die von ihnen geschriebene Lügengeschichte demontiert wird, um zu sehen, wie die neuen Generationen sie zu vergessen beginnen, und die Schmähreden, den Hohn und heftigste Kritik zu hören. Einen Despoten zu lynchen bedeutet, ihn zu erlösen, ihm einen nahezu ruhmreichen Abgang zu gewähren und ihm die lebenslange Strafe bei einer Verurteilung vor Gericht zu ersparen.

Den Teufelskreis der Anspannung fortzusetzen, mit der diese Tyrannen unsere Länder überzogen haben, ist äußerst gefährlich. Sie zu töten, weil sie getötet haben, sie anzugreifen, weil sie uns angegriffen haben, lässt die Gewalt andauern und macht uns zu Menschen, wie sie es sind. Jetzt, wo die Bilder eines blutigen und stammelnden Gaddafis um die Welt laufen, wird es keinen einzigen totalitären Herrscher geben, der nicht voller Angst in den Spiegel eines solchen Endes schaut. Zurzeit werden vermutlich, in mehr als nur einem Präsidentenpalast die Befehle erteilt, Geheimgänge zu verstärken und Fluchtmöglichkeiten zu erweitern. Aber Vorsicht, die Diktatoren haben viele Möglichkeiten, uns zu entkommen, und einer von ihnen ist der Tod. Es wäre besser, sie würden überleben, sie würden bleiben und feststellen, dass weder die Geschichte noch ihr Volk sie jemals freisprechen werden.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Zensus, Zensierte, Zensoren…

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Bei dem letzten Zensus, der in Kuba durchgeführt wurde, war ich keine Nummer. Ich war nicht bei den 11.177.143 Menschen die – aus Entscheidung oder Resignation – das nationale Territorium in diesem Moment bewohnten. Erdrückt mangels Aussichten bin ich einige Monate bevor die große nationale Zählung begann, aus meinem Land weggegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, wie mir meine Verwandten und Freunde erschrocken von den staatlichen Angestellten berichteten, die an die Türen klopften und eine Unmenge an Fragen stellten. In einem Land, in dem die meisten etwas zu verbergen haben, erscheint jegliche Nachforschung von Seiten des Staates verdächtig. So wurde bei jener Gelegenheit zum Beispiel untersucht, ob die Familie einen Computer besitzt – 6 Jahre bevor Raúl Castro den legalen Kauf in einem Geschäft autorisieren wird. Die Leute logen und logen, um vor den Volkszählern – oder Zensoren? – zu verbergen, woher ihre Einkünfte kamen, wie viele Elektrogeräte sie besaßen oder wie viele tatsächlich in der Wohnung wohnten.

Gerade kürzlich wurde ein neuer Zensus angekündigt und das Fernsehen spart nicht mit Werbespots, Programmen und Reportagen, um den Argwohn abzuwehren, den dieser hervorruft. Es wird angekündigt, dass die Befragten kein Ausweisdokument vorweisen müssen und dass die Information nur für „statistische Zwecke“ verwendet wird – und nicht für polizeiliche. Aber die Mauer des Misstrauens einzureißen ist nicht so einfach, vor allem nicht in einer Gesellschaft, in welcher die häusliche Intimität von Seiten öffentlicher Einrichtungen zu sehr verletzt wurde. Die ausgeprägte Neigung den Staat zu täuschen zwingt also dazu, über jede einzelne Angabe, die bei einer Haus-zu-Haus-Umfrage erfasst wird, ein Fragezeichen zu setzen. Es ergeben sich schon fast komische Situationen, wenn ein Interviewer an ein Wohnhaus wie das meine kommt und die Nachbarn sich es untereinander weitersagen, damit sie noch rechtzeitig jene Gegenstände in ihren Räumlichkeiten, die verboten oder unerlaubter Herkunft sind, unter der Bettdecke oder im Schrank verstecken können.

Trotz der Besorgnis und den Zweifeln wäre eine Durchführung dieser Bestandsaufnahme momentan von großem Nutzen. Wir könnten mit den Zahlen einige Entwicklungstrends bestätigen, die auffällig sind. Unter anderem die deutliche Veralterung der Bevölkerung, die niedrige Geburtenrate und die zunehmende Auswanderung. Selbst wenn die Soziologen die Zahlen herausfänden, würden wir wahrscheinlich niemals über die Selbstmordrate, Scheidungsrate oder Anzahl der Abtreibungen informiert werden, weil es Zahlen sind, die das Bildnis des „Inselparadieses“ zerstören würden. Jeder veröffentlichter Zahl muss auch – wie in allen Studien – eine Fehlerquote angerechnet werden und die entsprechenden Prozente der Unwahrheit, von diesen rettenden Lügen, mit denen so viele antworten werden, bei diesem peniblen Fragebogen des nächsten Zensus, müssen davon abgezogen werden.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Laura ist gegangen, Laura ist nicht mehr

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Zur selben Zeit, als Laura auf der Intensivstation mit dem Tode rang, brachten sie im Fernsehen eine dogmatische Serie, in der gegen die Anführerin der Damen in Weiß gehetzt wurde. Was den Mangel an Größe der kubanischen Regierung am eindringlichsten darstellt, ist ihre Unfähigkeit, den politischen Gegner zu respektieren, nicht einmal in der Stunde seines Todes. Ein System, das die Begräbnisrituale für seine eigenen Leute so sehr genießt, verhält sich rücksichtslos, wenn es um die Verstorbenen der anderen geht. Dieses mangelnde Mitgefühl führte dazu, dass gestern Abend ein Polizeigürtel innerhalb und außerhalb des Krankenhauses Calixto García gezogen wurde, dazu dass der Leichnam von Laura mehrere Male von einem Krankenwagen in einen anderen umgebettet wurde, damit wir nicht erfahren sollten, in welches Leichenschauhaus man ihn brachte, und schließlich dazu, dass in der staatlichen Presse nicht einmal ein kurzer Nachruf erschien. Wenn jemanden zu ehren, einem selbst zur Ehre gereicht, so erniedrigt es in diesem Fall den Erniedriger. Sie haben die letzte Gelegenheit versäumt, wenigstens so zu tun, als ob sie barmherzig wären.

Wie fühlen sich jetzt all diese Frauen, die man dazu gebracht hat, vor der Tür der Neptunstraße 963 zu schreien und Beschimpfungen auszustoßen? Was werden wohl in diesem Moment die Mitglieder des Stoßtrupps denken, der Laura am vergangenen 24. September umher stieß und schlug? Meldet sich das Gewissen bei den Offizieren der Staatssicherheit, die so viele Hetzkampagnen gegen eine über sechzig Jahre alte, friedfertige Frau gerichtet haben? Wer von ihnen besitzt wenigstens die Demut, „mein Beileid“ zu murmeln und wagt es, sein Mitleid auszudrücken? Leider bleibt auch weiterhin die Antwort auf all diese Fragen der grenzenlose ideologische Groll eines Menschen, der es nicht versteht, dem Gegner seinen Tribut zu zollen. Laura ist von ihnen gegangen – ist von uns gegangen – und sie haben die Gelegenheit versäumt, die so zahlreichen Niederträchtigkeiten wieder gut zu machen. Sie glaubten, dadurch dass sie ihr erniedrigende Beinamen gaben, sie daran hinderten, das Haus zu verlassen, sie als „Vaterlandsverräterin” bezichtigten, könnten sie verhindern, dass die Leute sich ihr näherten und sie liebten. Aber heute früh konterkarierte ein Leichenzug voller Freunde und Bekannte die Wirkung dieser Verteufelungskampagne.

Laura ist gegangen und jetzt wirken alle vom Hass getriebenen Aktionen, die man gegen sie unternahm, noch grotesker. Laura ist gegangen und hinterließ uns ein Land, das sich faul räkelt unter einem alten totalitären Regime, das nicht einmal „es tut mir leid“ sagen kann. Laura ist gegangen zur großen Trauer ihrer Familie, ihrer Damen in Weiß und jeder Gladiole, die je gewachsen ist und wachsen wird auf dieser langen und schmalen Insel. Laura ist gegangen, Laura ist nicht mehr und es gibt keine einzige olivgrüne Uniform, die sauber erschiene gegenüber dem strahlenden Weiß ihrer Kleidung.

Siehe auch : Text vom 8. Okt. letzter Abschnitt
Übersetzung: Iris Wißmüller
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Paramilitär

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Dem Graffitikünstler Sexto aus Havanna gewidmet, der willkürlich festgenommen wurde.

Reifen quietschen, Autotüren werden aufgerissen und drei Männer steigen aus, die offensichtlich aus demselben Holz geschnitzt sind: stark, mit militärischer Kurzhaarfrisur und Mobiltelefonen am Gürtel. Es gibt kein Entkommen. Kein Nachbar wird dir zu Hilfe eilen, die Neugierigen werden verängstigt davonlaufen und mögliche Augenzeugen werden später nicht darüber reden wollen. Mit Gewalt zerren sie dich in einen Wagen, ohne einen Haftbefehl vorzuzeigen, nicht einmal einen polizeilichen Dienstausweis. Das Autokennzeichen ist unkenntlich, um keine institutionellen Spuren zu hinterlassen. Die Schläge werden weder von einem Stempel, einer Unterschrift, noch von irgendwelchen Initialen begleitet. Gerade bist du in die Hände von „paramilitärischen“ Kubanern gefallen, diesen politischen Polizisten, die nie eine Uniform tragen und die Befugnis haben, alle Gesetze zu brechen, dich einzusperren, ohne dass eine Straftat vorliegt, und dich „spazieren“ zu fahren, während sie dich bedrohen und dir das Knie in den Bauch rammen.

Immer häufiger treten diese Mafiamethoden in den Reihen der Staatssicherheit auf. Ihre Straffreiheit stört sogar die normalen Polizisten, die mit ansehen müssen, wie diese Leute mit Decknamen die Zellen mit Gefangenen füllen, die nicht in den Polizeiakten erfasst werden. Die Praxis, am Rande der Legalität zu arbeiten, ist bei den ruhelosen Burschen der Sektion 21 schon zur Routine geworden. Sie sehen sich als auserwählte Mitglieder einer Körperschaft, die jede beliebige Person von einem Ort abhalten, oder sie zwangsweise im eigenen Haus festhalten darf. Sie sind darin geschult, nicht zuzuhören, sodass es sich nicht lohnt, ihnen in den Ohren zu liegen mit Sätzen wie: „Ich bin ein Bürger und ich habe Rechte“, „Ich will einen Anwalt sprechen…“ oder „Welche Straftat werfen Sie mir vor?“. Für sie sind die Opfer keine Individuen, die durch das Gesetz geschützt sind, sondern bloß „Würmer“, nur „Ungeziefer“… , die ein Despot wie Gaddafi seiner Zeit als „Ratten“ bezeichnete.

Und da bist du nun, in einem Auto, das wie ein schwarzes Loch die Verfassung, die dich schützen sollte, verschluckt, umklammert vom muskulösen Arm von jemandem, der sich Agent Camilo oder Leutnant Moisés nennt. Für den Moment werden sie dich nur erschrecken, aber in Zukunft – wenn du noch mehr wagst – werden sie versucht sein, dir einen Fingernagel auszureißen, deinen Kopf in einen Eimer Wasser zu stecken und mit Strom an deinen Hoden herumzuspielen. Denn wenn eine Regierung Strukturen schafft, die keiner Justiz Rechenschaft schuldig sind, gibt es für diejenigen, die Widerstand leisten, keinerlei Schutz. Diese Paramilitärs von heute könnten die Mörder von morgen sein. Diese Elite-Kräfte, die sich als Verteidiger eines sterbenden Systems sehen, werden vielleicht auch nicht davor zurückschrecken, einen Mord zu begehen. Sie haben bereits den Kick erlebt, auf einer breiten Straße scharf zu bremsen und dich gewaltsam in ein Auto zu ziehen. Das nächste was sie fließen sehen wollen, ist dein Blut.

Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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Der solitäre Bürokrat

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“Gnädige Frau, warten Sie bitte einen Moment, ich habe die Reihe fast fertig.”
“Kann jemand dieses Kind zur Ruhe bringen? Es bringt mich ganz durcheinander und das verflixte Kreuz-Ass, das mir fehlt, um diese Runde zu gewinnen, taucht auch nicht auf.”
“Und hier klingelt schon wieder das Telefon, wo ich doch gerade dabei bin meine eigene Bestzeit zu übertreffen, also träumt nicht mal davon, dass ich ran gehe.”
“Niurka, mein Mädchen, komm mal her und schau dir die hohe Punktzahl an, die ich schon erreicht habe. Ich glaube, in dieser Firma bin ich der beste Spieler im Solitär.”

Würde jemand eine Statistik darüber erstellen, welches die am häufigsten benutzten Computerprogramme in den Büros der Behörden sind, wäre an der Spitze der Liste nicht Word, Excel und am aller wenigsten Access. Der große Gewinner dieser Umfrage wäre das berühmte Kartenspiel, welches als Solitär bekannt ist. Unsere Bürokraten langweilen sich und lindern ihre Monotonie, indem sie Asse, Herzen und Kreuze sortieren. Wir wissen nicht, ob sie soviel Zeit mit dieser Art der Unterhaltung verbringen, weil sie so wenig Arbeit haben, oder ob es tatsächlich daher rührt, dass sie aufgrund der niedrigen Löhne ihre Arbeitszeit als absolut verlorene Zeit ansehen. Wie oft mussten wir schon vor einer Sekretärin ausharren, die einen Klick nach dem anderen macht, wobei sie gebannt auf den Bildschirm starrt, als würden wir nicht bemerken, dass sie anstelle Formulare auszufüllen oder Briefe abzuschreiben damit beschäftigt ist, Spielkarten auf einer virtuellen Tischdecke in kräftigem Grün aufeinander zu stapeln.

Während Empfangspersonal und Angestellte ihre Geschicklichkeit im Kartenspiel perfektionieren, müssen wir – die zum Schweigen gebrachten Bittsteller eines Antrages – unsere Geduld auf die Probe stellen. Sie legen Reihen, an deren Spitze hier ein roter König liegt und dort eine schwarze Dame, aber auf den unbequemen Stühlen eines Standesamtes oder eines Notariats, verstreicht die Zeit für unsereins, die wir auf eine Antwort oder ein Dokument warten. Ab und zu erscheint ein weiterer Angestellter und Dutzende Blicke versuchen ihm zu sagen: wir warten hier schon seit 8 Uhr und wir haben noch nicht zu Mittag gegessen, bitte, kümmern sie sich um uns! Aber ohne seinen Blick vom Schreibtisch abzuwenden, empfiehlt der gerade Erschienene seinem Kollegen, dass er besser diese Pik 7 entfernen sollte, denn sonst stockt das gesamte Spiel. Wenn dann Feierabend ist und uns gesagt wird: “Sie müssen morgen wieder kommen“, dann fühlen wir uns wie der wilde Monarch mit dem Buchstaben K, bereit das Schwert auf diesen Bildschirm niedersausen zu lassen, der uns unseren Tag gestohlen hat.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Kein Vertrauen ins Fernsehen

laura-400x329 Foto: Laura Pollán, die Anführerin der Damen in Weiß*

Ich beklage mich oft über diesen selbstgefälligen kleinen Dicken in allen kubanischen Haushalten, und zwar den Fernseher, und dessen maßlosen Einfluss auf unser Leben. Diese Woche zum Beispiel war das Abendprogramm übersättigt mit politischen Nachrichten, die wir später in den Schulen, am Arbeitsplatz, durchs Radio in den Büros wieder hören… als Endlosschleife ideologischer Propaganda. Aber mitten in dieser Überdosis an Slogans, die aus den Lautsprechern tönen, kann man auch Menschen antreffen, die seit Monaten keine nationalen TV-Nachrichten mehr gesehen haben und auch nicht mehr wissen, wann sie das letzte Mal die nationale Zeitung ‘Granma‘ durchgeblättert haben. Es sind Menschen, die ein Parallel-Leben zu jenem führen, welches auf den öffentlichen Bildschirmen gezeigt wird, Menschen, die sich aus eigenem Antrieb gegen die Exzesse staatlicher Bevormundung geimpft haben.

Mir verschafft das wachsende Misstrauen Erleichterung, mit dem so viele Landsleute den Nachrichten oder Stellungnahmen begegnen, die in den staatlichen Kanälen ausgestrahlt werden. Es geht nicht mehr nur darum, die aufgeblähten Zahlen aus der Agrarproduktion richtig einzuschätzen, sondern dass sich dieses Misstrauen auch auf Berichte über die Außenpolitik, die körperliche Verfassung einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens oder einen ganz simplen Sportbericht erstreckt. Täglich zweifeln immer mehr Kubaner an dem, was ihnen erzählt wird, fangen an, zwischen den Zeilen zu lesen und die Informationen der nationalen Medien gegenteilig zu interpretieren. Die Ungläubigkeit ist an dem Punkt angelangt, an dem eine Beleidigung als Lob ausgelegt wird und umgekehrt. Diejenigen, die in parteitreuen Publikationen verteufelt worden waren, werden – wenngleich hinter vorgehaltener Hand – bewundert, und sogar Leute, die vom Staatsapparat abgesetzt worden sind, bekommen eine gewisse anziehende Aura.

Da ich dieses eigenartige Phänomen der Umdeutung kenne, bin ich von der großen Menge an Personen, die mich angerufen haben, um etwas über den Gesundheitszustand von Laura Pollán zu erfahren, nicht überrascht. Die hohe Anzahl an Freunden und Neugierigen, die zum Hospital Calixto García gekommen sind, in das sie wegen akuter Atemprobleme eingeliefert worden ist, macht Mut. Wenn man all die Beleidigungen, Beschimpfungen und Lügen bedenkt, die über diese Frau im öffentlichen Fernsehen verbreitet worden sind, so ist die Reaktion so vieler Kubaner, die sich mit ihr solidarisch erklären, recht aufschlussreich. Dutzende von SMS, die die Arztberichte über die Anführerin der ‘Damen in Weiß‘* übermitteln, die Gebete in Kapellen quer durch ganz Kuba und der Mut so vieler anderer friedlichen Aktivisten ist das beste Mittel, diesem Schreihals, der in unseren Wohnzimmern Tiraden loslässt, an die keiner mehr glaubt, den Mund zu stopfen.

Anm. d. Ü.
*Die Damen in Weiß (Kennzeichen: weiße Kleidung und eine Gladiole in der Hand) kämpfen seit Jahren mittels friedlicher Umzüge für die Freilassung ihrer Männer, die als politische Gefangene in Kubas Gefängnissen sitzen.
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Das Genie Jobs und mein erster Frankenstein

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Damit jenes Gewirr aus Kabeln und Stromkreisen zum Laufen gebracht wurde und sich in meinen ersten Computer verwandeln konnte, fehlte mir nur noch der kleine Ansauger, der Luft auf den glänzenden Mikroprozessor blies. Doch wie sollte ich ihn damals in dem Havanna von 1994 finden, das tief im Elend der Sonderperiode steckte. Ohne diesen kleinen Apparat aus Propellerflügeln und Gebrumm erwärmte sich der Frankenstein, dessen Zusammenbau mich ein halbes Jahr Arbeit gekostet hatte, zu schnell und schaltete sich schlagartig wieder ab. In jenen Tagen dachte ich dauernd an Steve Jobs und an die Garage seiner Adoptiveltern, in der er den Appel Computer schuf. Sein inspirierendes Genie hatte mich begreifen lassen, dass die Erfindung einer Sache wesentlich mehr Spaß bringt, als der schweigende Gebrauch eines Dings, das von anderen bereits erfunden worden ist. Wenige Tage danach gestattete mir die Kombination aus einem normalen Ventilator und einem Alu-Kühlaggregat, in WordPerfect 5.1 zu schreiben und ein Uni-Nachrichtenblatt, das „Buchstabe für Buchstabe“ hieß, zu verfassen. Hunderte Kilometer entfernt von meiner improvisierten Schreibwerkstatt war soeben die Verteilung von NeXT-Hardware eingestellt worden und es sollte noch einige Monate dauern, bis der Pixar-Film „Toy-Story“ herauskam.

Seit damals begleitete mich der Gedanke an Jobs bei allen informatischen Unternehmungen, zu denen mich Neugier und Notwendigkeit antrieben. In meiner Umgebung gab es viele, die wie der unruhige Steve waren. Junge erfinderische Leute, die weder den Platz zur Gründung einer Firma hatten – und sei es auch nur eine Garage – noch die legale Möglichkeit dazu, wanderten aus und nahmen ihr Talent und ihre Ideen mit sich fort. Trotz der massiven Auswanderungswelle blieben wir und mehrere Freunde hier und verehrten diesen Guru im schwarzen Rollkragenpulli und den abgewetzten Jeans. Wir sehnten uns danach, ein wenig wie er zu sein: erleuchtet, schlau und mit Durchblick. Jedes Mal wenn uns die Kleinkariertheit der technologischen Zensur traf, stellten wir uns jenen adoptierten Jungen vor, der zu einer globalen Führungsgröße wurde, die Launen seines Genies und die weißen Kopfhörer, die seine Ohren bedeckten. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass wir Kubaner noch mehr als ein Jahrzehnt brauchen würden, bis wir legal einen Computer in einem Geschäft kaufen konnten.

Gestern ist er, der als Schüler nie seinen Abschluss an der Universität Reed Collage von Portland (Ohio) gemacht hatte, im Alter von 56 Jahren gestorben. Er hinterließ uns einen angebissenen Apfel auf unendlich vielen technischen Geräten und die Überlegung, wie viele er noch hätte erschaffen können, wenn ihn der Pankreaskrebs nicht hinweggerafft hätte. Uns, die wir nie mit ihm ein Wort gewechselt haben, noch seine Predigten als CEO ertragen mussten, bleibt der Mythos, die geglättete Legende seiner Genialität. Es tröstet mich die Annahme, dass mein lächerlicher Frankenstein, vor 18 Jahren zusammengebaut, sich noch mehr erhitzt hätte ohne diesen frischen und inspirierenden Wind, den Steve Jobs über uns alle blies.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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