Die gerettete Telenovela

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Ich bin im Aufzug, gemeinsam mit einer Nachbarin. Wir grüßen uns, reden über das Wetter und fragen uns, ob wohl der Laden an der Ecke nun endlich wieder Eier geliefert bekommen hat. Wir sind noch in der sechsten Etage, als sie mir, im Schutze der momentanen Privatsphäre der Aufzugskabine, auf einmal sagt, dass sie dank mir eine kolumbianische Telenovela sehen konnte. Ich verstehe gar nichts. Welchen Bezug könnte es geben zwischen dieser Bloggerin, die melodramatische Seifenopern mit Skepsis betrachtet, und der Kunst, die Menschen vor den Fernsehern zum Weinen zu bringt? Aber die Frau besteht darauf. In Gedanken bin ich bereits bei den Drehbücher des guten alten Félix B. Cañet*, als uns immer noch vier Stockwerke bis zum Erdgeschoss fehlen.

Die Antwort überrascht mich. Während auf der Anzeige des Aufzugs die Nummer Drei erscheint, erzählt sie mir, dass die Angst vor der Dunkelheit des Parks, der an einer Seite unseres Wohnhauses liegt, sie bisher davon abgehalten hat, zur Wohnung einer Freundin zu gehen, bei der, empfangen über eine illegale Satellitenschüssel, jeden Abend eine Folge der Telenovela gezeigt wird. Aber jetzt, sagt sie mit dankbarer Stimme, wird dieser aus Beton und Grünzeug bestehende Parkstreifen rund um die Uhr bewacht. Ich tue so, als ob ich nicht verstehe, aber sie klärt mich auf, dass die Leute des Innenministeriums, die ihre Runden um mein Wohnhaus ziehen, das Viertel sicherer gemacht hätten. Ich würde lieber glauben, dass die Schatten, die ich von meinem Balkon aus sehe, der Fantasie von jemandem entspringen, der zu viele Krimis gelesen hat, aber die Frau lässt nicht locker. Sie lässt mich nicht mit einem Lächeln davonkommen. Vielmehr will sie nochmals betonen, dass sie es mir verdankt, dass sie wohlbehalten bis zum nächsten Wohnhaus gelangt.

Ohne es je erwartet zu haben, werde ich für die Schrecken entlohnt. Jemand hat mir gerade dafür gedankt, dass ich ein Opfer der Überwachung bin, ein Zielobjekt von staatlichen Aufpassern. Ich habe noch nie eine sanftere Art erlebt, sich der Repression bewusst zu werden, aber ich lache mit der Nachbarin – was bleibt mir auch anderes übrig. Um nicht abweisend zu wirken, frage ich sie, um was es in der Telenovela geht, deren Genuss ich ihr ermöglicht habe. Sie leckt sich genüsslich die Lippen. Die Geschichte spielt im 18. Jahrhundert, mit fliehenden Sklaven, Matronen, die außereheliche Kinder haben, die sie vor ihren Ehemännern verstecken, mit Peitschen, die über gebeugten Rücken knallen, und engen, dunklen Feldwegen, die des Nachts von Vorarbeitern und Hunden bewacht werden.

Anm. d. Ü.
* Félix B. Cañet, auch Féix B. Caignet, war ein kubanischer Autor und Schöpfer der ersten melodramatischen „Radionovela“ namens „El derecho de nacer“, die überregional großen Erfolg hatte.

Übersetzung: Florian Becker
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Die Geschichte von verdeckten Ermittlern, von Maulwürfen unter den Reihen von oppositionellen Gruppen, ruft bei mir eher ein Gähnen hervor, als dass es mich alarmiert. Wenn einer dieser „Helden“ im offiziellen Fernsehen gezeigt wird, habe ich das Gefühl, eine dieser Fernsehserien zu sehen, in der die Personen Schauspieler sind, das Drehbuch von jemandem mit literarischem Talent geschrieben worden ist und die Szenen so lange gefilmt werden, bis sie überzeugend erscheinen. Die Strategie des getarnten Polizisten ist schon zu oft auf den kleinen kubanischen Bildschirmen ausgeschlachtet worden, ist zu abgenutzt in unserer Lebenswirklichkeit. Die Idee dahinter ist, uns glauben zu machen, dass jeder Freund, Verwandte oder sogar unsere eigenen Kinder eine Art Mata Hari sind, die im gegebenen Fall gegen uns aussagen werden. Das Misstrauen wird so zu einem lähmenden Element.

Ich lernte Carlos Serpa Maceira kennen, als er einmal zu mir kam, weil er einen Blog eröffnen wollte und ich ihm dabei helfen sollte. Es traf sich, dass er Reinaldo und mir erzählte, er habe Anfang der Neunziger Jahre an der Akademie für Journalisten studiert. Wir fragten ihn nach einigen unserer Freunde, die in diesen Jahren die gleiche Ausbildung durchlaufen hatten und seine Betretenheit war peinlich. Er kannte keinen einzigen der Namen, die wir erwähnt hatten. Als er gegangen war, sprachen mein Mann und ich über diesen armen Teufel, der ein Universitätsdiplom für sich erfand. Ich dachte damals nicht an die Möglichkeit, dass er für die Staatssicherheit arbeiten könnte, das gebe ich zu, aber ich versah ihn mit einem der heftigsten Beinamen, die ich für solche Individuen benutze: Mythomane.

Zwei Jahre später, am gestrigen Samstag erhielt ich eine kurze SMS von Serpa Maceira. In kaum 90 Zeichen und mit vier Schreibfehlern teilte er mir mit, dass er mich dringend sehen müsse oder dass ich ihn anrufen solle. Ich machte weder das eine noch das andere. Das war der letzte Köder, den er mir zuwarf, ein verzweifelter Versuch, ein Gespräch mit mir aufzuzeichnen, das wahrscheinlich in der Sendung, die noch am selben Abend übertragen wurde, abgespielt worden wäre. Sein Gesicht im Fernsehen war keine Überraschung, sein Vergnügen, das er empfand, als er die Damen in Weiß und unabhängige Journalisten ausspionierte, erschien mir blamabel. Noch während der Nachspann der Serie lief, schickte ich ihm eine kurze Nachricht auf sein Handy: „Rom bezahlt die Verräter, aber es verachtet sie.“

Ich wollte ihm noch mehr sagen, aber er hat schon genug mit der Geringschätzung, die ihm sein eigener Cäsar zukommen lässt, diese Institution, für die er arbeitet und die ihn wohl nur als eine weitere „Petze“ von vielen ansieht.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Scheitern oder Erfolg haben

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Für diejenigen, die in einem Land groß geworden sind, in dem der Staat über Jahrzehnte das Arbeitgeber-Monopol innehatte, ist die Erfahrung, sich plötzlich selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen, wie ein Sprung ins Leere. Deshalb macht sich in diesen Tagen Angst unter den Arbeitern breit, während sie auf die Veröffentlichung der gefürchteten Listen warten, die die Namen derer enthalten, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Doch nicht nur Ängste kommen auf, sondern auch Opportunismus und Vetternwirtschaft. Die Entscheidung darüber, wer seine Stelle behalten kann und wer nicht, obliegt den jeweiligen Leitern der Arbeitszentren, und man weiß schon von Fällen, in denen nicht die fähigsten Leute im Betrieb bleiben, sondern diejenigen, die dem Leiter am nächsten stehen. Widersprüchlicherweise sind es die unterbezahlten Stellen, die sie versuchen zu halten, und die Kürzung von einem Viertel der aktiven Arbeitskraft bedeutet momentan keine Anhebung der Löhne für die, die bleiben.

Die Versammlungen mit dem Ziel, die Belegschaft zu reduzieren, werden in jedem Arbeitszentrum abgehalten, sogar in so sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitssektor. Hier wird über etwas Wichtigeres entschieden als über den Monatslohn oder die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Unternehmen oder einer bestimmten Institution. Denn es ist auch der Moment, um die Augen für ein anderes Kuba zu öffnen, in dem die Grundvoraussetzung der Vollbeschäftigung nicht mehr an die große Glocke gehängt wird und in dem sich die selbstständige Arbeit wie eine unwirtliche und unsichere Option auftut. Einige werden den weißen Kittel gegen eine Friseurschere tauschen, oder die Injektionsspritze gegen einen Ofen, in dem Pizzas und Brot gebacken werden. Auf dem Weg werden sie lernen, dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit auch unvermeidbar politische Unabhängigkeit mit sich bringt, sie werden scheitern oder Erfolg haben, sie werden bei der Steuererklärung lügen oder ehrlich sagen, wie viel sie verdient haben. Kurzum, sie werden einen neuen, schwierigen Weg einschlagen, auf dem Vater Staat sie nicht stützen kann, aber auf dem er auch keine Macht hat, sie zu bestrafen.

Übersetzung: Florian Becker
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Polizisten auf dem Gottesacker

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Auf dem Foto: Orlando Zapata

Die Friedhöfe auf den Dörfern sind pittoresk und traurig: mit Kalk geweißelte Grabsteine, die Sonne, die den ganzen Tag auf Tongefäße niederbrennt und ein paar Trampelpfade, entstanden durch die Schritte der Trauernden. Das sind Orte, an denen man für gewöhnlich nur Schluchzen hört. Aber es gibt ein Gräberfeld in dem kleinen Ort Banes, das in diesen letzten 12 Monaten von ungewohnten Schreien widerhallte. Kreuze, in deren Umfeld sich die Intoleranz ohne Scham offenbarte und nicht die Stimme senkte, wie man es vor einem Grabstein tut. Seit einigen Tagen wird zudem noch der Eingang überwacht, als ob die Lebenden den Raum, wo die Toten liegen, kontrollieren könnten. Dutzende von Polizeibeamten wollen verhindern, dass Freunde und Bekannte von Orlando Zapata Tamayo kommen, um seines ersten Todestages zu gedenken.

Wer jetzt um das Grab dieses Maurers patrolliert, weiß genau, dass dieser Mann niemals, wie andere vor ihm, beschuldigt werden kann, ein Mitglied der Oligarchie gewesen zu sein, das seinen Besitz wiedererlangen wollte. Dieser Mestize, der nach dem Sieg der Revolution geboren wurde und kein Urheber einer politischen Plattform war, noch sich mit Waffengewalt gegen die Regierung erhoben hat, wurde zu einem beunruhigendem Symbol für Leute, die sich – sie tun es tatsächlich- an ihre materiellen Besitztümer klammern, die sie zusammen mit ihrer Macht erlangten: ihre Swimmingpools, Yachten, Wiskyflaschen, gut gefüllten Bankkonten und großen Häuser überall auf nationalem Grund. Ein Mann, der unter der ideologischen Indoktrination aufgewachsen ist, entkam durch das Tor des Todes und ließ sie auf der anderen Seite der Schwelle schwächer und gescheitert zurück.

Manchmal versetzt das Ende eines Menschen ihn für immer ins Geschichtsbuch. Das gilt auch für Mohamed Bouazizi, den jungen Tunesier, der sich vor einem Regierungsgebäude in Brand setzte, weil die Polizei ihm die Früchte, die er auf einem Platz verkaufte, konfisziert hatte. Die Konsequenzen seiner Selbstopferung waren vollkommen unvorhersehbar, ebenso wenig der Dominoeffekt, der sich in der arabischen Welt entfesselte. Der Tod eines Kubaners am 23. Februar 2010 bescherte der Regierung einen unbequemen Gedenktag im Kalender. Ausgerechnet in dem Moment, in dem Raúl Castro sich anschickt, seine drei Jahre am Steuer der Nation zu feiern, fragen sich viele, was in Banes geschehen wird, auf dem kleinen Friedhof, wo die Toten besser bewacht werden, als die Gefangene in einem Gefängnis.

Auch wenn die politische Polizei viele bewacht, wird sie nicht verhindern können, dass man in der Abgeschiedenheit der Häuser während dieser Woche häufiger an den Namen des verstorbenen Zapata Tamayo denkt, als an die lange Litanei von Ämtern des Generals und Präsidenten.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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“Genosse” Granma

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Er würde häufig die Faust erheben, während er mit seiner weittragenden Stimme und hochrotem Kopf alle anschreit, die sich gegen ihn stellen. So wäre die Zeitung „Granma“, wenn ihr ein wundersamer Windstoß Leben einhauchen und sie in einen Mann verwandeln würde, wenn ein seltsamer Zauber ihren Körper aus Zeitungspapier zu Fleisch und Blut werden ließe. Er würde Karohemden tragen und mit Stolz die steifen Bügelfalten zur Schau tragen, die er durch fortwährende Behandlung mit Wäschestärke erhalten hat. Die Tageszeitung der einzigen in Kuba erlaubten Partei wäre ein Mann von unbestimmbaren Alter und völlig veralteter Mentalität, der seine Orden vorzeigen und unablässig von Heldentaten berichten würde, die er vermutlich nie begangen hat. Er würde anderen nie zuhören, weil seine nie endenden Tiraden alle Kritik, gegensätzliche Ideen und kleinste Fünkchen der Andersartigkeit ersticken würden. Er würde sich verhalten wie der griesgrämige alte Mann, der nicht einmal mehr mit seinen eigenen Kindern spricht und der zusehen musste, wie sich alle, die er einst liebte, von ihm abgewendet haben.

Granma würde, wie einige, die ich kenne, sein Gesicht abwenden, wenn jemand aus seinem Umkreis ein wenig Essen vom Schwarzmarkt kauft. Und dennoch würde er seinen Teller bis zum letzten Bissen hinunter schlingen, ohne zu fragen, woher das Stück Kartoffel oder die Scheibe Brot kamen, die auf dem Tisch waren. Seine in großen Lettern geschriebenen Leitartikel würden sich überschlagen mit Aufschreien und hohlen Parolen, die er herausschreien würde, wenn er wüsste, dass die Nachbarn ihn hören. Er würde, und zwar sehr häufig, an Denunziation und Intrige appellieren. Seine langweiligen triumphierenden Reportagen würden sich vor den verzweifelten Gesichtern der ihn umgebenden Menschen in konformistische Phrasen verwandeln. Eben jene Tageszeitung, in der bis heute noch kein einziges farbiges Foto erschienen ist, wäre ein graues Wesen, das langweilige Predigten von sich gibt und in ungebremste Wutausbrüche verfällt. Es würde die kleinen, zum Überleben notwendigen Gesetzesverstöße aufspüren und sie mit derselben Dringlichkeit anzeigen, mit der jetzt Angriffe und Lügen auf seinen Seiten gedruckt werden.

Der „Genosse“, den Granma verkörpern würde, wäre einer von jenen mir fremden Menschen, die ich niemals zu mir nach Hause einladen würde.

Übersetzung: Florian Becker
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Ägypten 2.0

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Licht und Schatten auf dem Tahrir-Platz, ein rötlich schimmerndes Lichtermeer, unterbrochen von den Blitzlichtern der Fotoapparate und dem Glanz der Handydisplays. Ich war nicht dort und trotzdem weiß ich, was jeder der Ägypter, die sich gestern Abend im Zentrum von Kairo versammelt haben, fühlte. Ich, die ich nie in der Öffentlichkeit schreien oder weinen konnte, glücklich darüber, dass die Ära des autoritären Regimes, unter dem ich geboren bin, beendet ist. Ich sage ganz offen, ich würde mich genauso verhalten, ich wäre sprachlos, ich würde anderen um den Hals fallen, ich würde mich leicht fühlen, als ob eine enorme Last von meinen Schultern abgefallen wäre. Ich habe noch keine Revolution erlebt, noch weniger eine bürgerliche, aber diese Woche habe ich, trotz der Zurückhaltung in den offiziellen Nachrichten, gespürt, dass der Suezkanal und das karibische Meer nicht so weit von einander entfernt sind, nicht so unterschiedliche Orte sind.

Während die jungen Ägypter sich über Facebook organisierten, beobachteten wir bestürzt, wie der Vortrag eines Cyberpolizisten ans Licht der Öffentlichkeit kam, für den die sozialen Netze „der Feind“ sind. Wie recht dieser Zensor der Kilobytes und seine Chefs haben, wenn sie diese virtuellen Plätze fürchten, wo wir Individuen uns verabreden können und uns der staatlichen, Partei- und ideologischen Kontrolle entziehen können. Wenn ich die Worte des jungen Wael Ghonim* lese „Sie möchten ein freies Land? Geben Sie ihm Internet!“, verstehe ich nun die Zurückhaltung besser, die unsere Machthaber zeigen, wenn es darum geht, uns den Internetzugang zu erlauben oder nicht. Sie haben sich daran gewöhnt, das Informationsmonopol zu besitzen, das zu regeln, was uns erreicht und für uns das, was innerhalb und außerhalb der nationalen Grenzen passiert, zu interpretieren. Jetzt wissen sie, dass jeder Schritt, den sie uns in den Cyberspace machen lassen, uns Tahrir näher bringt, uns schnell zu einem Platz bringt, der erbebt, und zu einem Diktator, der abdankt.

Anm.d.Ü.
* Wael Ghonim ist ein inzwischen weltbekannter Internet-Aktivist aus Ägypten.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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Die Internationale Informatikmesse auf der Insel ohne Webzugang

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Das im wohlhabendsten Gebiet der Stadt gelegene Messe- und Ausstellungszentrum Pabexpo zeigt dieser Tage Informatikprodukte, die innerhalb und außerhalb unseres Landes hergestellt wurden. Hier treffen sich Gäste aus der ganzen Welt, so auch eine große Gruppe Ausländer, die meinem Eindruck nach mehr Interesse daran hätten, eine Reise in unsere technologische Steinzeit zu unternehmen, als Geschäfte mit kubanischen Firmen zu machen. Das Kaspersky Lab präsentiert zum Beispiel seinen bekannten Antivirus, der in Zusammenarbeit mit der staatlich kubanischen Firma Segurmática entwickelt wurde. Alles wirkt fast so, als geschehe es auf einer vergleichbaren Messe in einem beliebigen anderen Teil der Welt, wenn da nicht ein kleines Detail stören würde: Wir sind hier auf der Insel der Menschen ohne Webzugang.

Obwohl wir schon das Jahr 2011 schreiben, konnten wir Bewohner des „Archipels Kuba“ bisher keine Fahrkarte für Bus oder Zug, geschweige denn einen Flug über das Internet kaufen. Wir wissen nicht, wie es ist, unser Bankkonto via Onlinebanking zu verwalten, und irgendetwas über den Bildschirm eines Computers zu kaufen ist etwas, das wir nur aus ausländischen Filmen kennen. Bis zum heutigen Tage haben meine Mitbürger nicht die Möglichkeit, einen Ämtergang per E-Mail zu erledigen, und sei es nur die einfache Beantragung der eigenen Geburtsurkunde. Ganz zu schweigen davon, einen Urlaub über die schicke Homepage der Hotelkette Islazul zu buchen. Von den hunderten meiner Freunde hat es bisher kein einziger geschafft, selbst (und von Kuba aus) sein Handy-Guthaben über eines dieser Online-Portale aufzuladen, die damit werben, dass man sich bei ihnen das Anstellen in den langen Schlangen vor den ETECSA-Filialen* spart. Wir Kubaner sind ein Volk, das nie die Möglichkeit hatte, seine Rechnungen via Internet zu zahlen, und das mit raubkopierten Programmen lebt, da es keine Möglichkeit gibt legale Lizenzen zu kaufen.

Das alles würde wohl viel eher zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts passen als zum zweiten Jahrtausend, doch in genau diesem Szenario leben wir. Und eben deshalb wirkt diese Informatikmesse auch wie ein Abglanz der Zukunft, wie ein Schaufenster, um Anderen das zu zeigen, was wir selbst noch nicht einmal kosten konnten. Danach werden die Besucher nach Hause zurückkehren und das hohe Niveau der kubanischen Software-Entwickler rühmen und sich an den vorzüglichen Mojito erinnern, den sie auf der Abschlussfeier bekommen haben. Währenddessen aber bleiben wir im Schatten des Nicht-Angeschlossen-Seins zurück, fahren autistische Computer hoch, die sich nicht mit anderen verbinden können. Wir träumen davon (das schon!), dass eines Tages, wenn wir ein Online-Formular ausfüllen, die Bestätigungsmeldung auf unserem Bildschirm erscheint: „Vielen Dank für Ihren Einkauf. Ihr Fahrschein nach Guantánamo wurde reserviert. Gute Reise!“

Anm. d. Ü.
*ETECSA ist das staatlich kubanische Telekommunikationsunternehmen, der einzige Anbieter für Telefon, Mobilfunk und Internet auf der Insel.

Übersetzung: Florian Becker
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Der Bogen des Verfalls

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Betonklötze, Straßenabschnitte, die nirgendwo hin führen, Brücken, die keine zwei Verkehrswege verbinden. Denkmäler der infrastrukturellen Lähmung entlang der nationalen Autobahn, Bauruinen, die immer noch davon träumen, das Gewicht von Lastwagen und Motorrädern zu spüren. Die Leute sammeln sich unter ihrer unfertigen Struktur, wenn sie auf ein Transportmittel warten, das sie irgendwo hin bringt. Sie nutzen den Schatten, den diese Bögen des Verfalls ihnen spenden, diese enormen Konstruktionen, die nur als Sonnenschirme dienen, die teuersten der Welt. Mit Geländern, die die Wärme einer Hand nie gespürt haben, schneiden uns die unvollendeten Brücken meines Landes eine Grimasse, sie strecken uns die Zunge heraus und erinnern uns an die Verkümmerung unserer Städte und den Niedergang unserer Straßen.

Immer wenn ich unter einer solchen schweren, verfallenden Masse hindurch fahre, frage ich mich: Welchen Sinn haben diese Straßenabschnitte ohne Autos? Welche Daseinsberechtigung haben diese gigantischen unfertigen Bauten, die nirgends hinführen? Sie wurden dort errichtet, als man plante, unsere Insel mit Autobahnen zu überziehen wie eine lebendige Wirbelsäule, von der Abzweigungen in alle Richtungen führen.
Mehrere Jahrzehnte danach haben sie immer noch keine Anbindung ans Verkehrsnetz, man kann sie nur von oben erreichen, mit Ironie beherbergen sie laue Winde und Eidechsen, die sich auf ihren Pfeilern wärmen. Monolithe der Unbeweglichkeit eines Volkes, das, statt neue Landstraßen, Fahrbahnen, Kreisverkehre und Boulevards zu erblicken, zusehen musste, wie seine Brückenstümpfe verfallen, allmählich Risse bekommen, ohne je das Rollen eines Reifens gespürt zu haben.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Die Blockade ist aufgehoben

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Foto: Kärtchen für 60 Minuten Internetzugang in einem Touristenhotel

Im Polstersessel eines Hotels öffne ich meinen Laptop, sehe das langsame Blinken des Wlan-Sticks und die finsteren Gesichter des Wachpersonals. Heute könnte ein weiterer Tag werden, an dem ich versuche, mit einer anonymen Proxy-Adresse meinen eigenen Blog zu öffnen und die Zensur mit ein paar Tricks umgehe, die es mir ermöglichen, mich auf verbotene Wege zu begeben. Am unteren Bildschirmrand weist eine Anzeige darauf hin, dass ich mit 41 Kilobyte pro Sekunde im Internet surfe. Mit einer Freundin mache ich Scherze darüber und ermahne sie, dass wir auf unsere Haare achtgeben sollten, damit unsere Frisuren bei einer solch hohen „Geschwindigkeit“ nicht durcheinander geraten. Aber an diesem Nachmittag im Februar kümmert mich die geringe Datenübertragungsrate herzlich wenig. Ich bin hier um mich zu freuen, nicht um mich wieder über das verfluchte, durch Filter beschnittene Internet zu ärgern. Ich bin gekommen, um nachzuprüfen, ob die lange Nacht der Zensur Generation Y jetzt nicht mehr überschattet. Es genügt ein Klick und ich gelange auf die Startseite, die seit März 2008 für die kubanische Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war. Ich bin so überrascht, dass ich einen Schrei von mir gebe und die Überwachungskamera an der Decke bei meinem unkontrollierbaren Lachen die Plomben meiner Backenzähne filmen kann. Nach drei langen Jahren kann mein Internetblog nun wieder von Kuba aus gelesen werden.

Die Gründe für die Aufhebung der Blockade kenne ich nicht. Ich kann nur mutmaßen, dass zur internationalen Informatikmesse, die 2011 in Havanna stattfindet, viele ausländische Gäste geladen sind, vor denen es besser ist, einen toleranten Eindruck zu machen und vermeintliche Lockerungen auf dem Gebiet der Meinungsfreiheit vorzuweisen. Es ist aber auch möglich, dass die Web-Polizei gemerkt hat, dass eine Seite für die Internetsurfer nur noch attraktiver wird, wenn man sie zensiert, und sich darauf hin entschieden hat, die verbotene Frucht wieder freizugeben, die sie in den letzten Monaten so sehr dämonisiert hat. Falls es sich doch um einen technischen Fehler handelt, der wieder behoben wird, wenn mein virtuelles Tagebuch wieder in den Schatten gedrängt wird, dann wird auch Zeit dafür sein, das in aller Öffentlichkeit anzuprangern. Aber momentan schmiede ich schon Pläne in der Überzeugung, dass die Plattformen http://www.desdecuba.com und http://www.vocescubanas.com lange für euch erreichbar sein werden.

Dieses Ereignis ist ein Sieg der Bevölkerung über die Teufel der Kontrolle. Wir haben ihnen entrissen, was uns gehört, diese unsere virtuellen Orte, mit denen sie lernen müssen zu leben, und die sie schon längst nicht mehr leugnen können.

Übersetzung: Florian Becker
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Die Wiedergeburt der Aromen

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Bunte Markisen kommen schüchtern aus dem Nichts hervor, zum ersten Mal zeigen sich Sonnenschirme, unter denen ein üppiges Warenangebot von Fruchtmixgetränken und gebratenem Spanferkel liegt. Die Eingangshallen einiger Häuser werden zu improvisierten Cafés mit verlockenden Angeboten. All das und noch viel mehr entsteht zurzeit in den Straßen meiner Stadt, weil die Bestimmungen für Selbstständige gelockert wurden. Einige meiner Nachbarn planen die Eröffnung eines Schuhreparaturdienstes oder einer Werkstatt für die Reparatur von Kühlschränken, während die Boulevards und Plätze durch den Schub privater Initiativen ein anderes Aussehen bekommen. Die Zwangsjacke, die die Privatinitiative gefangen hielt, scheint sich zu lockern. Trotzdem gibt es auch Leute, die vorsichtig abwarten, ob die wirtschaftlichen Reformen sich diesmal tatsächlich als endgültig erweisen und nicht wieder zurückgezogen werden, wie es bereits in den neunziger Jahren geschehen ist.

Wenige Monate nachdem die Erhöhung der Lizenzvergabezahlen für selbstständige Jobs angekündigt wurde, sehen die Ergebnisse vielversprechend aus. Wir haben begonnen, verlorene Aromen, ersehnte Rezepte und versteckte Annehmlichkeiten wieder zu entdecken. Über siebzig Tausend Kubaner haben sich die Genehmigung geholt, auf eigene Rechnung und eigenes Risiko zu arbeiten. Weitere Tausende denken ernsthaft über die Vorteile der Eröffnung eines kleinen Familienunternehmens nach. Trotz der Vorsicht vieler angesichts überhöhter Steuerabgaben und dem Fehlen eines Großmarktes zeigen sich immer mehr frischgebackene Händler in einer Gesellschaft, die bis jetzt von Fortschrittsfeindlichkeit geprägt war. Man sieht, wie sie ihre Kneipen einrichten, auffällige Werbeschilder anbringen und ihre Häuser umgestalten, um ein Café zu eröffnen, oder um Friseurdienste oder Maniküre anzubieten. Die Mehrheit ist davon überzeugt, dass es diesmal Bestand haben wird, weil das System, das ihnen in der Vergangenheit so sehr die Luft nahm und sie verteufelte, nun nicht mehr fähig ist, mit ihren zu konkurrieren.

Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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