Ägypten 2.0

plaza_tahrir

Licht und Schatten auf dem Tahrir-Platz, ein rötlich schimmerndes Lichtermeer, unterbrochen von den Blitzlichtern der Fotoapparate und dem Glanz der Handydisplays. Ich war nicht dort und trotzdem weiß ich, was jeder der Ägypter, die sich gestern Abend im Zentrum von Kairo versammelt haben, fühlte. Ich, die ich nie in der Öffentlichkeit schreien oder weinen konnte, glücklich darüber, dass die Ära des autoritären Regimes, unter dem ich geboren bin, beendet ist. Ich sage ganz offen, ich würde mich genauso verhalten, ich wäre sprachlos, ich würde anderen um den Hals fallen, ich würde mich leicht fühlen, als ob eine enorme Last von meinen Schultern abgefallen wäre. Ich habe noch keine Revolution erlebt, noch weniger eine bürgerliche, aber diese Woche habe ich, trotz der Zurückhaltung in den offiziellen Nachrichten, gespürt, dass der Suezkanal und das karibische Meer nicht so weit von einander entfernt sind, nicht so unterschiedliche Orte sind.

Während die jungen Ägypter sich über Facebook organisierten, beobachteten wir bestürzt, wie der Vortrag eines Cyberpolizisten ans Licht der Öffentlichkeit kam, für den die sozialen Netze „der Feind“ sind. Wie recht dieser Zensor der Kilobytes und seine Chefs haben, wenn sie diese virtuellen Plätze fürchten, wo wir Individuen uns verabreden können und uns der staatlichen, Partei- und ideologischen Kontrolle entziehen können. Wenn ich die Worte des jungen Wael Ghonim* lese „Sie möchten ein freies Land? Geben Sie ihm Internet!“, verstehe ich nun die Zurückhaltung besser, die unsere Machthaber zeigen, wenn es darum geht, uns den Internetzugang zu erlauben oder nicht. Sie haben sich daran gewöhnt, das Informationsmonopol zu besitzen, das zu regeln, was uns erreicht und für uns das, was innerhalb und außerhalb der nationalen Grenzen passiert, zu interpretieren. Jetzt wissen sie, dass jeder Schritt, den sie uns in den Cyberspace machen lassen, uns Tahrir näher bringt, uns schnell zu einem Platz bringt, der erbebt, und zu einem Diktator, der abdankt.

Anm.d.Ü.
* Wael Ghonim ist ein inzwischen weltbekannter Internet-Aktivist aus Ägypten.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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9 Gedanken zu „Ägypten 2.0

  1. Schöner Tekst. Es ist schön, die Träume zu haben.

    Doch in einem Punkt muss ich Dir widersprechen, liebe Joani. Und zwar dort, wo Du “Ich habe noch keine Revolution erlebt” behauptest.

    Ich bin nicht sicher, ob die kubanische Rewolution sozalistisch war, es war aber mit Sicherheit eine Immobilien-Revolution. Zigtausende Enteignungen, die ehemeligen Titel-Inhaber sitzen heute in Miami. Sie träumen auch, aber nicht von Internet, sondern von dem verlorenen Boden. Sehr warscheinlich (weil Du in Vedado wohnst) auch von dem Grunstück, auf dem heute dein Appartmenthaus steht. Ich kenne Immobilenrecht. Die Titel verfallen nicht Aufgrund einer administrativen Entscheidung einer revolutionären Regierung.

    Sei nicht naiv, Yoani. Ohne Internet kann man noch leben. Ohne eigenen vier Wänden viel schlechter.

  2. Ich *habe* bereits eine friedliche Revulotion miterlebt – 1989 in der DDR. Die Bilder vom Tahrir-Platz haben mich sehr an die Zeit damals erinnert, an die Befürchtungen, dass die Bewegung gewaltsam niedergeschlagen wird, an die unglaublich interessanten, fast täglichen Veränderungen – besonders aber an das Gefühl der Freiheit, als ich das erste Mal durch den bis dahin undurchdringlichen Grenzübergang (Berlin Bornholmer Straße) ging, an die Freude in wirklich allen Gesichtern.

    Danach lief sicherlich nicht alles perfekt, es gab auch Probleme mit Immobilien, wie Ricardo sie beschreibt – trotzdem war diese Revolution notwendig und erfolgreich. Daher möchte ich Ricardos Aussage erweitern:

    “Ohne Internet kann man noch leben. Ohne eigenen vier Wänden viel schlechter.” Ohne Freiheit vegetiert man nur.

  3. @Thomas
    Die Folgen der “friedlichen Revulotion” in der DDR 1989 sind durch Harz IV abgemildert worden. Niemand ist auf die Strasse herausgeforfen worden. Wie Du in Mecklenburg-Vorpommern siehst, kann man auch in der Freiheit vegetieren.

    Nur reiche Länder können sich durch Sozialprogramme die Ruhe kaufen. Kuba nicht. Mexico winkt. Freiheit lockt.

  4. Es verwundert mich sehr, daß hier behauptet wird, in Kuba dürfe man nicht öffentlich weinen oder schreiend Hochrufe auf das revolutionäre Cuba ausbringen.

    Den DDR – Bürgern ging es nicht um Freiheit, das war die Minderheit, denen ging es um besseres Leben. Besseres Leben kommt aber nicht alleine. Die DDR – Bürger hatten Glück, daß die BRD besseres Leben importierte, als Bruderhilfe und jetzt leben Deutsche, die nicht arbeiten, besser als manche DDR – Bürger, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Rechnet man eine bessere Gesundheitsversorgung, eine bessere Infrastruktur und besseres Wohnen hinzu. Das wurde aber von den Westdeutschen und dem Kapitalismus ermöglicht, durch harte, harte Arbeit. Freiheit bringt keinen Wohlstand, sie ist aber Voraussetzung dafür, daß Menschen die Früchte ihrer Arbeit selbst geniessen können. Nur Arbeiten muß man eben. Ob die Revolutionäre auf den Plätzen das gewöhnt sind, das kann man wohl bezweifeln. Wer in eine sozialistische Versorgungsindustrie eingebunden ist, der kann sich nur sehr schwer von dem Gedanken trennen, daß ihn der Staat gefälligst zu versorgen hat.

  5. Die Bloggerin, im Bezug auf Egypten, schreibt ” würde mich genauso verhalten” (Unruhe machen).

    Sie schon. Aber kaum ein anderer Kubaner.
    Denn, wie Karl Eduard dice, nur eine Minderheit wuerde wegen des Internets oder fuer die Privatpresse das Leben riskieren. 360 Egypten sind gefallen.

    Schreib ein Jahr spaeter, Yoanni, ob sich der Tod der 360 Menschen gelohnt hat. Und ob Du den Tod gerne teilen wuerdest.

  6. Also, es soll sich ja naechste Woche allerhand tun…was koennn WIR diesbezueglich machen? Viel mehr als eine moralische Unterstuetzung wohl nicht.Wir koennen nur hoffen das die Zeit jetzt reif ist,ehrlich gesagt die Opposition riskiert den Kopf und das bischen Essen um zu ueberleben….und das macht nun mal keiner sehr gern….aber trotzdem….selbst in Hitler-Deutschland existierte die Weisse Rose und tapfere Jugend…..Yoani, estamos cointigo !!!

  7. @heriberto
    Wie kannst Du die Weisse Rose mit kubanischen Dissidenten vergleichen?

    Die Weisse Rose waren Helden. Sie haben das Leben riskiert und geopfter, ohne Privatinteressen, ohne Unterstützung aus dem Ausland.

    Die Dissidenten sind Poker-Spieler. Im schlimmsten Fall haben riskieren sie ca. 5 Jahre Haft (Realstrafe). Dafür hoffen sie in Post -Castro Cuba auf Senatoren und Ministerposten. In der Zwischenzieit geniessen sie verschiedene Preise in harter Währung, dolce vita. Für das laudenfe Jahr haben die USA 20 Mio für sie bestimmt. Teile es durch die drei Dutzend Pokeristen.

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