Wikileaks und die leeren Ordner

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Vor einigen Wochen hörte ich in einer dieser langweiligen Reflexionen, die in jeder Nachrichtensendung abgelesen werden, von Wikileaks. Ich weiß, es klingt unglaublich, dass eine Bloggerin, die das Internet als Sprachrohr nutzt, bis dahin diese Webseite der Enthüllungen nicht kannte. Aber man darf sich nicht darüber wundern, dass wir auf dieser „Insel hinter dem Mond“ erst Jahre später von etwas erfahren, was in der übrigen Welt Gegenstand intensiver Diskussionen gewesen ist. Ich erinnere mich, dass die erste Erwähnung der Seite von Julian Assange in unseren staatlichen Medien von einer gewissen Komplizenschaft seitens der Autoren des Artikels begleitet wurde. Es zeigte sich im Vorfeld schon ein Hohngelächter wegen des Schadens, der der US-Regierung durch die Veröffentlichung der Dokumente entstehen könnte. Doch als auch die Einmischung Kubas in Venezuela erwähnt wurde und Beweise über die Nötigung des eigenen medizinischen Personals auftauchten, wandelte sich die Begeisterung der Zeitung „Granma“ in Unbehagen und der Applaus wich dem Schweigen. Nicht einmal der Máximo Líder äußerte sich noch einmal zu Wikileaks.
Die Ereignisse der letzten Tage werden die Art und Weise, wie Regierungen mit Informationen umgehen, aber auch wie wir Bürger damit umgehen, entscheidend verändern. Doch machen wir uns nichts vor, denn Regierungen, die auf Schweigen und mangelnder Transparenz basieren, werden den Schutz ihrer Geheimnisse verstärken oder vermeiden, diese schriftlich festzuhalten. Während Mails, persönliche Notizen und Korrespondenzen zwischen Diplomaten und staatlichen Dienststellen ans Licht kommen, nehmen die Machthaber auf der ganzen Welt davon Kenntnis und lernen daraus, kein Protokoll mehr über ihre Befehle anfertigen zu lassen, jemanden zum Schweigen zu bringen, unter Druck zu setzen oder zu töten. Diese Lektion wird bereits seit Jahrzehnten praktiziert; wenn Sie mir nicht glauben, suchen Sie in den kubanischen Archiven, die eines Tages auftauchen werden, nach dem Namen des Mannes, der beschloss, die drei Männer erschießen zu lassen, die im Jahr 2003 ein Schiff entführt hatten, um auszuwandern. Wo ist das Papier, das den psychischen Druck auf den Dichter Heberto Padilla bestätigt, mit dem er zu einem Schuldgeständnis gezwungen wurde, was einigen immer noch auf dem Gewissen lasten sollte? In welcher Schublade, welchem Regal oder Archiv liegt die Unterschrift der Person, die den Untergang der Fähre 13. März befohlen hat, wodurch Frauen und Kinder starben, als sie von dem Wasserstrahl eines Bootes der Küstenwache über Bord geschleudert wurden?

Es gibt so viele, die keine Aufzeichnungen hinterlassen, die über die Unterdrückung nicht Buch führen, und die über Papierverbrennungsanlagen verfügen, die den ganzen Tag rauchen. Befehlshaber, die nichts, was für die Geschichtsbücher aufschlussreich wäre, niederschreiben müssen, die nur die Augenbrauen zu heben brauchen, mit dem Finger zu zeigen, ein Todesurteil ins Ohr zu flüstern brauchen, die eine Schlacht in der afrikanischen Ebene herbeiführen oder einen Aufruf veranlassen, die Gruppe der Frauen in Weiß zu beleidigen und einzuschüchtern. Wenn bei uns ein ortsansässiges Wikileaks entstünde, würden einige dieser Leute dagegen Höchststrafen auferlegen, höchst exemplarische Bestrafungen. Und sie würden sich nicht einmal damit abgeben, für die Betreiber eine Anklageschrift wegen „Vergewaltigung“ oder der „Schlachtung von Rindern“* abzufassen. Sie wissen: „wer schreibt , der bleibt“ und deswegen achten sie darauf, dass es kein Material für überraschende Enthüllungen gibt, dass das tatsächliche Netzwerk ihrer absoluten Machtausübung nie sichtbar wird.

Anm. d. Ü.
* Die private Schlachtung von Rindern ist in Kuba verboten.

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7 Gedanken zu “Wikileaks und die leeren Ordner

  1. Schon erstaunlich dass Yoanni so tut als hätte sie so spät von Wikilkeaks gehört. Natürlich ist das System dran schuld,
    wie an allem was nicht läuft auf der Insel.
    Aber noch erstaunlicher ist es dass sie mit kaum einem Wort auf die Situation des Wikileaks Gründers Julian Assange eingeht, von dem gewisse Kreise in den USA sogar die Todesstrafe forden. Sie die Verfechterin eines freien Journalismus, der für Transparenz und Meinungsäußerung einsteht, übergeht ein offensichtliches Komplott um Leute mundtot zu machen, die nicht nach den Regeln der internationalen Heuchlerei, genannt “Diplomatie”, mitspielen.
    Soll sich Assange wirklich freuen dass er wenigstens über den Umweg des Vergewaltigungsvorwurfs in den Knast geht,
    und nicht wie auf Kuba wo er gleich eingeknastet worden wäre?
    Wie kann man sich Yoannis Haltung im Bezug darauf eklären? Inselkoller? Naivität? Oder vielleich doch ganz böse ausgedrückt: Klienteljournalismus? Ich hoffe ja ersteres.

  2. @algabony
    Yoani tut nicht so, ob sie so spät über Wikileaks erfahren hätte. Sie kann erst spät, und überhaupt nur am Rande, von diesem Portal erfahren haben. Ich glaube, dir ist nicht bewusst, wie abgeschieden Kubaner leben. Ich wundere mich eher darüber, dass sie überhaupt Notiz davon genommen hat und in der Lage ist, einen Artikel darüber zu schreiben. Egal wie. Die Frau kann keinen investigativen Journalismus zu diesem Thema ausüben, sie hat so gut wie keinen Zugang zum Internet und die Presse in Kuba berichtet darüber nur spärlich und extrem einseitig. Sie kann nur zwischen Pest und Cholera wählen, die Nuancen kann sie, beim besten Willen, nicht erfassen. Außerdem, es handelt sich hier um ein Problem des Westens, welches auf dem Mist unserer Demokratien gewachsen ist. Für die kubanische Gesellschaft ist das Thema absolut abstrakt: Molekularphysik der Weltpolitik. An ihrer Stelle hätte ich mich dazu nicht geäußert. Gut, sie hat es getan und hat wieder eine einseitige Lektüre des Problems geliefert. Ihre Lektüre ist aber für uns Kubaner legitim. Sie sieht die Sache aus der Sicht eines Menschen, die in einer Diktatur lebt, welche ihre Taten nicht protokollieren braucht und künftig es noch weniger tun wird. Für wenn denn? Über Wikileaks lacht die kubanische Regierung. Und das tut sie souverän!

  3. Die Solidarität mit Wikileaks kann man von jedem Menschen mit Zugang zum Net erwarten und Yoanni gehört dazu. Die meisten Kubaner können sich die 6.00 CUC die Stunde nicht leisten, sie schon.

    Und warum hat dieser Portal kein Link zu http://213.251.145.96/ gesetzt?

    Mir erscheint ihre Themenwahl auch verdächtig selektiv. Warum äusserst sich sich fast nie gegen das Wirtschaftsembargo der USA? 187 Länder der Welt sich dagegen. Einmal, glaube ich, hat sie in einer Randbemerkung oder Twitt was gegen die Blokade gesagt, sie unterdrückt aber das Thema.

    Auch ihre Fragen an Obama hat sie so formuliert, dass er sich zu der Blockade/Embargo nicht äussern müsste.

  4. Mag sein dass es mit dieser Inselsituation zu tun hat, obwohl es mir manchmal ein bißchen zu einfach ist, alle Unzulänglichkeiten damit zu erklären wie isoliert Kuba ist. Ich meine so isoliert ist doch Kuba gar nicht. Man muß sich doch nur die hunderte von interessanten Blogs anschauen, da merkt man gleich dass die Leute bescheid wissen. Kultur, Literatur, Kunst, Politik, Musik, die intellektuellen Kubas können mit der ganzen Welt auf Augenhöhe mitreden.
    Außerdem fahren nicht nur vergnügungssüchtige Touris nach Kuba sondern auch gebildete intelligente Menschen,
    die werden doch eine Möglichkeit finden sich auszutauschen. Also wenn man dem System zugesteht so übermächtig präsent zu sein wie es immer wieder behauptet wird, dann verstehe ich nicht wieso es Yoanni überhaupt gibt, und die hunderte von anderen. Was auch immer behauptet wird, Kuba ist nicht Nordkorea. Dafür ist Yoanni der lebende Beweis.

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