Der erste Schluck Wasser

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Nach 134 Tagen ohne feste Nahrung und ohne einen Schluck Flüssigkeit, hob Guillermo Fariñas einen roten Plastikbecher an die Lippen und trank ein wenig Wasser. Es war Donnerstag, der 8. Juli, um zwei Uhr 15 nachmittags und auf der anderen Seite der Trennscheibe zur Intensivstation, wohin er eingeliefert worden war, fielen Dutzende von Freunden, die ihm zusahen, in spontanen Applaus, als ob sie Zeugen eines Wunders wären.

Fariñas hat eine Schlacht gewonnen, befindet sich jedoch immer noch im harten Kampf mit dem Tod. Das Terrain, wo die Aktionen dieser einzigartigen Kriegsführung statt gefunden haben, war nämlich sein eigener Körper. Er war letztendlich der einzige Raum, der ihm zur Verfügung stand, um seine Kampagne zu Ende zu führen. Seine Eingeweide sind jetzt wie Leitungen aus einem sehr fragilen Papier, das Bakterien durch seine Poren filtert. Seine Halsvene ist durch einen Thrombus halb verstopft. Wenn er sich lösen würde, könnte er ins Herz, ins Gehirn oder in die Lungen gelangen; genauer gesagt, in sein Herz, in sein Gehirn, in seine Lungen. Er musste sich vier Mal mit Infektionen von Staphylococcus aureus auseinandersetzen. Nachts lässt ihn ein schlimmer Schmerz in der Leiste kaum schlafen.

Seine pergamentartige Speiseröhre rechnete nicht mit jenem ersten Schluck Wasser. Sie bereitete ihm einen so heftigen Schmerz, dass er für einen Moment dachte, er würde einen Infarkt erleiden. Aber er ertrug es still. Von der anderen Seite seines verglasten Abteils beobachteten ihn erwartungsvoll jene Menschen, die außerhalb des Krankenhauses Wache gehalten und für sein Leben gebetet hatten. Andere waren von sehr weit her bis zur Mitte der Insel gereist, um ihn zu bitten, sein Martyrium zu beenden, und um bei seinem Sieg dabei zu sein. Da er seinen jubelnden Freunden, die dem Triumph seines Falles
applaudierten, nicht die Freude verderben wollte, wandelte er seine Schmerzensgeste in ein Lächeln um.
Die Familie von Guillermo Fariñas gestattete mir, ihn in seiner ersten Nacht nach Beendigung des Hungerstreiks zu betreuen. Er ließ mich Zeuge seines Leidens sein, seiner kleinen körperlichen Unzulänglichkeiten, seiner menschlichen Schwächen. Erst da entdeckte ich den wahren Helden dieses Tages.

Übers. Iris Wißmüller