Die kleine Pionierin und der Präsident

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Er war der erste nordamerikanische Präsident, gegen den ich eine Parole schrie. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut dieser Beschimpfung, da inzwischen fast dreißig Jahre vergangen sind. Ich weiß jedoch noch, wie sich meine geballten Fäuste anfühlten, meine weiß-rote Uniform, die bei jedem Schrei erbebte, den ich gegen Jimmy Carter ausstieß, der unsere Insel zerstören würde -wie unsere Vorschullehrerin behauptete- die Palmen, die Schulbänke und unsere Fröhlichkeit.

Drei Jahrzehnte später bin ich hier in Havanna und unterhalte mich mit ihm zusammen mit anderen
bekannten Gesichtern unserer beginnenden Zivilgesellschaft. Für kurze Zeit bin ich wieder jene kleine Pionierin, versunken in der Hysterie der politischen Slogans, und dieser Mann, mit dem ich rede, passt nicht in die Rolle des Staatsmannes, der das Ziel meiner Beschimpfungen war. Jetzt ist er ein Vermittler, ein Mann, der keineswegs daran interessiert scheint, Kuba von der Landkarte auszuradieren, wie man mir einst in der Vorschule versicherte. So kommt es, dass das Mädchen, das der „neue Mensch“ werden sollte und der Exkommandant der Streitkräfte der Vereinigten Staaten sich in einem Moment ihres Lebens getroffen haben, in dem keiner von beiden die gleiche Position wie damals hat. Nun führte der Lebensweg von beiden zum Dialog, obwohl wir uns damals als Gegner auf irgendeinem Schlachtfeld hätten töten können.

Ich sehe ihn reden und frage mich, ob er weiß, dass ich ausgebildet wurde, um ihn zu hassen. Ist ihm bewusst, dass er der Böse in meinen Kindergeschichten war, das Antlitz von grotesken Karikaturen in der offiziellen Presse, der Mann, dem unsere Staatspropaganda die Schuld an all unseren Übeln zuschob? Natürlich weiß er es und dennoch streckt er mir seine Hand entgegen, spricht mich an und richtet eine Frage an mich. Trotzdem lässt mir der Mann, der einst „der Feind“ war, freundliche Worte zukommen.

Außerhalb vom Hotel Santa Isabel, wo wir versammelt sind, wiederholt ein anderes Mädchen in irgendeiner Schule der Region ihre Parolen, ballt die Hände zu Fäusten, brüllt und konzentriert sich auf das Gesicht eines Mannes, von dem sie sagt, dass sie ihn verabscheut. Zum Glück wird auch sie die Worte, die sie in dieser Minute schreit, vergessen und die Hass-Parolen, die man sie heute im Chor aufsagen lässt, aus ihrem Kopf tilgen.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Auf Nimmerwiedersehen, Juraguá!

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An jenem Morgen erzählte er uns in unserem kleinen Wohnzimmer von seiner Zeit in der UdSSR. Er war erst seit wenigen Stunden in Havanna, nachdem ihn ein Flugzeug von Aeroflot* von seinem langen Aufenthalt im Lande Gorbatschows zurückgebracht hatte. Er kehrte mit seinem in gotischen Lettern geschriebenen Universitätstitel zurück, in einer Ingenieursdisziplin diplomiert, die mein kindlicher Verstand nicht begreifen konnte. Es war das erste Mal, dass ich vom Kernkraftwerk Juraguá hörte, das seit 1983 in Cienfuegos** gebaut wurde. Die Stimme des soeben Angekommenen beschrieb den riesigen WWER 440-Reaktor***, der ins Zentrum Kubas gestellt wurde, als wäre er ein lebendiger Drachen, der seinen rauchigen Atem über uns verspeien würde. Dort würden Hunderte von jungen Menschen, die mehr als 9.000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt ausgebildet wurden, als Atomwissenschaftler arbeiten. Abermillionen vom Kreml bereitgestellte Rubel halfen beim Aufbau dessen, was einmal das krönende Meisterwerk unseres „Tropensozialismus“ sein sollte, der Grundpfeiler unserer energetischen Autonomie.

Später erfuhr ich, dass dieser junge Enthusiast niemals dazu kam, als Atomingenieur zu arbeiten. Die Sowjetunion zerfiel just zu dem Zeitpunkt, als der erste der beiden geplanten Kraftwerksblöcke zu 97 % fertig gestellt war. Ein großer Teil des Gebiets war bereits von Gras bewachsen und auf dem Gelände lagen Teile des Reaktorkerns, die Dampfgeneratoren, Kühlwasserpumpen und sogar die Isolationsventile einfach so herum. Juraguá wurde zu einer weiteren Bauruine, zu einem Denkmal des Größenwahns, das uns vom sowjetischen Imperialismus vermacht wurde.

Während er, die Schläfen bereits ergraut, in seinem neuen Beruf als Dreher Metall zurechtschneidet, sagt mir der ehemalige Experte heute: „Wir hatten großes Glück, dass es nicht in Betrieb genommen wurde“. Gemeinsam mit anderen Kollegen hätten sie berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Atomunfalls in Jaraguá um 15 % höher lag als bei allen anderen Kernkraftwerken der Welt. „Am Ende hätte es unsere Insel in der Mitte zerrissen“, sagt er zu mir ohne jede Dramatik. Ich male mir im Geiste einen Fetzen Kuba hier und einen Fetzen dort aus, mit einem rauchenden Abgrund in der Mitte, der die Landkarte unseres Staates entschieden anders aussehen lässt.

Jetzt, wo das Kraftwerk von Fukushima seine radioaktiven Rückstände in die Umwelt verströmt und sich dadurch auch die Angst ausbreitet, komme ich nicht umhin, mich darüber zu freuen, dass jener Reaktor in Cienfuegos nicht zum laufen gebracht wurde, dass unter diesem Sarkophag aus Beton nie eine Kernreaktion in Gang gekommen ist. Ich glaube, wenn es dazu gekommen wäre, würden uns all unsere heutigen Probleme klein und nichtig erscheinen angesichts des Grauen erregenden Vorrückens der Radioaktivität.

Anm. d. Ü.
* größte russische Fluggesellschaft
** Stadt und Provinz im südlichen Zentral-Kuba
*** Druckwasserreaktor sowjetischer Bauart
Übersetzung: Florian Becker
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Danksagung

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Wenn wir eine Werbeagentur oder einen agilen Publizisten beauftragt hätten, die Arbeit der alternativen Blogger zu verbreiten, hätten wir wohl keinen so großen Bekanntheitsgrad innerhalb Kubas erreicht, wie durch die Sendung über den „Cyberkrieg“, die letzten Montag im offiziellen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Das spürbare Ergebnis ist, dass mein Telefon nicht aufhört zu läuten, ich keine Stimme mehr habe vom vielen Reden mit den Leuten, die mir ihre Solidarität bekunden und meine Sonnenbrille, riesig wie Eulenaugen, als Tarnung nicht mehr ausreicht, um unbemerkt in meiner Stadt herumzulaufen. Alle paar Meter treten Leute auf mich zu, sagen mir von Herzen kommende Worte und umarmen mich sogar so fest, dass ich keine Luft mehr bekomme.

Was passiert da auf dieser Insel, dass die durch offizielle Anschuldigungen “Gesteinigten” so anziehend geworden sind? Wo sind jene Zeiten geblieben, als eine Rüge in den staatlichen Medien jahrelanges Scherbengericht und Verteufelung bedeuteten? Wann war das, als sich der spontane Zorn über die Verleumdeten ergoss, der aufrichtig gemeinte Faustschlag auf dem Gesicht des Stigmatisierten landete? Ich schwöre, dass ich darauf nicht vorbereitet war. Ich stellte mir vor, dass 24 Stunden nach dem Lügengewebe, das in diesem Abklatsch von Big Brother ausgebreitet worden war, alle sich abwenden und zu Seite schauen würden, wenn ich vorbeiginge. Es trat jedoch das Gegenteil davon ein: komplizenhaftes Augenzwinkern, anerkennendes Schulterklopfen, Stolz der Nachbarn, die sich wundern, warum diese schweigsame und mickrige kleine Frau aus dem 14. Stock der Staatsfeind Nummer 1 sein soll – zumindest für diese Woche- bis der nächste Gesteinigte auftaucht.

Ich bin nicht die einzige. Fast alle anderen Blogger, die namentlich und mit Bild in der „Telenovela der MINIT*“ erschienen sind, erleben das gleiche. Verkäufer auf dem Bauernmarkt schenken ihnen eine Frucht beim Vorübergehen und Fahrer von Sammeltaxis sagen: „Sie zahlen heute nichts, das geht aufs Haus“. Wenn die Regisseure dieses Fernsehgerichts eine solche Reaktion auf Volksebene vermutet hätten, dann hätten sie, wie ich meine, davon Abstand genommen, unsere Gesichter im Fernsehen zu zeigen. Aber jetzt ist es zu spät. Das Wort „Blog“ ist nun auf immer mit unseren Gesichtern verbunden, klebt an unserer Haut, wird mit unseren Gesten assoziiert, wird mit den Unruhen im Volk zusammengebracht und ist zum Synonym dieses verbotenen Bereichs unserer Lebenswirklichkeit geworden, der täglich größere Anziehungskraft bekommt und mehr bewundert wird.

Anm. d. Ü.
*kubanische Staatssicherheit
Übersetzung: Iris Wißmüller
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Standpunkt der Bürger

Razones ciudadanas from Yoani Sanchez on Vimeo.

Zum Video:
„Standpunkt der Bürger“ ist als eine Diskussionsrunde mit mehreren Folgen vorgesehen. In der ersten Folge nahmen die Bloggerinnen Yoani Sánchez und Miriam Celaya (www.vocescubanas.com), der Historiker Dimas Castellanos (www.desdecuba.com/dimas), Dagoberto Valdés, Herausgeber der online-Zeitschrift „Convivencia“ (www.convivenciacuba.es), sowie der Jurist Willfredo Vallin, Präsident der „Vereinigung der Juristen Kubas“, teil.
Im Fokus stand die fehlende Bürgerkultur in Kuba. Die Teilnehmer waren sich darüber einig, dass in den Jahren nach der Revolution das Bürgerbewusstsein der Kubaner verloren gegangen ist. In Kuba verstehen sich die Menschen nicht mehr als Bürger und demzufolge kennen sie ihre diesbezüglichen Rechte nicht. Die Förderung einer nicht von Institutionen gesteuerten Bürgerkultur, auf der Basis der kubanischen Gesellschaft, ist die Prämisse einer zukünftigen Demokratie in Kuba. Der Aufbau von sozialen Netzwerken, die Ausübung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit im Alltag ist für die Wiederherstellung des Bürgerbewusstseins in Kuba sehr wichtig.

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Freunde der Salamander

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Foto: bessiehead.blogspot.com/

Kurz nachdem ich lernte, dass Bonbons süß sind und dass Feuer heiß ist, merkte ich auch, dass es uns Kubanern zwar erlaubt war, in Organisationen und Gruppen, die die Regierung gegründet hatte, einzutreten, dass wir aber exemplarisch dafür bestraft wurden, wenn wir eigene Gruppen gründen wollten. So wurden Kinder automatisch Mitglieder der Jungen Pioniere, die Frauen gehörten, nachdem sie 14 Jahre alt waren, zur Föderation der kubanischen Frauen, die Nachbarn zum Komitee zur Verteidigung der Revolution und die Arbeiter waren Teil der einzigen erlaubten Gewerkschaft des Landes. Die Studenten versammelten sich wiederum in ihrer Vereinigung und die Bauern waren an eine einzige Gruppierung im ganzen Land gebunden. Wir alle waren Mitglieder von irgendetwas.

Jedes Mal, wenn man sich um einen Arbeitsplatz oder einen Studienplatz bewarb, oder um das Recht, ein Haushaltsgerät zu kaufen, musste man ein Formular ausfüllen, in dem nach den Mitgliedschaften in den Organisationen der Mächtigen gefragt wurde, beginnend – natürlich – mit den wichtigsten: die Kommunistische Partei und die Union der Jungen Kommunisten. Jetzt kommt es mir ziemlich lächerlich vor, wenn ich mich daran erinnere, wie ich mit einem Stift in der Hand die Kreuze bei Akronymen wie OPJM, CDR oder FMC machte. Ich tat es automatisch, ohne Überzeugung, ich wollte sie in dem  Glauben lassen, dass ich eine integrierte, revolutionäre, “normale” Mitbürgerin war.

Seit vielen Jahren wiederhole ich nun keine Slogans und gehöre zu keiner der offiziellen Vereinigungen des Landes. Wenn ich gefragt werde, so antworte ich, dass ich eine unabhängige Bürgerin oder ein freies Elektron bin und dass sich meine politische Plattform darauf beschränkt, die Straffreiheit der Meinungsverschiedenheit zu fordern. Aber mir ist klar, dass wir weit davon entfernt sind, diese Ziele zu erreichen. Trotz der Änderungen und versprochenen Öffnungen werden Kritiken immer noch nicht gerne gesehen, sei es an der Führung eines Ministers oder an dem Stundenplan einer Schule und man darf nicht einmal daran denken, eine eigene Partei zu gründen, nicht einmal den unschuldigen Club der Freunde der Salamander.

Und meine zehn Prozent Zuneigung?

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Am letzten Montag erlebten alle Wechselkassen im Land einen anstrengenden Arbeitstag. Vor der Kasse in meiner Nähe bildete sich schon im Morgengrauen eine Schlange von 40 Personen, die den Wachmann zurecht wiesen. Die Nachricht, dass die Parität zwischen dem konvertiblen Peso (CUC) und dem US-Dollar wieder hergestellt werde, wurde in den morgendlichen Nachrichtensendungen angekündigt. Aber in ihrem journalistischen Ungeschick lasen die Sprecher die ganze Resolution in ihrer offiziellen Version vor, mit all ihrem technischen Vokabular, statt mit einfachen Worten zu erklären, worin der neue Wechselkurs bestand. Als sie damit fertig waren, wussten nur wenige, wie hoch der eigentliche Wert der grünen Scheine, die aus dem Norden kommen, war. Aber für alle Fälle gingen Tausende erst einmal zu Banken und Wechselstuben, um das Geld mit den Konterfeis von Lincoln, Franklin oder Washington einzutauschen.

Der Tag wurde von Frust bestimmt, denn manche hatten die Hoffnung, dass auch der Unterschied zwischen dem nationalen Peso – in dem die Gehälter gezahlt werden – und dem anderen Peso, auch chavito genannt, der unentbehrlich ist für die meisten Dinge, die wir brauchen. Aber so war es nicht, die Maßnahme bestand nur darin, den konvertiblen Peso um 8 % in Bezug auf den US-Dollar abzuwerten. Das Wort “Parität” sorgte für die größte Verwirrung, denn für die verärgerten Kunden war es schwer zu verstehen, dass weiterhin die Gebühr von 10 % auf jeden Dollar, der bar eingewechselt wird, anfällt. Auf diese Weise will die Regierung mehr Anreize dafür schaffen, Dollars per Bankgeschäfte zu überweisen, und es weiterhin bestrafen, wenn Dollars auf dem persönlichen Weg ins Land gelangen, meistens über sogenannte mulas, “Maultiere”.  Anpassungen in unserem Bankwesen sind so notwendig und dringend, dass die jetzige Resolution nur ein Tropfen ist in dem Ozean an Währungs-Absurditäten, die es zu reparieren gilt. Die Langsamkeit erdrückt uns, die Trägheit nagt an unseren Taschen.

Deshalb war in der Schlange vor der Wechselstube in meinem Viertel die Unruhe offensichtlich und es kam zu harten Auseinandersetzungen unter den Wartenden. Der Höhepunkt war erreicht, als eine alte Dame etwa 87 Centavos für jeden Dollar, den sie wechselte, erhielt. “Mein Sohn arbeitet sehr hart, um mir dieses Geld zu schicken, und seht, was sie daraus machen”, sagte sie. Ein Mitglied der Partei, der auch wartete, um das Geld des “Feindes” einzuwechseln, ermahnte sie, sich nicht zu beschweren, sei sie doch eine Privilegierte und hätte das Glück, Geld aus dem Ausland zu erhalten: Da sei doch das Mindeste, was sie tun könne, “10 % davon dem Vaterland zu geben, das es so dringend braucht”. Die Dame antwortete so schnell und so zutreffend, dass alle still wurden: “Ja, es stimmt, dass ich Unterstützung aus dem Ausland erhalte, aber ich leide auch jeden Tag darunter, dass meine zwei Kinder nicht bei mir sind. Gibt mir jetzt mein Land auch 10 % mehr Zuneigung?” Die Schlange löste sich in wenigen Minuten auf.

Dago im Fernsehen

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Ich helfe meinem Sohn bei seinen Hausaufgaben – über das Dekameron von Boccaccio – und dann sehe ich eine Fernsehserie, die von einer anderen Art Elend erzählt als dem des mittelalterlichen Italiens. Es ist eine mehr als dreißigminütige Übertragung voller erzwungener Schlussfolgerungen – die wenig überzeugen – über die Beziehung von Oppositionellen, Künstlern und unabhängigen Journalisten zu ausländischen Kräften. Das Drehbuch basiert auf der Angst, dem Zittern der kubanischen Institutionen davor, dass einzelne Personen außerhalb der Grenzen des Staates sich austauschen, sich informieren und Erfolg haben können.

Ich beginne schon, vor Langeweile zu gähnen, als plötzlich das mir sehr bekannte Gesicht von Dagoberto Valdés erscheint, beschrieben als “konterrevolutionäres Element”. Ich stoße einen Freudenschrei aus, denn neben seinem Foto wurde auch die Zeitschrift Convivencia (Zusammenleben) erwähnt, die er führt. Ein Internetsurfer weiß, dass ein Angriff im nationalen Fernsehen zu vielen Zugriffen auf eine Seite führen kann, selbst in einem Land mit so wenig Internetzugängen wie diesem hier. Aber als meine Begeisterung für die Statistiken verfliegt, wird mir bewusst, dass mein Freund gerade öffentlich gesteinigt wird, zur Hauptsendezeit. Dago wird stark beleidigt, ohne das Recht zu haben, dazu Stellung zu nehmen. Er wird auf so eine Weise verteufelt, dass mich einige Kollegen verschreckt anrufen: “Werden sie ihn verhaften? Oder gar hinrichten?” Ich versuche, sie zu beruhigen, denn je stärker die Beleidigung ist, desto größer ist auch die Verzweiflung und die Ohnmacht, die unsere Regierenden verspüren, dass sie die neuen Phänomene der bürgerlichen Vernetzung nicht aufhalten können. Aber ich sage denen, die mich fragen, nicht, wie besorgt ich in Wirklichkeit bin, ich mache mir Sorgen um diesen Mann aus Pinar del Río, dessen Beruf es einmal war, Palmblätter aufzusammeln.

Als das schwächste der Kapitel “Kubas Gründe” endet, versende ich einige Tweets über mein Handy. Dies ist einer der größten Unterschiede – denke ich, während ich tippe – zwischen den Regierungskampagnen von früher und denen in diesem Jahrtausend der Informatisierung und der sozialen Netze. Heute zieht es ein Großteil meiner Mitmenschen vor, eine Sendung zu sehen, die mit einer illegalen Satellitenschüssel aufgenommen wurde, anstatt indoktriniert zu werden von einer Serie über verdeckte Ermittler, Hauptmänner des Innenministeriums, die mit einer verdächtig sanften Stimme sprechen, und versteckten Kameras, die das zeigen, was in der Öffentlichkeit passiert. Aber in Gegensatz zu den siebziger und achtziger Jahren hat Dago heute eine Website, ein Blog und sogar einen Twitter-Account, um das zu sagen, was sie ihm im offiziellen Libell nicht erlaubten. Er ist ein Bürger mit seinem eigenen Informationskanal, mit der Fähigkeit, Ideen zu verbreiten, eine Fähigkeit, die – bei einem solchen Angriff – zu seiner Hauptschuld wird und zu seinem einzigen Schutz.