Mein letztes Quäntchen Vertrauen

Eine Auswahl des Subskriptionstextes steht unten.*

Wir werden sie zur Wahrung der Gesetze zwingen.
Julio, Rechtsanwalt

Vor mehr als 60 Tagen habe ich eine Anzeige wegen illegaler Festnahme, Polizeigewalt und willkürlicher Inhaftierung an mehrere kubanische Institutionen geschickt. Nach dem Tod von Orlando Zapata Tamayo hinderten die darauf folgenden illegalen Festnahmen mehr als Hundert Personen daran, an den Begräbnisfeierlichkeiten teilzunehmen. Ich war unter den vielen Menschen, die am 24. Februar in der Arrestzelle landeten, als wir uns in das Kondolenzbuch, das in seinem Namen aufgelegen hatte, eintragen wollten. Die Härte der Gewalt, die gegen mich eingesetzt wurde, und die Übertretung der Vorschriften bei der Personenfestnahme in einer Polizeistation veranlassten mich dazu, eine Klage einzureichen, obwohl ich wenig Hoffnung hatte, dass sie vor einem Gericht behandelt würde. Während all dieser Zeit wartete ich auf eine Antwort entweder der Militär- oder der Generalstaatsanwaltschaft. Es kostete mich große Anstrengungen, dieses aufschlussreiche Zeugnis, das schmerzhaft zeigt, wie unsere Rechte mit Füßen getreten werden, nicht zu veröffentlichen.

Glücklicherweise konnte ich mit meinem Mobiltelefon den Ton der Vorkommnisse an jenem grauen Mittwoch aufzeichnen. Nachdem es konfisziert worden war, nahm es sogar die Gespräche auf, die die Staatssicherheitsagenten und die Polizisten ohne Erkennungsmarken führten, die uns gewaltsam in der Polizeistation Infanta y Manglar eingesperrt hatten. Das Beweismaterial enthält die Namen einiger verantwortlicher Personen und enthüllt den politischen Hintergrund der Operation gegen Oppositionelle, unabhängige Journalisten und Blogger. Ich habe Kopien von diesem Protokoll der „Entführung“ auch an internationale Organisationen zur Wahrung der Menschenrechte, an solche zum Schutz von Journalisten und an all jene, die mit Misshandlungen zu tun haben, geschickt. Mehrere Anwälte des kubanischen Rechtsverbandes haben mich bei diesem Unterfangen unterstützt.

Auch wenn wenig Hoffnung besteht, dass irgendjemand verurteilt wird, so wissen jetzt wenigstens die Verantwortlichen, dass ihre Missetaten nicht mehr durch das Schweigen der Opfer im Verborgenen bleiben. Die Technik ermöglichte es, dass all dies ans Licht kommt.

*Einige Anmerkungen zur Vervollständigung von diesem Dossier der “Entführung“:
-Die weibliche Stimme, die zusammen mit mir bei der Aufnahme zu hören ist, gehört meiner Schwester Yunia Sánchez.
- Niederschrift der Aufnahme:

http://www.desdecuba.com/generaciony/wp-content/uploads/2010/05/transcripcion_grabacion.pdf

-Empfangsbestätigung des Schreibens an die Militär-, Generalstaatsanwaltschaft, die Volksversammlung, die Polizeistation, wo die Vorkommnisse stattfanden, an den Staatsrat und den Sitz der Nationalen Revolutionspolizei.

* Die Übersetzung des Subskriptionstextes in Ausschnitten:

(1) Die beobachten uns. Schon eine Weile. (4) Personalausweis, bitte. Wer sind Sie? Die Staatsautorität? Oder? Dann bringen Sie mir einen uniformierten Polizisten! (6) Lassen Sie sie los! – Sagt Yunia, als diese Zivilisten versuchten, meine Arme festzuhalten. (9) Nein!!!! Sie begehen das Delikt der Einschüchterung, wenn Sie mich an meinem Tun hindern. Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich los! – Zwei Frauen halten mich an den Armen fest. (10) Kennen Sie das Delikt der Einschüchterung? Sie hindern mich etwas zu tun, was das Gesetz nicht verbietet. (12) Wer sind Sie? Ich weise mich nur vor einem Uniformierten aus. Bringen Sie einen Uniformierten! (14) Ich kann keinen in Zivil anerkennen, Sie könnten mich ja auch vergewaltigen, mich entführen. (15) Basta. Du musst ihr keine Erklärungen geben. – Sagen die beiden Frauen – (16) Ist doch klar, Ihr seid nicht die Autorität, Ihr seid dazu nicht berechtigt. (19) Weil Ihr in Zivil seid, Ihr habt keinen Haftbefehl, keinen polizeilichen Befehl. Ihr habt keine Berechtigung dazu. (23) Ausweisen? Als Kind hat man mir beigebracht, dass ein Polizist einen Ausweis mit einer Dienstnummer haben muss … (24) Da täuschen Sie sich. Das ist Ihr Fehler. (26) Jetzt kommt ein Käfigwagen und ich versuche zu telefonieren, um meine Situation bekannt zu machen. (28) Machen Sie ihr Handy gefälligst aus! (29) Ich werde es nicht ausmachen. Ich habe es Ihnen schon gesagt, dass Sie das Delikt der Einschüchterung begehen. (30) Machen Sie das Handy aus! – Ich werde es nicht tun. (31) Fassen Sie mich nicht an! (35) Da sind schon die Streifenpolizisten, die Sie sehen wollten. (36) Gut. Sehr gut. Gehen wir! Ich habe keine Angst vor der Polizei. Fass mich nicht an! – Die Frauen in Zivil versuchten weiter, mich festzuhalten und mir das Handy wegzunehmen. (39) Was ist hier los? – Erste Schläge – (40) Das ist ein Verbrechen. – Die Schläge nahmen zu – Ja, ja – sagte eine ironisch. (41) Feige! (42) Ist das Eure einzige Methode? (43) Lass mich los! (45) Lass mich los! –Meine Schwester hatten sie schon in den vergitterten Wagen gesteckt. (46 – 61) Lassen Sie mich los! (62) Sie schaffen es, mich mit Gewalt in den vergitterten Wagen zu werfen und knallen die Tür zu. (64) Ihr seid Rechtsbrecher. Ja, das seid Ihr. Ihr habt keine Berechtigung dazu. (65) Ihr begeht das Delikt der Entführung und der Einschüchterung. Entführung und Einschüchterung. Gewalt. Ihr habt kein Recht dazu. (70) Du bist ein Polizist und du musst mich vertreten als Bürgerin. Du darfst mich nicht schlagen. (71) Ich vertrete die Kubanische Revolution. (72) Na und? Die Polizei vertritt aber keine Ideologie. Die Polizei, falls du das nicht weißt, vertritt die Interessen des Volkes. (73) Nicht die Interessen einer Partei. Verstanden?
Als Polizist kannst du keine Politik vertreten. Du musst uns alle vertreten. (75) Ihr denkt, dieses Land gehört Euch. (77) Dieses Land gehört uns, den Bürgern. (78) Ich bin ganz ruhig, sag ich zu meiner Schwester. Die sind es, die hier etwas Rechtswidriges tun. (79) Ich nicht. Ich spazierte durch eine Straße meiner Stadt, meines Viertels, als ich mit Gewalt in diesen Wagen gesteckt wurde. (80) Gewalttätige! Euch ist es nicht genug, dass ein Mensch gestorben ist, es reicht euch nicht, was? (83) Der Gitterwagen fährt weiter. (84) Ich bin gespannt, wie das endet. Das müsste im Polizeirevier mit der Aufnahme eines Protokolls enden, sonst wäre es eine Entführung. Eine Entführung, mit der Polizei als Komplize. (86) Wie alt bist du eigentlich? – Ich wende mich zu einer jungen Zivilistin, die mich geschlagen hatte. – (87) Du bist jung. Warum machst du das mit? (88) Glaubst du, dass es rechtens ist, wenn eine Person, die einfach durch die Straßen geht, geschlagen und in einen Wagen gestoßen wird? Was willst du deinen Enkelkindern später erzählen? Dass du damit beschäftigst warst, den Kubanern die Rechte zu rauben? (92) Nein, nein. Ich bin ganz ruhig. Ich muss nur die Wahrheit hier sagen. (93) Na gut … die paar blauen Flecken – sag ich zu meiner Schwester ironisch – als sie mich auf meine blutigen Handknöchel aufmerksam macht. (94) Der Gitterwagen hält. Wir sind im Hinterhof der vierten Polizeistation Ecke Infanta y Manglar. (96) Ihr seid alle so feige geworden. Die olivgrüne Uniform, die Sierra Maestra, der Bart, das alles hat nichts geholfen, am Ende schlagt ihr Frauen. (98) Wie konntet ihr so tief fallen? (99) Die Macht. Die Macht. Die Macht des Militärs. Die Macht, die das Wort nicht kennt. (101) Arme Menschen. Sie wissen nicht, dass das Wort den Boden, auf dem sie stehen, durchbohrt. (104) Meine Kinder werden das nicht mehr erleben. Keines meiner Kinder. Kein Enkelkind von mir wird mit Gewalt in einen Wagen geworfen, nur weil es auf der Straße spazieren geht. (106) Eines Tages werdet ihr vor Gericht stehen und ihr werdet sagen müssen: Ja, ich habe mich geirrt. (108) Ihr werdet mich anhören müssen, denn, wenn ich was kann, dann reden. (109) Ihr nicht. Ihr redet nicht, weil ihr von oben keinen Auftrag zum Reden habt. (111) Diese Person erlaubt Euch nicht zu reden, Euch auszudrücken. Arme Menschen. Letztendlich seid ihr Gefangene der Macht. (114) Ihr seid Gefangene einer Maschinerie, die Euch am Ende nicht verteidigen wird. Rom bezahlt, aber verachtet die Verräter. (115) Mädchen, halt den Mund! (119) Ich will nichts mehr von Maschinerie und sowas…. hören. (121) Das ist dein Problem. (124) Hör auf mit dem Gelaber! (125) Was ist das für eine Ausdrucksweise, das kann doch nicht wahr sein. Da sieht man, dass ihr die Rechte der Menschen nicht respektiert. (129) Ihr habt keine Argumente. (130) Ich will dein Gelaber nicht mehr hören. Verstanden? (132) Das, was du redest interessiert mich nicht. Hör auf mich anzuschauen! Ich will deinen Mund nicht mehr reden hören. Verstanden? (133) Du wirst mich hören müssen und wenn du mich nicht mehr anhören willst, dann musst du mich töten. (135) … und wirst dafür bezahlen. (137) Dann rede was du willst. Ich muss dein Gelaber nicht hören … (138) Dann lass mich reden. Wo ist das Problem? Bohren meine Worte in deine Ohren? (139) Aua! Es tut weh: – Sagt er ironisch. (140) Es tut dir weh, weil ich dir ins Gewissen rede, das Gewissen, das bei dir so klein wie eine Kichererbse ist. (146) In der Militärakademie haben sie dir nur Schlagen beigebracht. (147) Bring mich hier raus! (148) Bringt ihn raus! (151) Die Tür des Gitterwagens geht auf. Eine Gruppe Polizisten ohne Kennzeichnung steht davor. (155) Warum habt ihr keine Kennzeichnung? (157) Weil wir alle Verbrecher sind. – Sagen sie mit Ironie. – (159) Bringt sie da hin! (160) Nein, ich werde sie nicht allein lassen. – Sagt meine Schwester und hält sich an meinem Arm fest. (163) Sie wird hier nicht allein bleiben, versucht Yunia mich zu schützen. (169) Bitte, geben sie mir die Tasche zurück! (174) Ich werde nicht zulassen, dass mit ihr was passiert. (176) Yunia … – ruft Ricardo Medina, der in der Männerzelle des Polizeireviers sitzt. (178) Vorsicht mit ihr! – ruft Ricardo. (179) Vorsicht mit ihr! Tut ihr nicht weh! Das ist Yoani Sánchez. (182) Ich bin hier gegen meinen Willen – sage ich auf dem Boden liegend, während ich mit Tritten aufgefordert werde aufzustehen. (184) Warum ist sie noch nicht in der Einzelzelle? – fragt ein Polizist einen anderen, der mir bereits das Handy weggenommen hatte. (185) Weil sie ein Handy bei sich hatte. Schau mal nach, ob sie noch eins bei sich hat! (187) Ich habe es ihr schon abgenommen. (188) Es wird konfisziert. Her damit! (189) Warte, ich besorge eine Einzelzelle. (190) Das ist Yoani Cordero. (192) Sie gehen über den Flur der Polizeistation in die nächste Etage und tragen das Handy bei sich, welches alles aufnimmt. (201) Chef, (unterhalten sich die Polizisten) da unten haben wir ein Problem. Sie haben eine der Rädelsführer mitgebracht. Wir mussten sie sogar reinschleppen. (202) Wen, die Frau? Ja. (204) Da unten ist keiner. Sie sind allein. Diese Leute sind alle da unten zusammen und sie machen Probleme. (207) Geh zu Marrero. Er soll noch einen Mann zur Verfügung stellen. (219) Kannst du bitte aufstehen? (220) Wer verlangt das von mir? (221) Die Polizei verlangt es von dir. (222) Können sie sich ausweisen, bitte? Denn diese Polizisten haben keine Kennzeichnung. (223) Wer hat dir gesagt, dass die Polizei eine Kennzeichnung braucht? (224) Eine Kennzeichnung müssen sie haben, sonst weiß ich nicht mit wem … (225) Das war früher. – lügt er (226) Nein, entschuldigen Sie. In der Schule hat man mir beigebracht … (227) Ich kläre dich auf. Du befindest dich auf dem Polizeirevier. (228) Auf dem Polizeirevier. Bist du jetzt zufrieden? (Er zeigt mir einen Ausweis, mit unkenntlich gemachtem Namen) (229) Zeigen Sie mir Ihren Namen! Das kann auch eine Fotokopie sein. (230) Sie will den Personalausweis. – sagt einer und nimmt mir das Dokument weg, bevor ich etwas lesen kann. (231) Schau mal, das Gitter hängt an zwei Scharnieren, du musst es hier aufmachen, bitte. (232) Gut. Warum soll ich da eingesperrt werden? (233) Natürlich wirst du eingesperrt. (234) Aha, ins Hotel. – Ich habe noch die Kraft Scherze zu machen. (237) Sie machen das Gitter zu und lassen meine Schwester und mich in einer Zelle, die nach Urin stinkt, zurück. Darin befindet sich noch eine ängstliche Frau. Sie sagt uns, dass sie auf der Straße mit ein wenig Alkohol aufgegriffen wurde. (Die zwei Polizisten unterhalten sich) (239) Eine schwierige Frau. (244) Schau mal, Sie hat mit ihrem Handy Sachen aufgenommen. (252) Denkt daran, wenn ihr das Mädchen erwischt, nehmt ihr alles ab! Die Handys! Sie nehmen alles auf. (254) Die haben bestimmt eine PIN und andre Sachen. Gib mal die Kamera her! – Er meint mein Handy und das meiner Schwester. (256) Entschuldigung: diese mit den schwarzen Haaren, ist sie eine von den Damen in Weiß? (257) Sie sind von einer Gruppierung, aber nicht von den Damen in Weiß. (259) Sie ist die Rädelsführerin. (262) Sie sind Schwestern. (263) Yoani Sánchez Cordero (266) Vier. Und hier haben wir noch sechs. Sind zehn Personen. – Sie meinen die Festgenommenen im Rahmen der Operation um die Beerdigung von Zapata Tamayo. (267) Es wird Zeit diese ganzen Leute zu beseitigen, …. (269) Weißt du noch ungefähr, was wem gehörte? – Sie reden über unsere abgenommenen Sachen. (270) Das hier ist von der Yoani. (271) Das ist die, die die Kamera hat, oder? (273) Und das hier, wem gehört das? (274) Weiß ich nicht. (275) Sie drücken auf eine Taste des Handys und die Aufnahme wird abgebrochen.