Gib mir mehr Kabel!

cables

Die Langeweile des Jahres 1983 verging schlagartig mit dem Besuch von Oscar D´León und seiner Veranstaltung im Amphitheater von Varadero. Mitten im Gefühl der Lustlosigkeit kam der Teufel des Salsa auf die Insel, um mit seiner Stimme uns unsere eigenen musikalischen Klassiker neu entdecken zu lassen. Außer dem Schrei „Siguaraya!“, den er ausstieß, um an die verbotene Celia Cruz zu erinnern, blieb von seinem Besuch besonders jene Forderung „Gib mir mehr Kabel!“ in Erinnerung, die er mehrmals während seiner Konzerte wiederholte. Er zog das Mikrofon hinter sich her, während er den Tontechniker bat „Gib mir mehr Kabel, gib mir mehr Kabel!“, um sich in die Menge zu stürzen, die hingerissen zu seiner Musik tanzte. Als er ging, hinterließ er uns diesen Satz, der zur Metapher für die Forderung nach mehr Freiheit wurde. „Gib mir mehr Kabel“, sagten die Jugendlichen, wenn ihre Eltern von ihnen verlangten, sich die lange Mähne abzuschneiden, oder die engen Hosen auszuziehen. „Gib mir mehr Kabel“, verlangte der illegale Verkäufer vom Polizisten, als dieser ihm die Ware beschlagnahmte. „Gib mir mehr Kabel“, forderte der Ehemann gegenüber seiner eifersüchtigen Frau, die seine Taschen durchsuchte.

Der Ausdruck schlummerte in irgendeinem Winkel meines Kopfes und ist wieder aufgetaucht, als das Glasfaserkabel zwischen Venezuela und Kuba „die Bühne betrat“. Es war uns seit 2008 versprochen worden, letzten Februar gelangte es an unsere Küsten und danach verfiel man in ein Schweigen, das für einen Bau der mehr als 70 Millionen Dollar gekostet hat, zu verdächtig war. Anfangs wurde angekündigt, dass die Geschwindigkeit der Datenübertragung sich 3000fach erhöhen würde, aber jetzt wird absurderweise erklärt, dass mit ihm für Landesbewohner kein breiter Zugang ans Internet vorgesehen ist. Nachdem sich mehrere Korruptionsskandale angehäuft hatten, gegen zwei Vizeminister ermittelt wurde und die offiziellen Journalisten die Anweisung bekamen, über die Einzelheiten nicht zu reden, ist das umstrittene Kabel bereits eine urbane Legende. Manche sagen, dass sie es gesehen haben, dass sie es berührt haben und dass es schon für einige wenige seinen Dienst erfüllt. Andere versichern, es sei nur ein Hirngespinst, um die Unzufriedenheit der kubanischen Surfer ohne Netzzugang abzumildern.

Sicher ist, dass noch kein einziges Kilobyte, das durch seine modernen Glasfasern transportiert wurde, zu unseren Computern gelangt ist. Es herrschen weiterhin unerschwingliche Preise, wenn man sich von einem Hotel ins Netz begibt, und die Verbindungen dabei unterliegen einer Langsamkeit, die an Betrug grenzt. Noch dazu haben sich die Angriffe gegen die sozialen Netzwerke, wie Facebook und Google, in den staatlichen Betrieben verschlimmert. Um uns glauben zu lassen, dass diese fabelhafte Nabelschnur zwischen Santiago de Cuba und La Güaira tatsächlich existiert, versicherte der Vizeminister Boris Moreno vor einigen Tagen in einem Akt der Verzweiflung, dass es in den kommenden Monaten funktionieren werde. Aber viele von uns fühlen sich wie jener venezolanische Sänger, der trotz der Kontrollen des Tontechnikers zu seinem kubanischen Publikum gelangen wollte. „Gib mir mehr Kabel!“ fordern wir und ziehen es her „Gib mir mehr Kabel!“ denken wir … wie in jener alten Metapher der Freiheit.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Die Transition

Vor kurzem habe ich mit einer spanischen Freundin eine Dokumentarfilmreihe von Elías Andrés y Victoria Prego über die Transition in Spanien, den Übergang von der Diktatur Fracos zur Demokratie in dieser europäischen Nation, angeschaut. Es waren 13 Episoden voller Details dieser Zeitspanne von 1973 bis 1977, zwischen der Agonie eines Diktators und der Geburt einer pluralen Gesellschaft. Durch Bilder oder durch die Stimmen von wichtigen politischen Personen dieses Prozesses wurden das Gesetz über die politische Reform, der Tod des General Franco, die Krönung von Juan Carlos I. und die Legalisierung der Kommunistischen Partei analysiert. In den Stunden, die all die Kapitel dauerten, stand meine Freundin, die schon über 50 ist, nicht ein einziges Mal von ihrem Stuhl auf. Als die Sendereihe vorbei war, sagte sie einen Satz zu mir, der mir in diesen Tagen Mut gibt: „Ich war dort, in vielen dieser Momente und an vielen der Schauplätze, aber damals wusste ich nicht, dass das die Transition war.“

Ich glaube, dass das gleiche und Kubanern widerfährt. Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs. Es scheint, als wäre etwas auf dieser Insel kurz davor, unwiderruflich zu zerbrechen, aber wir sind so sehr in unseren Alltag und in unsere Probleme versunken, dass wir es gar nicht bemerken. Später werden dann die Dokumentarfilmer kommen und versuchen, innerhalb einer halben Stunde wiederzugeben, was für uns Jahrzehnte gedauert hat. Die Chronisten werden ihre Zeitleisten erstellen, auf denen sie Ereignisse aneinanderreihen werden, die unmittelbar neben uns geschehen sind und die eines Tages Geschichte sein werden. Die Kubanologen wiederum werden sagen, dass die Indizien für den Umsturz schon lange vorhersehbar waren, und sie werden irgendein Datum für das Ende festlegen. Die Filmemacher werden sich darin ergötzen, den „Tag Null“ zu rekonstruieren, und sogar die Kinder werden sagen, dass sie sich erinnern, dass auch sie Erinnerungen an diese Zeiten haben.

Aber der wichtigste Wandel wird nicht der natürliche Tod eines Greises sein, der die Kubaner immer weniger kümmert. Auch nicht die Legalisierung irgendeiner anderen Partei, um mit der altersschwachen PCC zu konkurrieren. Die wesentliche Transformation hat schon vor einiger Zeit begonnen, im Innern unseres Denkens. Es ist eine langsame, schüchterne Metamorphose, voller Angst, aber letztlich doch Evolution. Ein unwiderruflicher Prozess, in dem wir etwas hinter uns lassen, das uns zeitweise ewig vorkam. Eines Tages werden wir uns vor den Fernseher setzen, um den Dokumentarfilm über diese Jahre zu sehen, unsere Enkel werden uns Fragen, und Überlegungen a posteriori werden aufkommen. Viele werden dann erst diese bedeutungsvollen Ereignisse entdecken, die die offizielle Presse momentan völlig verschweigt. Aber es wird andere geben, die mit Stolz verlauten werden: „Ich war dort, ich habe es miterlebt, und in meinem Magen spürte ich schon das Schwindelgefühl der Transition.“

Übersetzung: Florian Becker

Falsche Münze

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Der kleine Junge zog an ihrem Rock und verlangte nach einem Bonbon, während der Wachmann von ihr den Kassenzettel einforderte und jemand mit Nachdruck nach dem Bon für den Taschenkontrolleur fragte. Mitten in dem ganzen Durcheinander beging sie den Fehler, das Wechselgeld des Einkaufs nicht zu überprüfen, ein wenig mehr als 6 CUC, die ihr bis zum Monatsende reichen mussten. Als sie nach Hause kam, entdeckte sie, dass zwischen den anderen Münzen eine mit dem Gesicht von Che Guevara versteckt war, der mit seinem majestätischen Blick versuchte, als Peso Convertible durchzugehen. Die Frau lief schnell zurück, um die Verkäuferin zu stellen, aber niemand beachtete sie. Man hatte sie mit einem der häufigsten Tricks in den Devisenläden hereingelegt: eine einfache Münze von drei kubanischen Pesos auszuhändigen, anstelle von einem blitzblanken CUC mit dem achtfachen Wert. Sie wollte schon diese kleine Münze aus dem Fenster werfen, aber ihr Mann riet ihr, sie an einen Touristen zu verkaufen, um von ihm den Rest des verlorenen Geldes wiederzubekommen.

Das Leben schlägt solche unvorhersagbaren Purzelbäume. Das Antlitz von Che Guevara, dem früheren Präsidenten der Zentralbank (1960), sieht uns jetzt von einer Münze aus an, die mehrheitlich als Souvenir oder als Täuschungsobjekt verwendet wird. Jener Mann, der die Unverfrorenheit besaß, andere sagen den mangelnden Respekt, nationale Banknoten mit seinem kurzen Spitznamen „Che“ zu unterschreiben, befindet sich nun auf einer Metallmünze von zweifelhaftem Wert. Gefangen in dieser monetären Dualität, von der er sich nie vorgestellt hätte, dass sie einmal den sagenhaften „Neuen Menschen“ seiner Reden überschatten würde. Im Umkreis der Hotels sieht man wie alte Leutchen mit dürftigsten Renten den Fremden ihre „Ware“, nämlich diese glänzenden Drei-Peso-Stücke zeigen mit einem Guerillero in Jackett und Baskenmütze. Während dessen versucht eine Verkäuferin mit geschickter Hand diese Münzen einer Kundin in das Wechselgeld zu schmuggeln, indem sie den Moment ausnutzt, in dem eine unvorsichtiger Käuferin abgelenkt ist, vom Sohn, der ein Bonbon will, und vom Wachmann, der die Tasche kontrolliert.

Übersetzerin: Iris Wißmüller
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Ich weiß noch nicht, ob du singen wirst.

pablo

Als ich das letzte Mal zu einem Konzert von Pablo Milanés ging, konnte ich kein einziges seiner Lieder mitsummen. Mitten auf der ‘Tribuna Antimperialista‘* entrollten ein paar Freunde und ich ein Tuch mit Gorkis Namen, um im August 2008 die Haftentlassung des Punkrocksängers zu fordern, der der „potentiellen Gefährlichkeit“ angeklagt war. Das angemalte Bettlaken war gerade mal ein paar Sekunden in der Luft oben, als ein gut trainierter Mob über uns herfiel. Am nächsten Tag tat mir der ganze Körper weh und ich verspürte einen speziellen Groll auf den Autor von Yolanda, weil ich vermutete, dass er ein passiver Zeuge dieses Vorfalls war. Doch ich irrte mich. Später erfuhr ich, dass wir dank seiner Vermittlung jene Nacht nicht in einer Arrestzelle verbracht hatten, und dass er sich auch dafür eingesetzt hatte, dass Gorki wieder frei gelassen wurde.

Für den kommenden 27. August steht in Miami ein Konzert mit Pablo Milanés auf dem Programm. Ein Ereignis, das Entrüstung bei denjenigen entfacht hat, die ihn für einen „fahrenden Sänger des Castro-Regimes“ halten. Aber nicht einmal die härtesten Kritiker dürfen vergessen, dass sein eigenes Leben – wie das so vieler Kubaner – aus einer Reihe von Akten der Intoleranz bestanden hat: seine Haft in einem UMAP-Arbeitslager **, das anfängliche Unverständnis gegenüber der Nueva Trova*** und die Schließung einer Stiftung unter seinem Namen. Sie sollten auch anerkennen, dass Pablo Milanés den Mut hatte, seine Unterschrift auf jenem offenen Brief zu verweigern, in dem unzählige Intellektuelle und Künstler repressive Maßnahmen unterstützten, die die Inselregierung 2003 ergriffen hatte, darunter die Erschießung dreier Jugendlicher, die ein Boot entführt hatten, um zu emigrieren.

Pablo, der dicke Pablo, den man in den Achtzigern auf allen Radiosendern hören konnte, entwickelte sich weiter, wie viele von uns. Seit ein paar Jahren kann man seinen Wandel heraushören, und sein Gesicht ist nicht länger bei den ‘zutiefst politisierten‘ Veranstaltungen zu sehen, mit denen die Behörden beweisen wollen, dass „die Künstler auf Seiten der Revolution stehen“. Ich habe auch das Gefühl, dass er in Havanna gerne gemeinsam mit im Exil lebenden Sängern auf der Bühne stehen würde, die in ihrem eigenen Land noch immer nicht auftreten dürfen. Der Trova-Sänger, der vorhat, in wenigen Tagen in Florida zu singen, ist ein künstlerisch und gesellschaftlich gereifter Mann, der sich auch der Notwendigkeit bewusst ist, dass sich die beiden Pole unserer Nationalität wiederfinden. Sollte Pablo Milanés mit Geschrei und Beleidigungen empfangen werden, könnte das eine Verzögerung der notwendigen Umarmung der Kubaner von hier und dort bewirken, aber es wird sie nicht verhindern.

Anm. d. Ü.
* überdachte Bühne für Open-Air-Konzerte in Havanna
**UMAP: militärisches Umerziehungslager
*** eine politisch orientierte Musikrichtung

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier
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Im Zustand der Wut

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„Auf dem Piragua Platz wurden vorige Nacht drei junge Männer niedergestochen“; „geh nicht durch die Straße Zapata und G, dort rauben sie gerade Leute aus“; „ein Ex-Polizist tötete einen Minderjährigen, weil er ihm einige Mamoncillo-Früchte gestohlen hatte“; „nach zehn Uhr solltest du auf keinen Fall Havanna Centro betreten“. Das sind einige der Sätze, aus denen unsere eigene alternative rote Liste besteht, ein Teil des Informationsflusses über die Gewalt, die die offiziellen Medien nicht widergeben. Es existiert eine verborgene Spannung, die sich nicht im Protest vor dem Platz der Revolution entlädt, auch nicht in einem Zeltlager vor dem Staatsrat, sondern die ihren Ausbruch findet in dem Stecheisen, das beim Karneval in die Haut stößt und in dem Bolzen, der bei einem heftigen Streit in eine Schulter eindringt. Diese dauernde Irritation, die man nicht nur der Hitze zuschreiben kann, lässt die Messer an unvorhersehbaren Orten hervorspringen und lässt sogar die kleinen Jungs, die eigentlich friedlich spielen sollten, ihre Fäuste erheben. Ein Zustand der Wut, den die Touristen kaum wahrnehmen, die vom fingierten Lächeln derjenigen umgeben sind, die ein Trinkgeld wollen.

Vor ein paar Tagen zogen sich zwei Frauen an den Haaren, um einen Platz in einem Sammeltaxi zu ergattern, ein Buskontrolleur ging mit einem Stock auf einen Fahrgast los, der sich über dessen Vorgehensweise beschwert hatte, eine Mutter gab ihrem Sohn eine Ohrfeige, weil dieser sein Hemd mit Eiscreme bekleckerte, und ein Mitglied des Komitees zur Verteidigung der Revolution aus Santiago prügelte so lange auf einen Gegner ein, bis er ihm den Kiefer gebrochen hatte. Was ist nur mit uns los? Woher kommt diese Wut auf andere? Warum dieses Schweigen der Behörden angesichts von Tatsachen, die unseren Alltag schon längst prägen? Ich kann mich erinnern, wie ich einmal ein paar Stunden auf einer Polizeistation verbrachte und über die Zahl von Ausländern erstaunt war, die kamen, um einen Raubüberfall zu melden. Es kam einer nach dem anderen, und der wachhabende Offizier schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Das ist zu viel“, hörte ich ihn sagen.

Glauben etwa die Regierenden unseres Landes, dass diese Risiken von selbst verschwinden werden, wenn sie sie nicht erwähnen? Sind sie etwa der Meinung, dass die Nichtexistenz eines Berichtes über die Gewalt, die die Stadt geißelt, bewirkt, dass diese abnimmt? Ich habe es satt, den Fernseher anzuschalten und nur die Vorfälle zu sehen, die in New York oder Berlin geschehen. Ich habe einen sechzehnjährigen Sohn und ich will von den Gefahren wissen, denen er ausgesetzt ist, wenn er die Schwelle unserer Tür überschreitet. Es reicht jetzt, die Statistiken zu fälschen, die Berichte über Verletzungen zu manipulieren, die Folgen der Wut zu verheimlichen. Wir sind eine Gesellschaft, in der Schläge und Schreie die Worte ersetzt haben. Geben wir es zu und fangen wir an, nach Lösungen dafür zu suchen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, Angelika Münch-Holzmeier
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Wendy und Ignacio

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Die Niederlande sind uns vorausgeeilt, Belgien, Südafrika, Norwegen, Schweden, Portugal, Island, Argentinien und sogar das traditionelle Spanien, das Land der Espadrille und des Tamburins, das unsere Großeltern immer als gottesfürchtig und altmodisch beschrieben. Die Homo-Ehe ist auch in mehreren Rechtsverordnungen der Vereinigten Staaten und von Mexiko City schon längst Realität, wo jene Filme mit den Cowboys herkamen, die Sombreros und Pistolen am Gürtel trugen. In nur wenigen Jahrzehnten hat uns die Modernität überholt, ohne uns eine Chance zum Aufholen zu lassen, und trifft uns nun mit zu vielen Vorurteilen an, mit zu großer Abgestandenheit. Wie kam es, dass wir Kubaner furchtsam und altmodisch wurden. Was sind die Gründe oder Intentionen dafür, dass wir noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind?

Wir sind zu unserem eigenen “anthropologischen Schaden” eine Gesellschaft, die noch kaum an die neuen Kommunikationsnetze angeschlossen ist, besitzen eine gering politische Kultur und eine fast kindliche Unerfahrenheit in Fragen der bürgerlichen Redefreiheit, dazu kommt noch der geringe Fortschritt in den letzten fünfzig Jahren bezüglich der Fähigkeit, Andersartigkeit zu akzeptieren. Aber es gibt immer Einzelpersonen, die eine Nation dazu zwingen, ihren Schritt zu beschleunigen, die Röcke zu raffen und loszurennen, um auf den Zug der Geschichte aufzuspringen. In diesem Fall heißen diejenigen Wendy und Ignacio, die sich nicht mit der Langsamkeit der Nationalen Volksversammlung zufrieden gegeben haben, um die Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen voranzutreiben. Sie hat jede Art von Diskriminierung erfahren; er wurde aus Hass auf Homos und aus ideologischer Intoleranz verfolgt. Wendy erreichte mit Hilfe von CENESEX* eine Geschlechtsumwandlung; Ignacio gab mit seinen politischen Ideen den Anstoß dafür, dass Mariela Castro ihre Verlobte aus dem Arbeitsverhältnis in einer Institution entlassen musste, die darüber wachen soll, dass die Pluralität akzeptiert wird.

Auch wenn das, was am kommenden Samstag, dem 13. August, passieren wird, dem Gesetz nach keine echte Homo-Ehe ist, so kommt es dem doch sehr nahe und ist das Beste, was wir erreichen konnten. Wendy hat einen Personalausweis mit einem weiblichen Namen, aber die Bürokraten werden schwerlich verstehen, warum auf ihrer Geburtsurkunde „männlich“ steht. Sie beide werden vor einem Notar einen Vertrag unterzeichnen und das Standesamt als Mann und Frau verlassen. Sie werden in ihre kleine Wohnung im Stadtbezirk Playa zurückkehren in dem Bewusstsein, einen Präzedenzfall geschaffen zu haben, uns eine Lektion erteilt zu haben, einen Stromschlag, einen Schub nach vorne. Und alle, die dieser Verbindung vor dem Gesetz beiwohnen, besonders meine Wenigkeit, die als Trauzeugin fungiert, wir haben Wendy und Ignacio zu danken. Denn sie haben unser Land einen Nachmittag lang, einen kurzen Nachmittag lang ins dritte Jahrtausend versetzt, in die ersehnte Zeit des „jetzt“.

Die Hochzeit von Wendy und Ignacio findet am kommenden Samstag, dem 13. August 2011, um 15 Uhr im Standesamt Víbora statt, in der Straße Maia Rodríguez y Patrocinio, Telefon: +5376407004
Es sind alle eingeladen, die kommen möchten: Freunde, Bekannte, Neugierige aus dem Viertel, Stigmatisierte, Diskriminierte jeder Art, offizielle Paparazzi, Amateurfotografen, Blogger, unabhängige Journalisten, Angestellte von CENEX –Mariela Castro eingeschlossen- nationale und ausländische Presse, Homosexuelle, Gays, Lesben, Transsexuelle und Heterosexuelle. Die Türen stehen offen für Leute, die glauben, dass es Zeit wird, dass Kuba sich der Moderne öffnet, und dass die Moderne sich Kuba öffnet, sogar für Leute –warum nicht?- die in einem wirklichen Parlament gegen solche Verbindungen stimmen würden. Schließlich wäre es eine gute Gelegenheit, dass Tolerante und Intolerante, Staatspolizisten und diejenigen, die sie jeden Tag verfolgen, die Schweigsamen und die, die applaudieren, solche, die am Wortlaut des Evangeliums kleben oder solche, die keinen Glauben haben, an diesem Moment mit Wendy und Ignacio Anteil nehmen, die unzählige Hindernisse überwunden haben, unter anderem dass sie in einem Land geboren wurden, das an der Vergangenheit festhält.

Anm.d.Ü.
*CENESEX ist das nationale Zentrum für sexuelle Erziehung, das von Mariela Castro, Rauls Tochter, geleitet wird.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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Die breite Straße

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Mich traf der Schlag, als ich erfuhr, dass Diana Nyad versuchen würde, die Floridastraße zu durchschwimmen. Ich musste an jene Tage im Jahre 1994 denken, als mein Stadtviertel San Leopoldo ein einziges Gewimmel von Leuten war, die improvisierte Flöße bauten, um damit in See zu stechen. Ich erinnere mich vor allem eine Gruppe , die in jener Zeitspanne das Land verließen, in der die Kubanischen Machthaber davon absahen, die illegalen Ausreisen zu unterbinden. Ein Wasserfahrzeug, ausgestattet mit Holzklötzen und Wasserkanistern, die als Schwimmer fungierten, einem Bild der Jungfrau der Barmherzigkeit und einer fleckige Flagge, von der man schon nicht mehr sagen konnte, zu welcher Nation sie gehörte. Aber das Beeindruckendste war, dass in diesem schwächlichen Floß ausschließlich alte Menschen fuhren. Da war eine sehr dunkelhäutige Dame mit einem farbigen Florentiner-Hut , einem Blumenkleid und einem strahlendem Lächeln, die auf Spanisch und Englisch den jungen Männern dankte, die den Alten halfen, abzulegen. Ich habe nie erfahren, ob diese kleine Expedition je sein Ziel erreichte, ob all jene Greise, die sich dazu entschlossen hatte, von vorne zu beginnen, diese Chance je erhalten haben.

Siebzehn Jahre danach hörte ich die Nachricht, dass eine Nordamerikanerin denselben Weg versuchen will, diesmal jedoch geschützt durch Taucher, ein paar Kajaks und sogar durch ein medizinischen Team. Ihre lobenswerte Absicht war es, die Nähe zwischen der karibischen Insel und ihrem Nachbarn im Norden zu verdeutlichen, zu helfen, die beiden Küsten miteinander zu versöhnen. Aber die Floridastraße ist auch Teil unseres Nationalfriedhofs, des aufgewühlten Totenackers, auf dem tausende unserer Landsleute ruhen. Dass die Sportlerin ein so wichtiges Merkmal ausklammerte gefiel mir ganz und gar nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass sie durch das Datum ihres nautischen Abenteuers den zwanzigsten Jahrestag des Exklusivklubs Marina Hemingway hervorhob, in dem bis heute kein Kubaner weder ein Boot chartern, noch mit seinem eigenen an der ach so schönen Anlegestelle festmachen kann. Ich hätte es bevorzugt, wenn in den Strömungen des Golfes jemand schwämme, der erklärt, er kenne den Schmerz, den diese Wasser beherbergen, und der sein Vorhaben dem „unbekannten Balsero“ widmet, der in den Mäulern so vieler möglicher Haie starb.

Als ich heute erfuhr, dass die Schwimmerin nach 29-stündigen Anstrengungen ihr Ziel nicht erreichen konnte, fühlte ich mich in meinen abergläubischen Vorahnungen bestätigt. Es gibt gewisse Räume, dachte ich, die mehr brauchen als Schwimmstöße oder Sportrekorde, um weniger traurig zu wirken. Das offizielle Fernsehen sagte schlicht, dass „unüberwindbare Hindernisse aufgetreten seien, wie etwa Winde von mehr als 20 km/h Geschwindigkeit“. Ich kann Diana vor mir sehen, wie sie gegen die Wellen kämpft, die Sonne, die erbarmungslos auf ihren Kopf niederbrennt, ein stark salziges Meer, das sich in ihren Mund drängt. Ich gehe noch weiter und fantasiere, wie ein unerklärliches Detail ins Bild schwimmt, ein Florentiner-Hut, ein bunter Damenstrohhut, der nahe an ihr vorbei treibt und sie glauben lässt, dass sie mitten in der Floridastraße beginnt zu halluzinieren.

Übersetzung: Florian Becker
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