Scheitern oder Erfolg haben

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Für diejenigen, die in einem Land groß geworden sind, in dem der Staat über Jahrzehnte das Arbeitgeber-Monopol innehatte, ist die Erfahrung, sich plötzlich selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen, wie ein Sprung ins Leere. Deshalb macht sich in diesen Tagen Angst unter den Arbeitern breit, während sie auf die Veröffentlichung der gefürchteten Listen warten, die die Namen derer enthalten, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Doch nicht nur Ängste kommen auf, sondern auch Opportunismus und Vetternwirtschaft. Die Entscheidung darüber, wer seine Stelle behalten kann und wer nicht, obliegt den jeweiligen Leitern der Arbeitszentren, und man weiß schon von Fällen, in denen nicht die fähigsten Leute im Betrieb bleiben, sondern diejenigen, die dem Leiter am nächsten stehen. Widersprüchlicherweise sind es die unterbezahlten Stellen, die sie versuchen zu halten, und die Kürzung von einem Viertel der aktiven Arbeitskraft bedeutet momentan keine Anhebung der Löhne für die, die bleiben.

Die Versammlungen mit dem Ziel, die Belegschaft zu reduzieren, werden in jedem Arbeitszentrum abgehalten, sogar in so sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitssektor. Hier wird über etwas Wichtigeres entschieden als über den Monatslohn oder die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Unternehmen oder einer bestimmten Institution. Denn es ist auch der Moment, um die Augen für ein anderes Kuba zu öffnen, in dem die Grundvoraussetzung der Vollbeschäftigung nicht mehr an die große Glocke gehängt wird und in dem sich die selbstständige Arbeit wie eine unwirtliche und unsichere Option auftut. Einige werden den weißen Kittel gegen eine Friseurschere tauschen, oder die Injektionsspritze gegen einen Ofen, in dem Pizzas und Brot gebacken werden. Auf dem Weg werden sie lernen, dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit auch unvermeidbar politische Unabhängigkeit mit sich bringt, sie werden scheitern oder Erfolg haben, sie werden bei der Steuererklärung lügen oder ehrlich sagen, wie viel sie verdient haben. Kurzum, sie werden einen neuen, schwierigen Weg einschlagen, auf dem Vater Staat sie nicht stützen kann, aber auf dem er auch keine Macht hat, sie zu bestrafen.

Übersetzung: Florian Becker
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