Anstelle von Congrí*

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Foto: Heute – morgen – übermorgen. Plakat, mit dem Studenten besseres Essen forderten.

Vor einigen Jahren kannte ich eine junge Frau, die kurz vor ihrer ersten Reise ins Ausland stand. Sie hatte so viele Bedenken über das, was sie dort erwarten würde, dass sie uns, die wir schon „den Teich überquert hatten“, sogar über die kleinsten Details befragte. Sie wollte wissen, ob sie für den Sommer in Europa einen Mantel oder Kleidung mit kurzen Ärmeln mitnehmen sollte und ob sie sich mit ihren geringen Englischkenntnissen würde verständigen können. Sie suchte Informationen zu Namen, Orten und sogar zu Geschmacksrichtungen, da einer ihrer Hauptängste um die Frage kreiste, wie ihr das Essen jener Küchen schmecken würde. Sie fürchtete besonders, dass auf den Tellern der Reis mit Bohnen nicht zu finden wäre, den sie gewöhnlich jeden Tag zu sich nahm.
Als sie mir das gestand, verspürte ich Lust zu lachen, aber danach begriff ich die fürchterliche Zwangslage, die es für sie bedeutete, Nahrungsgepflogenheiten zu durchbrechen. Von klein auf hatte sie sich an diese so karibische Speisenkombination gewöhnt, dass es ihr schon als Sakrileg erschien, sich vor einen Teller Gemüse zu setzen. Sie machte sich Sorgen, dass sie nur Spinat und Brokkoli zu sich nehmen müsste, wie sie es in einigen Filmen gesehen hatte, und dass sie mehr als einen Monat ohne ihre geliebten „Mauren und Christen“* zubringen müsste. Das Misstrauen ging bei ihr soweit, dass sie das Flugzeug mit mehreren Kilogramm ihrer unverzichtbaren Bohnen und ihrer täglichen Reiszufuhr im Gepäck bestieg. Sie kehrte nie von jener Reise zurück, weil sie sich im Norden Italiens niederließ, offensichtlich von der Würze dieses Ortes angetan.
Die Verarmung unserer Esskultur, hervorgerufen durch die chronische Krise, die wir erleben, hat bewirkt, dass unser Gaumen kaum auf ein Dutzend Geschmacksrichtungen trifft. Die Proteine, die auf den kubanischen Tellern erscheinen, bestehen aus einem „Hot Dog“, einer Portion Putenhackfleisch oder einem Stück Rindsleber. Diese Produkte weisen in den Läden mit konvertiblen Pesos die günstigsten Preise auf und sind größtenteils aus dem Land im Norden importiert, das so oft in den politischen Parolen erwähnt wird. Sogar das Schweinefleisch ist für uns unerreichbar geworden, und wenn in unserem Viertel Eier verkauft werden, herrscht eine Freude wie bei Ankunft der Heiligen drei Könige in eigener Person. Die täglich wiederkehrende Mischung aus Reis und Bohnen ist auf dem besten Weg, auch zu verschwinden wegen dem Desaster in der Landwirtschaft, der Trockenheit und der staatlichen Misswirtschaft auf unseren Feldern. Jetzt muss man das Doppelte, wenn nicht gar das Dreifache an Geld ausgeben, um diesen Congrí* genießen zu können, wegen dem meine Freundin beinahe ihre Reise nach Europa abgesagt hätte.

Anm. D. Ü.
Kubanisches Nationalgericht, das vorwiegend aus Reis und schwarzen Bohnen besteht und auch als „moros y cristianos“ bezeichnet wird (wegen der dunklen und hellen Färbung).

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de