Automuseum

auto_viejo

Es gibt eine Sache in unserer Realität, die die Touristen fasziniert und Sammler aus aller Welt in Staunen versetzt: die Menge der alten Autos, die immer noch auf den Straßen des Landes verkehren. Soeben brummt ein 1952er Chevrolet irgendeine Avenida von Havanna entlang und ein Cadillac, der älter als der Verkehrsminister selbst ist, dient als Sammeltaxi. Sie fahren an uns vorbei, baufällig oder gerade frisch lackiert, am Rande des Zusammenbruchs oder kurz davor, einen Wettbewerb für ihren guten Erhaltungszustand zu gewinnen. Diese rollenden Wunder gehören schon zu unserer alltäglichen Stadtlandschaft, so wie die langen Schlangen, die überfüllten Omnibusse und die politischen Reklamewände.

Beim Anblick des Themenparks der Vergangenheit, den diese Fahrzeuge darstellen, zeigen die Besucher anfangs Erstaunen und Freude. Sie fotografieren sie von allen Seiten und zahlen bis zum dreifachen Fahrpreis, nur um sich in ihr geräumiges Innere setzen zu können. Auf Anfrage erfahren die erstaunten Ausländer vom Fahrer, dass die Karosserie dieses Fords, der Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, den Motor eines erst zehn Jahre alten Fiats enthält, und dass man ihm die Räder eines Ladas angeschraubt hat. Wenn sie das Vertrauen des Eigentümers gewinnen, erzählt er ihnen, dass ihm das Bremssystem von einem europäischen Freund geschenkt wurde, und dass die Scheinwerfer ursprünglich zu einem Rettungswagen gehörten.

Die Urlauber wundern sich über das Vergnügen der Kubaner, solche Reliquien zu erhalten. Nur wenige wissen jedoch, dass es sich mehr um eine Notwendigkeit, als um eine Vorliebe handelt. Es ist nämlich nicht möglich, zu einem Händler zu gehen und sich ein neues Auto zu kaufen, auch wenn man das Geld hätte, es sofort zu bezahlen. Daher sind wir gezwungen, die alten Autos zu reparieren. Ohne diese Artefakte des vergangenen Jahrhunderts wäre unsere Stadt nicht so malerisch und von Tag zu Tag unbeweglicher.

1192 clicks in den letzten 24 Stunden

Sommerferien

playa_bandera

Hundert Tausende von Kubanern sind in den Sommerferien. Unter ihnen die Studenten, die fast zwei Monate bis zum September genießen können. Die sommerliche Pause tritt zu einem Zeitpunkt mit den höchsten Temperaturen ein und alle Analysten glauben, dass die soziale Druckwelle ihren Höchstwert Anfang August erreicht. Die Kombination von Hitze, Mangel und Ferienbeginn irritiert besonders die Erwachsenen, die davon träumen, ihre Familie gut gekühlt, gut ernährt und ruhig zu halten. Viele Eltern sehen sich gezwungen, aufzuhören zu arbeiten, weil sie niemanden haben, denen sie die Kinder überlassen könnten. In den meisten Betrieben sinkt die Produktivität im Juli und August.

Der Sommer lockt zum Strand, besonders auf einer schmalen Insel, wo die Küste an der breitesten Stelle weniger als Hundert Kilometer entfernt ist. Aber ein Bad im Meer bringt auch einige Schwierigkeiten mit sich, besonders wegen der Frage: Wie komme ich hin? Außerdem entdecken wir, einmal angelangt und im Sand ausgestreckt, dass die meisten gastronomischen Angebote in Pesos Convertibles bezahlt werden müssen. Das betrifft auch die Sonnenschirme.

Die Langeweile führt uns früher oder später zu den Ecken der Wohnung, die repariert werden müssen. Jener wackelnde Stuhl, der halb verstopfte Abfluss der Spüle, die Steckdose, die Funken sprüht, der alte Wäscheständer, der das Gewicht der nassen Wäsche nicht mehr aushält und die Kloschüssel, die einen Sprung hat. Schließlich die vielen Winkel, die sich im Laufe der Zeit abnutzen und denen wir Zeit widmen müssen, sobald wir einige Tage frei haben. So kommt es, dass man die Arbeitskollegen mehr von den Schwierigkeiten bei der Reparatur der Küchenlampe reden hört, als vom warmen Wasser der Karibik.

Übersetzung: Iris Wißmüller
1769 clicks in den letzten 24 Stunden

Ohne Fanfaren, aber auch ohne Ergebnisse

26julio1

Der Festakt zum 26. Juli begann früh, um einerseits die abendlichen Regenschauer zu umgehen und andererseits die Sonne zu meiden, die ein Brennen im Nacken und andere Unannehmlichkeiten fürs Publikum hervorruft. Es war eine dieser Feierlichkeiten, die bereits zu dem kubanischen System gehört: schwerfällig, veraltet, zeitweise verstaubt. Nichts schien vom Drehbuch abzuweichen, außer dass Raúl Castro nicht aufs Podium stieg und sich nicht an eine Nation wandte, die auf ein Programm der Veränderungen wartete. Seine Abwesenheit am Mikrofon darf man nicht als Intension verstehen, Zuständigkeiten zu dezentralisieren und jemand anderem zu erlauben, bei einer solchen Gedenkfeier zu Wort zu kommen. Der General sprach nicht, da er nichts zu sagen hatte, er gab kein Reformpaket heraus, da er weiß, dass er damit seine Macht riskiert, die Kontrolle, die seine Familie über fünf Jahrzehnte ausgeübt hat.

In den früheren Reden zum selben Datum haben die Sätze des zweiten Sekretärs der Kommunistischen Partei Kubas oft mehr Verwirrung als Gewissheiten geschaffen. Also vermied er es dieses Mal, dass die Analysten der einen oder anderen Seite seine Rede neu interpretierten. Seine Prophezeiungen im Jahr 2007 über den massenhaften Zugang zur Milch, die gescheiterte Prognose über eine nicht gelungene Fertigstellung des Aquädukts von Santiago de Cuba und der unglückliche Satz: „ich bin nur ein Schatten“, mit dem er letztes Jahr seine Rede begann, brachten bereits genug Zweifel. Vielleicht hat er es auch deswegen vorgezogen, zu schweigen und die Ansprache dem fortschrittsfeindlichsten Mann seiner Regierung zu überlassen: José Ramón Machado Ventura. Einige Warnsalven der Artillerie erschütterten die Stadt von Havanna genau in dem Moment, als der Erste Vizepräsident sich der Tribüne näherte und seine von Gemeinplätzen und unnachgiebigen Äußerungen strotzende Ansprache begann.

In Bezug auf die dringend notwendigen Maßnahmen in Wirtschaft und Gesellschaft, erklärte Machado Ventura, dass diese „Schritt für Schritt in einem Tempo, das wir bestimmen“ ausgeführt werden. Das alte Täuschungsmanöver mit der ersten Person Plural, die bekannte Mehrdeutigkeit des offensichtlich Beschlossenen. Das Tempo, die Geschwindigkeit und die Tiefe dieser herbeigesehnten Öffnungen wird in einer kleinen Gruppe entschieden, die viel zu verlieren hat, wenn sie diese anwendet und Zeit zu gewinnen hat, wenn sie diese verzögert. Manche werden sagen, dass das Schweigen von Raúl Castro zu seiner Strategie gehört, nicht zu viel Aufsehen zu erregen. Doch das Verhalten von heute ist weniger politische Diskretion, als vielmehr reine staatliche Geheimnistuerei. Keine öffentlichen Versprechungen in Bezug auf Veränderungen zu machen, sich nicht in eine Abfolge von Umgestaltungen zu verwickeln, soll uns vielleicht vermitteln, dass mögliche Veränderungen nicht ihrem politischen Willen entsprechen, sondern einer momentanen verzweifelten Lage, die seiner Meinung nach vorbeigehen wird. Indem er sich nicht geäußert hat, hat er uns seine vollständigste Nachricht übermittelt: „ich schulde euch weder Erklärungen, noch Versprechungen, noch Ergebnisse.“

1750 clicks in den letzten 24 Stunden

Kapitol oder Haus für Fledermäuse

closedcapitol1hemiciclo

Ich schaffte es, mich über die Treppen einzuschleichen, als die Arbeiter zum Speisesaal gingen, um ihr Mittagessen hinunterzuschlingen. Es war Sommer 1992 und die Versuchung, bis zur Kuppel des Kapitols zu steigen, war stärker, als der in roten Buchstaben geschriebene Hinweis: „Durchgang verboten!“. Oben wechselten sich Spinnweben, Stützelemente und abgebrochene Gesimse mit staubbedeckten Objekten ab. Aus der Höhe schaute ich nach unten, wo ein unechter Brillant den Kilometer Null der Staatsstraße markiert.

Das Kapitol von Havanna wurde aufgrund seiner Vergangenheit gedemütigt, wegen seiner großen Ähnlichkeit zu dem in Washington bestraft und geschändet, weil es einmal den Kongress beherbergt hatte. Durch die offizielle Propaganda als Symbol dieser Republik verteufelt, erlitt das imposante Gebäude das Schicksal eines Gestraften. In seinem Inneren hat die Akademie der Wissenschaften, die die weitläufigen Räume mit Trennwänden gefüllt hat, ihre Wurzeln geschlagen, und es wurde ein altes Museum mit ausgestopften Tieren direkt unter der Abgeordnetenkammer platziert. Mehrere Fledermausscharen haben sich im Innern eingenistet, beschmutzten die Wände mit ihren Fäkalien und schufen Löcher in der Zierverkleidung der Decke. Die Krümmungen und Ecken der Fassade haben sich in das bekannteste Pissoir im Umkreis von mehreren Häuserblocks verwandelt.

Vor einigen Jahren machten sich Gerüchte breit, dass ein italienischer Millionär ein Beleuchtungssystem für dieses architektonische Schmuckstück gespendet hat. Nach und nach schmorten die Glühbirnen durch und der Koloss aus Stein und Marmor blieb erneut im Dunkeln. Wir hatten ihn schon aufgegeben, da wurden zu unserer Überraschung neuerdings Bauzäune aufgestellt, die die Restaurierung der majestätischen Immobilie ankündigten. Hoffentlich werden die Reparaturarbeiten nicht länger dauern, als die kurzen Jahre seiner Erbauung und hoffentlich wird das Kapitol eines Tages der Sitz des kubanischen Parlaments sein: ein stolzes Gebäude, wie geschaffen, um echte Debatten zu beherbergen.

1308 clicks in den letzten 24 Stunden.

interior_capitolio

Endzeitboten

colmillos

Ich springe aus dem Bett, draußen brüllt ein Lautsprecher. Ich verstehe nicht, was er sagt, aber ich wasche mir das Gesicht, als wäre es das letzte Mal. Vielleicht ist es der Krieg, der in den letzten Tagen so oft angekündigt wurde. Mein Sohn schläft sehr lang und ich habe den Wunsch ihn aufzuwecken, um ihn zu warnen, doch ich verstehe die Worte nicht, die aus dem Transporter schallen, der sich schon in Richtung der Avenida entfernt.

Wann werden uns diejenigen, die uns in Schrecken versetzen, Rede und Antwort stehen? Die Leute, die vor unseren Augen seit Jahrzehnten immer wieder das Gespenst des Untergangs auftauchen lassen. Es ist sehr einfach, einen Krieg vorauszusagen und nach ihm zu schreien, wenn man einen Bunker, Soldaten und eine kugelsichere Weste hat. Diesen Endzeitboten täte es gut, hier zu sein, zwischen dem Tuten der Hupe und meinem Sohn, der die Augen öffnet und erschrocken fragt: „Mami, was ist los, warum ist draußen ein solcher Lärm?“

1539 clicks in den letzten 24 Stunden.

Der Ausschluss, die wahre Konterrevolution

mundo_maravilla

Der Begriff “Revolutionär” hat im heutigen Kuba eine ganz andere Bedeutung als diejenige, die wir in jedem Lexikon der spanischen Sprache finden würden. Um sich ein solches Beiwort zu verdienen, genügt es, mehr Konformismus als kritischen Geist zu zeigen, sich für Gehorsam statt Rebellion zu entscheiden, das Alte eher als das Neue zu unterstützen. Um als Revolutionär zu gelten, sollte man angemessen schweigen und Willkür und Exzesse an sich vorüberziehen lassen, ohne die Staatsoberhäupter dafür verantwortlich zu machen. Jenes Wort, das einmal an Brüche und Veränderungen denken ließ, ist geschrumpft, bis es zu einem bloßen Synonym für „Reaktionär“ wurde. Paradoxerweise erweisen sich genau diejenigen, die glauben, die Essenz der Revolution zu bewahren, als politisch ziemlich unbeweglich und betreiben mit erheblichem Groll die Bestrafung der Reformer.
Solche semantischen Veränderungen musste Esteban Morales, der noch bis vor kurzem das Privileg genoss, live vor den Fernsehmikrofonen zu erscheinen, auf harte Art kennen lernen. Als Vorkämpfer der kommunistischen Partei, als Akademiker und Spezialist für Themen im Zusammenhang mit den Vereinigten Staaten hatte er die riskante Gelegenheit, einen Artikel über die Korruption zu schreiben. Seine Fragestellung war nicht vornehmlich auf das Abzweigen von alltäglichen Ressourcen gerichtet, was vielen kubanischen Familien erlaubt, bis zum Ende des Monats zu kommen. Er beschäftigte sich vielmehr mit dem moralischen Verfall, der sich weiter oben breitgemacht hat, in den Ebenen der Macht, wo man ohne Hemmungen Unterschlagungen begeht. Er hatte die unglückselige Gelegenheit, schriftlich festzuhalten, dass „es Leute in Regierungs- und Staatspositionen gibt, die Geld beiseite schaffen für die Zeit, wenn die Revolution fällt“. Auch wenn es sich um eine Schlussfolgerung handelt, für die es schon genügt, die dicken Hälse unserer Führer anzuschauen, die glänzenden Geely-Autos der Funktionäre der Körperschaft CIMEX oder die hohen Zäune, die die Häuser der Handelsmagnaten umgeben, besaß Morales den Wagemut, es aus der Innenansicht des eigenen Systems aufzuzeigen.
Veranlasst durch die Aufrufe der Regierung zur konstruktiven Kritik und dazu, Klartext zu reden, glaubte Esteban Morales, dass man seinen Text als gut gemeinte kritische Auseinandersetzung mit der Revolution aufnehmen würde. Er vergaß, dass auch andere mit ähnlichen Absichten schon als Spalter, als vom Ausland Manipulierte, als Söldner und als ideologische Abweichler abgestempelt wurden. Für weniger als das haben Journalisten ihre Anstellung, Studenten ihren Platz an der Universität verloren und wurden Wirtschaftswissenschaftler, Rechtsanwälte und sogar Agronomen stigmatisiert. Einmal bestraft mit dem unbefristeten Ausschluss aus der kommunistischen Partei Kubas hat der einst verlässliche Professor einen Weg beschritten, von dem wir genau wissen, wo er beginnt, aber nicht , wo er endet. Die Erfahrung zeigt, dass der Weg eines Sanktionierten nie eine Umkehrmöglichkeit bietet. Die Fundamentalisten werden schließlich erkennen, dass jene, die sie für den „Feind“ hielten, vielleicht bisweilen Menschen waren, die sich durch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Revolution“ motivieren ließen.

Übers. Iris Wißmüller
1445 clicks in den letzten 24 Stunden

Der erste Schluck Wasser

cocoaguacoco3
coco1

Nach 134 Tagen ohne feste Nahrung und ohne einen Schluck Flüssigkeit, hob Guillermo Fariñas einen roten Plastikbecher an die Lippen und trank ein wenig Wasser. Es war Donnerstag, der 8. Juli, um zwei Uhr 15 nachmittags und auf der anderen Seite der Trennscheibe zur Intensivstation, wohin er eingeliefert worden war, fielen Dutzende von Freunden, die ihm zusahen, in spontanen Applaus, als ob sie Zeugen eines Wunders wären.

Fariñas hat eine Schlacht gewonnen, befindet sich jedoch immer noch im harten Kampf mit dem Tod. Das Terrain, wo die Aktionen dieser einzigartigen Kriegsführung statt gefunden haben, war nämlich sein eigener Körper. Er war letztendlich der einzige Raum, der ihm zur Verfügung stand, um seine Kampagne zu Ende zu führen. Seine Eingeweide sind jetzt wie Leitungen aus einem sehr fragilen Papier, das Bakterien durch seine Poren filtert. Seine Halsvene ist durch einen Thrombus halb verstopft. Wenn er sich lösen würde, könnte er ins Herz, ins Gehirn oder in die Lungen gelangen; genauer gesagt, in sein Herz, in sein Gehirn, in seine Lungen. Er musste sich vier Mal mit Infektionen von Staphylococcus aureus auseinandersetzen. Nachts lässt ihn ein schlimmer Schmerz in der Leiste kaum schlafen.

Seine pergamentartige Speiseröhre rechnete nicht mit jenem ersten Schluck Wasser. Sie bereitete ihm einen so heftigen Schmerz, dass er für einen Moment dachte, er würde einen Infarkt erleiden. Aber er ertrug es still. Von der anderen Seite seines verglasten Abteils beobachteten ihn erwartungsvoll jene Menschen, die außerhalb des Krankenhauses Wache gehalten und für sein Leben gebetet hatten. Andere waren von sehr weit her bis zur Mitte der Insel gereist, um ihn zu bitten, sein Martyrium zu beenden, und um bei seinem Sieg dabei zu sein. Da er seinen jubelnden Freunden, die dem Triumph seines Falles
applaudierten, nicht die Freude verderben wollte, wandelte er seine Schmerzensgeste in ein Lächeln um.
Die Familie von Guillermo Fariñas gestattete mir, ihn in seiner ersten Nacht nach Beendigung des Hungerstreiks zu betreuen. Er ließ mich Zeuge seines Leidens sein, seiner kleinen körperlichen Unzulänglichkeiten, seiner menschlichen Schwächen. Erst da entdeckte ich den wahren Helden dieses Tages.

Übers. Iris Wißmüller