Gefährliche Freundschaften

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Er hatte jede Sorte von Büchern repariert, von Bibeln bis zu Wiegendrucken mit Blättern, die schon fast zu Staub zerfielen. Er war sehr gut darin, herausgerissene Seiten wieder an ihren Platz zu fügen, die Buchdeckel zu reparieren und sie mit einer chemischen Lösung zu tränken, die die Druckerschwärze wieder hervortreten ließ. Durch seine Hände waren Manuskripte des neunzehnten Jahrhunderts gegangen, Erstausgaben der Werke von José Martí und sogar einige Exemplare der Verfassung von 1940. Allen gab er die Eleganz zurück, die sie einmal besaßen und während er sie restaurierte, las er in ihnen, wie der Arzt, der sich in die Seele eines Patienten vertiefen will, dessen innere Organe er schon sehr gut kennt.

Noch nie hat er jedoch ein Buch gesehen wie das, was ihm an jenem Nachmittag Ende der achtziger Jahre gebracht wurde. Wegen seiner Größe und Dicke schien es ein Rezepturbuch eines Apothekers zu sein, aber es enthielt keine chemischen Formeln oder Medikamentenbezeichnungen, sondern es war voller Denunziationen. Es war die minuziöse Auflistung von allen Berichten, die die Angestellten eines Betriebes über ihre Arbeitskollegen gemacht hatten. Ohne sich über ihre Indiskretion klar zu sein, gab die Sekretärin diese Ansammlung von Denunziationen zur Reparatur, der Buchdeckel war abgeschabt und mehrere Bögen hatten sich gelöst. Und so gelangte jenes unschätzbare Zeugnis des Verrats in Papierform in die Hände des beharrlichen Bibliothekars.

Wie bei der Handlung der „Gefährlichen Liebschaften“ konnte man in einem Teil lesen, dass Alberto, der Personalchef beschuldigt worden war, firmeneigenes Material nach Hause mitgenommen zu haben. Wenige Seiten danach war es der Verratene selbst, der berichtete, dass die Putzhilfe im Speisesaal konterrevolutionäre Ausdrücke benutzt habe. Die Denunziationen gingen über Kreuz und woben ein reales und abscheuliches Bild, wo jeder jeden ausspioniert. Die Buchhalterin Maricusa verkaufte nach Angabe ihrer Arbeitskollegin vom Büro aus stückweise Zigaretten, aber wenn sie nicht mit dieser illegalen Tätigkeit beschäftigt war, widmete sie sich der Meldung, dass die Betriebsleiterin eine Stunde vor Betriebsschluss wegging. Es wurde mehrere Male erwähnt, dass der Mechaniker außereheliche Beziehungen mit der von der Gewerkschaft habe, außerdem trugen mehrere Berichte über die Köchin seine eigene Unterschrift.

Bei Beendigung der Lektüre konnte man nur großes Mitleid empfinden mit diesen „Darstellern“, die sich dazu verpflichtet fühlten, ein boshaftes und unaufrichtiges Intrigenspiel aufzuführen. So kam es, dass der Restaurateur das Buch sehr schnell zurückgab, nachdem er die schlechteste Arbeit gemacht hatte, die seine Hände je ausgeführt hatten. Auch heute noch denkt er unaufhörlich an die Namen, Berichte und Beschuldigungen, die sich auf jenen Seiten noch weiterhin all diese Jahre lang angesammelt haben.

Küsse einer Nacht

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Mit einem hautengen T-Shirt und gegeltem Haar bietet er seinen Körper an, die Nacht für nur zwanzig konvertible Pesos. Sein Gesicht weist die vorspringenden Backenknochen und schmalen Augen auf, die so oft unter denen zu finden sind, die aus dem Osten des Landes kommen. Er bewegt die ganze Zeit seine Arme mit einer Mischung aus Laszivität und Unschuld, die einmal Mitleid, einmal Begehren hervorruft. Er gehört zu der umfangreichen Gruppe von Kubanern, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Schweiß ihres Beckens verdienen und Sex an Ausländer und Einheimische verkaufen. Ein Gewerbe der schnellen Liebe, der kurzen Zärtlichkeiten, das auf dieser Insel in den letzten zwanzig Jahren beträchtlich gewachsen ist.

Havanna hat manchmal etwas von einem Bordell, vor allem wenn man durch die Montestraße bis zur Kreuzung mit der Cienfuegosstraße geht. Junge Frauen in auffälliger, aber ein wenig verwaschener Kleidung bieten ihre „Dienste“ an, besonders bei Einbruch der Nacht, wenn das Elastan nicht so ausgeleiert aussieht und die Ringe unter ihren Augen nicht so dunkel wirken. Das sind Frauen, die nicht konkurrieren können, wenn es darum geht, einen Manager oder einen Touristen abzuschleppen, der sie in ein Hotel mitnimmt und ihnen am nächsten Tag ein Frühstück mit Milch anbietet. Sie benutzen kein Markenparfum und sie vollziehen ihr Geschäft im engen Zimmer eines Solars* oder auf einem Treppenabsatz. Sie handeln mit Seufzern und tauschen ihre Zuckungen gegen Geld.

Diese Männer und Frauen, die mit der Lust Handel treiben, vermeiden es, den Uniformierten, die die Gegend überwachen, zu begegnen. Einem von ihnen in die Hände zu fallen, könnte eine Nacht in der Arrestzelle bedeuten oder für diejenigen, die sich illegal in der Stadt aufhalte, die Abschiebung in ihre Heimatprovinz. Alles kann sich anders regeln lassen, wenn der Polizist auf das Angebot eines Oberschenkels eingeht und beschließt, die Verwarnung für einige kurze Minuten der Intimität fallen zu lassen. Einige Ordnungshüter werden regelmäßig zurückkommen, um ihren Lohn einzufordern, in Geld oder in Dienstleistung, für die Erlaubnis, dass diese nächtlichen Wesen weiterhin an den Ecken stehen dürfen. Wenn sie es ihm verweigern, kann das dazu führen, dass die Frauen in einem Umerziehungslager für Prostituierte landen, und dass die Männer einer Straftat vorkrimineller Gefährlichkeit angeklagt werden.

So schließt sich der Kreis des bezahlten Sexes in einer Stadt, wo ehrbare Arbeit eine Reliquie aus dem Museum ist und die Notlage viele dazu bringt, auf ihren Körper zu setzen und andere anzumachen in Erwartung eines Angebots.

Anm. d. Ü.
Solar*: typisch für Havanna Centro. Das sind schnell errichtete, meist illegale Zimmer um einen Hof oder innerhalb eines großen baufälligen alten Hauses. In jedem Zimmer wohnt eine ganze Familie. Toilette ist für alle auf dem Hof. Die Solares bilden immer einen Mikrokosmos innerhalb des Viertels, sie sind praktisch wie eine kleine geschlossen Favela mitten in der Stadt.

“Wahlen, wozu?”*

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Foto: Zeit des Glaubens, der Zustimmung und der Betreuung von Wahlurnen

Welch weiten Weg habe ich zurückgelegt, angefangen von der Pionierin, die sich um Wahlurnen kümmerte, bis zur Erwachsenen mit mehreren Jahren der Wahlenthaltung hinter sich. Meine Schwester und ich gingen in unseren Schuluniformen an den Wahlsonntagen hin, um jedes Mal martialisch zu grüßen, wenn jemand den Wahlzettel in den Schlitz schob. Ich erinnere mich an mindestens drei Gründe für meine Teilnahme an jenen Wahlen: wir glaubten noch daran, dass die Macht des Volkes eine Macht war; es war nicht möglich, „nein“ zu sagen, wenn die Lehrerin mit all ihrer Autorität uns dazu aufrief und außerdem wurde an diesen Tagen ein sehr leckeres Käsebrötchen verteilt. Ich versäumte wirklich keinen einzigen dieser Tage, da sie uns mitten in der so strengen Nahrungsrationierung auch einen Fruchtsaft im wachsbeschichteten Becher gaben, den man sonst nie zu probieren bekam.

Mit dem Eintritt der Neunziger Jahre wuchsen viele von uns kindlichen „Wächtern“ der Wahlen zu Jugendlichen heran, die Wahlzettel durch Sätze mit Ausrufungszeichen ungültig machten. Ich erinnere mich noch daran, als ich das erste Mal den Holzkasten betrat, entschlossen das Stück Papier dort zu beschmieren, wo wir unser Kreuz bei „alle wählen“ setzen sollten. Eine Nachbarin warnte mich, ich solle bloß nicht auf die Idee kommen, eine politische Parole zu schreiben, anstatt ein fügsames Kreuz neben die Namen zu setzen, da jeder Wahlzettel eine Identifikationsnummer habe. „Sie werden wissen, dass du es warst“, versicherte sie mir und führte zur Bestätigung einige Geschichten von Leuten an, die gemaßregelt wurden, weil sie etwas Ähnliches getan hatten. Aber es gibt bestimmte Momente im Leben, da spielen Schelte oder Strafe keine Rolle mehr.

Später stellte ich fest, als ich die Zahl der Freunde und Angehörigen, die ihre Wahlzettel ungültig gemacht hatten, zusammenrechnete, dass sie proportional nicht mit den Ziffern im Einklang standen, die im Fernsehen bekannt gegeben wurden. Entweder die Leute logen, die behauptet hatten, ein Graffiti anstelle ihrer Zustimmung abgegeben zu haben, oder die offiziellen Statistiken stimmten nicht mit der Wirklichkeit überein. So wechselte ich zur zweiten Phase der Verdrossenheit, und ich übernahm die Position von Leuten, die das Vertrauen in das Wahlverfahren für einen Kandidaten der Volksversammlung total verloren hatten. Daher kommt es, dass ich jetzt an Wahlsonntagen zu Hause bleibe. Ich weiß nicht, ob sie immer noch Käsebrötchen an die Kinder verteilen, die die Wahlurnen bewachen, aber ich weiß, dass man sie an die Türen der Säumigen klopfen lässt mit der Aufforderung, zur Wahl zu gehen. Vielleicht – wenn alles so bleibt- werden einige von ihnen, 16 Jahre alt, den Rotstift nehmen, um ihren Wahlschein zu bekritzeln, oder sie werden sich -genau wie ich- der Stimmenthaltung als Form des Protestes bedienen.

* Ein Ausspruch Fidels im ersten Jahr der Revolution, mit dem er auf die Forderung nach Präsidentenwahlen im Land reagierte.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

Twitter: Dieses wilde Tier

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Gestern Abend besuchte mich ein Freund, der in Las Villas lebt. Um in die Hauptstadt zu kommen, muss er erst die Transportprobleme lösen und den ihn umgebenden Bewachungsring überwinden. Er erzählte mir, er sei vor einigen Monaten festgenommen worden und man habe ihm das Handy einige Stunden lang weggenommen, bis ein schlecht gelaunter Polizeibeamter mit dem kleinen Nokia in der Hand erschienen sei. „Jetzt hast du wirklich Probleme“ wiederholte der Oberleutnant der Staatssicherheit immer wieder, der ihn in jener Polizeistation festhielt. Der Grund für diese alarmierende Botschaft war, dass in seiner Telefonliste ein Eintrag unter der Bezeichnung Twitter mit einer Nummer von Großbritannien* stand.

“Keiner kann dich mehr vor 15 Jahren Gefängnis retten“, drohte ihm der Polizist und bekräftigte, es sei ein enormes Verbrechen, jemandem mit einem so seltsamen Namen, der außerdem so weit entfernt wohnt, eine SMS zu schicken. Er weiß nicht, dass der Weg, unsere Tweets in den Cyberspace zu schicken, einfach darin besteht, bloße Textbotschaften über einen Mobilfunkdienst zu versenden. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass unsere kurzen Texte, anstatt in die Hände eines Mitglieds des britischen Geheimdienstes, zu diesem blauen Vogel gelangen werden, der mit ihnen durch den Cyberspace fliegt. Es ist richtig, dass es sich um einen Blindflug handelt und dass wir keine Antworten oder Leserkommentare lesen können, aber wenigstens erzählen wir in 140 Zeichen etwas von der Insel.

Da sie immer an konspiratives Verhalten, Agenten und Verschwörungen denken, haben sie noch nicht kapiert, dass die Technologie jeden Bürger inzwischen zu seinem eigenen Verbreitungsmedium gemacht hat. Es sind nicht mehr die ausländischen Korrespondenten, die eine bestimmte Nachricht vor den Augen der Welt verbreiten, sondern es sind unsere Cyberspace-Flüge mit Twitter, die immer mehr zu Informationsquellen werden. Mein Freund erzählt es mir auf seine Weise:“ Yoani, als wir nach Havanna kamen, hatten wir eine große Operative hinter uns. Ich verfasste schon im Vorfeld eine SMS, um darauf aufmerksam zu machen, falls sie uns verhaften.“ Vielleicht war es das glänzende Display von Nokia oder die Überzeugung, dass zwischen Verfolgtem und Verfolgern etwas Neues passiert, was verhinderte, dass sie ihn in einen Streifenwagen steckten. Wenn sie ihn abgefangen hätten, hätte ein kurzer Tastendruck seinen Schrei im Netz verbreitet und das berichtet, wozu die internationale Presse Stunden gebraucht hätte, um es in Erfahrung zu bringen.

Ich verabschiedete ihn an der Tür und er hielt sein Handy in der Hand wie eine sanft leuchtende Taschenlampe. Ein bereits vorbereiteter Text im Ordner „Entwürfe“ würde ihn vor den Schatten schützen, die auf ihn dort unten warteten.

* Unter den Diensten, die Twitter anbietet, gibt es auch die Möglichkeit für diejenigen unter uns, die keinen Zugang zum Internet haben, via SMS etwas zu veröffentlichen. Das geschieht über eine Servicenummer, an die man die Nachrichten schickt, die dann sofort im Posteingang des Nutzers erscheinen.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

Die beschuhten Karmeliter*

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Aufmerksame Augen, ein Trommelfell, spezialisiert auf das schlüpfrige Geräusch beim Abzweigen von Ressourcen und braune, beinahe erdbraune Uniformen. Das sind die „Braunen“, ein regelrechtes Heer von Inspektoren, die in den Betrieben darüber wachen, dass nicht das wenige, was uns bleibt, noch durch Diebstahl entwendet wird. Sie funktionieren wie ein Schutzcorps, das aber nicht der Verwaltung der Firma unterstellt ist, wo man sie anstellt. Wie Soldaten gehorchen sie einer höheren Struktur von Anordnung und Befehl. Im Gegenzug bekommen sie ein besseres Gehalt, einige Kilogramm Hühnchen jeden Monat und diese appetitliche Zwischenmahlzeit, die sie auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen. Sie bilden die neue Truppe von Wirtschaftsprüfern, in einem Land, in dem die Angestellten nicht an ihrem Verdienst gemessen werden, sondern an dem, was sie für den Schwarzmarkt abzweigen können.
Diese Kontrolleure verbleiben nur für kurze Zeit in jedem Betrieb, um zu vermeiden, dass sie irgendwelche Beziehungen mit den Angestellten eingehen und in die Fesseln der Korruption geraten könnten. In den Tabakfabriken sollen sie die Dreher überprüfen, damit sie nicht unter ihrer Kleidung Blätter oder fertig gedrehte Zigarren hinausschmuggeln. In der Firma Suchel der Gemeinde Cerro beschäftigen sie sich damit, in den Taschen der Arbeiter nach Extrakten von Schampons und Parfums zu suchen. Mitten auf der Landstraße überprüfen sie, ob jeder Buspassagier eine gültige Fahrkarte hat und bei Río Zaza sollten sie verhindern, dass Milchtüten und Tomatenkonzentrat das Gelände illegal verließen. Darauf trainiert, Siegel zu überprüfen, Schlösser zu schließen und die Produktbestände in einem Lager aufzulisten, gelang es ihnen dennoch nicht, die dauernden Abzweigungen zu stoppen. Die Aufgabe, Sphären von Effizienz und Kontrolle zu schaffen, scheint auf einer Insel unmöglich, wo es zur Überlebensstrategie gehört, den Staat zu bestehlen.
Das Problem ist, dass die Regierung zwar weiß, dass die Leute in jedem Betrieb klauen, aber auch begreift, dass ein Klima höchster sozialer Spannungen entstehen würde, schlösse man alle Möglichkeiten zur Unterschlagung. Vor den Warenabzweigungen die Augen zu verschließen, war bis jetzt eine Methode, die Gesetzesbrecher ruhig zu halten, damit sie nicht auf andere, öffentlichere Weise ihre Unzufriedenheit kund taten. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sich dessen bewusst, dass sie durch Zustimmung und Schweigen verhindern, dass ihr Leben durchleuchtet wird und der illegale Broterwerb, von dem sich ihre Familie ernährt, ans Licht kommt. Die Duldung der Veruntreuung war viele Jahre lang eine effiziente Währung im Austausch gegen Fügsamkeit. Daher rühren die Schwierigkeiten, sie auszurotten, ohne das eigene System in die Luft zu jagen. Die „Braunen“ werden nicht vermeiden können, dass auch weiterhin Ressourcen abgezweigt werden, denn die Korruption ist der Lebenssaft, der im Grunde auch die Leute ernährt, die heute Heerscharen von Wirtschaftsprüfern auf die Straße schicken.

PS: Ich empfehle, den Artikel von Esteban Morales „Korruption: Die wahre Konterrevolution?“ zu lesen.

Anm. d. Ü.
* Bei der Überschrift handelt es sich offensichtlich um eine Sprachspielerei. Yoani spielt auf den römisch-katholischen Karmeliterorden an, der sich im 16. Jahrhundert in beschuhte und barfüßige (Bettelorden) Karmeliter spaltete. Zugleich heißt carmelitas in Kuba “die Braunen”.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

Wenn der Fluss rauscht

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Caridad könnte auf einer Landkarte die Provinz Sancti Spiritus nicht finden, wo die Firma liegt, die der Chilene Max Marambio leitete. Sie ist aber bestens informiert über all die Gerüchte zur Schließung der Firma und zu deren Korruptionsskandalen. Sie hat gelernt, Auslassungen in der Presse richtig zu deuten und die Wiederholung von bestimmten Themen als Versuch zu lesen, andere interessantere zu vertuschen. Deswegen gibt sie sich nicht mit der von Zucker umhüllten Pille zufrieden, die ihr die nationale Berichterstattung verabreicht. Dieser vierzigjährigen Frau aus Havanna haben die Gerüchte, die in den letzten Wochen auf der Straße zu hören waren, ein Sprichwort wieder in Erinnerung gerufen, das sie hartnäckig wiederholt: „Wenn der Fluss rauscht, bringt er Steine.“ Ausgerechnet der Name der Fabrik Río Zaza ist fortwährend in den Gesprächen zu hören, obwohl die Staatszeitung Granma nur in einer kurzen Notiz über den Tod ihres Generaldirektors Roberto Baudrand die Tatsache erwähnte, dass die Firma Ziel einer Untersuchungskommission ist.

Bei der Ausbildung von Journalisten sollten bestimmte Lektionen durchgenommen werden. Eine davon, die wir Kubaner nach langem Lesen zwischen den Zeilen verinnerlicht haben, lautet, dass das Verheimlichen einer Nachricht das Interesse für sie erst richtig entfacht, und Mutmaßungen und Spekulationen über Einzelheiten Vorschub leistet. Zur Zeit sind wir dazu aufgerufen, an Aktionen zur neuerlichen Bestätigung des revolutionären Prozesses teilzunehmen und eine Medienkampagne gegen Kuba zu verurteilen, von der bis jetzt kein einziges Dokument veröffentlicht worden ist. Deshalb hegen wir alle die Vermutung, dass sie mit diesem großen Trara irgend etwas Wichtiges verbergen wollen. Die hinausgeschobene Bestätigung, dass irgendetwas in dieser Joint Venture Firma passiert ist, hat bewirkt, dass die ausländische Presse, unabhängige Journalisten und wir Blogger das Thema den offiziellen und unter staatlicher Kontrolle stehenden Reportern entrissen haben. Sie sollen Loblieder singen und nicht vom Schmutz unter dem Teppich erzählen.

Caridad hatte recht mit dem Rauschen, mit dem Bach, der zu einem donnernden Strom anschwoll. Hinter dem Schweigen und den Ablenkungen verbirgt sich etwas, was gewaltig stinkt. Es riecht nach grünen Scheinen, nach Unterschlagungen, es birgt den Gestank nach Korruption, die nicht mehr nur an einer Stelle zu lokalisieren ist, sondern systemimmanent ist. Die Heerscharen von Wirtschaftsprüfern, die in den nächsten Tagen ausschwärmen werden, können dieses Ausbluten nicht aufhalten. Sie bräuchten noch einmal so viele Leute, um die Inspektoren zu überprüfen, die Wächter zu bewachen, die Kontrolleure zu kontrollieren. Die Steine, die der Fluss bringt, sind zu zahlreich und riesig, wir alle hören sie hinter den Parolen rumoren.

Übersetzung: Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de

Aufgeblähte Belegschaften

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Foto: Mir gefallen große Sachen, denn die sieht man schon von weitem.

Immer wieder, quasi als Endlosschleife, werden bei uns Maßnahmen angekündigt, die unsere Wirtschaft beschleunigen sollen. Dieses Mal heißt es „Reduzierung von aufgeblähten Belegschaften“*, obwohl sich diese Aktion aus der Sicht der Leute, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden, mit einem Wort zusammenfassen ließe, nämlich „Arbeitslosigkeit“. Lange Reportagen im Fernsehen zeigen, dass das Problem mangelnder Effizienz auf die personelle Überbesetzung in Büros, Fabriken und sogar Krankenhäusern zurück zu führen ist. Jeder Arbeitstag soll mit Inhalt gefüllt werden, um Müßiggang zu vermeiden, sagt man uns in den Medien, als ob diese so elementare Grundregel erst vor ein paar Wochen entdeckt worden wäre.

Einige Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, dass die Zahl der Arbeitslosen auf mehr als 25 % steigen würde, wenn man all die Leute, die in ihrer Funktion überflüssig sind, nach Hause schickt. Jeder vierte Arbeiter könnte entlassen werden, um die aufgeblähten Betriebe zu sanieren, denn das Land hat nicht die Mittel, inaktive Arbeitskräfte weiterzubezahlen. Eine so große Zahl von Unbeschäftigten würde einen Anstieg von sozialer Unzufriedenheit mit sich bringen. Hundert Tausende von Personen sähen sich veranlasst, illegale Geschäfte zu betreiben. Am Ende greift man auf den Trick zurück, schlanke Belegschaften zu präsentieren, um die Beschäftigungsstatistiken zu manipulieren. Ich überlege, was in diesen staatlichen Institutionen voller Bürokraten passieren würde oder was mit der umfangreichen Liste all der Leute geschähe, die für die Staatssicherheit arbeiten. Gäbe es bei ihnen auch eine Reduzierung der Belegschaft? Wenn ich die wachsende Zahl von Polizisten in Zivil durch die Straßen streifen sehe, dann glaube ich, man sollte bei ihnen anfangen, den so großen Exzess zu beseitigen. Um den schönen Schein zu wahren, wird man wohl die Leute, die außen vor bleiben, nicht Arbeitslose nennen, sondern man wird sie mit der gewissen Subtilität, die schon bei anderer Gelegenheit oft zur Anwendung kam, so etwas wie „Ersatzleute“ oder „Menschen zwischen zwei Jobs“ nennen.

Wenige Tage vor den Festivitäten zum ersten Mai sehen sich viele Kubaner der Gefahr ausgesetzt, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir bei dem Aufmarsch auf der Plaza kein einziges Plakat sehen werden, das eine abweichende Meinung zeigt oder eine Kritik angesichts der Personalreduzierung. Der Präsident der Kubanischen Arbeitergewerkschaft (CTC) selbst sagte, die Versammlung der Arbeiter diene dazu, ihre Unterstützung des revolutionären Prozesses von neuem zu bekräftigen und die so genannte Medienkampagne gegen Kuba zu verurteilen. Die einzige legale Gewerkschaftsgruppierung des Landes zeigt so ihre Funktion als Orientierung gebende Übermittlerin zwischen Machtausübenden und Arbeitern, aber trägt keine Forderungen in umgekehrter Richtung. Wir werden sie vor der Tribüne vorbeiziehen sehen, kurz davor, ihre Arbeit zu verlieren, aber sie werden ein Transparent mit Schmähparolen gegen die Europäische Union und die Vereinigten Staaten tragen. Keiner wird diesen Tag als Chance nutzen können, um echte Forderungen zu stellen, als Zusammenkunft, um vom großen Boss, d. h. dem Staat, zu verlangen, ihn nicht auf die Straße zu setzen.

Anm. d. Ü.
* In der Planwirtschaft gibt es für jeden Betrieb eine Art Personal-Schablone (Plantilla), die genau vorschreibt, welche Arbeitsplätze dieser Betrieb belegen kann. Jedes Abweichen von der Vorschrift bedarf der Genehmigung durch eine höhere Instanz.