Das jährlich wiederkehrende Ritual

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Foto: Die ersten Auswirkungen des Regens

Ich hörte ein Geschrei und als ich hinunterblickte, waren die Straßen schon nass vom ersten Wolkenbruch im Mai. Havanna lag unter einem Regenschleier, nass durch diese beharrlichen Tropfen, die die Trockenheit in diesem unnormalen Frühling extrem rationiert hatte. Zuerst gingen die Kinder raus und der graue Beton der Gebäude wurde durch die nassen Streifen fleckig. Seine aus Osteuropa stammende Architektur erschien mir nun mitten in dem tropischen Regen noch unpassender. Die Hausfrauen sammelten in aller Eile ihre Wäsche von den Leinen und die Straßenhunde brachten sich in Sicherheit, bis es nachließ. Aber der Schauer hörte nicht auf und seine Hartnäckigkeit überzeugte auch die Erwachsenen, sich vom meist ersehnten Regen des Jahres nass regnen zu lassen.

Ich streckte eine Hand vom Balkon hinaus, um zu sehen, ob es der Mühe wert sei, auf das Flachdach zu steigen und unter freiem Himmel eine Dusche zu nehmen. Wir Kubaner warten auf dieses Maigeschenk, das die Mangos zum Verzehrt reifen lässt und außerdem etwas Glück bringt. So hält man es für die Zauberformel gegen das Böse, sich bis auf die Haut von diesem Schauer durchnässen zu lassen, ein natürliches Ritual eines ganzen Volkes, das auf bessere Zeiten hofft. Schließlich nahm ich die schwere Holzleiter und setzte sie an die Luke im Treppenaufgang an. Oben durchnässte mich das Gottesgeschenk der Wolken in wenigen Minuten. Auf den Dächern standen viele wie ich in der Erwartung, dass das Wasser, welches weder über den Wasserzähler läuft noch gechlort ist, das Böse mit sich fort nehme und uns gegen das, was noch kommt, beschützen möge.

Ich stand über meiner Wohnung, bis er nachließ und schaute auf die Leute in den Straßen, die mit am Körper klebender nasser Kleidung herumhüpften. Eine alte Frau streckte ihre Arme aus einem Fenster, um nicht die kostenlose Gabe der Vorsehung zu versäumen, während ein Betrunkener, der im Park lag, vom Regen zugleich gesegnet und aufgeweckt wurde. Solange der erste Wolkenbruch des Monats Mai andauerte, tollten die Leute nicht nur in den Pfützen herum, sondern strahlten diese spontane Freude aus, die im Alltag unterdrückt und abgestumpft wird. Ein unausgesprochenes Gebet erhob sich über den Straßen. In ihm bitte ich zusammen mit Hunderttausenden von Menschen darum, dass der starke Schauer uns einen ebenso großen Glücksregen bringen möge. Alles deutet darauf hin, dass wir ihn brauchen werden.

Übers: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

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Ein Gedanke zu “Das jährlich wiederkehrende Ritual

  1. Ein sehr schöner Artikel von Yoani! Ich fühlte mich in meine Heimat versetzt. Möge der Regen uns die Freude zurück geben, die uns im Laufe dieser Jahre verloren gegangen ist. Möge der Regen Schmutziges reinigen und Feinschaften beseitigen. Möge nach der Regenzeit ein Kuba geben, wo wieder Blumen wachsen, bunte wie unterschidliche.

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