Man soll mich von der Liste streichen

escalera

Ich hörte zufällig einen Teil eines Gesprächs zwischen zwei Krankenschwestern der Poliklinik in der Nähe meiner Wohnung. „In der nächsten Woche veröffentlichen sie die Liste …“, sagte eine von ihnen, während die andere ein erschrockenes Gesicht machte und etwas antwortete, was ich nicht hören konnte. Einige Meter weiter erzählte ein Taxifahrer durch sein Handy: „Ich bin gerettet, denn es gibt eine Menge Fahrer auf der Liste, aber ich bin nicht dabei“. Die Sache begann mich neugierig zu machen. Auch wenn es auf dieser Insel Auflistungen und Inventarlisten im Überfluss gibt – auf einigen erscheinen wir gezwungenermaßen, auf andere lässt man uns nicht einmal Einblick nehmen – eine dieser Listen beunruhigt meine Landsleute besonders. Ich habe erfahren, dass es sich um die Auflistung derjenigen handelt, die arbeitslos werden, Seiten voller Namen von den Arbeitern, die in jeder Belegschaft zuviel sind.

Ungefähr 25 % der Arbeitskräfte könnten nach dem Personalabbau, der gerade durchgeführt wird, auf der Straße stehen. Einige Angestellte wurden eine Woche vorher darüber informiert, dass ihr Betrieb kein Geld mehr hat, sie weiter zu bezahlen. Sie wurden in die Arbeitslosigkeit entlassen ohne finanzielle Garantien, auf die sie sich stützen könnten, bis sie eine andere Beschäftigung gefunden hätten. Vor die Alternative gestellt, nach Hause zu gehen oder in der Landwirtschaft oder beim Bau zu arbeiten, plädierte die Mehrheit dafür, zu Hause abzutauchen und auf neue Gelegenheiten zu warten. Sie ziehen den Schluss, dass sie mehr Geld machen können, wenn sie illegal als Maniküre tätig sind oder Essen auf Bestellung zubereiten, als wenn sie den Rücken über eine Furche krümmen oder Betonwände hochziehen.

Das Thema „Entlassung“ ist momentan eine Sorge, die alle Kubaner teilen, da mindestens ein Mitglied jeder Familie von diesen Kürzungen betroffen sein wird. Dennoch spricht die offizielle Presse nur von der Arbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien, berichtet von den Aufrufen zum Generalstreik in Madrid und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in Athen. Die Gerüchte im Volk nähren sich während dessen von den persönlichen Geschichten derjenigen, die schon auf den gefürchteten Listen erschienen sind. In den großen Staatsbetrieben versammeln sich die Angestellten vor den Aushängen und fahren mit dem Zeigefinger übers Papier in der bangen Erwartung, auf ihren eigenen Namen zu stoßen. Keiner kann auf die Straße gehen, um wegen dem, was ihm passiert ist, zu protestieren. Und er wird auch nicht in dem Staatsfernsehen erscheinen, das die Arbeitslosigkeit nur erwähnt, wenn sie Tausende von Kilometern von hier entfernt vorkommt.

Hinweis auf Artikel vom 14. April: Aufgeblähte Belegschaften

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6 Gedanken zu “Man soll mich von der Liste streichen

  1. Wie sagt man in Deutschlad? Das dicke Ende kommt noch! Ich glaube, so ungefähr lautet der deutsche Spruch. Was den Sozialismus auf Kuba betrifft, seine Bonitäten, ist das dicke Ende aber längst da. Fünfzig Jahre lang hat man bei uns behauptet, die Arbeitslosigkeit gehört in die Geschichtsbücher. Nun ist sie wieder da. Und zwar mit einer Brutalität, die seines gleichen in den kapitalistischen Ländern sucht. Fünfzig Jahre lang hat man die Krankheit des Kapitalismus verdrängt, sie ideologisch behandelt, ignoriert, keine Fürsorge für den Fall der Fälle getroffen, und der Tumor, wie zu erwarten war, ist unter der Haut weiter gewachsen. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse, die Pest ist da, das Ding ist aus der Kontrolle geraten, da kann man nichts mehr machen. Tausende von Menschen werden auf eine öffentliche Liste gesetzt und ihnen ein zynisches Angebot gemacht: sie können weiter in der Landwirtschaft oder auf dem Bau arbeiten. Arbeitslosigkeit gibt es bei uns weiter nicht! Wer aber die kubanische Hitze kennt, weiß auch, dass so ein Angebot einer Aufforderung zum Selbstmord gleicht. Zumindest für Menschen, die seit eh und je im Schatten gearbeitet haben. Geld kann man in diesen „Branchen“ außerdem nicht verdienen.

    Mit dem Sozialismus ist es wie mit der Kindererziehung in der Musterfamilie. Man verbietet dies und jenes, man verteufelt die Lebensführung der anderen, den Konsum, man lebt eine Weile „ohne“ und man klopft sich auf die Schultern: Wir haben die Last nicht – Wie schön unabhängig und gesund wachsen unsere Kinder auf! Dann kommen die Buben in die Pubertät und mit ihr das dicke Ende: sie bespucken die Watte, auf der sie die ganze Jahre getragen wurden, schlagen die Käseglocke kaputt, unter der sie aufgewachsen sind, und holen alle Dinge nach, worauf sie „freiwillig“ verzichten mussten. Im Sozialismus läuft es ähnlich: Das dicke Ende kommt so dick, weil man sich der Realität verschlossen und systematisch den Kopf in den Sand gesteckt hat, weil keine Maßnahmen getroffen wurden, zur Verbeugung einer Sache, die es nicht gab, weil sie nicht geben durfte. Nach dem Sozialismus kommt das dicke Ende in fast allen Bereichen des Lebens. Die Probleme Ostdeutschlands, das böse dicke Ende, kamen nicht über Nacht und wurden nicht vom Westen zugetragen. Sie haben ihre wahren Wurzeln im Sozialismus, in 40 Jahren Leben hinter dem Mond und vorbei an der Realität. Die Arbeitslosigkeit, und sogar der Rechtextremismus im Osten, sind nicht anders zu erklären, wenn wir zu uns selbst ehrlich sind.

    Verzeihung, falls ich mit dieser Meinungsäußerung euch in die Suppe gespuckt haben sollte.

  2. Seit einigen Wochen verfolge ich regelmäßig Yoanis Blog und mit gleichem Interesse die Beschreibungen, Ergänzungen etc von Ernesto und auch Karl-Eduard. Vielen Dank dafür! Ich habe tausend Fragen und möchte mit zwei oder dreien anfangen:
    Was passiert mit einem arbeitslosen Cubaner/in? Gibt es eine staatliche Sicherung (Hartz IV)? Oder droht die Obdachlosigkeit wie sie aus anderen Entwicklungsländern bekannt ist? Gibt es eine Solidarität unter den Menschen selbst oder geht dort nur alles mit Geld? (den Eindruck habe ich nämlich, dass selbst mitmenschliche Solidarität dort überhaupt nicht funktioniert.)

    Was mich ein wenig verwirrt ist, dass ich den Eindruck habe, dass es in Cuba Menschen gibt, die hungern. Aber die Videos über Cuba oder Havanna auf youtube machen oft auch den Eindruck, dass dort genauso viele fehlernährte fettleibige Menschen (viele unbekannte, normale Menschen als auch bekannte wie Carlos Varela, Silvio Rodriguez, Nancy Morejón, etc.) herumlaufen wie hier oder den USA. Wie passt denn so etwas zusammen?

    Und was denken die Cubaner/innen über ihre gut genährte kulturelle “Führung” von Sängern, Schriftstellern, Schauspielern, etc.? Gerade die Musik ist doch immer ein hohes nationales und indentitätsstifendes Kulturgut gewesen.

    Und als letzte Frage: Wie hoch ist das Gewaltpotenzial auf der Insel? Gibt es dafür noch Kraft oder wird nur die innere Gewalt (z.B. in den Familien oder als persönliche Depression) genährt?

    Vielleicht kann mir ja jemand die ein oder andere Frage beantworten. Das wäre wirklich prima!

    Bezüglich der Arbeitslosigkeit glaube ich allerdings, dass die Haltung von “Abwarten bis jemand kommt oder etwas passiert, was mein Problem löst” auch auf die überversorgten, gesättigten Zöglinge des Kapitalismus zutrifft. Nicht wenige vertrauen auf eine gute Erbschaft und verweigern jegliche Kreativität und unabhängiges Denken und Handeln, um dies nicht zu gefährden.

    Als letzte Bemerkung: ich finde die Beschreibungen von Yoani über dieses Land oftmals erschreckend und auch schockierend – insbesondere wenn über Videos Menschen wie Dr. Darsi Ferrer zu Wort kommen. Ich verstehe kaum Spanisch – aber das mußte ich auch nicht, um zu sehen, dass es diesem Mann nicht gut geht. Traurig. Ganz traurig.

  3. Liebe Claudia, so viele Fragen und so wenig Zeit, um sie zu beantworten. Ich versuche es ganz kurz und so präzise, wie ich nur kann. Später können wir die Themen einzeln vertiefen.
    - So etwas wie Harz IV oder Sozialhilfe gibt es auf Kuba aus Prinzip nicht. Es wäre ein Skandal, sie würden dadurch die Arbeitslosigkeit, die im Sozialismus nicht geben darf, anerkennen.
    - Solidarität, vor allem in der Familie gibt es. Nicht alle Kubaner sind restlos materialisiert und nicht alle Städte auf Kuba heißen Havanna.
    - Hunger und Übergewischt ergänzen sind auf Kuba, wie überall in den Entwicklungsländer. Unterernährung und Maßlosigkeit in der Esskultur sind 2 Seiten einer und der selben Sache. Schlechte Ernährung, minderwertige Kohlenhydrate und chronischer Hunger sind schuld daran.
    - Als Kubaner bin ich sehr stolz auf unsere Musik. Pablo Milanés und Carlos Varela werden jede politische Wende auf Kuba überleben. Silvio Rodriguez nicht. Ich finde es gut, dass sie in Miami singen, aber noch besser wäre, wenn auch eine Gloria Estefan, ein Willi Chirino oder ein Isac Delgado bei uns, quasi als Austausch, auch singen dürften.
    - Gewalt gibt es auf Kuba genug. Die Polizei ist sehr präsent und aktiv. Leider gibt es auch Gewalt seitens der Masse gegen den Dissidenten und anders Denkenden.
    Gruß Ernesto

  4. In der DDR gab ers auch keine Sozialhilfe. Jeder mußte arbeiten. Andererseits gab es auch keine Arbeitslosigkeit aber dadurch eine lausige Arbeitsproduktivität. Ich selbst habe Brigadiere begleitet, die ihre Arbeiter von daheim abholten, weil sie keine Lust hatten, zur Arbeit zu kommen. Heute unmöglich und damals gar nicht vorstellbar, nach dem was die Partei lehrte.

  5. Ich dachte immer, dass man im sozialistischen Netz aufgefangen wird, wenn man unverschuldet arbeitslos wird. Aber mir scheint, dass man auch auf Kuba “nach unten durchgereicht” wird und es niemanden interessiert, was aus einem wird.
    Und ich glaube, so wie ich dachten viele. Ich war 1994 für nur 3 Monate auf Kuba (Havanna), mußte noch mit Cubana Airlines fliegen, habe (damals illegal) in einer Familie für 5 Dollar/Nacht gewohnt und saß mit “Europa-Flüchtlingen” in einem Spanischkurs der Universität von Havanna. Leute aus Europa, die sich in Kuba ein einfacheres, “sozialistisch abgefedertes” – nicht so arbeitsreiches – Leben vorstellten; die wenigsten waren wirklich politisch motiviert. Wahrscheinlich sind sie inzwischen alle wieder zurückgekehrt…

    Zum Thema Gewalt: 1994 (ich weiss, lang ist´s her) bin ich nachts alleine mit meinem chinesischen Fahrrad durch Havanna – auch in Aussenbezirke – gefahren. Ohne Probleme.. Da hat sich wohl sehr sehr viel geändert. Denn im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Großstädten war (ist?) Havanna doch sehr friedlich. Darum hatte ich es mir damals auch ausgesucht.

    Sollte man sich in diesem Sinne nicht auch das Umfeld ansehen, in dem Cuba versucht/e sich zu entwickeln? Denn auch hinter cubanischen Musikern in den USA lauern durchaus millionenschwere Immobiliengesellschaften und an die Drogenbarone in Mexiko etc., die Cuba als Sprungbrett in die USA nutzen möchten, mag ich auch nicht denken.

    Ich möchte damit aber auf keinen Fall gegen Veränderungen sprechen. Aber Cuba hat einfach viel Sprengkraft und eine Öffnung an der “falschen” Stelle……(Oder fand irgendjemand die Treuhandabwicklungen und den Abbau von Kinderkrippen etc. in Deutschland gut?)

    Lieben Gruß!

  6. Liebe Claudia,
    der Vergleich hinkt aber gewaltig!!! Ich glaube nicht, das wir uns aus Hunger oder purer Not befreien mussten! Wohin sollte sich Kuba denn öffnen, wenn nicht zum Kapitalismus? Es gibt einfach zu wenig (oder keine) Alternativen! Mit all seinen Vor-und ebenso vielen Nachteilen.
    Wenn Kuba seine Grenzen öffnen sollte, werden viele Exilkubaner in die Hände klatschen, und versuchen sehr schnell sehr viel Geld zu “verdienen”
    Aber ebenso hoffe ich auf Leute wie Ernesto, denen das eigene Land und Ihre Familien mehr als Geld bedeuten!

    Übrigens gab es auch zu DDR- Zeiten Arbeitslosigkeit, wenn auch im Verborgenem. Das Arbeitsamt wurde “Amt für Arbeit” genannt, und die Arbeitslosen waren “Arbeitssuchende”( wie heute )!
    Ich war selbst 1985 2 Wochen “arbeitssuchend”, ohne einen Pfennig Unterstützung vom Staat!
    Aber bis heute in meiner Rentenberechnung als “nicht berücksichtigt” nachzulesen.
    (aber das nur nebenbei)

    Liebe Grüße an alle Kommentatoren und an die fleißigen Übersetzer!

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