Die bunte Promenade

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Der Paseo del Prado erstreckt sich von der Altstadt, die überfüllt ist mit Touristen, bis hin zu dem überbevölkerten und dysfunktionalen Stadtteil Centro Havana. Die Löwenskulpturen an jeder Ecke stellen den einstigen Adel dar, die Erhabenheit, mit der die Nation zu Anfang des 20. Jahrhunderts umschmeichelt wurde. Obwohl der Park eindeutig Augenblicke der Vergessenheit erlebt hat – vielleicht aufgrund der Tatsache, dass er während der Republik entworfen und konstruiert wurde – gab es am Prado vor einigen Jahren einen Prozess der Restaurierung, der seine Alleen aufbesserte und einige Laternen ersetzte. Doch auch in Zeiten geringer Aufmerksamkeit sind ihre Katzen aus Bronze eine Art Referenz für diejenigen geblieben, die aus den Provinzen kamen und bei ihrer Rückkehr ein Foto von ihrer Anwesenheit in der Hauptstadt mitbringen wollten. Vielleicht wurde dieser Ort gerade wegen dieser ganzen Geschichte der Üppigkeit und Versäumnis ausgewählt, um den Tag der lesbisch-schwulen Selbstachtung in Kuba zu feiern. Eine verbannte Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten zwischen dem Männlichkeitswahn unserer Kultur und der repressiven Politik der Regierung gefangen war, will am 28. Juni um drei Uhr nachmittags auf die Straße gehen. Der Aufruf dazu kam von einer Gruppe, die sich für die Rechte von homosexuellen Männern und Frauen, Bisexuellen und Transsexuellen einsetzt.

Es ist offensichtlich, dass es in Kuba im Bezug auf die Respektierung unterschiedlicher sexueller Orientierungen einen Fortschritt gegeben hat, aber dass der „LGBT-Gemeinde“ erlaubt wird, spontan auf die Straße zu gehen, um ihre Andersartigkeit zu feiern, geht weit über die bisherigen Erfolge hinaus. Die Kampagnen für die Akzeptanz der Vielfalt an Wahlmöglichkeiten für die Liebe lagen bisher in den Händen der offiziellen Institutionen, sodass die Interessenten selbst keine Möglichkeit hatten, sich selbst zu repräsentieren. Das ist natürlich Teil der allgegenwärtigen Unmöglichkeit, sich frei zu vereinen, worunter unsere ganze Gesellschaft leidet.

Seit Wochen verbreiteten die Veranstalter dieser Feierlichkeit die Einladung mit feierlichen und glücklichen Gesichtern. Die Wahl des Paseo del Prado als Veranstaltungsort bringt ihnen Vorteile und schützt sie, denn die Touristen mit ihren unruhigen Kameras, die neugierigen Kinder, die überall umherspringen und die Pärchen, die auf den Bänken sitzen und sich umarmen, sind dadurch Zeugen dieser Parade der Vielfalt. Und die Löwen, ach, die Löwen! Sie werden erneut einen Augenblick des Ruhmes genießen, zwischen den bunten Fahnen, den Luftschlangen und dem Händeschütteln. Die in Bronze gegossenen Krallen und Mähnen eines vergangenen Krieges werden weniger aggressiv erscheinen, mit einer niedrigeren Dosis Testosteron und mit einem Hauch mehr Leben.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Combinado del Este

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Neun Uhr morgens vor den Mauern von Combinado del Este, dem größten Gefängnis Kubas. Etliche Familien drängen sich zusammen, um die militärische Stimme zu hören, die die Nachnamen der Gefangenen ausschreit. Auf einmal weisen sie uns an, einen schmalen Weg entlang zu dem Kontrollposten zu gehen, wo unsere Taschen durchsucht und Metalldetektoren über unsere Körper geführt werden. Sie kontrollieren auch die Essensbeutel, die über Wochen hinweg mit Keksen, Zucker, Instant-Getränken, Zigarren und Milchpulver gefüllt wurden. Sie sind das Ergebnis der Fürsorge und der Entbehrungen der Verwandten, die auf diese Lebensmittel verzichtet haben, um sie den Gefangenen zu schenken.

Eine Frau weint, weil ein Wärter sie nicht mit den reifen Mangos passieren lässt, die sie für ihren Sohn mitgebracht hat. An dem Zaun zu beiden Seiten des Eingangs lassen die Menschen all das unbeaufsichtigt zurück, was ihnen nicht gestattet wird, mit hinein zu nehmen. Da liegen eine Tüte mit einem Handi, eine Mädchen-Handtasche und ein Deodorant, bei dem der Wärter meinte, dass es sich innerhalb dieser Mauern in destillierten Alkohol verwandeln könnte. Bei mir durchblättern sie die Zeitschriften, die ich dabei habe, ziehen mit einem Ruck den Reißverschluss meiner Jacke hoch und fahren mit den Fingern durch meine Haare. Vor mir ist einer, der versucht, einen Kuchen hineinzuschmuggeln – der dazugehörige Geburtstag war sicherlich schon vor Monaten. Ein junger Mann hält sich die Hose fest, da sie ihm nicht erlauben, seinen Gürtel mit hinein zu nehmen. Es scheint fast so, als würden wir uns in die Tiefen der Hölle begeben – und in gewisser Weise ist es ja auch so.

Der Raum, in dem die Besuche abgehalten werden, riecht nach Schweiß – nach Schweiß und Eingesperrtsein. Die zwei italienischen Häftlinge mir gegenüber sprechen mutlos ein Wort nach dem anderen. Sie wurden wegen des Mordes an einer Minderjährigen in Bayamo festgenommen, beteuern aber, dass sie in den Tagen, als das Verbrechen geschah, gar nicht auf der Insel waren. Sie sind nun schon mehr als einen Monat eingesperrt, ohne dass sie verurteilt wurden, und ich versuche, den Verlauf des Falles journalistisch zu rekonstruieren. Einer der beiden, Simone Pini, erzählt mir von den Ordnungswidrigkeiten der Polizei, und ich vereinbare mit ihm, Nachforschungen anzustellen. „Ich kann nicht viel tun“ – erkläre ich ihm – „und ich habe auch keinen Zugang zu den Daten der Ermittlungen, aber ich werde mich umhören“. Ich habe den Satz noch nicht beendet, da schreit ein Soldat von den Gittern in dem Raum aus meinen Namen. Dann führen sie mich zur Kehrseite von Combinado del Este: in das peinlich saubere, klimatisierte, mit Holz verkleidete Büro, in dem “Der Chef” residiert. Es ist nur ein anderer Teil des gleichen Grauens. Ein Oberstleutnant macht mir klar, dass sie mich nie wieder in dieses Gefängnis hineinlassen werden. Als ich versuche zu gehen, bemerke ich, dass die Tür ein Schloss mit vier Sicherheitskombinationen hat. „Oh mein Gott“… denke ich in meinem Innern. Sie geleiten mich bis zum Ausgang und ich sehe die Schlange der Verwandten für die nächste Besuchszeit, die um 12 Uhr beginnt. Sie tragen Beutel mit daraufgekritzelten Namen und einer stöhnt, weil sie ihn ein Geschenk nicht mitnehmen lassen. In diesem Moment spüre ich, dass sich eine Traurigkeit in mir festgesetzt hat, wie die Last von Gitterstäben, die ich seitdem überall hin trage.

Übersetzung: Florian Becker – www.subwerk.com

Nachhilfelehrer

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Juni ist der Monat, in dem sich die Schüler, die vor dem Abschluss stehen, in ihre Bücher vertiefen, die Strebsamen ihre Noten kontrollieren und wir Eltern wegen der Nachhilfekosten unseren Geldbeutel in Gefahr sehen. Bei der Bewertung der kubanischen Schulbildung wurde die Existenz dieser informellen Lehrer jahrelang unterschätzt, aber wir, die wir Kinder am Gymnasium haben, kennen ihre Bedeutung sehr gut. Wenn ein Schüler keine außerschulische Unterstützung durch einen Nachhilfelehrer erfährt, hat er momentan geringe bis gar keine Aussichten auf eine Universitätszulassung. Der Unterricht hat sich paradoxerweise ins Private verlagert, aber ohne dass es offiziell registriert wird.

Die Nachfrage ist so hoch, dass in diesen letzten Wochen des Semesters die Wohnungen dieser Freelance-Lehrer voll sind. Der Preis einer Wiederholungsstunde schwankt zwischen 20 und 25 kubanischen Pesos, der zehnte Teil eines durchschnittlichen Monatseinkommens. Die Teilnahme an diesen Unterrichtsstunden kompensiert das sehr niedrige Niveau der Lehrer der Sekundarstufe und der Abschlussklassen, besonders in Mathematik, Physik, Chemie und Grammatik. Aber man muss auch erwähnen, dass es viele Schüler gibt, die sich in der letzten Minute den Stoff einverleiben wollen, dem sie in den mehr als zehn Monaten Unterricht vorher keine Aufmerksamkeit schenkten. Der stoffliche und konzeptionelle Niedergang, die ausufernde ideologische Indoktrination und der geringe Ernst bei der Erfüllung des schulischen Stundenplans schlagen sich in den Abschlussprüfungen nieder und Tausende Eltern sind bereit zu zahlen, damit ihr Kind nicht durchfällt.

So spottet die Wirklichkeit der Parolen. Wer die Mittel dazu hat, kann seinem Sprössling einen Zusatzlehrer verschaffen. Wer ohne Mittel ist, wird sich damit zufrieden geben müssen, an der Wand ein Diplom aufzuhängen, das bezeugt, dass man gerade so bestanden hat. Zurzeit sieht man in den Wohnzimmern jedes Appartements Finger, die hastig schreiben, Notizen machen wie nie zuvor, es herrscht eine Stille und ein erstaunliches Interesse. Das sind die Schüler mit ihren Privatlehrern, diese zusätzliche Nachhilfe, ohne die sie nicht weit kämen. Sie wissen, dass jede einzelne dieser Stunden ein Opfer für die ganze Familie bedeutet, deswegen saugen sie die Wörter, die Zahlen und Lehrsätze in sich auf. Sie werden zweifellos einen Schritt weiter vorn sein, wenn der Startpfiff ertönt, mit einem zusätzlichen Vorteil gegenüber denen, die nie einen Nachhilfelehrer hatten.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Umdenken

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Sie kamen mit ihren Lastwagen, einem Grader und sogar einer neuen Asphalt-Recycling-Maschine. Sie arbeiteten den ganzen Vormittag unter den staunenden Augen der Nachbarn, die seit über zwanzig Jahren zugesehen hatten, wie sich ihre Straße verschlechterte, ohne jegliche Ausbesserungen. Für die Skeptiker gab es sogar einen Funken Hoffnung, als das Pflaster so glatt wurde wie Glas. Und dann kam die andere Brigade. Das war wirklich unglaublich! Anstatt die Kanalisationsdeckel – so wie sie waren – in dem Asphalt versenkt zu lassen, hat die neue Arbeitergruppe diese abmontiert und auf der Höhe des Bodens platziert. Niemand konnte glauben, was geschehen war. Es ist die „neue Mentalität“ sagten einige, die so stolz darauf waren, dass man die Veränderungen bemerken, betasten und betreten konnte.

Um Autofahrer zu warnen, dass der Zement um die Abwasserschächte noch frisch ist, haben sie einen kleinen Trümmerhaufen um diese herum gelassen. „Sie werden schon noch wiederkommen, um es zu entfernen“, merkten die Optimisten an. Doch dabei ist es geblieben. Reifenspuren zerstreuten die Steine über die ganze Straße, indem sie diese in den noch weichen Asphalt eindrückten. Die Überreste der Reparaturarbeiten sammelten sich in dem Gitter der Kanalisation, häuften sich im Straßengraben. Auch zwei Wochen danach verbreiten sie weiterhin ihre staubige Anwesenheit und erschaffen Hügel hier, Schlaglöcher dort und verderben so die Beendigung. „Ah, diese Mentalität!“ sagen die Träumer und fügen unmittelbar hinzu: „Anstatt zu verändern, ist alles nur Maskerade, doch die Mentalität ist dieselbe wie immer.“

Übersetzung: Valentina Dudinov

Die neuen Mikrofone

Lange Zeit bestand der einzig mögliche Weg, an dieses Hilfsmittel namens Mikrofon heranzukommen, darin, unzählige ideologische Filter zu überwinden. Wegen genau dieser Paranoia werden bis heute nur wenige Sendungen unseres nationalen Tagesprogramms live ausgestrahlt, damit niemand vor den Augen der Fernsehzuschauer Meinungen äußern kann, die nicht mit dem System übereinstimmen. Und obwohl sich die Kritik in den letzten Monaten sehr vorsichtig Zugang zu den offiziellen Medien geschaffen hat, so bleiben diese dennoch denen verschlossen, die mit den offiziellen Verlautbarungen nicht übereinstimmen. So kommt es, dass wir uns andere Mikrofone, andere Sets und andere Kameras besorgen mussten. Improvisiert und weniger professionell, aber zweifelsohne freier als in den Studios von „23 y L“, von Mason y San Miguel oder in den Fernsehzentralen der Provinzen.

Auf der Terrasse eines Hauses mit einem Betttuch als Vorhang und einigen von einem Musiker geliehenen Scheinwerfern lassen sich Sendungen ohne diese langweilige Selbstgefälligkeit der Mesa Redonda aufzeichnen. Ein Beispiel dieser neuen Sendungen, die auftauchen, ist das Projekt SATS, wo „Kunst und Gedanken zusammenfließen“, die Regie hat Antonio Rodiles. In einem sehr weiten Diskussionsrahmen legen die Gäste ihre Meinung über ein Thema dar und antworten dann auf Fragen des Publikums. Es wird ebenso der Lebensweg eines Hip-Hop-Musikers analysiert, wie das Arbeitsfeld einer für illegal erklärten juristischen Sozietät oder die bürgerliche Gesellschaft aus dem Blickwinkel eines Doktors der Philosophie. Danach teilt sich das Programm jeden Tages in dieselben alternativen Netzwerke auf, wo Blogs, Filme, Dokumentarfilme und Meinungsäußerungen gezeigt werden.

Bei dieser Sendung von SATS und auch bei Razones Ciudadanas fehlt sicherlich noch die Präsentation des „Andern“, der die offizielle Version der Ereignisse verteidigt und bereit ist, sie gemeinsam mit uns und vor einer Kamera zu äußern. Aber so sehr man auch Personen von staatlichen Einrichtungen eingeladen hat, sie aufgefordert hat, zu polemisieren und ihre Argumente darzulegen, sie ziehen es vor, uns durch ihre Anwesenheit keine Steilvorlage zu geben. Ich habe dennoch die Hoffnung, dass sie eines Tages kommen werden. Früher oder später werden sie kommen, vielleicht bevor sie uns ihre eigenen Sendungen anbieten und uns erlauben vor „ihren Mikrofonen“ zu sprechen.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Jeden Sommer Mangos

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Die Äste beugen sich unter dem Gewicht und Kinder versuchen, die Früchte herunter zu holen, indem sie mit Steinen danach werfen, oder sie klettern auf die Zweige, um diese zu schütteln. Es ist Mango-Saison! Wie ein Lebenszyklus, der Krisen, Schwierigkeiten und gescheiterte Agrar-Pläne überwindet, so kommen Mangos, Filipinos und Kuchen wieder zurück. Wir befinden uns gerade in der Zeit, in der sich der bescheidenste Hinterhof eines abgelegenen Dörfchens vom Ernteertrag her mit dem gepflegtesten Garten in Miramar* messen kann. Sobald der alte Mangobaum, den die Großeltern gepflanzt haben, zur Reife gelangt, fängt die ganze Familie an, ihn zu umkreisen.

Gerade jetzt, während ich einige Mangos durchschneide, die Augustín uns schenkte, denke ich daran, wie sehr mein Leben von den Erinnerungen, die ich mit diesem Geruch und dieser Textur verbinde, geprägt ist. Diese kleinen, eingelegten Fruchtstücke, die wir in unserem Urlaub in dem Dorf Rodas aßen; die grünen sauren Früchte, die wir im Landschulheim mit Salz bestreuten und diejenigen, die wir – angetrieben vom Hunger – von dem Versuchsbetrieb der Gemeinde Güira während der dunklen Jahre der Sonderperiode klauten. Nach einem Bissen blieben mir die Fasern zwischen den Zähnen hängen, der Saft tropfte mir das Kinn herunter und verschmierte mir die Kleidung, der Kern wurde ausgesaugt bis zu seiner weißen Oberfläche und die auf den Boden geworfene Schale war genauso gefährlich wie die einer Banane.

Die Mangos erinnern mich an jede Etappe meiner Existenz, an jeden einzelnen Zeitabschnitt, den diese Insel in letzter Zeit durchlaufen hat. Sie erinnern mich an jenen freien, als „Zentrale“ bekannten, Markt – zu Zeiten der sowjetischen Unterstützung – wo ich zum ersten Mal die Säfte der Marke „Taoro“ probiert habe. Danach kam der Prozess der „Berichtigung von Fehlern und negativen Tendenzen“, mit dem das Kleinbürgertum hinweggefegt wurde, und als der Taoro Nektar nach zehn Jahren wieder auftauchte, konnte man diesen nur in konvertibler Währung kaufen.

Diese Frucht hat einen unglaublichen Widerstand gegen die staatlichen Betriebe und die törichten Fehler geleistet, die tausende von Hektar Land auszehrten, wie die Ernte von zehn Millionen Tonnen Zuckerrohr und der Plan, Mikrojet-Bananen anzupflanzen. Sogar der unerwünschten Ausbreitung des Marabú-Gestrüpps** hat sie standgehalten. Und so kennzeichnet die hartnäckige Mango unser Leben weiterhin mit ihrem Geschmack und verwandelt jeden ärmlichen Innenhof zumindest für die Dauer des Sommers in eine Oase des Wohlstands.

Anm.d.Ü.
* Miramar ist ein Villenviertel von Havanna. Vor der Revolution wohnte hier die Oberschicht des Landes.
**Der Marabú-Busch überzieht mit seinem Gestrüpp große Teile der Insel und wird bekämpft.
Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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Zwölf Männer an der Zahl

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Wenn ich als kleines Mädchen den Namen Perico* hörte, ein Dorf in der Provinz Matanzas, bekam ich Bauchweh vor lauter Lachen. Das war so, bis ich erfuhr, dass ein Teil der Familie meines Vaters daher stammte, da erschien mir der Witz nicht mehr ganz so nett. Letzten Samstag war ich eingeladen, um wieder einmal dorthin zu fahren und den staubigen Bahndamm und den heruntergekommenen Bahnhof zu sehen. Die Abreise meiner Schwester lähmte mich jedoch und hielt mich in diesem 14. Stock hier fest ohne rechte Lust, irgendwohin zu gehen. Ich bedauere es sehr, nicht gefahren zu sein, da uns dort zwölf ehemalige Gefangene des Schwarzen Frühling** erwarteten und als Gastgeber ein herzensguter fleißiger Bauer namens Diosdado Gonzáles, der seinen Tisch und sein Haus für die so wichtige Zusammenkunft zur Verfügung stellte.

Anfangs handelte es sich um ein Treffen mit der Absicht, Freundschaften zu vertiefen, die Familien der einzelnen vorzustellen und ein Stück der Lebenszeit gemeinsam zu verbringen, von der ihnen der kubanische Staat mehr als 7 Jahre geraubt hatte. Die Entscheidung von Guillermo Fariñas, erneut einen Hungerstreik zu beginnen, ließ die Stimmung an diesem Tag mit einem Mal komplett umschlagen. Auf den ursprünglich entspannten Gesichtern zeigte sich Besorgnis und die Stühle, die die Festgesellschaft aufnehmen sollten, mussten nun dem Gewicht ihrer Unruhe standhalten. In kurzer Zeit zwischen mehreren Schlucken Kaffee, den Alejandrina rechtzeitig gebracht hatte, verwandelte sich das Treffen in eine Art Bürgerversammlung, wo man nicht kleine Plastiksoldaten auf einer Kriegskarte aufstellte, sondern Ideen auf dem Bogen der Geschichte.

Dann las mir Pedro Argüelles am Telefon den an jenem Tag gemeinsam verfassten Text vor und ich bedauerte es wieder sehr, nicht dort gewesen zu sein. In ihren Forderungen verlangen die Unterzeichner, dass die Todesursache von Juan Wilfredo Soto ernsthaft untersucht werde. Auch dass der Tod von Fariñas verhindert werde und, was meiner Meinung nach am schwersten zu erreichen ist, dass die Repression und die Hetze gegen die Aktivisten der Opposition aufhören solle. Aber dieses Mal scheinen sich die Ohren der Mächtigen noch hartnäckiger vor Beschwerden zu verschließen als vor einem Jahr. Außerdem befürchte ich, dass der Körper des Sacharow-Preisträgers 2010 ein weiteres langes Fasten nicht überleben wird. Hoffentlich überrascht mich das Leben und es wird etwas erreicht. Perico soll nicht mehr nur ein Dorf mit lustigem Namen sein, sondern ein Platz, von wo aus das Wort, die Verantwortung als Bürger und die Einigkeit eine trotzige und langandauernde autoritäre Staatsform bezwangen.

Anm.d.Ü.
* perico bedeutet Nachttopf
** Im Schwarzen Frühling von 2003 wurden während einer Demonstration viele bisher unbescholtene Bürger festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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Ein Teil von mir

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Die Emigration hat mir meine Freunde, Bekannte aus der Kindheit, Nachbarn aus meinem Geburtsort und Menschen, die ich ein- oder zweimal auf der Straße begrüßt habe, weggenommen. Eines Tages entriss sie mir Tanten väterlicherseits, Cousins, Kameraden, mit denen ich die Freude teilte, meinen Abschluss zu machen, und sogar den scheuen Postboten, der mir einmal die Woche die Zeitung brachte. Und als ob sie damit nicht zufrieden wäre, ist sie zurückgekehrt nach mehr. Nun entzieht sie mir auch den engsten und innigsten Teil meines Lebens.

Ich erinnere mich, wie meine Schwester mir erzählte, dass sie sich in einer Lotterie für internationale Visa eingeschrieben hatte. Was den Zufall betrifft, hatte Yunia immer Glück, sodass ich vom ersten Moment an wusste, was mich erwarten würde. Meine Mutter erzählt, dass an dem Tag ihrer Geburt, die Ärzte und die Krankenschwestern sich bekreuzigten, als sie sahen, wie das Baby in einer fast unversehrten Fruchtblase aus dem Uterus herauskam. „Du bist in einem schützenden Beutel auf die Welt gekommen“, sagten sie ihr, als würde es Wohlstand, Liebe und Glückseligkeit garantieren. So schien es, als würde diese Insel meine ältere Schwester in ihrer Seligkeit einengen. Und vor über zwanzig Jahren gelangte sie zu demselben Schluss, wie der Großteil meiner Landsleute: Wie kann man in einem Land Wurzeln schlagen, das selbst kaum Früchte trägt? Ich habe nicht einmal versucht, sie zu überzeugen, sondern sah nur zu, wie sie hier in dem Papierkram versank, und dort in einer Schlange auf die Erlaubnis wartete, während ich wusste, dass der Moment des Abschieds nahe war.

Schließlich, am vergangenen Freitag, hob ihr Flieger ab und nahm meine einzige Nichte, meinen Schwager und eine kleine streunende Hündin, die sie nicht zurücklassen wollten, mit sich fort. Am Tag zuvor schrie meine Mutter: „Ich bin noch nicht bereit dafür! Ich bin noch nicht bereit!“, während mein Vater die Tränen verbarg, weil „Männer eben nicht weinen“.

Man ist nie bereit für eine Trennung, Mami, wenn man weiß, dass diejenigen, die man liebt, zwar nur neunzig Meilen von einem entfernt sind, jedoch mit einem Abgrund an Einwanderungsbeschränkungen dazwischen. Du hast das Recht zu weinen, Papi, denn dieser Abstand sollte nicht so endgültig, so herzzerreißend und so unwiderruflich sein.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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Kontraste

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Seit fast zwei Jahren habe ich mich nicht mehr in einem Krankenhaus behandeln lassen. Das letzte Mal war in jenem November der Entführung und der Schläge, bei denen meine Lendengegend sehr schlecht wegkam. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine schmerzhafte Lektion: dass es, vor die Wahl gestellt zwischen hippokratischem Eid und ideologischer Treue, viele Ärzte bevorzugen, die Privatsphäre des Patienten zu verletzen (die vergleichbar ist mit dem Beichtgeheimnis von Pfarrern), als sich mit der Wahrheit gegen den Staat zu stellen, der ihnen Arbeit gibt. Beispiele dafür wurden in den letzten Monaten reichlich im staatlichen Fernsehen gezeigt, und sie haben mein Misstrauen dem kubanischen Gesundheitssystem gegenüber nochmals verstärkt. Deshalb heile ich mich mit den Pflanzen, die ich auf meinem Balkon ziehe und mache täglich Leibesübungen, um Krankheiten vorzubeugen. Ich habe mir sogar ein medizinisches Fachbuch gekauft, falls ich mir einmal selbst etwas verschreiben muss. Trotz meiner „medizinischen Rebellion“ habe ich nie aufgehört, die zunehmende Verschlechterung in diesem Bereich zu beobachten und zu erforschen.

Unter den neuesten Kürzungen im Gesundheitssektor hat die am deutlichsten spürbare etwas mit den Geldern für Diagnosen zu tun. Die Doktoren erhalten sehr beschränkte Mittel für Röntgentests, Ultraschall oder Kernspintomographien, die sie unter ihren Patienten aufteilen müssen. Die Geschichten über Knochenbrüche, die eingegipst werden, ohne davor geröntgt worden zu sein, oder Unterleibsschmerzen, die sich verschlimmern, weil sie nicht richtig untersucht werden können, sind so zahlreich, dass man sich schon gar nicht mehr darüber wundert. Eine solche Situation begünstigt natürlich auch eine Art der Korruption, bei der diejenigen, die ein Geschenk mitbringen oder unter der Hand etwas zahlen können, eine bessere Behandlung erfahren als die anderen. Das Stück Käse für die Krankenschwester und die unverzichtbare Handseife, mit der viele den Stomatologen beschenken, beschleunigen die Behandlung erheblich und kompensieren die chronische Unterbezahlung dieser medizinischen Fachkräfte.

Thermometer gibt es in den Apotheken, in denen mit nationaler Währung gezahlt wird, schon lange nicht mehr. In denen mit harter Währung hingegen gibt es die modernsten Modelle, sogar digitale. Sich eine Brille gegen die Kurzsichtigkeit anfertigen zu lassen kann Monate dauern, wenn es über die staatliche Beihilfe läuft, oder nur 24 Stunden in den Miramar-Optiken, in denen mit Peso Convertible gezahlt wird. Auch die Notfall-Ambulanz im Krankenhaus entkommt diesen Widersprüchen nicht. Wir können uns zwar mit dem besten Neurochirurgen der Karibik brüsten, aber der hat nicht einmal ein Aspirin, das er uns geben könnte. Es sind eben diese Kontraste, die auch krank machen, die den Patienten aufreiben, ebenso wie seine Angehörigen und das Krankenhaus-Personal selbst. Und sie hinterlassen das Gefühl, betrogen worden zu sein, dass jene lang gerühmte Errungenschaft vor unseren Augen in sich zusammenfällt und dass wir uns nicht einmal darüber beschweren dürfen.

Übersetzung: Florian Becker www.subwerk.com
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In der Armee dienen, schweigen und töten

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Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Ein Buch brachte mich dazu, mich im Bett herumwälzen und an die Kassettendecke meines Zimmers zu starren.“Der Mann, der die Hunde liebt“, ein Roman von Leonardo Padura, erschüttert durch seine Ehrlichkeit, durch das ätzende Beizmittel, das er über die entschwindende Utopie gießt, die sie uns aufstülpen wollten. Es gibt keinen, der ruhig bleibt beim Lesen der schrecklichen Geschichten über jene Sowjetunion, die man uns als Kinder verehren hieß. Intrigen, Säuberungen, Morde, erzwungenes Exil rauben einem den Schlaf, auch wenn man sie in der dritten Person liest. Wenn man dann noch miterlebte, dass die eigenen Eltern glaubten, dass der Kreml der Führer des Weltproletariats war, und weiß, dass der Präsident des eigenen Landes bis vor kurzem ein Foto von Stalin in seinem Arbeitszimmer hatte, dann verschlimmert sich die Schlaflosigkeit noch.

Ich wage zu behaupten, dass keines all der auf dieser Insel veröffentlichten Bücher so vernichtend mit den Grundpfeilern des Systems verfahren ist, wie dieses. Vielleicht hat man deshalb auf der Buchmesse von Havanna nur 300 Exemplare in den Handel gebracht, von denen kaum 100 in die Hände der Öffentlichkeit gelangten. Es ist schwierig, jetzt ein Werk zu zensieren, das schon in einem Verlag im Ausland herausgegeben worden ist, und dessen Autor nach wie vor in den staubigen Straßen Mantanillas* lebt. Durch die Aufmerksamkeit, die er außerhalb dieser Insel erlangte, und dadurch, dass man unmöglich weiterhin bekannte Namen der nationalen Kultur entziehen kann, ohne dass sie völlig verödet, hatten wir Leser das Glück, uns in seine Seiten vertiefen zu dürfen. Den Mörder von Trotzki enthüllt er uns darin als einen Mann, gefangen in seinem militärischen Gehorsam, der alles glaubt, was seine Vorgesetzten sagen. Eine Geschichte, die uns sehr nahe geht, nicht nur weil unser Land Ramón Mercader** in seinen letzten Lebensjahren als Zuflucht diente.

Padura legt seinem Erzähler in den Mund, dass er zur Generation „der Gutgläubigen gehörte, die alles romantischerweise akzeptierten und mit Blick auf die Zukunft rechtfertigten“. Unsere Generation musste die Frustration der Eltern mit der Muttermilch einsaugen, sehen, wie wenig sie erreicht hatten. Sie waren einmal losgezogen, um allen das Lesen und Schreiben beizubringen, gaben ihre besten Jahre dran und hatten für ihre Kinder eine Gesellschaft vor Augen, die allen eine Chance bietet. Es gibt niemanden, der ohne Blessuren daraus hervorging, es gibt kein soziales Hirngespinst, das vor der so hartnäckigen Wirklichkeit bestehen könnte. Die lange Morgendämmerung, in der ich mich im Bett herumwälzte, gab mir Zeit, um nachzudenken, nicht nur über den verborgenen Müll unter dem Teppich der reinen Lehre, sondern auch darüber, wie viele dieser Methoden heute noch auf uns angewandt werden und wie tief sich der Stalinismus in unser Leben gegraben hat.
Ich warne Sie, es gibt Bücher, die uns so sehr die Augen öffnen, dass wir nicht mehr in Ruhe schlafen können.

Anm.d.Ü.
*Stadtteil Havannas
**Ramón Mercador (1913 – 1978) spanischer Kommunist und Agent des sowjetischen Geheimdiensts. Bekannt wurde er als Mörder Leo Trotzkis.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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