Der Ausschluss, die wahre Konterrevolution

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Der Begriff “Revolutionär” hat im heutigen Kuba eine ganz andere Bedeutung als diejenige, die wir in jedem Lexikon der spanischen Sprache finden würden. Um sich ein solches Beiwort zu verdienen, genügt es, mehr Konformismus als kritischen Geist zu zeigen, sich für Gehorsam statt Rebellion zu entscheiden, das Alte eher als das Neue zu unterstützen. Um als Revolutionär zu gelten, sollte man angemessen schweigen und Willkür und Exzesse an sich vorüberziehen lassen, ohne die Staatsoberhäupter dafür verantwortlich zu machen. Jenes Wort, das einmal an Brüche und Veränderungen denken ließ, ist geschrumpft, bis es zu einem bloßen Synonym für „Reaktionär“ wurde. Paradoxerweise erweisen sich genau diejenigen, die glauben, die Essenz der Revolution zu bewahren, als politisch ziemlich unbeweglich und betreiben mit erheblichem Groll die Bestrafung der Reformer.
Solche semantischen Veränderungen musste Esteban Morales, der noch bis vor kurzem das Privileg genoss, live vor den Fernsehmikrofonen zu erscheinen, auf harte Art kennen lernen. Als Vorkämpfer der kommunistischen Partei, als Akademiker und Spezialist für Themen im Zusammenhang mit den Vereinigten Staaten hatte er die riskante Gelegenheit, einen Artikel über die Korruption zu schreiben. Seine Fragestellung war nicht vornehmlich auf das Abzweigen von alltäglichen Ressourcen gerichtet, was vielen kubanischen Familien erlaubt, bis zum Ende des Monats zu kommen. Er beschäftigte sich vielmehr mit dem moralischen Verfall, der sich weiter oben breitgemacht hat, in den Ebenen der Macht, wo man ohne Hemmungen Unterschlagungen begeht. Er hatte die unglückselige Gelegenheit, schriftlich festzuhalten, dass „es Leute in Regierungs- und Staatspositionen gibt, die Geld beiseite schaffen für die Zeit, wenn die Revolution fällt“. Auch wenn es sich um eine Schlussfolgerung handelt, für die es schon genügt, die dicken Hälse unserer Führer anzuschauen, die glänzenden Geely-Autos der Funktionäre der Körperschaft CIMEX oder die hohen Zäune, die die Häuser der Handelsmagnaten umgeben, besaß Morales den Wagemut, es aus der Innenansicht des eigenen Systems aufzuzeigen.
Veranlasst durch die Aufrufe der Regierung zur konstruktiven Kritik und dazu, Klartext zu reden, glaubte Esteban Morales, dass man seinen Text als gut gemeinte kritische Auseinandersetzung mit der Revolution aufnehmen würde. Er vergaß, dass auch andere mit ähnlichen Absichten schon als Spalter, als vom Ausland Manipulierte, als Söldner und als ideologische Abweichler abgestempelt wurden. Für weniger als das haben Journalisten ihre Anstellung, Studenten ihren Platz an der Universität verloren und wurden Wirtschaftswissenschaftler, Rechtsanwälte und sogar Agronomen stigmatisiert. Einmal bestraft mit dem unbefristeten Ausschluss aus der kommunistischen Partei Kubas hat der einst verlässliche Professor einen Weg beschritten, von dem wir genau wissen, wo er beginnt, aber nicht , wo er endet. Die Erfahrung zeigt, dass der Weg eines Sanktionierten nie eine Umkehrmöglichkeit bietet. Die Fundamentalisten werden schließlich erkennen, dass jene, die sie für den „Feind“ hielten, vielleicht bisweilen Menschen waren, die sich durch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Revolution“ motivieren ließen.

Übers. Iris Wißmüller
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