Mediale Hinrichtung

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Foto: Trophäe des Journalistenpreises Perfil in der Kategorie der Meinungsfreiheit

Ich flechte mein Haar. Heute wird nichts gefeiert, eher sollte ich verstrubbelt und glanzlos bleiben, aber ich teile es in drei Stränge und lege sie nach bestimmter Reihenfolge übereinander. Die Liturgie des Kämmens besänftigt meine Unruhe und schließlich ist mein Kopf in Ordnung, aber die Welt bleibt kraus. Ich habe ein Schwindel erregendes Wochenende durchlebt und dachte, dass das Ritual, meine Mähne in Ordnung zu bringen und sie zu einem schlanken Zopf zu binden, mir meine Unrast nehmen könnte, aber es hat nicht funktioniert.

Am Freitag wurde mein Name in der langweiligen Sendung „Runder Tisch“ im Zusammenhang mit Begriffen wie „Cyberterrorismus“, „Cyberkommandos“ und „medialer Krieg“ genannt. In negativer Form in einer höchst offiziellen Sendung des Fernsehens erwähnt zu werden, ist für jeden Kubaner gleichbedeutend mit der Bestätigung seines sozialen Todes. Eine öffentliche Steinigung, die darin besteht, jemanden, der kritische Gedanken hat, mit Schmähungen zu überziehen, ohne ihm auch nur für einige Minuten das Recht einer Entgegnung einzuräumen. Meine Freunde riefen alarmiert an, da sie befürchteten, meine Wohnung sei schon voller Männer, die unter den Matratzen und hinter den Bildern herumschnüffeln. Ich meldete mich am Telefon jedoch mit meinem fröhlichsten Tonfall: „Sag mir, wer dich anschwärzt und ich sage dir, wer du bist“, wiederholte ich gegenüber denen, die sich um mich Sorgen machten. Wenn dich die Mittelmäßigen und die Opportunisten beschimpfen, wenn dich die Gehaltsempfänger einer mächtigen, aber im Sterben liegenden Maschinerie beleidigen, empfinde es als Auszeichnung … murmelte ich gebetsmühlenartig den ganzen Abend.

Am nächsten Tag beachtete die Realität weiterhin die offiziellen Verlautbarungen nicht und meine Nachbarn, gerade mit der Jagd auf den rar werdenden Reis beschäftigt, hatten weder Zeit noch Lust gehabt, diese so langweilige Fernsehsendung zu sehen. Was ist los mit unserer Realität, wenn die medialen Hinrichtungen nicht mehr funktionieren? Vor einigen Jahren noch hätten die Kugeln der staatlichen Geringschätzung bewirkt, dass alle sich von mir körperlich distanziert und von meiner Wohnung ferngehalten hätten. Aber jetzt kommen sie her und geben mir durch ein Augenzwinkern und Schulterklopfen zu verstehen, dass sie mit mir einer Meinung sind. Die Diffamierung wurde schon so oft als Mittel verwendet, um einen anderen zum Schweigen zu bringen, dass die volksverhetzenden Adjektive ihre Wirkung auf eine Bevölkerung verloren haben, die die Nase voll hat von so vielen Parolen und so geringen Resultaten.

Ein lindernder Balsam erreichte mich diesen Samstag. Ein Argentinier schaffte es, die Trophäe meines Perfil-Preises ins Land zu schmuggeln. Fast gleichzeitig schleuste eine Chilenin eine spanische Ausgabe meines Buches Cuba Libre, das sie in rosa Papier gewickelt hatte, durch den Zoll.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de