“Genosse” Granma

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Er würde häufig die Faust erheben, während er mit seiner weittragenden Stimme und hochrotem Kopf alle anschreit, die sich gegen ihn stellen. So wäre die Zeitung „Granma“, wenn ihr ein wundersamer Windstoß Leben einhauchen und sie in einen Mann verwandeln würde, wenn ein seltsamer Zauber ihren Körper aus Zeitungspapier zu Fleisch und Blut werden ließe. Er würde Karohemden tragen und mit Stolz die steifen Bügelfalten zur Schau tragen, die er durch fortwährende Behandlung mit Wäschestärke erhalten hat. Die Tageszeitung der einzigen in Kuba erlaubten Partei wäre ein Mann von unbestimmbaren Alter und völlig veralteter Mentalität, der seine Orden vorzeigen und unablässig von Heldentaten berichten würde, die er vermutlich nie begangen hat. Er würde anderen nie zuhören, weil seine nie endenden Tiraden alle Kritik, gegensätzliche Ideen und kleinste Fünkchen der Andersartigkeit ersticken würden. Er würde sich verhalten wie der griesgrämige alte Mann, der nicht einmal mehr mit seinen eigenen Kindern spricht und der zusehen musste, wie sich alle, die er einst liebte, von ihm abgewendet haben.

Granma würde, wie einige, die ich kenne, sein Gesicht abwenden, wenn jemand aus seinem Umkreis ein wenig Essen vom Schwarzmarkt kauft. Und dennoch würde er seinen Teller bis zum letzten Bissen hinunter schlingen, ohne zu fragen, woher das Stück Kartoffel oder die Scheibe Brot kamen, die auf dem Tisch waren. Seine in großen Lettern geschriebenen Leitartikel würden sich überschlagen mit Aufschreien und hohlen Parolen, die er herausschreien würde, wenn er wüsste, dass die Nachbarn ihn hören. Er würde, und zwar sehr häufig, an Denunziation und Intrige appellieren. Seine langweiligen triumphierenden Reportagen würden sich vor den verzweifelten Gesichtern der ihn umgebenden Menschen in konformistische Phrasen verwandeln. Eben jene Tageszeitung, in der bis heute noch kein einziges farbiges Foto erschienen ist, wäre ein graues Wesen, das langweilige Predigten von sich gibt und in ungebremste Wutausbrüche verfällt. Es würde die kleinen, zum Überleben notwendigen Gesetzesverstöße aufspüren und sie mit derselben Dringlichkeit anzeigen, mit der jetzt Angriffe und Lügen auf seinen Seiten gedruckt werden.

Der „Genosse“, den Granma verkörpern würde, wäre einer von jenen mir fremden Menschen, die ich niemals zu mir nach Hause einladen würde.

Übersetzung: Florian Becker
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19 Gedanken zu „“Genosse” Granma

  1. Ich vermisse die die Beitraege v. Ernesto hoffentlich geht es ihm gut.Es geschieht doch so einiges in diesen Tagen was ein Kommentar benoetigt……Mir faellt jetzt ein Vers v H.Heine ein:

    Ich kenne die Weise , ich kenne den Text
    ich kenn auch die Herrn Verfasser
    ich weiss sie tranken heimlich Wein
    und predigten oeffentlich Wasser!
    Immer noch aktuell!

  2. @heriberto @allen
    Lieber Heriberto, liebe Leser und Komentaroren
    Ich freue mich sehr darüber, dass sich im Blog einiges bewegt, dass wir neue Komentatoren gewinnen konnten. Der Blog, so kann man sagen, kann mittlerweile “laufen und sitzen” (Loriot). Ich sehe derzeit meine Aufgabe in der fast täglichen Übersetzung der Tweets von Yoani. So können die Leser, die ihre Tweets auf Spanisch nicht lesen können, den Puls Kubas ziemlich nah spüren. Danke für eure Kommentare, ganz egal welche Position sie vertreten. Sie helfen, diesen Blog in schwierigen Zeiten am Leben zu halten.

    Die fehlende Zeit ist aber sicherlich nicht der einzige Grund für meine momentane Zurückhaltung. Es wäre ja gelogen! Die Revolutionswelle in der arabischen Welt wirft Fragen auf uns Kubaner und bringt eine bittere Note Frustration mit sich . Ich suche nach Antworten und stelle infrage den Stolz meiner Nation. Sind wir wirklich ein Haufen Ratten, hat bei uns wirklich eine Adaptation in darwinistischem Sinne stattgefunden, die Angst und Opportunismus im DNS der geborenen auf dieser Insel nach 1959 genetisch verankert hat? Die arabische Welle wirkt demoralisierend auf uns. Ich möchte im Moment nicht allzu viel reden. Es kommen bestimmt andere Zeiten.

  3. Es gibt die Geschichte, ob sie stimmt weiß ich nicht, dass der Anstoß für die Ereignisse, die in Tunesien begonnen haben von einem Obst- und Gemüseverkäufer ausging, der als studierter Akademiker sich mit seinem Dasein in Tunesien abgefunden hatte, auf der Strasse tagein tagaus Gemüse und Obst zu verkaufen.

    Das Fass zum Überlaufen brachte dann nicht, dass ihn die Polizei mal wieder wegen einer Nichtigkeit verhaftete und mit auf die Wache nahm. Nein, das Fass lief über als ihn der Polizist mit einer Ohrfeige demütigte oder auch “aufweckte”. Denn danach ging dieser Mann wütend auf die Straße, um für seine Rechte zu protestieren. Er sollte nicht der einzige bleiben. Soviel zu Geschichten….

    Die Chancen für Kuba stehen insofern ganz gut. Es gibt genügend Akademiker in Kuba….. sie brauchen noch einige Zeit als Obst- und Gemüseverkäufer….und sie wird kommen – diese “belanglose” Situation! Ganz sicher!

  4. @Ernesto

    Wie viele Tote (in Arabien sin es schon ein Paar hundert) sind fuer Dich noch vertretbar, damit Kuba Privatpresse, Privat TV, und Internet zu Hause bekommt?
    Wuerdest Du nach Kuba reisen, wenn das schiessen beginnt?

  5. @Ernesto Bin erfreut von dir zu hoeren und kann Deine Reaktion verstehen, man hat ja schon so oft geglaubt und es hat keinn grossen Zweck Hoffnungen zu erwecken wenn dann doch nichts kommt.Wie sagt man in Deutschland:Abwarten und Tee trinken !(Wenns auch schwer faellt)

  6. In Kuba wird es zu keinem Umsturz kommen wie in den arabischen Ländern, dazu fehlen die nötigen Voraussetzungen. Es müsste eine offensichtliche Empörung gegen die Politik der Regierung geben, dazu ein tief sitzendes Unrechtsempfinden bein Volk gegenüber willkürlichen Maßregelungen der Exekutive.
    Dies ist in Kuba nicht der Fall. Es gibt vielerorts Unzufriedenheit. Es gibt materielle Engpässe. Es gibt ein offensichtliches Unbehagen gegenüber den sozialistischen Diskurs bei vielen Intellektuellen. Es gibt aber auch ein weitverbreitetes Einverständniss darüber, dass die Probleme der Insel nicht “hausgemacht” sind sondern auf die revanchistische Politik der USA zurückzuführen sind. Die politische Elite Kubas, mag sie noch so vielen auf der Insel verkrustet und anachronistisch erscheinen, gilt als moralisch integer. Es gibt keine reichen Söhnchen mit vollen Schweizer Konten,die irgendwann Papis Macht erben werden und sich derweil im europäischen Jet- Set rumtreiben und Peinlichkeiten von sich lassen, wie die Gadaffis oder Mubaraks. Es gibt bestimmt in Miami einige die davon träumen mit Hilfe der USA in Kuba ihren grossen Coup zu landen, derweil sich die Amis fragen was sie wohl falsch gemacht haben mit ihren arabischen Verbündeten die letzten paar Jahrzehnte.

  7. Die Granma ist soooooooooooo langweilig.

    Als Fidels Reden (ist schon Geschichte) auf 6 Seiten gedruckt worden waren, habe ich dort nur nach dem Wort in eckigen Klammern [risas] (Gelächter) gesucht. Der Comandante hat manchmal Lustiges gesagt.

    Aber heute ist auch das verschwunden.

  8. @algabony
    In Kuba gibt es Empörung und Verdrossenheit, Unrechtempfinden gegenüber der Exekutive ohne Ende, aber auch Gleichgültigkeit und Apathie, Null-Bockstimmung. In Kuba gibt es aber keine Engpässe. Dort herrscht seit mehr als 50 Jahren ein Desaster in der Versorgung. Die anhaltende Misere hat uns Kubaner in fleißige Ameisen verwandelt, die nur mit der Versorgung ihrer eigenen Familie beschäftigt sind. Möglicherweise ist das ein Grund für das Bestehen der Revolution unter uns. Jeder kämpf im eigenen Graben.

    Es sind nicht die Intellektuellen, die den Diskurs der Kommunisten nicht mehr ertragen können. Das Volk will und kann nicht mehr zuhören, muss aber! In den 80gern mussten Systemkritiker aufpassen, mit wem und vor wem sie redeten. Heute, wenn du als Kubaner unter Kubanern (!!!), auf der Straße, im Taxi, im Krankenhaus, die Revolution lobst, stehst du schnell als Außenseiter da. Die „comunistoides“ werden in der Familie im besten Falle toleriert. Das Märchen USA-Embargo, als Erklärung für unser Elend, glauben eher ausländische Intellektuelle, nicht die Kubaner selbst. Und Papis Söhne haben wir übrigens auch, sicherlich nicht im arabischen Stil, aber für unsere Verhältnisse sind sie ganz schön privilegiert. Moralische Integrität ist in Kuba ein sehr antiquierter Begriff. „Se acabó el amor“ – haben die Van Van schon Anfang der 80er gesungen.

  9. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Kuba und den arabischen Ländern:

    Castro & Co. haben von der katholischen Kirche gelernt – ja so ist es. Sie haben den Glauben an die schöpferische, schützende Kraft (=Gott) gegen die schützende Kraft des Sozialismus (=Castro) eingetauscht. Sie haben die Wahlfreiheit und das göttliche Geschenk des freien Willens des Individuums abgeschafft.

    Und das Volk mit Schuldgefühlen so vollgepumpt (nie ist etwas gut genug!), dass sie inzwischen fast alle an die eigene Kleinheit glauben und sich in der Dunkelheit von kollektiver und persönlicher Schuld eingerichtet haben. Der Katholik kämpft mit der potenten Sexualität und der Sozialist mit dem potenten Kapital.

    Nicht nur, dass Kubaner sich erzählen lassen mussten/müssen, dass sie die Revolution nicht gepackt haben, sie sehen, dass sie die Früchte der Generationen vor ihnen aufgezehrt und die Grundlage vernichtet haben. Sie haben die Ahnen nicht geehrt, sie haben Gott eingetauscht und vor Castro bis heute versagt – glauben sie!

    Kubaner müssen verstehen, dass sie nicht nur das jammernde Opfer sind, sondern Täter, die sich falsch entschieden hatten und JETZT ihre Entscheidung erneut treffen: für die Demokratie.

  10. @Ernesto
    Magst im vielen Recht haben, dennoch scheint die Empörung nicht soweit zu gehen, dass es zündelt.
    Kaum jemand würde sich auf die Strasse stellen und schreien : “Tod Fidel Castro”. Er hat nun mal keine Bankkonten in der Schweiz und für viele ist er eine Art heldenhafter Uropa, der mit seinen alten Geschichten nervt, den man aber irgendwie trotzdem achtet. Er taugt nicht als Projektionsfläche für den Volkszorn, wie ein Mubarak oder Gadaffi.
    Übrigens ist das Embargo kein Märchen, sondern im Grunde völkerrechtswidrig. 2002 stimmten 170 Ländern gegen das Embargo, gegenüber drei Staaten, die dafür stimmten (rate mal welche). Warum ist Kuba das einzige Land auf der Welt das seit nunmehr fünfzig Jahren ein totales wirtschaftliches Embargo über sich ergehen lassen muß? Gibt es dafür irgendeine vernünftige Eklärung? Welches Verbrechen hat Kuba begangen, dass es so dafür bestraft wird?

  11. @algabony
    “vernünftige Eklärung” des US Embargos gibt es.
    Die US-Kuba Politik wird in Miami gemacht, nicht in Washington. Der Bundesstaat hat genug Stimmen um die Präsidentewahl zu beeinflussen.

    Mir scheint verdächtigt, das Yoani zu dem Embargo sich kaum äussert. Sie hat sich vor ca. einem Jahr vorsichtig gegen das Embargo ausgesprochen, sie schreibt aber 5 tweets pro Tag.. Es geht um Millionen der US-Touristen, um Miliarden von $$$.

  12. Meiner Meinung nach, ist das vielzitierte US-Embargo nur noch ein Schatten seiner selbst!
    Im Stillen hat sich die USA zum größten Lebensmittellieferanten für Kuba gemausert. (So habe ich es gelesen, überprüfen kann ich es natürlich nicht!)
    Was das technische Embargo betrifft, da stimme ich zu, auch wenn es heute viele Möglichkeiten gibt, dies zu umgehen. Aber “das liebe Geld” verhindert das offensichtlich!
    Wie viele Exilkubaner in Miami und den anderen Staaten lauern, kann man nur schätzen!
    Aber auf die Frage, wieviel Tote man einkalkuliert, oder ob man es in Kauf nimmt, das überhaupt jemand stirbt, habe ich nur eine Antwort!
    Das Volk kennt seinen “Regenten”, besser als jeder Aussenstehende!!!
    Ob es für die Freiheit wert ist, Opfer (auch in Form von Menschenleben!!!) zu bringen, kann nur die eigene Bevölkerung entscheiden.
    Aber wie man es jetzt sehen kann, sie sind dafür bereit!!!
    Ich glaube nicht das es in Kuba zum Äußersten kommt, ebensowenig wie damals in der DDR! Denn auf das eigene Volk zu schiessen (wie Gadaffi), würde sich zum Bummerrang entwickeln.
    Ich kenne einige, die damals, die Waffe in die andere Richtung gehalten hätten! (mich eingeschlossen!)
    Aber ob es dafür schon bereit ist ??? Lassen wir es die Kubaner, die es jeden Tag miterleben müssen, selbst entscheiden!

  13. Ohne den ungehinderten Austausch von Meinungen oder Ideen ohne Angst vor Repressalien gibt es keine Bewegung. Kuba köchelt vor sich hin, wie auch Deutschland vor sich hinköchelt. Die Deutschen haben es aber verstanden, wenigstens den Schein von Meinungsfreiheit aufrechtzuerhalten. Alle erfreuen sich deshalb am Theater, das Freiheit heißt.

  14. @heriberto
    Auch “ein Herz und eine Seele” kann geleignet werden.
    In Venezuela darfst du unbehindert ausreisen und Waren importieren. In Kuba nicht.
    In Kuba darfst du unbehindert Christentum predigen – probiere es mal in Tripolis.

    Jedes Land hat andere herrschende Klasse und daraus ergeben sich unterschiedliche Gesetze.

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