Die Internationale Informatikmesse auf der Insel ohne Webzugang

informatica2011
Das im wohlhabendsten Gebiet der Stadt gelegene Messe- und Ausstellungszentrum Pabexpo zeigt dieser Tage Informatikprodukte, die innerhalb und außerhalb unseres Landes hergestellt wurden. Hier treffen sich Gäste aus der ganzen Welt, so auch eine große Gruppe Ausländer, die meinem Eindruck nach mehr Interesse daran hätten, eine Reise in unsere technologische Steinzeit zu unternehmen, als Geschäfte mit kubanischen Firmen zu machen. Das Kaspersky Lab präsentiert zum Beispiel seinen bekannten Antivirus, der in Zusammenarbeit mit der staatlich kubanischen Firma Segurmática entwickelt wurde. Alles wirkt fast so, als geschehe es auf einer vergleichbaren Messe in einem beliebigen anderen Teil der Welt, wenn da nicht ein kleines Detail stören würde: Wir sind hier auf der Insel der Menschen ohne Webzugang.

Obwohl wir schon das Jahr 2011 schreiben, konnten wir Bewohner des „Archipels Kuba“ bisher keine Fahrkarte für Bus oder Zug, geschweige denn einen Flug über das Internet kaufen. Wir wissen nicht, wie es ist, unser Bankkonto via Onlinebanking zu verwalten, und irgendetwas über den Bildschirm eines Computers zu kaufen ist etwas, das wir nur aus ausländischen Filmen kennen. Bis zum heutigen Tage haben meine Mitbürger nicht die Möglichkeit, einen Ämtergang per E-Mail zu erledigen, und sei es nur die einfache Beantragung der eigenen Geburtsurkunde. Ganz zu schweigen davon, einen Urlaub über die schicke Homepage der Hotelkette Islazul zu buchen. Von den hunderten meiner Freunde hat es bisher kein einziger geschafft, selbst (und von Kuba aus) sein Handy-Guthaben über eines dieser Online-Portale aufzuladen, die damit werben, dass man sich bei ihnen das Anstellen in den langen Schlangen vor den ETECSA-Filialen* spart. Wir Kubaner sind ein Volk, das nie die Möglichkeit hatte, seine Rechnungen via Internet zu zahlen, und das mit raubkopierten Programmen lebt, da es keine Möglichkeit gibt legale Lizenzen zu kaufen.

Das alles würde wohl viel eher zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts passen als zum zweiten Jahrtausend, doch in genau diesem Szenario leben wir. Und eben deshalb wirkt diese Informatikmesse auch wie ein Abglanz der Zukunft, wie ein Schaufenster, um Anderen das zu zeigen, was wir selbst noch nicht einmal kosten konnten. Danach werden die Besucher nach Hause zurückkehren und das hohe Niveau der kubanischen Software-Entwickler rühmen und sich an den vorzüglichen Mojito erinnern, den sie auf der Abschlussfeier bekommen haben. Währenddessen aber bleiben wir im Schatten des Nicht-Angeschlossen-Seins zurück, fahren autistische Computer hoch, die sich nicht mit anderen verbinden können. Wir träumen davon (das schon!), dass eines Tages, wenn wir ein Online-Formular ausfüllen, die Bestätigungsmeldung auf unserem Bildschirm erscheint: „Vielen Dank für Ihren Einkauf. Ihr Fahrschein nach Guantánamo wurde reserviert. Gute Reise!“

Anm. d. Ü.
*ETECSA ist das staatlich kubanische Telekommunikationsunternehmen, der einzige Anbieter für Telefon, Mobilfunk und Internet auf der Insel.

Übersetzung: Florian Becker
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3 Gedanken zu „Die Internationale Informatikmesse auf der Insel ohne Webzugang

  1. “Satelitenschüssel” im Taschenformat kommt auf den Markt Ende 2011. Es hat die Grösse einer Zigarettenschachtel und erlaubt Satelitensignale mit einer traditionellen TV-Antenne brauchbar zu empfangen.

    Info-Monopolisten zittern heute schon.

  2. primera vez que mi respeto por su trabajo aquí en este blog.
    Bien difícil de creer que no hay tal cosa, sin embargo, la informática justo sin información.
    Un poco te puedo seguir, mi esposa es de la antigua Alemania Oriental, donde fue similar, aunque ciertamente no es lo mismo.

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