Das kleine Hotel

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Die gastfreundliche Unterkunft wurde auf einem Grundstück gebaut, auf dem einst die Teile für die Plattenbauten hergestellt wurden, um die Stadt für den „Neuen Menschen“ zu errichten. Da sich weder dieses utopische Wesen erschaffen ließ, noch Mittel zum Bau neuer Wohnungen vorhanden waren, blieb der Ort Jahrzehnte lang leer. Mit dem Aufkommen der sogenannten “Schlacht der Ideen”*, begann man an dieser Stelle den Grundstein für ein Hotel mit über einhundert Zimmern zu legen. Kräne und Lastwagen kamen in einem für kubanische Baustellen erstaunlichen Tempo und in knapp zwei Jahren wurden die Wände hochgezogen, Alu-Fenster eingebaut und das Hotel feierlich eröffnet. Mit den Materialien, die von dieser Baustelle entwendet wurden, haben viele Familien in der Umgebung die Fassaden ihrer Häuser gestrichen, Klimaanlagen in ihre Zimmer eingebaut und die Badezimmer umgestaltet.

Bekannt als das Hotelchen “Tulipán”, war es dazu bestimmt, als Herberge für kranke Lateinamerikaner zu dienen, die auf unsere Insel gekommen waren, um gesund zu werden. In Zeiten größter Aktivität der „Operation Wunder“* war die breite Einfahrt dieses Ortes voll von Omnibussen, die jede Woche Dutzende von Patienten abluden. Später, als die Anzahl derjenigen schrumpfte, die aus gesundheitlichen Gründen kamen, sah man Gruppen zu einer politisch-ideologischen Ausbildung ankommen, um den „Sozialismus des XXI. Jahrhunderts“ in ihren jeweiligen Ländern umzusetzen. Wir Nachbarn beobachteten neugierig von außerhalb die Veränderungen in jenem Gebäude und stellten Hypothesen darüber auf, welchem Zweck es letztendlich dienen würde. Es wurde sogar spekuliert, dass es dem Militär übergeben werde oder die Geschädigten des letzten Hurrikans dort unterkämen.

Vor einigen Tagen jedoch tauchte dort ein Plakat auf, das ein „Weihnachtsessen“ in dem ehemaligen exklusiven Speisesaal des Hotels anbot. Wenige Wochen zuvor konnten sich die Jugendlichen aus dem Viertel für zwei konvertible Pesos das Fußballspiel zwischen Barcelona und Real Madrid in den ramponierten Polstersesseln der Lobby anschauen. Nun versichern die Angestellten an der Rezeption, dass sich jeder ein Zimmer mieten kann und dass man kein Ausländer mehr sein muss, um den schönen Innenhof zu betreten. Ohne Zweifel ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die „Schlacht der Ideen“ definitiv begraben wurde, und dass das eigentliche „Wunder“ der Regierung heute darin besteht, Devisen einzutreiben, um so die Kosten zu decken. Vielleicht wollen sie so verhindern, dass das Land im Abgrund versinkt, wie Raúl Castro in seiner letzten Rede befürchtete.

Anm. d. Ü.
* Zur „Schlacht der Ideen“ gehören viele Programme im Bereich der Bildung und Kultur, z.B. die Ausbildung arbeitsloser Jugendlicher zu Sozialarbeitern, die Schnellausbildung von Krankenschwestern und Lehrern, die “Universität für alle”, die Einrichtung einer Universität für die Ausbildung von Informatikern etc.

*Die „Operation Wunder“ bezeichnet einen zwischen den Regierungen Kubas und Venezuelas vereinbarten Plan zur Heilung verschiedener Erkrankungen.

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Übersetzung: Valentina Dudinov

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2 Gedanken zu “Das kleine Hotel

  1. Es gab in den Zwanziger Jahren ein bekannter juedischer Maler in Berlin namens Max Liebermann .Dieser war schon sehr alt, als Hitler an die Macht kam und starb l936.Als Urberliner ist von ihm ein Ausspruch bekannt geworden, als er sah was da vorging:”Man kann ja garnicht soviel fressen wie man manchmal kotzen moechte!!” Na ja, ist ja auch heute wieder aktuell!!Oder nicht??

  2. Wie die Genossen unserer Linken würde ich jetzt scharf kritisieren, daß sich zwar jeder Zimmer mieten könne aber doch nur, wenn er über die Mittel verfügt. Das ist sozial ungerecht! Wobei sich auch nur im Kapitalismus Leute Zimmer mieten können, wenn das Geld da ist. Worin besteht eigentlich nun der Unterschied zwischen dem kubanischen sozialistischen Paradies, wo theoretisch jeder Zimmer mieten kann, wenn er es kann, und dem sozial ungerechten Kapitalismus? Das war jetzt nur rhetorisch gefragt.

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