Einstimmigkeit

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Er räusperte sich, bevor er erklärte, warum sie sich in diesem kargen Theater, das kaum noch genutzt wird, versammelt hatten. Wie einen Leitfaden hielt er die blaue Broschüre in seinen Händen mit den Grundsätzen für den VI. Kongress der Kommunistischen Partei. Hinter ihm, am Tisch des Präsidiums, saßen Parteifunktionäre aus dem Kreis und Bezirk. Bevor er das Wort weitergab, betonte er, dass man sich an jene Seiten halten solle und nur über wirtschaftliche Themen diskutieren solle. Das Wort „wirtschaftlich“ betonte er mit Nachdruck, damit die Anwesenden nicht ihr Recht auf „Versammlungsfreiheit“ oder die Erlaubnis einforderten, „das Land ungehindert betreten und verlassen“ zu dürfen. „WIRT-SCHAFT-LICH“, sprach er noch einmal aus, indem er die Augen aufriss und eindringlich die Brauen anhob, wobei er die konfliktbereitesten Angestellten anschaute.

Mit einer derartigen Einführung wurde die Sitzung zu einer langweiligen Formalität, zu einer zusätzlichen Aufgabe des Arbeitstages. Automatisch hoben sich dutzende Hände, als gefragt wurde, ob man mit allen Punkten einverstanden sei. Betretenes Schweigen dagegen gab es bei dem Satz „Wer ist dagegen?“ und bei der Frage „Wer enthält sich?“ waren leichte Ermüdungserscheinungen zu spüren. Nur ein junger Mann stellte das im Land noch geltende Verbot, Autos und Häuser zu kaufen, in Frage, doch sofort ergriff ein Aktivist das Wort, um eine lange Lobrede auf den Máximo Líder zu halten. Wann immer also jemand auf ein Problem hinwies, stand ein anderer auf und betonte die Errungenschaften des revolutionären Prozesses. Die Apologeten waren im Publikum strategisch gut verteilt und reagierten wie auf ein einstudiertes Drehbuch hin oder auf eine gut geprobten Choreografie. Das Gefühl, an einer einstudierten Tagung teilzunehmen, konkurrierte intensiv mit dem Wunsch, so bald wie möglich nach Hause zu gehen.

Am nächsten Tag war der Betrieb wieder zur Routine zurückgekehrt. Ein Mechaniker, der sehr nah am Präsidium gesessen war, konnte sich nicht einmal an einen einzigen Grundsatz erinnern. Das Mädchen aus dem Warenlager fasste ihren Freundinnen die Diskussionen des letzten Abends mit einem einfachen „Ah… dasselbe wie immer“ zusammen und der Chauffeur des Geschäftsführers zuckte skeptisch mit den Schultern, als ein Kollege ihn fragte, was passiert war. Viele erlebten diesen Tag als einen Vorgeschmack dessen, was sich im Kongresspalast im nächsten April abspielen wird, ein nur geringfügiges Vorankommen des Kongresses der Kommunistischen Partei Kubas. Nur dass sie es in einigen Monaten auf den Fernsehschirmen sehen werden, doch diesmal waren sie es gewesen, die ihre Hände erhoben, die einstimmig ihr Votum vor den strengen Blicken des Direktors abgegeben haben.

Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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Vom Kabel eine Faser

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Es nähert sich, aber es kommt nicht an; es wird angekündigt, aber es wird nicht konkret. Es könnte von der Punta de Maisí gesichtet werden und doch erscheint es uns noch sehr weit entfernt. Das Glasfaserkabel zwischen Kuba und Venezuela ist seit mehr als zwei Jahren die Möhre die uns Bewohnern dieser Insel „ohne Anschluss“ vor Augen geführt wird. Die zarten Fasern haben als Argument gedient gegen diejenigen von uns, die es hinnehmen müssen, dass die Zugangsbeschränkungen zum Web eher auf politischen Willen als auf mangelndem Breitbandkabel zurückzuführen ist. Wir haben die langsame Verlegung der Nabelschnur aufmerksam verfolgt, die La Guaira mit Santiago de Cuba verbinden wird, ebenso das Transportboot von Frankreich und die Nachrichten, die besagen, dass sich die Übertragungsgeschwindigkeit von Daten, Bildern und Ton um 3000 multiplizieren werde. Aber irgendetwas sagt uns, dass die Fasern dieses Kabels bereits Namen, Besitzer und Ideologie haben.

Mit einer Kapazität von 640 Gigabytes wird die neue Leitung besonders für institutionelle Projekte, die durch die Regierung überwacht werden, bestimmt sein. Wenn die offizielle Presse ihre Vorzüge erwähnt, dann betont sie, dass „sie die nationale Souveränität und Sicherheit stärken wird“, aber erwähnt mit keinem Wort die Verbesserung im Informationsbereich der Bürger. Mit seinen Kosten von 70 Millionen Dollar erscheint diese Unterwasserverbindung eher dafür bestimmt, uns zu kontrollieren, als uns mit der Welt zu verbinden. Ich vertraue aber darauf, dass wir es schaffen werden, seine ursprünglichen Absichten zu torpedieren. In den momentanen Zeiten, in denen verschiedenen Vorhaben der so genannten Schlacht der Ideen zu Hotels wurden, um Devisen einzunehmen, in denen man davor warnt, dass nicht rentable Betriebe aufgelöst werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass viele der digitalen Klicks in die Hände von Leuten gelangen, die sie bezahlen können. Mit Erlaubnis oder ohne, die Stunden am Netz kommen unwiderruflich zum Verkauf in einem Land, in dem das Abzweigen von Ressourcen tägliche Praktik und Überlebensstrategie ist.

Sobald wir mit Venezuela über den Meeresboden verbunden sind, wird es noch unmoralischer sein, die hohen Preise aufrecht zu erhalten, die der Zugang zum weltweiten Netz in Hotels oder anderen öffentlichen Einrichtungen hat. Damit wird auch der Begründung der Boden entzogen, warum es uns Kubanern nicht erlaubt sein soll, einen Vertrag zur privaten Nutzung abzuschließen, mit dem wir uns in den Cyberspace einklicken können. Es wird schwieriger werden, uns davon zu überzeugen, warum wir nicht über Youtube, Facebook und Gmail verfügen dürfen. Die Privatanschlüsse werden steigen, der Schwarzmarkt für Spiel- und Dokumentarfilme wird sich von diesen Megabytes nähren, die unsere insulare Plattform durchlaufen. In den Betrieben mit Internet werden die Angestellten es auch dafür nutzen, sich bei den Losverfahren für Visa einzuschreiben, ausländische Seiten zur Jobvermittlung anzuklicken oder Flirt-Chats. Sie werden nicht verhindern können, das wir dieses Kabel in etwas völlig anderes verwandeln, als wofür die Käufer es vorsahen, die glauben, dass eine Insel geknebelt werden kann, fest verzurrt mit einem einfachen Glasfaserkabel.

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Übersetzung: Iris Wißmüller

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Die alten Leutchen

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Er kaufte eine Schachtel starke Zigarren, obwohl er nicht rauchte, eine Einkaufstasche aus Stoff, obwohl er schon eine dabei hatte und zweimal dieselbe langweilige Ausgabe von der Granma. Er tat es, um jenen Alten zu helfen, die mit zittrigen Gliedern und geröteten Augen in den Straßen von Havanna unzählige Kleinigkeiten verkaufen. Menschen mit von der Arthrose deformierten Beinen, ihr Krückstock schon Teil ihrer ungelenken Körper, ihre Haare in den Jahren ergraut. Alte Männer und Frauen, die auf dem Schwarzmarkt geendet sind und in den Torbögen der Avenidas Reina, Galiano, Monte und Belascoaín ihre kümmerliche Ware anbieten. Siebzigjährige, die gezwungen sind, ihre Essensmarken weiterzuverkaufen, die ohnehin immer geringer ausfallen. Großmütter mit traurigen Gesichtern, die nur etwas zu essen haben, weil sie selbst an den Schulausgängen Bonbons und kandierte Erdnüsse verkaufen.

Tausende von alten Kubanern müssen in den letzten Jahren ihres Lebens wieder eine Arbeit aufnehmen, und dieses Mal eine illegale und gefährliche. Von Parkinson zitternde Hände bieten an den Bushaltestellen Süßigkeiten an, von Falten zerfurchte Gesichter schauen uns an und sagen, sie hätten Rasierklingen für nur fünf Pesos im Angebot. Ihre Renten sind verschwindend klein und aus dem verdienten Ruhestand, auf den sie gebaut hatten, sind hektische Tage geworden, an denen sie sich vor der Polizei verstecken müssen. Das System, das sie mit aufgebaut haben, ist nun nicht in der Lage, ihnen einen würdigen Lebensabend zu sichern, es kann sie nicht vor der Armut bewahren.

Ungelenk und mit schleppendem Schritt preist der Achtzigjährige von der Ecke seine Ware an: Spülschwämme und Alleskleber von Cola Loca. Eine junge Frau kommt vorbei und untersucht den Inhalt ihres Geldbeutels, doch es reicht ihr für keines von beiden. Morgen aber wird sie wiederkommen und, nur um ihn zu unterstützen, wird sie irgendetwas von ihm kaufen, auch wenn es eine Ausgabe jener staatlichen Zeitung ist, die von Alten herausgegeben wird, die ein glückliches und zufriedenes Leben führen.

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Übersetzung: Florian Becker
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Es handelt sich um einen sehr eindrucksvollen kritischen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Havanna, ganz ohne die sonst üblichen touristischen Klischees. Der Film lief schon auf vielen Festivals, z.B. in Amsterdam und Florenz. Optional mit deutschen, englischen Untertiteln oder im spanischen Original.

Julia … und die Umarmung ist möglich

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Die Cafeteria in der 13. Straße zwischen den Straßen „F“ und „G“ ist an diesem Nachmittag im Dezember voller Sicherheitsleute und Fans. Die einen waren hinter dieser unruhigen Bloggerin her, wie tragikomische Statisten, die um meinen Körper und um mein Haus kreisen. Die anderen verfolgten das strahlende Gesicht der Schauspielerin Julia Stiles und ihr Lächeln auf einer großen farbigen Leinwand. Große Verwirrung entstand, als man sah, dass das Mädchen, das die Rolle von Nicky Parsons verkörperte, sich an den Tisch zu der Autorin von Generation Y setzte und sich mit ihr angeregt unterhielt. Nun ja, die berühmte New Yorkerin liest mein virtuelles Tagebuch. Sie möchte Genaueres über unsere Lebenswirklichkeit erfahren, als das, was die Touristenpostkarten darüber vermitteln. Sie wollte kaum über sich selbst reden, obwohl ich gerne mehr über ihr berufliches Leben erfahren hätte und nicht wenig Lust hatte, sie ganz klischeehaft um ein Autogramm zu bitten.

Julia und ich gehören zu der Generation von Nordamerikanern und Kubanern, die einer Rhetorik ausgesetzt waren und durch sie getrennte Wege gehen mussten, die mit unseren Wünschen nichts zu tun hatte. Nachkommen jener Montagues und Capulets*, die versuchten, ihren Groll und Hass an uns weiter zu vererben. Objektiv betrachtet, haben sie es nicht geschafft und das Resultat war genau das Gegenteil. Nah, und doch weit entfernt, sich ähnlich, und doch gegeneinander aufgehetzt: viele junge Leute von hier und von dort haben genug von diesem überholten „Kalten Krieg“ und dessen Konsequenzen für unser Leben. So hatte das Treffen mit Julia den Charakter einer Versöhnung, als ob mitten in einem Gefecht zwei Gegner sich einander nähern und anfingen, sich abzutasten und zu umarmen.

Niemand in der Cafeteria hörte den Krach beim Niederlegen der Waffen. Nicht einmal diejenigen, die gekommen waren, um uns zu beobachten, bemerkten, wie wir die Mauern, die uns trennten, niederrissen. Schließlich haben sich die lächelnde Frau aus den Filmen und die Frau aus Havanna, die eigentlich den „Neuen Menschen“ darstellen sollte, umarmt und sich „Tschüss“ gesagt. Jede ging ihrer Wege, zurück in ihr Leben: vor die Kameras bzw. an die Tastatur, in den Big Apple bzw. in ein im jugoslawischem Stil errichtetes Gebäude. Doch immer wenn ich seit diesem Tag im Fernsehen jemanden gegen den Nachbarn im Norden stänkern höre, denke ich an Julia, und es wirkt wie eine Therapie, sich an ihr Lachen und an den kleinen Waffenstilstand, den wir an diesem Tag geschlossen haben, zu erinnern.

Anm.d.Ü.
*Verfeindete Familien in Shakespeares „Romeo und Julia“
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Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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Das Geschäft mit dem Nikotin

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Die Hände bewegen sich sicher und schnell, sie haben kaum 30 Sekunden Zeit, um die Zigarren, die für den Schwarzmarkt bestimmt sind, unter den Tisch zu legen. Zwei Kameras schweifen über den Saal, wo die duftenden Blätter gerollt werden und schließlich in Schachteln mit der Bezeichnung Cohiba, Partagás und H. Upmann landen. Jedes Kameraauge schwenkt über einen 180 Gradwinkel und lässt für einen ganz kurzen Moment eine Zone unbeobachtet, einen schmalen Streifen von Zigarrendrehern ohne Überwachung. Der geeignete Augenblick, um unbeobachtet vom Aufsichtspersonal den Lancero* oder jenen Robusto* verschwinden zu lassen, der später am Rande des offiziellen Marktes verkauft werden soll. Ein anderer Angestellter kümmert sich darum, das Aufsichtspersonal zu bestechen, damit die Zigarren aus dem Firmengelände geschmuggelt werden können. Am Tag darauf wird sich ihr starkes Aroma bereits auf den Straßen verbreiten.

Wenn mich meine Spanisch-Schüler nach der Qualität der Rauchwaren fragen, die unter der Hand verkauft werden, scherze ich und sage, dass sie in besagten Schachteln auch eine eingerollte Granma vorfinden könnten. Ich weiß jedoch auch, dass ein nicht unerheblicher Teil dieses heimlichen Angebotes denselben institutionellen Quellen entstammt, in denen die hergestellt werden, die man in den legalen Geschäften ausstellt. Drei von fünf Kubanern rühmen sich, wenn man sie befragt, wirklich einen Dreher zu kennen, der an authentische, frische Zigarren herankommt. Der Handel mit Tabak umfasst Tausende von Menschen in dieser Stadt und generiert ein Netz von Korruption und Gewinne von unschätzbarer Größe. Ziel ist es, dass das Endprodukt dem ähnelt, das der Staat vertreibt, aber drei oder vier Mal weniger kostet.

Unter den häufigsten Angeboten, die die Touristen bekommen, hört man jene: „Mister, Zigarren!“ oder „Lady, Havannas!“ an jeder Ecke. Wenigstens ist das nicht so schockierend, wie wenn ein Zuhälter ihnen eine Reihe von Angeboten zuflüstert, darunter: „Mädchen, Jungs, Mädchen mit Jungs“. So führt der oben beschriebene Ablauf, der in der Fabrik in den 30 Sekunden beginnt, wenn die Kameralinse zur anderen Seite schaut, dazu, dass der Ausländer für 24 Zigarren nur so viel zahlt, wie für zwei auf legale Art. Alle sind zufrieden: der Dreher, der Aufsichtsführende, der illegale Verkäufer und … der Staat? Naja … wen interessiert das schon?

Anm. d. Ü.
*Zigarrenformate

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Übersetzung: Iris Wißmüller
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Die Abwertung der Produktpiraterie

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Mit farbigen Covers und in Cellophan verpackt werden seit Neuestem an jeder Straßenecke meiner Stadt CDs und DVDs angeboten. Der Verkauf von Musik, Fernsehserien und Spielfilmen ist ein Geschäftszweig der selbstständigen Straßenhändler, der sich, besonders in den letzten Wochen, stark verbreitet hat. Jeder will seinen eigenen Verkaufsstand haben und die Kreativeren unter den Händlern verkaufen Zusammenstellungen mit mehreren Filmen eines bestimmten Schauspielers oder der gesamten Diskographie einer Sängerin. Vor den Autorenrechten wird kein Halt gemacht, wobei die Priorität der nordamerikanischen und spanischen Fernsehserien in erster Linie auf der Anzahl der verkauften Kopien liegt. Die Film- und Musikpiraterie hat die Zeit hinter sich gelassen, in der den potenziellen Kunden das Angebot ins Ohr geflüstert wurde. Heute zeigt sie sich in aller Öffentlichkeit auf improvisierten Verkaufstischen aus Holz oder Karton. Jeder kann den Film- und Musikproduktionen Konkurrenz machen, vorausgesetzt er überschreitet nicht die Grenze des ideologisch Akzeptierten.

Es fällt jedoch auf, dass es, bei allem Mut, sich über das Copyright hinwegzusetzen, niemand wagt, jene verbotenen und zugleich beliebten Fernsehprogramme anzubieten, die aber in den alternativen Informationsmedien die Runde machen. Jene Dokumentarfilme, die die Geschichte unseres Landes aus einem anderen Blickwinkel als dem offiziellen betrachten, werden zwar in den kubanischen Wohnzimmern oft gesehen, sind jedoch im öffentlichen Verkauf nicht zu finden. Auch die Filme, die die Situation in Rumänien unter Ceausescu, in Russland unter Stalin oder in Nordkorea unter Kim Jong Il zeigen, sind auf den in Torbögen und Fenstern aufgebauten Verkaufstischen nirgends zu sehen. Die wirklichen Underground Hits würden die Lizenz eines jeden frischgebackenen Straßenhändlers in Gefahr bringen. Man hört sogar von „Warnbesuchen“, die den neuen Verkäufern abgestattet werden, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, gewisses, konfliktgeladenes Filmmaterial anzubieten. Und schon ist das Zensurabkommen beschlossen.

Jenseits des Themas der Kontrolle steht das der Wirtschaftlichkeit dieser kleinen Geschäftetreibereien. Als diese zu wachsen begann, kostete eine DVD mit fünf Filmen um die 50 kubanischen Pesos. Heute zahlt man, bedingt durch das Überangebot an Verkäufern, selten mehr als 30. Viele der Händler werden als Selbstständige nicht mal bis zum Herbst durchhalten. Andere werden wohl ihr Angebot erweitern und ihre Verkaufsstelle vergrößern. Dennoch werden sie, um sich über Wasser zu halten und für Gewinne zu sorgen, auf jene, heute noch verurteilten Thematiken zurückgreifen. In ein paar Monaten wird sich ein Großteil von ihnen über das sichtbare Angebot hinaus noch ein weiteres, verstecktes Warenregal angeschafft haben, dessen Innhalt nur für absolut vertrauenswürdige Kunden bestimmt ist, um die Nachfrage derer zu befriedigen, die ruhelos nach dem Verbotenen suchen.

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Übersetzung: Florian Becker

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Das Land der langen Schatten

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An der Ecke stehen zwei Männer. Einer trägt ein Headset am Ohr, während der andere auf die Eingangstür des Hauses schaut. Alle Nachbarn wissen sehr wohl, warum sie dort sind. In einer der Wohnungen lebt ein Dissident und die zwei von der politischen Polizei beobachten, wer dort ein- und ausgeht. Ihr Fahrzeug haben sie ganz in der Nähe geparkt, um dem betreffenden folgen zu können, wohin er auch geht. Sie versuchen sich gar nicht zu verstecken, denn sie wollen, dass man merkt, dass dieser Mensch mit seinen kritischen Ansichten überwacht wird. Seine Freunde sollen sich nämlich von ihm fernhalten, in der Angst, sie könnten am Ende auch noch in das Netzwerk der Kontrollen und Überwachungen geraten.

Dies ist kein Einzelfall. Hier hat jeder Außenseiter seinen eigenen Schatten oder eine ganze Schar davon, die ihn verfolgt. Die sogenannten „Sicherheitsleute“ nutzen außerdem anspruchsvolle Überwachungstechniken, die vom Anzapfen von Telefonleitungen, dem Anbringen von Mikrofonen in Wohnungen, bis hin zum Aufspüren des Standortes eines Objektes durch das Signal seines Mobiltelefons reichen. Die Auswirkungen auf das persönliche und soziale Leben derjenigen, die unter diesen Aktionen leiden, sind so verheerend, dass wir der Staatssicherheit schreckliche Namen geben, wie „der Apparat“, „Armageddon“ oder „der Reißwolf“.

Aber nicht einmal diese Soldaten in Zivil können dem öffentlichen Spott entkommen. Es gibt verschiedene Witze über die überproportional vielen Sicherheitsleute, die um jeden Oppositionellen kreisen. Mit leiser Stimme und einem Blick über die Schulter, bemerken viele sarkastisch: „Während in der Landwirtschaft so viele Hände fehlen, stehen die hier rum und beobachten den ganzen Tag einen Andersdenkenden.“ Genau, welch ein Unterschied wäre festzustellen, wenn sie, statt die Meinungsfreiheit unter Strafe zu stellen, sich produktiver Arbeit widmen würden; wenn sie ihre langen Schatten nicht auf die Kritiker des Systems, sondern auf Salat- und Tomatenpflanzen werfen würden, wenn sie helfen würden, Saatgut in die Furchen einzusäen, die heute leer stehen.

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Übersetzung: Valentina Dudinov

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Entlassungen und Abschiede

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Foto: “Roter Teppich ins Nichts”

Sie war Anwältin in einem Betrieb in Camagüey, bis man ihr am Heiligdreikönigstag anstelle eines Geschenkes die Entlassungsurkunde übereichte. Entmutigt nahm sie den Plastikbecher, aus dem sie immer bei der Arbeit Wasser trank und jene kleinblättrige Pflanze, die ihr Büro schmückte, mit nach Hause. Im ersten Moment wusste sie nicht, wie sie ihrem Mann beibringen sollte, dass sie ihre Arbeit verloren hatte. Sie rief nicht einmal ihre Eltern an, um ihnen zu sagen, dass man „ihr Mädchen“ bei der neuen Umstrukturierung der Arbeitsplätze auf die Straße gesetzt hatte. Sie ertrug es beim Abendessen schweigend, als der Nachrichtensprecher des staatlichen Fernsehens mit Optimismus von dem neuen Weg sprach, größere Effizienz zu erreichen. Erst im Bett, im Halbdunkel des Zimmers, erklärte sie ihm, dass er den Wecker nicht zu stellen brauche, weil sie anderntags nicht früh aufstehen müsse. Ihr neues Leben ohne Arbeit hatte begonnen.

Nachdem der Personalchef jenes Staatsbetriebes von Camagüey die Belegschaft gekürzt hatte, nahm er die Dienste eines kollektiven Anwaltsbüros für die juristischen Angelegenheiten unter Vertrag. Vorher hatte sich die eifrige Anwältin für nur 500 Pesos im Monat (weniger als 25 USD) um den juristischen Papierkram gekümmert, jetzt muss die Firma rund 2000 Pesos für die Unterstützung durch eine firmenfremde Einrichtung bezahlen. Diese Arithmetik quält die gefeuerte Juristin, da ihr nicht einmal der Trost bleibt, dass ihre Entlassung wenigstens dazu diente, den Betrieb rentabler zu machen. Obendrein blieben die politisch verlässlichsten Angestellten und solche, die mit dem Direktor am engsten befreundet waren, auf ihren Arbeitsplätzen. Sie schafften es, ihre ineffizienten Bürojobs so hinzustellen, als ob sie in Wirklichkeit direkt mit der Produktion in Verbindung stünden. Daher kommt es, dass der Generalsekretär der PCC in den Augen von möglichen Inspektoren als der große Macher erscheint, obwohl alle wissen, dass er nur hinter einem Schreibtisch sein Leben fristet, der voller veralteter und vergilbter Dokumente ist.

Doch das, was diese jetzt arbeitslose Frau am meisten beunruhigt, ist nicht die Zukunft ihres früheren staatlichen Arbeitgebers, sondern der Verlauf, den ihr persönliches Leben nehmen wird. Sie hat nie etwas anderes gemacht, als Urkunden zu erstellen, Verträge zu entwerfen und Erklärungen zu berichtigen. Die siebzehn Jahre ihres Berufslebens hat sie eingesetzt, um für diesen staatlichen Dienstherrn zu arbeiten, der sie heute auf die Straße geworfen hat. Sie hat keine Kenntnisse über Frisuren oder die Kunst der Maniküre, um einen eigenen Schönheitssalon aufzumachen. Sie hat kaum gelernt, einen Computer zu bedienen und spricht keine Fremdsprache, ebenso wenig besitzt sie ein Grundkapital, um eine Cafeteria zu eröffnen oder in die Schweinezucht zu investieren. Das einzige, was sie gut kann, ist, Gesetzestexte zu analysieren und das, was zwischen den Zeilen in den juristischen Artikeln steht, herauszufinden. In ihrem Fall bedeutet die Entlassung den Abschied vom Berufsleben, die Rückkehr an den heimischen Herd, die Abhängigkeit vom Mann, der noch seine Anstellung hat. Es bedeutet das endgültige Verstummen des Weckers, der vorher immer um sechs Uhr morgens geklingelt hat.

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Übersetzung: Iris Wißmüller

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Das große Leuchten

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Gemälde “Der große Stromausfall” von Pedro Pablo Oliva

Pinar del Río ist eine Stadt ohne Kinos, ein urbaner Ort in dem kaum ein Auto fährt, dessen Straßen nachts dunkel und verlassen daliegen. Und dennoch funkeln da ein paar persönliche Kunstprojekte inmitten des ganzen Stillstands. Eines davon ist die Heimwerkstatt von Pedro Pablo Oliva, dessen Wohnzimmer eine Mischung aus familiärem Heim und Kunstgalerie ist. Hier bitten sie dich herein, bieten dir Kaffee an, zeigen dir das Ölgemälde an der Wand oder die in einer Ecke stehende Skulptur, ohne zu fragen, wer du bist und woher du kommst. Als ich ihn das erste Mal besuchte, malte Oliva gerade mit Ölfarben an einem Fidel Castro, den man wie durch ein Röntgengerät sah. Er schwebte da mit seinem schütteren Bart, und mit seinen Händen umklammerte er ein fast ersticktes Mädchen, das zweifelsohne aussah wie Kuba. Im unteren Teil des Bildes waren winzige Menschen, die mit leeren Augenhöhlen der brutalen Strangulierung beiwohnten, die der „Máximo Líder“ am Vaterland vornahm.

Als ich nach Hause ging war ich erfüllt von der Zuneigung, die mir dieser Maler, seine Frau Yamilia und seine Töchter, deren eine den wunderschönen Namen „Azul“ trug, zukommen ließen. Ich spürte, dass es mit solchen Leuten möglich war, sich zu verbrüdern, sich zu verstehen und zu diskutieren; es war sogar möglich, den Straßen von Pinar del Río wieder Leben einzuhauchen. Wenige Monate später erfuhr ich, dass die Hetzkampagnen auch an diesen Ort gelangt waren, als Yamilia mit einer Kunstperformances-Reihe unter dem Titel „Ohne Erlaubnis“ begann. Sie hatte sich dafür den 10. Dezember ausgesucht, ein Datum, an dem die Dämonen der Intoleranz auf dieser Insel in Raserei geraten. Das Ergebnis war eine Horde von schreienden Menschen vor ihrer Haustür, die sie daran hinderten, mit ihren Staffeleien herauszukommen, damit Passanten sie auf den Plätzen und in den Parks mit Farbe füllen könnten. Ein Jahr später, auch am Tag der Menschenrechte, wiederholte sich dieselbe Szene, diesmal sogar mit drohend erhobenen Steinen und Knüppeln, die Yamilia dazu zwangen, im Haus zu bleiben.

Mit dem Handy verschickte Yamilia ihren Hilferuf und ich erinnere mich, dass ich jenes S.O.S, das mich aus dem Osten des Landes erreichte, in Twitter setzte. Zu einem bestimmten Zeitpunkt empfahl ich sogar öffentlich, dass Pedro Pablo Oliva als Leitfigur unserer Kultur Stellung zu den Ereignissen in seiner unmittelbaren Nähe nehmen sollte. Vor einigen Tagen habe ich seine Antwort erhalten, mit der Erlaubnis sie zu veröffentlichen, wenn ich dies für richtig hielte. Seine Worte sind von so freier und versöhnlicher Natur, dass ich sie für wert halte, sie mit Ihnen zu teilen. Als ich sie las wusste ich, dass das Kino in Pinar del Río eines Tages wieder eröffnet wird und das jener urbane und bürgerliche Stillstand einer lebendigeren, weniger fanatischen Stadt weichen wird. In dem „großen Stromausfall“, den Oliva in den schwersten Jahren der „Sonderperiode in Kuba“ gemalt hat, sind die ersten kleinen Kerzen und Glühwürmchen aufgetaucht.

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Übersetzung: Florian Becker

Video: Werke von Yamilia Perez:

Liebe Yoani,

Ich bin, ich war und ich werde gegen jegliche Art von Gewalt sein, sei sie nun manipuliert oder nicht, die Gedanken und Ideen zum Schweigen bringen soll. Es ist wirklich beschämend, jemandem gewaltsam Gedanken aufzuzwingen oder es durch Einschüchterung zu versuchen. Jede Handlung dieser Art erzeugt Ablehnung und Abscheu und ist keineswegs eine Hilfe für die so notwendige Einheit dieses Landes, das durch politische und familiäre Konflikte geprägt ist. Andererseits glaube ich und werde es immer glauben, dass ein Künstler größere Freiräume für die Kommunikation braucht und dafür kämpft er auch.
Meine Generation glaubte noch an die soziale Funktion der Kunst und aus diesem Glauben heraus habe ich mich immer mit Stolz darum bemüht, Kunstwerke zu erschaffen, die ihren sozialen Kontext reflektieren und die Gesellschaft kritisch analysieren. Mehr als einmal wurden deshalb Werke von mir zensiert.
Mit Yamilia verbindet mich der Drang die Welt zu verändern, sie besser zu machen, aber immer aus unterschiedlichen Positionen: sie durch direkte Konfrontation, wie es Tania Bruguera getan hat und immer noch tut, ich von demselben Ort aus, an dem soziale Projekte geboren werden, indem ich die Dinge hinterfrage oder nicht hinterfrage, indem ich sie kritisiere oder nicht kritisiere. In einem Punkt sind wir uns vollkommen einig: dies ist keine perfekte Gesellschaft, ebenso wenig wie die anderen es sind, in denen ich gelebt habe.
Ich träume von einer anderen Gesellschaft, einer Utopie dieses Mannes, der ich bin, der Jahr für Jahr Erfolge und Misserfolge erlebt hat, aber der nicht aufhört, für diesen Traum zu kämpfen.
Yoani, ich bin einer von denen, die glauben, dass Gegensätze zum Ausdruck gebracht werden müssen wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter. Ich glaube ohne Furcht daran, dass wir mehr als eine Partei brauchen, denn die Menschen haben das Recht, sich zusammenzuschließen, sei es aufgrund ähnlicher Gedanken oder Philosophien oder der so wertvollen Übereinstimmung ihrer Träume.
Wenn man mich eines Tages fragte (was ich bezweifle), welcher Partei ich gerne angehören würde, so würde ich antworten: einer, die ihre Kinder nicht einsperrt, weil sie anders denken; einer, die es erlaubt den Gedanken ihren Lauf zu lassen, wie ein Fluss, der zwischen seinen Ufern fließt; einer, die mir zeigt, dass ihre Kinder, auf welcher Seite sie auch immer stehen, vom Vaterland zärtlich umarmt werden; einer, die respektiert, dass eine Frau eine andere Frau liebt und ein Mann einen anderen Mann. Eine Partei, die den wunderbaren Zauber der Liebe Schritt für Schritt unterstützt. Bei dieser Partei wird der Horizont nicht als Ende, sondern als Anfang vermittelt; diese Partei sagt dir nicht „so ist es“, sondern „sie ist offen wie die Flügel eines Schmetterlings“; sie beschützt ihre Kinder vor dem hasserfüllten Gespenst des Hungers und der schrecklichen Geißel des Dogmas. Eine Partei, die endlich begreift, dass die neuen Generationen das Land führen und sich ausdrücken müssen, wie der Wind und der Regen es tun und vieles mehr. Yoani, es würde kein Ende nehmen, wenn ich alles aufzählen würde, all die Bestandteile des Traumes, den dieser Mann träumt, der ich bin.
Wenn ich etwas in all diesen Jahre gelernt habe, dann dass ein Land nicht über so lange Zeit hinweg von ein und demselben Menschen regiert werden darf. Die Präsenz einer Partei über 20 oder 30, vielleicht auch 50 Jahre, kann ich verstehen, aber nicht, dass diese immer von demselben Bild, denselben Gesichtern, Ideen und Gedanken bestimmt wird. Es ist notwendig, dass diese sich nach einer bestimmten Zeit verändern; die Methode kann bei jedem Menschen unterschiedlich sein.
Entschuldige meine Abschweifungen und die Inkohärenz. Du weißt, dass Yamilia noch kein umfangreiches Werk besitzt, aber ich weiß, dass sie genügend Geist und Mumm hat, jedes Hindernis beim Schaffensprozess zu überwinden.
Das ist mein Standpunkt, so ist er und nicht anders. Es schmerzt mich zu sehen, wie ein so großer Staatsapparat auf ein schlankes Mädchen, das man eines Tages fälschlicherweise als Dissidentin abgestempelt hat, losgelassen wird, um sie von ihrer künstlerischen Tätigkeit abzuhalten. Wenn zehn Yamilias auftauchten, so stelle ich mir vor, dass sie die ganze Armee losschicken würden.
Yoani, ich versichere dir, ich lebe ohne Furcht.
In Liebe,
Dein Pedro Pablo Oliva.

Ein Pass, ein Passierschein

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Foto: Coco Fariñas mit seinem Pass und ohne Ausreiseerlaubnis

Er hat kaum 32 Seiten und einen nüchternen blauen Umschlag. Der kubanische Pass gleicht eher einem Passierschein als einem Ausweis. Mit ihm können wir uns über unser Inseldasein erheben, aber sein Besitz garantiert noch lange nicht, dass wir ein Flugzeug besteigen dürfen. Wir leben in dem einzigen Land auf der Welt, wo man für das besagte Reisedokument in einer Währung bezahlen muss, die von der abweicht, in der die Löhne ausgezahlt werden. Die Kosten von „fünfundfünfzig konvertiblen Pesos“ bedeuten für einen durchschnittlichen Arbeiter, dass er seinen gesamten Lohn von drei Monaten sparen muss, um dieses Büchlein mit Wasserzeichen und nummerierten Seiten zu erhalten.

Anfang dieses 21. Jahrhunderts ist es jedoch nicht mehr ganz so ungewöhnlich, auf einen Kubaner mit Pass zu stoßen, was noch in den Sechziger- und Achtzigerjahren etwas Seltenes war, als nur wenige Privilegierte einen vorweisen konnten. Wir wurden ein unbewegliches Volk und die wenigen, die ausreisten, taten dies in offizieller Mission oder auf ihrem Weg ins endgültige Exil. Die Barriere des Meeres zu überwinden war eine Belohnung für die Linientreuen, die große Masse der „nicht vertrauenswürdigen“ Personen aber konnte nicht einmal im Traum daran denken, den Archipel hinter sich zu lassen. Zum Glück hat sich das geändert, vielleicht dank der Ankunft der Touristen, die uns mit ihrer Neugierde auf das Ausland ansteckten, oder mit dem Fall des Sozialismus, der der Regierung klarmachte, dass sie nun den treuesten Anhängern keine „Auslandsreise als Prämie“ mehr schenken konnte.

Wenn es meinen Landsleuten zurzeit gelingt, die Staatsbürgerschaft in einem anderen Land zu bekommen, empfinden sie es als Erleichterung, über ein weiteres Ausweisdokument zu verfügen, das ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit zu irgendeinem Ort zurückgibt. Einige wenige Seiten, ein mit Leder umhülltes Deckblatt und das Wappen eines anderen Landes können den Unterschied ausmachen. Während dessen bleibt das bläuliche Büchlein, das besagt, dass sie in Kuba geboren sind, in der Schublade verborgen und wartet darauf, dass es eines Tages Anlass sein könnte, Stolz zu empfinden, und nicht etwas, wofür man sich schämen muss.

* Ich nutze die Gelegenheit zu berichten, dass die Einwanderbehörde meinen Pass seit meinem letzten Ausreiseantrag zurückhält. Werde ich jetzt zu einer Person ohne Dokumente?

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Übersetzung: Iris Wißmüller