Leere Flure

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Foto: Landwirtschaftsministerium

Zehn Uhr morgens. Auf den Fluren, wo sich noch vor einer Woche viele Menschen tummelten und während der Arbeitszeit miteinander sprachen, geht heute keine Menschenseele mehr entlang. Was ist auf den 17 Etagen des Ministeriums für Landwirtschaft passiert, dass niemand mehr den Fuß aus seinem Büro setzt? Die Antwort ist einfach: viele fürchten, sie könnten auf der Liste der anstehenden Kürzungen stehen, sodass sie es vermeiden, sich abseits ihres Arbeitsplatzes zu zeigen, damit sie nicht entbehrlich erscheinen. Während sie einst überall mit gekreuzten Armen umherstreiften, so ist die Strategie heute, so zu tun, als wäre man beschäftigt, auch wenn man dafür acht Stunden am Schreibtisch sitzen muss.

Diese Szene ist keine Übertreibung. Das erzählte mir eine Freundin, die in einer dieser Staatsbehörden arbeitet, wo die Überbesetzung mit Personal eine chronische Krankheit ist. Sie erklärt mir, dass man vor den Wasserspendern ebenfalls keine langen Schlangen mehr sieht, aber dass auch das die Leute nicht vor der Arbeitslosigkeit bewahren wird. Sie wurden von der Behörde darüber informiert, dass nur diejenigen bleiben werden, die unentbehrlich sind, und dass einige bereits über ihre Entlassung in Kenntnis gesetzt wurden. Meine Freundin senkt den Blick und lacht auf. „Sie werden sicher weder den Direktor, noch den Sekretär der Kommunistischen Partei und am allerwenigsten die Frau rauswerfen, die die Gewerkschaft anführt“, sagt sie mit Sarkasmus.

Mich überrascht die Mischung aus Angst und Gleichgültigkeit, mit der die Kubaner der drastischen Personalkürzung gegenübertreten, die bereits umgesetzt wird. Einerseits will niemand seinen Arbeitsplatz verlieren, doch andererseits herrscht das Gefühl, dass die Arbeitslosigkeit nicht schlimmer sein kann, als für den Staat zu arbeiten. Als ich meiner Freundin empfehle, die Lizenz für einen selbstständigen Job zu beantragen, um Knöpfe mit Stoff zu überziehen oder Kleiderbügel anzufertigen, springt sie vom Stuhl auf und winkt mit beiden Händen ab. „Wenn mein Name auf der nächsten Liste steht – versichert sie – werde ich einen Skandal veranstalten, den man im Büro des Ministers und auf allen Fluren hören wird“. Aber ich glaube ihr nicht, denn wie viele andere, wird sie sich lieber verstecken, anstatt sich zu beschweren.

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Übersetzung: Valentina Dudinov
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Vom Honig zur Galle

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Foto zeigt Carlos Lage

Er trug eine bis über die Ohren gezogene Mütze, aber auch so erkannte ich in seinem Antlitz die Gesichtszüge des ehemaligen Vizepräsidenten. Carlos Lage ging an der Straßenkreuzung Infanta und Manglar an mir mit dem typischen Gang eines Ausgeschlossenen vorbei, mit diesem Schritt, den ein Gestürzter hat, wenn er die Hoffnung auf Rehabilitierung aufgegeben hat. Er tat mir leid, nicht weil ich ihn in der Sonne gehen sah, wo er doch bis vor kurzem noch einen Chauffeur hatte, sondern weil ihn alle mit einem strafendem Schweigen ansahen, mit einer Gebärde der Genugtuung. Eine Frau ging an mir vorbei und ich hörte sie sagen: „Schau mal, der Arme, er musste so viel für die ausbügeln und das ist der Dank dafür.“

Eineinhalb Jahre nach der Entlassung von Carlos Lage und Felipe Pérez Roque ist der Grund, der zu ihrem politischen Ende führte, immer noch nicht klar. Mit erstaunlicher Diskretion wurde das Video behandelt, das die Gründe für den Blitzschlag erklärte. Es wurde nur Mitgliedern der Kommunistischen Partei gezeigt und fand nicht Eingang in die alternativen Informations-Netzwerke. Ebenso wenig konnten uns jene Fotos überzeugen, die beide bei einem Fest zeigten, lächelnd mit einem Bier in der Hand; wenn das der Grund dafür gewesen sein soll, dass sie ihr Amt verloren haben, bliebe kein einziger Minister auf seinem Posten und der Präsidentensessel wäre auch leer. Der Satz, den Fidel in einer seiner Reflexionen geschrieben hatte, nämlich dass sowohl der Kanzler als auch der Vizepräsident abhängig geworden seien vom „Honigtopf der Macht“, ist eher das Bekenntnis eines Mannes, der genau weiß, wie süß grenzenlose Macht schmeckt, als die Erklärung eines Vergehens, das andere begangen haben. Deshalb wissen wir weiterhin nicht, was diesmal dazu führte, dass Saturn seine Kinder mit der Genugtuung von jemandem fraß, der gerade den letzten Wurf, die Generation, die ihn ersetzen könnte, verschlingt.

Ich empfand Mitleid mit Carlos Lage, als ich ihn mit der tief ins Gesicht gezogenen Mütze sah, mit seinem raschen Schritt, damit man ihn nicht erkannte. Ich verspürte kurz den Impuls, ihn anzusprechen und ihm zu sagen, dass sein Rauswurf ihm die künftige Schande erspart habe, und dass er dadurch zu einem freien Mann geworden sei. Aber er ging so schnell an mir vorüber, der Asphalt strömte so eine Hitze aus und jene Frau betrachtete ihn mit solchem Hohn, dass ich nur den Bürgersteig überquerte. Ich beließ den Hinausgeworfenen in seiner Einsamkeit, obwohl Sie mir glauben können, dass ich Lust hatte, auf ihn zuzugehen und ihm zuzuflüstern, dass er nicht traurig sein solle: mit seinem Rauswurf haben sie ihn in Wirklichkeit gerettet.

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Übersetzung: Iris Wißmüller
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Der tropische Sacharow

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Foto: Guillermo Fariñas mit einigen Damen in Weiß während seines Hungerstreiks

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass in dem schwächlichen Körper von Guillermo Fariñas, hinter seinem Antlitz ohne Augenbrauen, ein starker Wille existiert, der keine Mutlosigkeit kennt. Es überrascht auch, dass er in den Zeiten, in denen es um seinen Gesundheitszustand am schlimmsten stand, nicht aufgehört hat, auf die Probleme und Schwierigkeiten der ihn umgebenden Menschen zu achten. Selbst jetzt, nachdem ihm die Gallenblase entfernt wurde und sein Bauch mit schmerzhaften, chirurgischen Nähten überzogen ist, fragt er mich, wenn ich ihn anrufe, nach meiner Familie, meiner Gesundheit und der Schule meines Sohnes, anstatt sich zu beklagen. Wie sehr dieser Mann für andere lebt! Es kommt nicht von ungefähr, dass er seinen Mund für Lebensmittel verschloss, um die Freilassung von 52 politischen Gefangenen zu erreichen, von denen er nur wenige kannte.

Es gibt Preise, die einer Person Ansehen verschaffen, die Licht auf den Wert von Menschen werfen, die bis vor kurzem noch unbekannt waren. Aber es gibt auch Namen, die einem Preis Glanz verleihen, wie es bei dem an Guillermo Fariñas verliehenen Sacharow-Preis der Fall ist. Nach diesem Oktober werden diejenigen, die mit der höchsten Auszeichnung des Europäischen Parlaments als nächste geehrt werden, einen Grund mehr haben, stolz zu sein. Denn nun hat dieser Preis ein höheres Ansehen, dank der Tatsache, dass ihn dieser Mann aus Villa Clara bekommen hat, der sein Leben seinen Mitmenschen widmet, dieser ehemalige Militär, der die Waffen niedergelegt hat, um in einen friedlichen Kampf zu ziehen.

Wer wäre besser geeignet als er, der sich ein immenses Ziel gesetzt und es erreicht hat, der uns allen ein Beispiel an Seelenstärke gezeigt hat und der seinen Körper Schmerzen und Entbehrungen ausgesetzt hat, unter deren Folgen er für den Rest seines Lebens leiden muss? Kein anderer Name passt besser, um in die Liste neben Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi und den Damen in Weiß aufgenommen zu werden, als der von dem Journalisten und Psychologen, dessen hervorstechendste Charaktereigenschaft seine Bescheidenheit ist. Eine unprätentiöse Art, die weder die Mikrofone der Journalisten, die ihn in diesen Tagen interviewt haben, noch die Blitzlichtgewitter verändern konnten. Mit seinem bescheidenen Auftreten, das wir, seine Freunde, so sehr an ihm bewundern, hat Coco – selbst sein Spitzname ist schlicht – es geschafft, dass der Sacharow-Preis nun noch viel wichtiger erscheint.

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Beschäftigungstherapie

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Manche basteln Figuren aus Papier, andere reihen bunte Perlen zu einer Halskette, die nie fertig wird, oder verarbeiten Stoffquadrate zu einer unendlichen Tagesdecke. Man nennt das Beschäftigungstherapie: die Hände beschäftigt halten, damit das Hirn nicht ausrastet, würde ich sagen. Ab und zu gelingt es einer dieser sich wiederholenden Beschäftigungen, auch mich vom Alltag abzulenken, obwohl ich nicht mit Nadeln oder Klebstoff arbeite, sondern zu Schraubenzieher und Zange greife. Ich zerlege dann Schaltkreise, füge Kabel wieder zusammen, öffne jede Art von elektrischen Haushaltsgeräten, um zu sehen, ob ihr Funktionsaufbau mehr Logik hat, als unsere absurde Realität. Ich beschäftige mich mit der Technik und erfinde sie neu.

Vielleicht gelingt es mir eines Tages, einen Apparat herzustellen, der nicht nur Spannungen abbaut, sondern endlich auch dazu dient, uns mit dem Internet zu verbinden.

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Übersetzung: Iris Wißmüller

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Tarará

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Normalerweise würden meine Schwester und ich nach zwei Wochen im Pionierlager Tarará heimkehren und vom Durchtauchen der Brandungswellen am Strand berichten. Doch dieses Mal sollte alles anders sein, denn wir nahmen an einem Projekt teil, das einer sehr bedeutenden Persönlichkeit zeigen sollte, dass das einst aus privaten Häusern bestehende Städtchen zu einer Freizeitanlage für Arbeiterkinder geworden ist. Gekleidet in je nach Region typischen Kostümen, sollten wir uns auf dem Rasen am Flussufer an den Händen fassen und fünf große Kreise bilden, die die Kontinente darstellen sollten. Mir wurde die Rolle einer Litauerin zugeteilt.

Meine Mutter lieh das Kostüm in einem Laden in der Galiano-Straße aus, an die heute nur noch ein Abwasserkanal erinnert, der auf dem Gehweg mündet. Ich sollte eine dicke Weste mit bunter Stickerei über einer Bluse mit langen Ärmeln tragen und außerdem einen Haarreif und Gamaschen über den Schuhen. Dieses Kostüm passte überhaupt nicht zu der drückenden Hitze im Juli 1984, doch aus Neugier, wer dieser bedeutende Besucher sein könnte, hielt ich mehrere Tage, an denen wir probten, durch. Hineingepresst in ihre bunte mongolische Kluft, schimpften neben mir einige Mitschülerinnen über die Hitze. Der Leiter gab mit seiner Pfeife Anweisungen und wir kreisten auf dem geschnittenen Rasen von einer Seite zur anderen, in Erwartung dieser hoch gestellten Persönlichkeit, die unseren Drehungen zusehen würde.

Am Tag der geplanten Aufführung unseres Welttanzes bemerkte ich, dass jemand in der Herberge eine meiner Gamaschen geklaut hatte, und meine Schwester zeigte die ersten Anzeichen eines Sonnenstichs. Lustlos tanzten wir im Kreis, während sich das Gerücht verbreitete, dass der Bruder des Máximo Líder jeden Moment eintreffen müsste. Ein Autokonvoi, bestehend aus drei rotweinfarbenen Alfa Romeo, überquerte schnell die Brücke über dem Fluss Tarará. Eine Minute später sagte man uns, dass wir die Formation auflösen könnten; der bedeutende Besucher war bereits vorbeigefahren. Wie in dem spanischen Film „Bienvenido Mr. Marshall“, hat Raúl Castro uns in unserer Verkleidung und mit der gut geprobten Choreografie stehen lassen.

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Neoliberalismus

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Mit dem Beginn der massenhaften Entlassungen haben unsere Regierenden den schlimmsten Alptraum vorweggenommen, den der eigene offizielle Propagandaparat für den Tag angekündigt hatte, an dem das System zusammenbrechen würde. Die drastische Maßnahme wurde als Teil einer Verbesserung oder Aktualisierung des kubanischen Wirtschaftsmodells begründet. Das sind Euphemismen, mit denen versucht wird, die Zunahme der Marktregulierungen in der Wirtschaft zu verschleiern.
Was unsere aktuelle Regierung gerade tut, bedeutet eine Erleichterung für die Politiker der Zukunft, denen so die Verkündung des angenehmen Teils der Übergangsphase zufällt, wozu in erster Linie die Bürgerfreiheiten und die Wirtschaftsrechte gehören werden. Im Gegensatz zu dem, was die Propagandisten des Regimes angekündigt hatten, standen die Felsen, an denen das Schiff der Revolution mit all seinen Eroberern an Bord zerschellen würde, nicht auf der Seite, wo die Sirenen des Kapitalismus sangen, sondern sie befanden sich in der Illusion ihrer eigenen Utopie.

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Übersetzung: Iris Wißmüller

Sekundenkleber

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Sie brüllen von Balkon zu Balkon und im ersten Moment denke ich, dass sie sich beschimpfen, aber so ist es nicht. Die Frau aus dem Haus an der Ecke sagt der anderen, dass es in dem kleinen Laden von Boyeros und Tulipán „Superkleber“ gibt. Mit aufgerissenen Augen gestikulieren beide und beteuern, dass „es ihn nicht mehr gab“ und dass man „ihn nirgendwo finden konnte“. Ich muss grinsen, wenn ich mir meine Schuhspitze anschaue. Auch ich brauche diesen Kleber, den die Nachbarinnen ausrufen, als ob Rindfleisch über die Rationierungskarte verkauft würde. Wenn ich rechtzeitig komme, um eine Tube dieses Zauberklebers zu ergattern, könnte ich die Computertaste kleben, die seit einiger Zeit irgendwo herumliegt und auch die Türklingel, die wir kaum hören, wenn jemand draufdrückt.

Mitten bei meiner Aufzählung kaputter Dinge, frage ich mich, ob es eine Statistik darüber gibt, wie viel von dem Sekundenkleber auf dieser Insel pro Jahr verbraucht wird. Es handelt sich nicht um ein Standardprodukt, aber ich vermute, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Notwendigkeit, unsere Habseligkeiten zu reparieren, und dem Ausmaß der Wirtschaftskrise dieses Landes. Wenn nicht, warum laufen dann alle einem Klebstoff hinterher, der verspricht, alles reparieren zu können? Oft habe ich Klebstoffreste an den Ellenbogen oder auf der Kleidung nach einer dieser Reparaturen, zu denen mich der Alltag zwingt. Das letzte Mal, als ich mich diesen Aufgaben widmete, blieb mein Zeigefinger und Daumen aneinander kleben und ich büßte ein Stück Haut ein, bis es mir gelang sie mit warmem Wasser auseinander zu bekommen.

In vielen Läden geht es zu wie beim Schlussverkauf, wenn sie diesen „Kontaktkleber“ vorrätig haben. Die Menschen kaufen Dutzende von Tuben, als ob dessen starke Klebekraft die durch Frustration in Brüche gegangene Realität reparieren könnte. Wir sind kein übertrieben sparsames Volk, das die unbrauchbaren Dinge nicht wegwerfen will, aber wir haben Probleme damit, das von den Herstellern angegebene Verfallsdatum zu akzeptieren. Wenn etwas kaputt geht, gibt es nur selten Ersatz. Deswegen beende ich nun diesen Beitrag und werde mir meine Portion von dem Superkleber kaufen gehen, meine notwendige Dosis der sekundenschnellen Ausbesserung. Vielleicht können mir ein paar Tropfen dazu dienen, die Bruchstücke der Zukunft zusammenzufügen, die uns heruntergefallen ist und ihre Scherben in alle Richtungen verstreut hat.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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Mario Vargas LLosa: Ein lange verzögerter Nobelpreis

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Das literarische Werk von Mario Vargas LLosa hat in meinem Leben mehrere grundlegende Wendungen hervorgerufen. Die erste ergab sich vor 17 Jahren, in einem Sommer mit Stromabschaltungen und der ökonomischen Krise. Unter dem Vorwand, das Buch „Der Krieg am Ende der Welt“ zu bekommen, sprach ich einen Journalisten an, der wegen ideologischer Probleme entlassen worden war, mit dem ich heute noch mein Leben teile. Ich bewahre jenes Exemplar mit zerfleddertem Deckblatt und gelben Seiten auf, weil Dutzende von Lesern mit ihm diesen peruanischen Autor, der in den offiziellen Buchhandlungen zensiert war, entdeckten.

Danach ging ich auf die Universität und, während ich an meiner Diplomarbeit über die Literatur in der lateinamerikanischen Diktatur arbeitete, erschien sein Roman „Das Fest des Ziegenbocks“. Die Einbeziehung jenes Textes über Trujillo fand nicht das Wohlwollen des Tribunals, das mich bewertete. Ebenso wenig gefiel ihnen, dass ich von den Charaktereigenschaften der amerikanischen Anführer gerade die hervorhob, die auch „unser Máximo Líder“ aufwies. Daher kommt es, dass zum zweiten Mal ein Buch des heutigen Literaturpreisträgers mein Leben bestimmte: Es ließ mich nämlich erkennen, wie frustrierend die Philologie in Kuba war. Wozu brauche ich einen Abschluss mit Titel, sagte ich mir, wenn es sich abzeichnet, dass ich meine Sätze nicht frei formulieren darf, obwohl ich Spezialistin für Sprache und Wörter bin.

Daher kommt es, dass Vargas LLosa und sein literarisches Werk auf eine direkte und auch „hinterlistige“ Weise für vieles, was ich jetzt bin, verantwortlich sind: für mein eheliches Glück, für meine Abneigung gegenüber dem Totalitarismus, für meinen Abschied von der Philologie und für meine Annäherung an den Journalismus.
Ich wappne mich jetzt schon mal, denn ich fürchte, dass die Wirkung, wenn mir das nächste Mal ein Buch von ihm in die Hände fällt, weitere 17 Jahre dauern wird oder wieder den abrupten Abschied von einer beruflichen Laufbahn bedeuten wird.

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Autonomes Gepäck

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Unter dem Sitz stand ein Handkoffer mit zusammengeflickten Griffen von der Art, wie sie in den 80er Jahren an Leute verteilt wurden, die auf Dienstreise gingen. Jedes Mal, wenn der Bus durch ein Schlagloch fuhr, überprüften mehrere Augenpaare, ob der Inhalt nicht durch den kaputten Reißverschluss herausgefallen war. In der Nähe der Landstraße, die zu dem Ort Candelaria führt, stoppte eine Polizeistreife die Reise und befahl allen, mit ihren Habseligkeiten auszusteigen. Am Ende des Gangs blieb, neben anderem zurückgelassenen Gepäck, der geflickte Koffer stehen, der sicher einmal in Europa oder einem afrikanischen Land gewesen ist. Kein einziger machte auch nur die geringsten Anstalten, diesen mitzunehmen.

Zwei Offiziere durchsuchten jede Reihe und stapelten die Gepäckstücke, die scheinbar niemandem gehörten, auf den Stufen. Sie öffneten die Taschen ohne jegliche Sorgfalt, indem sie die Ecken durchschnitten und die Schnallen wegrissen, um die Produkte herauszuholen, die auf dieser Insel stärker verfolgt werden als Waffen oder Drogen: Milch, Käse, Hummer, Garnelen und Fisch. Ein Schäferhund, trainiert zum Aufspüren von Meeresfrüchten, Milchprodukten und Rindfleisch, suchte zwischen den Taschen, die die Leute mitgenommen und in der Sonne am Straßenrand abgestellt hatten. „Alle werden so lange festgesetzt, bis sich die Besitzer dieser Pakete melden“, schrie einer mit dem Rang eines Mayors und fing an, die beschlagnahmte Ware in den Kofferraum des Streifenwagens zu laden.

Obwohl die Befragungen und Drohungen an der Haltestelle länger als zwei Stunden dauerten, konnte den Reisenden keine Straftat nachgewiesen werden, da es keine Möglichkeit gab festzustellen, wem die Kilos von Lebensmitteln gehörten, die wohl auf dem Schwarzmarkt landen sollten. Es war unmöglich, die „allein“ reisenden Taschen jemandem zuzuordnen. Seltsamerweise sind die Busse, die das Land durchqueren, mit solchen Besitztümern beladen, die niemand als seine anerkennen will. Die autonomen Koffer, Kisten und Kartons finden erst dann einen Besitzer, wenn es gelingt, ihr Ziel zu erreichen und die Kontrollpunkte, Durchsuchungen und die Spürnase der Hunde unversehrt zu passieren.

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