Kapitol oder Haus für Fledermäuse

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Ich schaffte es, mich über die Treppen einzuschleichen, als die Arbeiter zum Speisesaal gingen, um ihr Mittagessen hinunterzuschlingen. Es war Sommer 1992 und die Versuchung, bis zur Kuppel des Kapitols zu steigen, war stärker, als der in roten Buchstaben geschriebene Hinweis: „Durchgang verboten!“. Oben wechselten sich Spinnweben, Stützelemente und abgebrochene Gesimse mit staubbedeckten Objekten ab. Aus der Höhe schaute ich nach unten, wo ein unechter Brillant den Kilometer Null der Staatsstraße markiert.

Das Kapitol von Havanna wurde aufgrund seiner Vergangenheit gedemütigt, wegen seiner großen Ähnlichkeit zu dem in Washington bestraft und geschändet, weil es einmal den Kongress beherbergt hatte. Durch die offizielle Propaganda als Symbol dieser Republik verteufelt, erlitt das imposante Gebäude das Schicksal eines Gestraften. In seinem Inneren hat die Akademie der Wissenschaften, die die weitläufigen Räume mit Trennwänden gefüllt hat, ihre Wurzeln geschlagen, und es wurde ein altes Museum mit ausgestopften Tieren direkt unter der Abgeordnetenkammer platziert. Mehrere Fledermausscharen haben sich im Innern eingenistet, beschmutzten die Wände mit ihren Fäkalien und schufen Löcher in der Zierverkleidung der Decke. Die Krümmungen und Ecken der Fassade haben sich in das bekannteste Pissoir im Umkreis von mehreren Häuserblocks verwandelt.

Vor einigen Jahren machten sich Gerüchte breit, dass ein italienischer Millionär ein Beleuchtungssystem für dieses architektonische Schmuckstück gespendet hat. Nach und nach schmorten die Glühbirnen durch und der Koloss aus Stein und Marmor blieb erneut im Dunkeln. Wir hatten ihn schon aufgegeben, da wurden zu unserer Überraschung neuerdings Bauzäune aufgestellt, die die Restaurierung der majestätischen Immobilie ankündigten. Hoffentlich werden die Reparaturarbeiten nicht länger dauern, als die kurzen Jahre seiner Erbauung und hoffentlich wird das Kapitol eines Tages der Sitz des kubanischen Parlaments sein: ein stolzes Gebäude, wie geschaffen, um echte Debatten zu beherbergen.

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5 Gedanken zu „Kapitol oder Haus für Fledermäuse

  1. Lieber Ernesto,
    Yoani twittert über den 26. Juli – scheint ein bedeutsamer Tag zu sein. Kannst du mich aufklären, warum? Was passiert da – oder auch nicht?
    Außerdem habe ich gelesen, dass Fidel Castro im Fernsehen in Olivgrün erschienen ist – aber ohne Abzeichen als Comandante. Yoani war voller Fragen über die Bedeutung dessen. In Cuba scheint man sich auf jedes Detail zu stürzen und über dessen Bedeutung nachzudenken. Hört sich wirklich ein bisschen paranoid an oder nach cubanischer Normalität ?
    Lieben Gruß
    Claudia

  2. Da war der Angriff auf die Moncada Kaserne, der voll in die Hosen ging. Ein bedeutender Nationalfeiertag.

    Es ist das Wesen der proletarischen Revolutionen, daß sie das, was vor ihnen geschaffen wurde, verfallen lassen.

  3. Liebe Claudia, ich unterbreche meine “Denkpause” (Urlaub), um deine Fragen kurz zu beantworten. In 14 Tage gibt es wieder meine ausführlichen Kommentare wieder, versprochen!
    Der 26. Juli ist der größte Festtag der kubanischen Revolution. Mit dem Sturm auf die Kaserne Moncada in Santiago de Cuba am 26. Juli 1953 begann offiziell die kubanische Revolution. Ein Haufen junger Männer mit viel Idealismus, unter der Führung von Fidel Castro, stürzte sich freiwillig in den Tod. Aus militärischer Sicht glich der Stürz einer Niederlage. Die Aktion gewann aber für die Revolutionäre eine historische, ideale Bedeutung. Nach dem Sieg von 1959 erklärte Fidel den 26. Juli als Nationalfeiertag. Am 26. Juli finden Massendemos überall statt, gibt es rohes, mit Wasser verdünntes Bier auf den Straßen, und natürlich eine richtungsgebende Rede von Fidel, die mindestens für 3 Stunden das Land zum Schweigen bringt. Seit der Erkrankung von Fidel ist der 26. Juli nicht mehr das, was er mal war – Gott sei Dank, sagen viele Kubaner. Raúl ist viel pragmatischer, eigentlich wortkarg und wenig charismatisch. Nun tut Fidel wieder sein Unwesen im Fernsehen und das Land steckt in einer aussichtslosen Situation. Da steigt natürlich die Spannung: wird Fidel auf der Tribüne dabei sein? Wird er wieder reden? Was wird Raúl zur Lage der Nation sagen? Werden die Massen wieder mit Durchhalte-Parolen hypnotisiert, oder werden Reformen angekündigt? Gibt es Hoffnung oder wieder Frust?
    Zur zweiten Frage: Vielleicht hat diese olivgrüne “Erscheinung” eines Comandante ohne Abzeichen nichts zu sagen, vielleicht wollte er nur den früheren Fidel dezent “zitieren”, oder einfach seine Lieblingsfarbe mal wieder tragen. Vielleicht ist seine Adidas-Sportjacke in der Wäscherei. Wer weißt? Fakt ist: in einem Land, wo keine Fragen gestellt werden dürfen, wo keine Interpretation der Journalisten möglich ist, wo keine illustrierte Zeitschriften und auch keine Promisendungen im Fernsehen gibt, wachsen der Fantasie Flügeln und die Paranoia wird zur Volkskrankheit.
    Nun ab in die Sonne, lieber Ernesto!

  4. Das Epitet zum Feiertag heißt so was wie… “Tag der nationalen Rebellischkeit” ujujui, Fidel wollte wohl mit der Bastille emulieren. Wie wir das gehasst haben in der Schule, Geschichte war ohne Zweifel das meist verhasste Fach.

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