Chaplinesk

aguador
Der Wasserverkäufer von Sevilla: Diego Velázquez

Der Mann in abgewetztem Anzug, Melone und übergroßen Schuhen trug Glasscheiben auf dem Rücken. Sein Compagnon, ein Junge von gerade fünf Jahren, zerschlug mit Steinen die Schaufenster der Geschäfte oder die Fenster der Häuser, damit der Glaser seine Dienste an die verzweifelten Kunden verkaufen konnte. Zusammen waren sie ein Duo des Überlebens, ein “auftauchendes” Arbeitsteam, dessen Ausbeute nur dafür ausreichte, das Feuer in ihrem Heim nicht ausgehen zu lassen. Diese Geschichte, die in dem Film “The Kid” (1921) von Charles Chaplin beschrieben wird, kam mir vor Augen, als ich die Aufllistung der selbstständigen Aktivitäten las, die in der Zeitung Granma veräffentlicht wurden. Wie ein Repertoire der Armut und Abhängigkeit scheint diese Auflistung der privaten Arbeiten mehr an ein feudales Dorf gerichtet zu sein als an ein Land im 21. Jahrhundert.

Kurz durchgelesen – und ohne meinem Unmut Ausdruck zu verleihen – fällt es auf, dass es kaum Beschäftigungen gibt, die direkt mit der Produktion zu tun haben. Die Unternehmer können auch nicht auf einen Großhandel zählen, der sie mit dem Grundmaterial versorgt; und die Möglichkeit, Kredite bei der Bank aufzunehmen, wird nur erwähnt, ohne die Höhe der Zinsen zu nennen. Es wird auch nicht genannt, dass die Selbstständigen Ware direkt aus dem Ausland importieren können, denn das bleibt weiterhin ein absolutes Monopol des Staates. Von den 178 erlaubten Beschäftigungen werden viele schon ohne Lizenz ausgeübt und dass sie auf der Liste stehen, ändert nur eine Sache, nämlich, dass jetzt dafür Steuern gezahlt werden müssen. Daher rührt unsere Skepsis gegenüber der Ankündigung, dass diese “Flexibilisierungen” der privaten Erfindungsgabe dazu beitragen können, die gravierenden Probleme unserer Wirtschaft zu lösen.

Was für Konsequenzen wird uns diese Langsamkeit in der Umsetzung der notwendigen Änderungen bringen: Dass die Bürger weiterhin die langen Schlangen vor den Konsulaten wachsen lassen, um das Land zu verlassen, oder dass sie komplett in die Illegalität und die Umverteilung der Ressourcen eintauchen. Wenn unsere Staatsmacht glaubt, dass diese tröpfchenweise Verabreichung der Umwandlungen verhindern kann, dass ihnen das System unter den Händen zerrinnt, während sie versuchen, es auf den neuesten Stand zu bringen, dann unterschätzen sie die Dringlichkeit, die auf dieser Insel herrscht. So eine halbherzige Annäherung an die unvermeidlichen Öffnungen schwächt die soziale Situation und niemand kann voraussehen, wie die frustrierten “kids”, die Benachteiligten aufgrund der Massenentlassungen und der fehlenden Perspektiven, reagieren werden. Hoffentlich zerschlagen sie nicht alle Fenster!

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Nirgendwo, aber überall

negativa_de_viajeEs ist zwei Uhr am Nachmittag in der Einwanderungs- und Ausländerbehörde (DIE) in der Calle 17 zwischen J und K. Dutzende Personen warten auf die Erlaubnis, das Land zu verlassen, diese Reiseerlaubnis, die sie “Weiße Karte” genannt haben, obwohl man sie besser “Passierschein” oder “Freiheitsbrief” oder “Haftentlassungsbefehl” nennen könnte. An den Wänden blättert die Farbe ab und auf einer Seite dieser riesigen alten Villa im Vedado warnt ein Schild: “Achtung, Einsturzgefahr”. Mehrere Frauen in Militäruniform – die schon vergessen haben, zu lächeln und freundlich zu sein – weisen das Publikum darauf hin, dass es diszipliniert warten muss. Ab und zu rufen sie einen Namen auf und der Aufgerufene kehrt wenige Minuten später zurück, mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck oder mit einem unterdrückten Schluchzen.

Endlich rufen sie mich auf, um mir die achte Absage in nur drei Jahren zu erteilen. Diese Beamten des DIE sind Spezialisten dafür, uns das zu nehmen, was wir außerhalb der Grenzen unseres Landes erleben, ausprobieren und kennenlernen könnten und sie teilen mir mit, dass ich nicht “vorerst nicht befugt bin, zu reisen”. Mit diesem kurzen Nein – das mir fast mit Freuden gesagt wird – habe ich die Möglichkeit verpasst, bei dem 60. Jubiläum des International Press Institute und der Präsentation der Nominierung des Internets für den Friedensnobelpreis in New York dabei zu sein.

Ein Stempel in meiner Akte, und ich sah mich gezwungen, per Telefon bei den Aktivitäten zu Turin – Hauptstadt der Jugend 2010 zu sprechen und dem Brùlé-Verlag mitzuteilen, dass sie Cuba Libre ohne meine Anwesenheit auf den Markt bringen mussten. Diese absurde Migrationspolitik hat sich zwischen meine Augen und die vollen Bücherregale auf der Frankfurter Buchmesse gestellt, zwischen meine Hände und die Zusammenstellung von Texten, die auf dem Festival nicht fiktionaler Literatur in Polen das Licht der Welt erblicken werden. Ich werde nicht zur Jornalismus-Messe in Ferrara gehen können noch zur Präsentation des Dokumentarfilms in Jequié, Brasilien; noch weniger werde ich am Kongress der Frauen, die das Jahrtausend anführen teilnehmen können, der in Valencia stattfindet, und auch nicht in Cuneo bei dem Ereignis Schriftsteller in der Stadt. Meine Stimme wird nicht beim LASA gehört werden, wohin jedoch offizielle Vertreter geschickt wurden, und das Erscheinen meines Buches Verwalten und Entwickeln von Inhalten mit WordPress muss ich aus der Entfernung genießen.

All das und mehr haben sie mir genommen. Aber sie lassen mich dennoch – als sei es eine Strafe – bei dieser wichtigen Quelle, aus der meine Texte entstehen, in Kontakt mit dieser Realität, und ich würde es mir nicht verzeihen, wäre ich ihr fern.

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Interferenzen

cableriaDas Radio, ein Geschenk zu meinem letzten Geburtstag, döst – voller Staub – auf einem Bücherregal vor sich hin. Wozu sollte ich es anschalten, wenn ich fast nichts hören kann. Nicht einmal die nationalen Sender kann man gut empfangen in dieser Gegend voller Ministerien und voller Antennen, die die Kurzwelle-Übertragungen, die ins Land kommen, behindern sollen. Ich hatte gehofft, die Deutsche Welle hören zu können, um meine Deutschkenntnisse am Leben zu halten, aber statt dem erwarteten “Guten Tag” höre ich nur ein Brummen.

Wir leben mitten in einem Krieg der Radiofrequenzen auf dieser Insel. Auf der einen Seite der Sender Radio Martí, der aus den USA sendet – verboten, aber äußerst populär bei meinen Landsleuten – und auf der anderen Seite dieses Brummen, das benutzt wird, um den Sender zum Schweigen zu bringen. Den Apparaten, die offiziell verkauft werden, wurde das Modul entfernt, mit dem man ausländische Sender hören kann und die Polizei hat viel Übung darin, auf den Dächern die Geräte zu finden, die helfen, diese Signale zu empfangen.

Aber in den Häusern suchen die Menschen den Ort, sei es in einer Ecke, nahe am Fenster, oder unter dem Dach, an dem das Radio es schafft, das unsägliche Piepen der Interferenzen zu ignorieren. Es ist nicht ungewöhnlich, jemanden auf dem Boden liegen zu sehen, während er den genauen Punkt zu finden versucht, an dem die lokale Programmgestaltung von den anderen Programmen, die uns von draußen erreichen, übertönt wird. Es ist egal, was von der anderen Seite übertragen wird, sei es ein langweiliges Musikprogramm, die Nachrichten auf Englisch oder der Wetterbericht eines Ortes auf der anderen Seite der Welt. Der Balsam für unsere Ohren ist, dass es anders klingt und dass es sich abhebt von der Mischung aus Slogans und Prosa ohne Freiheit, die das kubanische Radio jeden Tag überträgt.

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Handy-Aktivismus 2

twitter-pngWie man ein kubanisches Handy bei Twitter anmeldet:

  1. Als erstes im Internet einen Account bei Twitter anlegen: www.twitter.com
  2. Benutzernamen und Passwort an einem sicheren Ort aufbewahren.
  3. Einen neuen Kontakt zum Adressbuch hinzufügen mit dem Namen Twitter und der Nummer 119447624801423
  4. Vier Nachrichten an diese Nummer senden. Jede Nachricht enthält einen Befehl und es ist wichtig, dass sie in der beschriebenen Reihenfolge gesendet werden, ohne Leerzeichen weder vor noch nach dem Wort, ohne Akzente oder “ñ”. Wenn in einer der Nachrichten ein Fehler passiert, nochmal von vorne anfangen.

    start
    benutzername
    passwort
    ok

  5. Natürlich muss da, wo “benutzername” steht, Ihr Nutzername bei Twitter stehen.
  6. Die vier Nachrichten müssen nacheinander gesendet werden. Bevor Sie anfangen, sollten Sie sich vergewissern, genügend Guthaben auf Ihrer Karte zur Verfügung zu haben.
  7. Von nun an können Sie Nachrichten (SMS) mit nicht mehr als 140 Zeichen an die Nummer 119447624801423 senden, die schon in Ihrem Telefonbuch ist.
  8. Jede SMS, die Sie an diese Nummer senden, nachdem Sie die oben beschriebene Prozedur vollzogen haben, wird automatisch im Internet veröffentlicht.
  9. Jede SMS an Twitter kostet 1 CUC, also fangen Sie an zu sparen.

Quelle: http://twitpic.com/2pqj3q

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Claria, vom Fluss in die Kloake


Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm von Fabián Archondo und der Stiftung für Neues Lateinamerikanisches Kino

Mein Sohn ist in dem Alter, in dem er die Wände unseres Hauses essen könnte, wenn wir nicht aufpassen würden. Er öffnet und schließt die Tür des Kühlschranks, als glaubte er, dass dieses Haushaltsgerät – ganz von alleine – Essen produzieren könnte. Sein Apettit ist so unersättlich und in Zeiten der Knappheit und der hohen Lebensmittelpreise so schwer zu stillen, dass wir Teo den Spitznamen “Claria”, nach dem gefräßigen Fisch, gegeben haben. Seine Gier erinnert uns an diese Wels-Art, die irgendein schlauer Mensch in unser Land gebracht hat, um die Fischzucht zu steigern, und die heute zu einer Plage in Flüssen und Seen geworden ist. Aber dies ist natürlich nur ein Scherz innerhalb der Familie, denn selbst unser gieriger Sohn könnte nicht all das verschlingen, was im Mund dieses laufenden Fisches verschwindet.

Graublau, mit ausgeprägtem Schnurrbart und der Fähigkeit, bis zu drei Tage außerhalb des Wassers zu überleben, gehören die Claria-Fische zu unserer ländlichen und städtischen Landschaft. Sie sind eine der wenigen Tierarten, die in dem verseuchten Almendares-Fluss überleben und sie haben inzwischen andere, schmackhaftere Exemplare in den Gefrierschränken der Fischhändler ersetzt. Aber weder ihre Fähigkeit, sich anzupassen noch ihre Hässlichkeit sind so alarmierend wie ihr extrem räuberisches Wesen. Sie fressen alles, von Nagetieren und Hühnern bis zu Welpen und alle Arten von Fischen, Fröschen und Vögeln.

Unsere Autoritäten haben diese fremde Spezies als Lösung für die Lebensmittelknappheit in der sogenannten Sonderperiode (período especial) importiert und haben so einen immensen Schaden in unserem Ökosystem ausgelöst. Eine ähnliche Unverantwortlichkeit hatte es schon gegeben, als Tilapias und Schleien eingeführt wurden, aber die Ergebnisse waren unschätzbar dramatischer bei dieser dunklen und schlüpfrigen Kreatur, die heute unsere Gewässer beherrscht. Ihre Verbreitung, ob sie im Matsch liegen, aus einem Gullideckel mitten in der Stadt hervorkommen oder am Straßenrand kriechen, legt die Zerbrechlichkeit der Natur gegenüber den ministerialen Richtlinien offen. Ich habe keine Zweifel daran, dass dieser Fisch noch lange bei uns bleiben wird, selbst wenn die, die ihn ins Land gebracht haben, nur noch eine Erinnerung sein werden, so flüchtig wie ein Krümel im Maul eines Claria-Fisches.

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Handy-Aktivismus

twitpic-movilesWie man ein kubanisches Handy für den MMS-Service aktiviert:

1. *#06# eintippen und es erscheint die IMEI-Nummer des Telefons, bestehend aus16 Ziffern.

2. Eine SMS mit den ersten acht Ziffern der IMEI-Nummer an die Nummer 4222 schicken.

3. Sie erhalten eine SMS, in der steht, ob sich Ihr Handy für MMS aktivieren lässt. Es funktioniert nicht bei Blackberry oder iPhone, empfehlenswert sind Motorola K1, Motorola U6, Motorola V3 und ältere Nokia-Modelle.

4. Wenn das Handy für MMS aktiviert werden kann, erhalten Sie eine zweite Nachricht, in der “Akzeptieren” oder “Installieren” steht. Sollte bei einer dieser beiden Optionen nach einem Code gefragt werden, 1234 eingeben.

5. Wenn die Anwendung installiert ist, müssen Sie eventuell das Handy aus- und wieder einschalten.

6. Beim Einschalten sehen Sie neben dem Signal der Netzabdeckung ein paar grüne Rauten, wenn es sich um ein Motorola-Modell handelt, und ein “G”, wenn es ein Nokia ist.

7. Jetzt können Sie Bilder per MMS an andere kubanische Handys verschicken, die auch den MMS-Service aktiviert haben. Der Preis liegt bei 30 Centavos pro Nachricht.

8. Sie können auch Bilder an eine Email-Adresse schicken, für 2,30 CUC. Diese Option kann sehr nützlich sein, um Bilder ins Ausland zu schicken.

Quelle: http://twitpic.com/2pqktq

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Der schlechte Chef

bicitaxi

Wenn man über Kuba spricht, wird am häufigsten darüber diskutiert, ob man der Wirklichkeit, in der wir leben, den Beinamen „sozialistisch“ geben kann. Meiner Generation, die zwischen Büchern des Marxismus, Handbüchern des Wissenschaftlichen Kommunismus und Bänden mit Texten von Lenin herangewachsen ist, fällt es schwer, unser Modell mit den Entwürfen jener Werke gleichzusetzen. Wenn mich jemand diesbezüglich fragt, sage ich, dass wir auf dieser Insel unter einem Staatskapitalismus leben oder, wenn man es so nennen wollte, unter einem Großgrundbesitzer, der aus der Partei … einem Familienclan besteht.

Meine Theorie steht fest, da es in jenen Büchern, die in meinem Studium verpflichtend waren, eine unumgängliche Richtlinie zur Charakterisierung einer sozialistischen Gesellschaft gab: Die Produktionsmittel sollten in den Händen der Arbeiter sein. Doch das, was ich um mich herum wahrnehme, ist ein Staat, der alles besitzt, er ist der Eigentümer der Maschinen, der Industrieanlagen, der Infrastruktur eines Landes und alle Entscheidungen über dieses Land werden von ihm getroffen. Ein Boss, der sehr niedrige Löhne zahlt und von seinen Angestellten Zustimmung und bedingungslose Ideologietreue verlangt.

Dieser habgierige Eigentümer merkt jetzt, dass er nicht weiterhin über einer Million Menschen in staatlichen Betrieben Arbeit geben kann. „Um die Entwicklung voranzutreiben und das Wirtschaftsmodell zu aktualisieren“ sagt er uns, müssten die Belegschaften drastisch reduziert werden, wobei er andererseits nur kleine und kontrollierte Bereiche für selbstständige Jobs öffnet. Sogar die Arbeiterzentrale von Kuba, die einzige zugelassene Gewerkschaft im Land, informiert darüber, dass die Entlassungen bald kommen werden, und dass wir sie mit Fassung akzeptieren sollen. Eine traurige Rolle für Leute, die eigentlich die Rechte ihrer Mitglieder gegenüber den Mächtigen vertreten sollten und nicht umgekehrt.

Was wird der überalterte Chef tun, der diese Insel schon über fünf Jahrzehnte in seinem Besitz hat, wenn die Entlassenen von heute die Unzufriedenen von morgen werden? Wie wird er reagieren, wenn die berufliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Selbstständigen auch zur ideologischen Unabhängigkeit wird? Bald werden wir sehen, wie er schimpfen und die Erfolgreichen stigmatisieren wird, denn der Gewinn, ebenso wie der Präsidentensitz, kann nur ihm gehören.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Olivia

mariposa

Müde vom Warten auf eine Operation zur Geschlechtsumwandlung ist mein Freund Miguel fortgegangen, da er genau weiß, dass er hier nie eine bessere Anstellung erhalten würde. Die rothaarige Perücke überließ er einem Freund, der in demselben Krankenhaus arbeitete, und das Zimmer, das er in dem Viertel Luyanó hatte, verkaufte er illegal. An dem Tag, an dem er seine Ausreisegenehmigung beantragte, zog er einen Anzug mit Kragen und Krawatte an, was ihn zum Lachen brachte, als er sich im Spiegel betrachtete. In dem Büro für Auswanderung versuchte er die Hände ruhig auf einer Falte seiner Hose zu halten, damit ihn nicht eine letzte Reaktion von Homophobie an der Ausreise hinderte.

Er floh, bevor der Strom von Kubanern, welcher für eine kurze Zeit nach Ecuador führte, gestoppt wurde. Seine Heirat war eine von 700, die zwischen den Bürgern beider Länder vereinbart wurden; für viele mit dem einzigen Ziel, einen Aufenthalt in dem südamerikanischen Staat zu erhalten. Miguel zahlte 6.000 Dollar und im Gegenzug bekam er eine Hochzeit mit einer Frau aus Quito, die er gerade vor ein paar Stunden kennengelernt hatte. Er fälschte Fotos von den Flitterwochen, er bezahlte einen Beamten vom staatlichen Gesundheitsministerium, damit ihm dieser eine „Freistellung“ aushändigte, und gab sogar etwas Bares, um den Erhalt der weißen Karte nicht zu verzögern. Es war einfach für ihn vorzugeben, etwas zu sein, was er nicht war, denn wir, die auf dieser Insel geboren sind, beherrschen es gut, eine Maske aufzusetzen.

Nun erwarten ihn schwierige Zeiten, denn die ecuadorianische Regierung hat angefangen, die 37.000 Kubaner, die in den letzten Jahren in das Land gekommen sind, zu überprüfen. Dennoch scheint er keine Angst zu haben. Er ist schwul und einer von denen, die unter Schlägen in Polizeitransporter geladen wurden, außerdem stand er seit Jahren aufgrund seiner kritischen Meinung unter Beobachtung. Nachdem er beide Messerkanten der Zensur gespürt hat, schreckt ihn nichts mehr. Wenn er zum Verhör gebeten wird, – wenn sie es wirklich tun – , dann wird er in dem roten Kleid gehen, das er schon immer hier tragen wollte. Niemand wird ihn davon abhalten zu gestikulieren, wenn sie ihn befragen, denn er hat sich bereits von dem Miguel befreit, der er einmal war, um sich glücklich in Olivia zu verwandeln.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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Gebrochenes Versprechen

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Foto: Die Revolution läuft gut. Kampf, Arbeit, Fortschritt. Weiter so. Fidel

Ich schwor mir, dass ich niemals mehr von diesem Mann mit dem gepflegten Bart und der olivgrünen Uniform sprechen würde, der jeden Tag meiner Kindheit mit seiner dauernden Anwesenheit bedrückte. Mit mehr als einer Begründung erläuterte ich meine Entscheidung, Fidel Castro nicht mehr zu erwähnen: Er repräsentiert die Vergangenheit; man muss jetzt nach vorne schauen, auf ein Kuba, wo er nicht mehr existiert; mitten in den Herausforderungen der Gegenwart auf ihn anzuspielen, erschien mir eine unverzeihliche Ablenkung. Aber heute schlich er sich von neuem in mein Leben mit einer seiner unbedachten Äußerungen, die charakteristisch für ihn sind. Ich fühle mich verpflichtet, ihn wieder zu fokussieren nach seinen Äußerungen gegenüber dem Journalisten Jeffrey Goldberg, dass „das kubanische System nicht einmal bei uns selbst funktioniert.“

Wenn ich mich recht entsinne, wurden wegen geringfügigerer oder ähnlicher Sätze viele aktive Mitglieder aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und unzählige Kubaner zu langen Haftstrafen verurteilt. Der Zeigefinger des Máximo Lider richtete sich systematisch gegen Leute, die ihm zu erklären versuchten, dass das Land nicht funktionierte. Doch nicht nur die Strafe begleitete die Nonkonformisten, sondern das Tragen einer Maske wurde für uns zu einer List, um auf einer Insel zu überleben, die er versuchte zu seinem Abbild zu machen. Verstellung, Geflüster, Doppelzüngigkeiten, alles, um die eigene Meinung zu verheimlichen, die jetzt der „wiederauferstandene“ Kommandant plötzlich gegenüber einem ausländischen Journalisten herauslässt.

Vielleicht handelt es sich um einen plötzlichen Anfall von Ehrlichkeit, der alte Leute überfällt, wenn sie ihr Leben überdenken. Es könnte sogar ein weiterer verzweifelter Versuch sein, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie seine Vorhersage eines drohenden Nuklearkonflikts oder das späte mea culpa für die Unterdrückung der Homosexuellen, Dinge, die er vor einigen Wochen äußerte. Wenn ich sehe, wie er das Scheitern seines politischen Modells zugibt, habe ich den Eindruck, dass ich einer Inszenierung beiwohne, wo ein Schauspieler gestikuliert und die Stimme erhebt, damit das Publikum nicht aufhört, ihn anzusehen. Aber solange Fidel Castro nicht zum Mikrophon greift und uns verkündet, dass sein überaltertes Geschöpf demontiert wird, ist nichts passiert. Wenn er nicht denselben Satz auch innerhalb Kubas sagt und außerdem nicht verspricht, dass er gegen die notwendigen Veränderungen nicht einschreiten wird, bleibt alles wie zuvor.

PS: Als ich gestern die Nachricht bekam, schrieb ich einen kurzen Tweet: „Fidel Castro wechselte zur Opposition, als er gegenüber dem Journalisten Jeffrey Goldberg sagte, dass das kubanische Modell nicht einmal mehr bei uns funktioniert“. Eine Weile später rief mich ein befreundeter Dissident an, dem ich denselben Text per SMS geschickt hatte. Seine Worte waren ironisch, aber treffend: „Wenn Er zur Opposition wechselt, laufe ich sofort zur offiziellen Linie über.“

Übers: Iris Wißmüller
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Feier

fundacionprincipeclausipi

An Tagen wie diesen bedauere ich es sehr, keine Internetverbindung zu haben, um mein so großes Glück mit den Kommentatoren meines Blogs zu teilen. Vor dem Bildschirm anstoßen, einen Toast aussprechen und all denen danken, die mir mit ihrem Zuspruch, ihrer Kritik und ihren Ratschlägen geholfen haben.

Vor drei Jahren eröffnete diese schüchterne Frau, die ich einmal war, diese virtuelle Website, um von ihrer Realität eher ängstlich als mit Bestimmtheit zu erzählen. Ich erinnere mich an das ungläubige Staunen der Leser im ersten Moment, an die Zweifel von einigen, an den Stempel der Staatssicherheit oder der CIA, den mir andere aufdrücken wollten, an die Fehltritte auf dem steilen Weg zur Meinungsfreiheit. Ich merke, dass ich seit 2007 bis heute sechs oder sieben Leben gleichzeitig geführt habe, voller Erfolg, aber auch gekennzeichnet durch die unaufhörliche Nötigung eines Unterdrückungsapparates, der nie schläft.

Da ich jedoch eine eingefleischte Optimistin bin, werde ich nur die befriedigenden Ereignisse im Gedächtnis behalten: die wachsende alternative Blogosphäre, die Mauer, in der sich Risse auftun, den Podcast, den ich gerade vor einigen Wochen eingeweiht habe, all die Glückwünsche per SMS, die ich für meine Ernennung zum „Helden der freien Meinungsäußerung“ durch das Institut der Internationalen Presse (IPI) erhalten habe und jetzt die angenehme Überraschung des Prinz Claus Preises 2010.

Übers. Iris Wißmüller
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