“Genosse” Granma

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Er würde häufig die Faust erheben, während er mit seiner weittragenden Stimme und hochrotem Kopf alle anschreit, die sich gegen ihn stellen. So wäre die Zeitung „Granma“, wenn ihr ein wundersamer Windstoß Leben einhauchen und sie in einen Mann verwandeln würde, wenn ein seltsamer Zauber ihren Körper aus Zeitungspapier zu Fleisch und Blut werden ließe. Er würde Karohemden tragen und mit Stolz die steifen Bügelfalten zur Schau tragen, die er durch fortwährende Behandlung mit Wäschestärke erhalten hat. Die Tageszeitung der einzigen in Kuba erlaubten Partei wäre ein Mann von unbestimmbaren Alter und völlig veralteter Mentalität, der seine Orden vorzeigen und unablässig von Heldentaten berichten würde, die er vermutlich nie begangen hat. Er würde anderen nie zuhören, weil seine nie endenden Tiraden alle Kritik, gegensätzliche Ideen und kleinste Fünkchen der Andersartigkeit ersticken würden. Er würde sich verhalten wie der griesgrämige alte Mann, der nicht einmal mehr mit seinen eigenen Kindern spricht und der zusehen musste, wie sich alle, die er einst liebte, von ihm abgewendet haben.

Granma würde, wie einige, die ich kenne, sein Gesicht abwenden, wenn jemand aus seinem Umkreis ein wenig Essen vom Schwarzmarkt kauft. Und dennoch würde er seinen Teller bis zum letzten Bissen hinunter schlingen, ohne zu fragen, woher das Stück Kartoffel oder die Scheibe Brot kamen, die auf dem Tisch waren. Seine in großen Lettern geschriebenen Leitartikel würden sich überschlagen mit Aufschreien und hohlen Parolen, die er herausschreien würde, wenn er wüsste, dass die Nachbarn ihn hören. Er würde, und zwar sehr häufig, an Denunziation und Intrige appellieren. Seine langweiligen triumphierenden Reportagen würden sich vor den verzweifelten Gesichtern der ihn umgebenden Menschen in konformistische Phrasen verwandeln. Eben jene Tageszeitung, in der bis heute noch kein einziges farbiges Foto erschienen ist, wäre ein graues Wesen, das langweilige Predigten von sich gibt und in ungebremste Wutausbrüche verfällt. Es würde die kleinen, zum Überleben notwendigen Gesetzesverstöße aufspüren und sie mit derselben Dringlichkeit anzeigen, mit der jetzt Angriffe und Lügen auf seinen Seiten gedruckt werden.

Der „Genosse“, den Granma verkörpern würde, wäre einer von jenen mir fremden Menschen, die ich niemals zu mir nach Hause einladen würde.

Übersetzung: Florian Becker
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