Tania, wie sie leibt und lebt

taniabruguera
Foto: Nuria Curras; http://www.atlantico.net/

Ich erinnere mich sehr gut an jenen Tag der Biennale in Havanna, an dem Tania Bruguera ein paar Mikrofone aufbaute, damit jeder aufs Podium kommen und seine Minute Freiheit genießen konnte. Nur kurze Zeit später ging diese provokative und universelle Künstlerin nach Kolumbien und stieß dort alle vor den Kopf, indem sie –als Teil ihrer Performance– Kokain unter ihrem Publikum verteilte. In Kuba schenkte sie uns eine starke Dosis unzensierter Meinungsäußerung; in Bogotá konfrontierte sie die Menschen mit der Allgegenwärtigkeit der Droge, Hauptursache vieler Probleme dieser Nation. Die kolumbianische Obrigkeit reagierte empört, aber schließlich akzeptierte sie die Tatsache, dass die Kunst eben gewisse Grenzen überschreitet. Und dennoch werden einige von uns, die wir hier an „El susurro de Tatlin“* teilgenommen haben, nach wie vor daran gehindert, ins Kino, ins Theater oder auf irgendein Konzert zu gehen.

Vor einer Woche habe ich erfahren, dass sich Tania –unsere Tania– dazu entschlossen hat, eine Immigrantenpartei mit Sitz in New York und Berlin zu gründen. Diese neue Vereinigung soll sich für die Rechte derjenigen einsetzen, die als Kinder nach Nordamerika kamen und denen nun die Abschiebung droht. Aber auch den Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die ohne Papiere in Madrid leben, will sich die Partei widmen, den Nigerianern, die sich in Paris vor der Polizei verstecken oder den Tamilen, die ihre Ausweise fälschen, um in Zürich bleiben zu können. Tanias neue, politisch motivierte Kunstaktion beruht auf jenen, die durch ihre persönlichen Träume, wirtschaftliche Nöte, Krieg, die Wiedervereinigung der Familie oder die ungleichen Bedingungen dieser Welt dazu gebracht wurden, als illegale Einwanderer in einem fremden Land zu leben.

Ich muss sagen, dass ich den Impuls hatte, dieser Immigrantenpartei beizutreten, denn 11 Millionen von uns Kubanern sind in unserem eigenen Land ausgegrenzt von Gebieten, zu denen wir keinen Zutritt haben, von Kreuzfahrtschiffen, die durch unsere Gewässer fahren, auf denen aber kubanische Reisepässe verboten sind, von Grundstücken, die für 99 Jahre verpachtet werden, aber nur an den, der nachweisen kann, dass er nicht hier geboren wurde, und von Joint-Venture-Unternehmen für Leute, die „s“ wie „z“ aussprechen* oder „Madame“ und „Monsieur“ sagen. Darüber hinaus gibt es strenge Auflagen für das Betreten und Verlassen unseres Landes, Auflagen, die an die Vernehmungszimmer denken lassen, in denen Illegale auf Flugplätzen festgehalten werden. Es gibt Momente, in denen man das Gefühl hat, dass unsere Staatsangehörigkeit wie ein abgelaufenes Visum ist, wie ein nicht mehr gültiger Ausweis, wie eine Aufenthaltsgenehmigung, die man uns jeden Tag aberkennen kann.

Anm. d. Ü.
* Titel der Performance von Tania Bruguera auf der 10. Biennale Havanna
* Hier wird auf die Aussprache der Spanier angespielt.
Übersetzung: Florian Becker
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