Sanftmut angesichts des Horrors

cartas_desde_birmania

Wie es der Zufall will, fand ich in einer Buchhandlung in Havanna das Buch „Briefe aus Birma“ von Aung San Suu Kyi. Ich entdeckte es nicht in einem dieser privat geführten Läden, die mit gebrauchten Büchern handeln, sondern in einem staatlichen Geschäft, in welchem farbenfrohe Ausgaben in konvertibler Währung verkauft werden. Das kleine Exemplar, mit einem Foto von ihr auf der Titelseite, befand sich inmitten von Handbüchern über Selbsthilfe und Bänden mit Kochrezepten. Ich schaute zu beiden Seiten des Bücherregals, um zu überprüfen, ob irgendjemand dieses Buch extra für mich dorthin gelegt hatte, doch die Angestellten dösten in ihrem Mittagsschlaf vor sich hin und eine von ihnen verscheuchte Fliegen von ihrem Gesicht, ohne mir Beachtung zu schenken. Ich kaufte die wertvolle Sammlung von Texten, die diese Dissidentin zwischen 1995 und 1996 geschrieben hat, noch ganz geplättet von der Überraschung, es in meinem Land gefunden zu haben, in dem wir, so wie sie, unter einem Militärregime mit einer strengen Zensur des Wortes leben.

Die Seiten mit den Chroniken von Aung San Suu Kyi, eine Mischung aus Reflexion, Alltäglichkeit, politischem Diskurs und Fragen, kamen in den Bücherregalen meiner Wohnung kaum zur Ruhe. Jeder wollte ihre gelassenen Beschreibungen eines Birma lesen, das von Angst gezeichnet, aber auch in einer Geistigkeit versunken ist, welche die gegenwärtige Situation noch dramatischer macht. In den wenigen Monaten, seitdem ich die „Briefe“ fand, hat die klare und bewegende Prosa dieser Frau die Art und Weise beeinflusst, wie wir unser eigenes nationales Desaster betrachten. Dieses Band der Hoffnung, das sie mit ihren Worten zu knüpfen vermochte, vermittelt eine optimistische Prognose für ihre Nation und für die Welt. Nur sie allein konnte den Horror mit so unerschütterlicher Sanftmut beschreiben, ohne dass der Aufschrei sich ihres Stils bemächtigt hätte und der Groll ihr in die Augen gestiegen wäre.

Ich habe mich unaufhörlich gefragt, wie die Texte dieser Dissidentin aus Birma in die Buchhandlungen meines Landes gelangt sind. Vielleicht hat sich das unverfängliche Titelbild, auf welchem eine chinesisch aussehende Frau mit Blumen hinter dem Ohr zu sehen ist, so schön wie ihr Antlitz selbst, in einen Großeinkauf eingeschlichen. Wer weiß, ob sie gedacht haben, dass es sich um eine Romanschriftstellerin oder Dichterin handelt, die die Landschaften ihres Landes aus ästhetischem und nostalgischem Blickwinkel beschreibt. Wahrscheinlich wussten diejenigen, die es ins Regal stellten, weder etwas von ihrem Hausarrest, noch von dem Friedensnobelpreis, den sie wohlverdient im Jahr 1991 erhalten hat. Ich stelle mir lieber vor, dass jemand bewusst dafür sorgte, dass ihre Stimme zu uns gedrungen ist. Ein anonymes Gesicht, ein Paar hastiger Hände haben dieses Buch in unsere Reichweite gebracht, damit wir, indem wir uns ihr annähern, unseren eigenen Schmerz spüren und erkennen können.