Man hat ihnen den Mund verboten

batablanca

Er studierte Medizin, zog sich den weißen Mantel an, ließ sich in einem Krankenhaus zum Facharzt ausbilden und verschaffte sich unnachgiebig das Maximum an hippokratischem Wissen. Da er anfangs noch ganz geprägt war von der Faszination der Zellen, Muskeln und Sehnen bemerkte er kaum, dass seine Kollegen mit geflickten Schuhen umherliefen, und dass sein Verdienst nicht ausreichte, um seine Familie zu ernähren. Er achtete in diesem Krankenhaus von Artemisa zu sehr auf die professionelle Größe von einigen und auf den materiellen Mangel aller. Im Jahr 2005 wurde eines Tages mit großem Getöse verkündet, dass das Gehalt der Angestellten im Gesundheitsbereich erhöht würde. Zu seinem mageren Monatsverdienst wurden jedoch gerade einmal 48 Pesos hinzugefügt, das sind 2,00 CUC oder 1.60 US Dollar.
So kam es, dass er zusammen mit einem Freund einen Brief an den zuständigen Minister schrieb und ihm den Ärger der Ärzte über diese lächerliche Lohnerhöhung mitteilte. Es gelang ihnen, 300 Unterschriften zu sammeln, die sie beim Gesundheitsministerium, beim Staatsrat und bei jedem wichtigen Machtorgan auf dieser Insel abgaben. Die Antwort erfolgte einige Wochen später in Form des Ausschlusses aus der Facharztausbildung. Fünf Monate später wurden beide entlassen und ihre Doktortitel wurden ihnen aberkannt. Es sind jetzt nach diesen Ereignissen fünf Jahre vergangen, aber keiner von beiden konnte als Arzt wieder einen Fuß in ein Sprechzimmer setzen.
Letzte Woche beschloss Geovany Jiménez Vega, Hauptperson und Opfer dieser Geschichte, im Park Martí von Guanajay in Hungerstreik zu treten, um vor der Leitung des Gesundheitsministeriums seine eigene berufliche Rehabilitierung und die seines Kollegen Dr. Rodolfo Martínez Vigoa zu verlangen. Zur selben Zeit, als in der kubanischen Zeitung über den Streik der Fluglotsen in Spanien und die Proteste der Arbeiter in Griechenland berichtet wurde, darbten zwei Männer ganz in der Nähe von uns und wir erfuhren nichts davon. Glücklicherweise haben sie gestern wieder etwas zu sich genommen, weil Geovany beschloss, einen Blog zu eröffnen und es der Welt zu erzählen, indem er nicht aufs Fasten, sondern auf Information setzte. Es wurde ihm bewusst, dass dieser Brief, den nur wenige unterschrieben haben, Tausende von Verbündeten schaffen könnte, wenn er veröffentlicht wird, wenn er all die fähigen und besitzlosen Ärzte dieses Landes erreicht.
Der neue Blog wird am Montag zur Verfügung stehen. Ich werde ihn über Twitter ankündigen.

987 klicks in den letzten 24 Stunden.
Übersetzung: Iris Wißmüller

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5 Gedanken zu „Man hat ihnen den Mund verboten

  1. Zu den Tweets: Heute hätten Kubanische Studenten Geschichte schreiben können indem sie sich den Damas de Blancas angeschlossen hätten zum erstaunen der Organisatoren. Aber sie haben es vorgezogen sich vor den ideologischen Karren spannen zu lassen. Es ist einfacher mitzulaufen als dagegen. Diese Kubaner werden nichts erreichen in ihrem Land, sie werden sich Zeit ihres Lebens unterjochen lassen oder abhauen wie Yoanie schreibt. Haben sie es getan weil sie kostenlos studieren können oder weil sie ein Sandwich mit Cola bekommen? Das angebliche revolutionäre Volk ist schwach und ohne Rückgrat, erbermlich.

  2. Ich verneige mich vor Geovany Jiménez Vega!!!

    In was für einer transformierenden Lebenskraft er sich neu erschafft! Auch solche Kubaner gibt es!
    Wir dürfen sie jetzt immer mehr sehen, weil sie sich zeigen – das ist einfach nur berührend!!!

    JA! – erzählt eure Geschichten – sie sind wichtig und werden gehört! Unbedingt! Die Welt lernt von euch!

    Ich wünsche ihm alles alles Gute auf seinem neuen Weg! Die Power hat er allemal!

  3. Heute ist Sonntag es passiert weiter nichts und erinnere ich mich wie wir in jungen Jahren antifaschisten gewesen sind und sangen dieses Lied(auf die Melodie Giovinezza)
    “Wird der Nordpol italienisch.
    dann wird Mussolini Koenig!
    und es sendet ihm Marconi
    drahtlos seine Makkaroni!”
    Hasta pronto!!

  4. Freitag hat sich unsere Yoani die Finger wund “getwittert” und ich hinterher … Sich wollte mir keinen gemütlichen Fernsehabend gönnen.

    Der Freitag war ein trauriger Tag auf Kuba, so aufregend wie die Tweets von Yoani auch waren. Raúl hat es richtig erfasst: Schön wäre es gewesen, wenn die Studenten sich vom Geist der Rebellion anstecken ließen und den Damen in Weiß hinterher gelaufen wären. Der Gedanke ist wunderschön. Aber es ist eben nur ein schönes Bild, ein Traum, der leider keine Erfüllung finden wird. Denn die Studenten, die Damen in Weiß aufs Übelste beschimpft haben, sind in einer Gesellschaft geboren und aufgewachsen, die keine Zivilcourage kennt. Diese Kinder sind ohne Sinn für Gerechtigkeit, ohne das Organ, das die Rebellionshormone produziert, zu Welt gekommen. Sie gehören zur dritten oder vierten Generation von Kubaner nach 1959. Sie haben eine soziale Mutation, quasi im darwinistischen Sinne, hinter sich.

  5. Eine traurige Analyse, fuer normale Menschen unbegreiflich, also es ist ihnen gelungen einen Golem zu erzeugen der blind gehorcht un nur ausspricht und tut was der Herr ihm befiehlt !!Diese Golem wurde im Mittelalter im Getto von Prag geboren aber trotzdem am Ende wurde er rebellisch, so hoffen wir es auch in diesem Falle.Was soll man dazu sagen??Man darf nicht aufgeben und wie sagte Ana Frank in ihrem beruehmten Tagebuch: “Und trotzdem glaube ich an das Gute im Menschen!!”

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