Die Barrieren überwinden

La ciber policia en Cuba from Coral Negro on Vimeo.

Gehören Sie zu denen, die die Lügen fabrizieren, oder zu denen, die sie glauben? Ich würde diese Frage gerne dem Referenten stellen, der eine umständliche Verschwörungstheorie in diesem Video ausbreitet. Wenn er jemand ist, der nur eine Botschaft übermittelt, dann ist die Antwort einfach: die Unwahrheit wird weiter oben zusammengebraut und er ist nur einer, der sie verbreitet. Aber ich fürchte, dass er einen Teil dessen, was er vor diesen mürrischen Militärs darlegt, die eine Menge Sterne auf ihren Uniformen zur Schau tragen, sich selbst ausgedacht und selbst ausgebrütet hat. Seine sehr lange Wortmeldung, unterfüttert mit Wörtern wie „Feind“, „Einsatzkommando“, „die Bösen“ zeigt mir, dass man über sehr moderne Technologien in einer recht veralteten Sprache reden kann. Er scheint die Wesensverwandtschaften und Verbindungen, die Seiten wie Facebook und Twitter knüpfen, nicht zu verstehen, denn er erklärt seinen Zuhörern die technische Seite, ohne zu erkennen, dass die Individuen selbst sich zusammentun und – oh Schreck! – die ideologischen Barrieren überwinden. Auch wenn dieser junge Mann einmal ein brillanter Informatiker werden kann, in Sozialwissenschaft ist er durchgefallen.

Auf diesen fiktiven Grundlagen entwerfen sie in Zukunft Strategien, die der alternativen Blogosphäre kaum Schaden zufügen wird. Während sie glauben, dass der Impuls nicht von uns ausgeht, sondern dass uns andere wie Marionetten führen, werden sie Taktiken entwickeln, die viel Lärm machen, aber geringe Ergebnisse erzielen. Die Erkenntnis, dass der neue Mensch, ihr neuer Mensch, keine Lust mehr hat, Soldat zu sein, Parolen zu wiederholen, bei den politischen Versammlungen zu applaudieren und jetzt seinen eigenen Raum zur freien Meinungsäußerung haben will, käme dem Eingeständnis ihres Scheiterns gleich. All die Mauern und Grenzen, die man uns im realen Kuba gesetzt hat, die überspringen wir gerade in diesem unendlichen Cyberspace, der sie so sehr um den Schlaf bringt. Wenn sie uns schon nicht mehr kontrollieren können, so lassen wir ihnen doch wenigstens den Trost, uns zu diskreditieren.

*Ich danke der Kommentarschreiberin meines Blogs, die mir den Link zu diesem Video zukommen ließ. Die Veröffentlichung dieses Videos ist der handfeste Beweis dafür, dass unsere Regierung das Informationsmonopol verloren hat, sogar was ihre vertraulichen Materialien betrifft. Es lebe Cubaleaks!

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Bitterer Kaffee

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Foto: Ein Kunstgebilde aus Espressokannen

Ein kleiner Schluck Kaffee am Morgen ist das kubanische Äquivalent zum Frühstück. Es ist fast alles entbehrlich: Brot, Butter und sogar die so schwer beschaffbare Milch. Aber wenn unser heißes und anregendes Tässchen Kaffe nach dem Aufstehen fehlt, ist das der Auftakt für einen schlechten Tag. Meine Großeltern, mein Eltern und alle anderen Erwachsenen, die mich als Kind umgaben, tranken Tasse um Tasse dieser dunklen Flüssigkeit, während sie sich unterhielten. Immer wenn jemand nach Hause kam, wurde der Espressokocher auf den Herd gestellt. Denn das Ritual, gemeinsam eine „Colada“* zu trinken, war genauso wichtig, wie sich zu umarmen oder sich gegenseitig nach Hause einzuladen.

Vor einigen Wochen verkündete Raúl Castro, dass der Kaffee des staatlich rationierten Marktes von nun an mit anderen Zutaten gestreckt würde. Es war sympathisch, einen Regierungschef über solche kulinarischen Themen sprechen zu hören, aber zugleich war es auch Anlass zu Scherzen unter der Bevölkerung, dass nun etwas offiziell verkündet wurde, was schon seit Jahren auf der gesamten Insel ganz normale Praxis ist. Nicht nur wir Bürger verfälschen schon seit Jahrzehnten unser wichtigstes Nationalgetränk. Der Staat selbst hat uns schon längst an Einfallsreichtum überholt, ohne irgendwelche Angaben auf die Etiketten der Produkte zu schreiben. Auch die Herkunftsbezeichnung „kubanisch“ kann man für den Vertrieb des anregenden Gebräus nicht mehr verwenden, denn es ist für niemanden ein Geheimnis, dass unser Land große Mengen aus Brasilien und Kolumbien importiert. Während die Nationale Kaffeeproduktion einst 60 000 Tonnen pro Jahr verarbeitete, werden heute nur noch 6000 Tonnen erreicht.

In den letzten Monaten ist der „schwarze Nektar der weißen Götter“, wie er einmal genannt wurde, zu einer Rarität geworden. Die Hausfrauen mussten die alte Gewohnheit wieder aufnehmen, geröstete Erbsen zu mahlen und mit dem Kaffee zu vermischen, um jenes bittere Schlückchen zu sichern, das wir zu uns nehmen sobald wir die Augen aufschlagen. Ob man das noch Kaffee nennen kann, können wir schon nicht mehr sagen. Aber zumindest ist es etwas Heißes und Bitteres, das man morgens trinken kann.

Anm. d. Ü.
* „Colada“ ist eine kubanische Kaffeespezialität. In einer kleinen Tasse wird ein sehr starker, schwarzer Kaffee serviert, etwa vergleichbar mit dem italienischen Espresso.
Übersetzung: Florian Becker
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