Das Syndrom der kleinen Küchenschabe Martina*

crowley

Das Geld kam in einem weißen Umschlag, es wurde von einer alternativen illegalen Agentur zur Verteilung von Geldsendungen gebracht. Ein Brief von einem Onkel lag bei, der vor dreißig Jahren nach New Jersey ausgewandert war und nie mehr zurückkehrte. „Nutzt es für Weihnachten“, schrieb er in seiner etwas stilisierten Schrift und schloss mit einem „by“. Die Frau schloss die Wohnungstür und konnte es gar nicht fassen, dass ihnen der emigrierte Verwandte jene rettenden 50 Dollar zum Jahresende geschenkt hatte. Sie rief laut nach ihrem Sohn und der Schwiegertochter, während sich die große Frage in ihrem Kopf zu bilden begann: „Was werde ich mir kaufen?“

Zuerst dachten sie daran, das Dach zu reparieren, das bei jedem Regenguss Wasser durchsickern lässt. Aber wenn man die 20 % Steuern, die auf US Dollar in Kuba zu zahlen sind, abzog, blieb nicht genug für das Material übrig. Eine andere Möglichkeit war, das Geld in eine Lizenz für eine Cafeteria zu investieren, um Säfte im Hauseingang zu verkaufen. Der Sohn der Frau überzeugte sie schnell, es nicht zu tun, da der Gewinn solch einer selbstständigen Arbeit sich erst mit Verzögerung einstellen würde und sie dringend sobald wie möglich Geld bräuchten. Er erinnerte sie daran, dass seine Frau in drei Wochen niederkommen würde, und Wegwerfwindeln für das Baby die oberste Priorität hätten. Doch die Besitzerin des Hauses weigerte sich, alles in Pampers einzutauschen, wenn sie mit dem kleinen Kapital den Motor der Waschmaschine reparieren könnte, der seit Jahren kaputt ist. „Außerdem brauche ich ein Paar neue Schuhe, da ich mich schäme, weiter so zur Arbeit zu gehen“, bemerkte die nun schon misslaunige Frau. Der Onkel in der Ferne wusste nichts von der Aufregung, die seine Geldsendung bewirkte.

Sie diskutierten den Rest der Woche darüber, was sie mit den 40 konvertiblen Pesos machen sollten, die man ihnen auf der Bank als Wechselgeld gegeben hatte. Der Streit nahm für Momente aggressive Züge an, als die Tochter, die nicht in dem Haus lebte, auftauchte, um den ihr zustehenden Anteil einzufordern. Keiner dachte im Ernst daran, den Wunsch der ausgewanderten Familie umzusetzen, nämlich einige Turrones*, eine Flasche Cidre und ein großes Stück Schweinefleisch für Heilig Abend zu kaufen. Eines Morgens an einem Samstag im Dezember war das Klo verstopft. Sie holten einen Klempner, der 38 CUC für die Reparatur und die Ersatzteile verlangte. So hatte das Leben selbst die Prioritäten der Geldausgabe festgelegt. Danach setzte sich die Frau in den Wohnzimmersessel und fragte sich erneut, was sie sich von den restlichen 2 CUC kaufen sollte.

Anm. d. Ü.
*Die Überschrift bezieht sich auf ein kubanisches Märchen: Die kleine Küchenschabe Martina findet 1 Centavo und überlegt sich, was sie davon kaufen soll.
*Typisch spanische Süßigkeit zur Weihnachtszeit meist aus Mandeln, Honig, Zucker und Eiern.
Übersetzung: Iris Wißmüller
1276 klicks in den letzten 24 Stunden.

About these ads

8 Gedanken zu “Das Syndrom der kleinen Küchenschabe Martina*

  1. Diese schlne Geschichte der $50, ganz realistisch und nicht übertrieben, könnte in den meisten Ländern der Karibik passieren.

    Kuba, weder in Sozialismus noch im Kapitalismus, wird nie Florida. Vergiss es, Yoanni. Verkaufe dein Notebook und überlege Hünerzucht.

  2. MeIn lb.Ricardo machn Punkt!!Wie kannst Du Kuba diese Pestbeule der Menschheit mit z.B.Republica Dominicana oder Mexico vergleichen’?Vielleicht mit Haiti .Deine Empfehlung an Yoani ist wohl ironisch gemeint nach dem sie in der ganzen zivilisierten Welt mit Ehrungen ueberhaeuft wird!Man darf nicht aufgeben und auch nicht verzweifeln!!

  3. @heriberto
    Nix ironisch. Yoani verdient Respekt, mit Ihren Klagen über teuere Pampers verfehlt Sie aber den Punkt. Im Kapitalismus werden die Pampers viellecht 20% billiger, dafür aber Begräbnise deutlich teuerer (heute kostenlos).

    Ausser Yoani respektiere ich auch die PNR, gerade wenn ich die Sicherheitslage mir Mexico vergleiche (30 000 Särge extra wegen Drogenkrieg)

  4. Yoani thematisiert doch nur das,was so gut wie Allen in Kuba betrifft-Die permanenten Geldsorgen.Es geht eben nicht nur um den Preis von Pampers.Der Punkt daran ist,wenn so gut wie alle Dinge,die der Mensch braucht,Devisen benötigt werden die man in Kuba nicht im Berufsleben verdient,ist jeder einzelne Cent eine Investition.
    Meines Erachtens soll Yoanis Artikel klarmachen das die von ihr beschriebenen Fälle nur ein Teil dieses Kaleidoskops der Alltagsprobleme sind-ein Vergleich mit Mexico usw. ist ein Äpfel-Birnen-Vergleich.

  5. Wenn das eine “normale” Diskussion in Kuba ist, dann wird allmählich klar, warum alles so bleibt wie es ist.

    Das Wort “unternehmerisches Risikokapital”, welches eingesetzt wird, um “Eier zu legen” sollte schnellst möglich von jeglichem ideologischen Unsinn befreit werden, damit es das Denken der Menschen von Dummheiten befreit und unbändigen Willen zum Erfolg erzeugt.

    Denn einzig der unternehmerische Ansatz, ob jetzt als Cafeteria oder nicht, kann – bei ausreichend Mut und Wille – Aussicht auf Erfolg haben, d.h. “auch Eier für die Zukunft” legen. Das wird nicht ganz einfach – ehrliches Unter-nehmertum ist aber in den meisten Fällen nur mit einem schweren Start zu schaffen! (Ich kenne jedenfalls niemanden bei dem das anders war.)
    Nur Menschen, die (mental) an das Rund-um-sorglos-Paket (noch) gewöhnt sind, können ernsthaft an den Kauf von Pampers denken!
    Nur so kann man auch das Potenzial seiner Zukunft auf den Müll werfen. (und seiner Kleinen ebenfalls)

    Nun ist es also eine intakte Waschmaschine geworden. Vielleicht wird da ja mehr daraus……

  6. Ich habe eben eine ganze Din A4-Seite Tweets übersetzt. Die letzten Tweets von Yoani zeugen von ihrer rührenden Naivität. Zumindest in unseren geschulten, aufgeklärten westlichen Augen ist das so. Als Westler hätte ich zu fast jedem von mir übersetzten Tweet einen Einwand. Ich habe sie aber gern übersetzt und sie dabei nicht geschönt, oder auf unseren Geschmack angepasst. Ihre Tweets zeugen auch von der Abgeschiedenheit eines kommunistischen Landes in der Dritten Welt. Das ist gut so.

  7. Heute morgen stehen in allen Zeitungen Auszuege von der Rede von Raul.Das ist vor allem eine sensationlle Aenderung der Situation.Endlich gibt er zu und in einer dramatischen Form: Entweder wir aendern uns oder wir gehen zugrunde!!Da zwischen eine bischen Lobhudelei auf Fidel in Wirklichkeit ist er ja der Haupschuldige!! Ohne Zweifel: Das Wasser steht ihnen am Hals!!wie geht es nun weiter?Meiner Meinung nur zwei Moeglichkeiten, Loesung Typ Gorbatschow dh Versuch die Sache zu halten mit Konzessionen mit einem ungewissen Ausgang, oder Typ Ceauscu dh mit gewalsamer Loesung und Blutvergiessen entweder ein Aufstand oder die ewig gestrigen versuchen das Rad zurueck zudrehen auf eine ganz reaktionaere Linie ohne jegliche Konzessionen,Wie dem auch sei. im Jahr 2011 wird endlich die Sache in Bewegung kommen und hoffentlich , endlich ist der Spuk vorbei
    Bei dieser Gelegenheit will ich gleich allen Mitarbeitern und Uebersetzerinnen froehliche Weihnachten und ein s.G.w, gutes und erfolgreiches Jahr wuenschen!! (Kann ja sein!!)

  8. Ich kenne die Rede von Raul nicht, aber er hat bestimmt nicht sich selbst gemeint, sondern die 500.000 Menschen, die in knapp 7 Wochen “arbeitslos” werden. “Ein bisschen Motivationstraining……gemischt mit Zeitspiel – der Ball wird so ein wenig hin und her geschoben (um mal in den Fussball abzugleiten). Mal sehen, ob in der Zwischenzeit etwas Rettendes passiert – typisch kubanisch halt.”

    Das ist Politik dieser Welt über die Köpfe der Menschen und eines Landes hinweg. Oder glaubt jemand in Deutschland, wenn ein neuer Sparkurs eingeschlagen wird, dass es sich um die Bezüge und Pensionen der Politik oder Verwaltung handelt. Wohl nicht.

Lassen Sie eine Antwort

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s