Sie haben viel mehr Angst als ich

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Der Freitag gestaltete sich von Anfang an schwierig, das leugne ich nicht. Am Morgen vermissten wir Claudio, unseren Lehrer für Fotographie in der Blogger-Akademie, weil ein Agent ihn, nachdem er ihm kaum einen abgegriffenen Ausweis mit dem Kürzel DSE (Staatssicherheitsabteilung) gezeigt hatte, festnahm und abführte. In unserer Wohnung veranstalteten wir nach dem Unterricht ein kleines Fest zur Feier des ersten Geburtstages von Voces Cubanas, das schon 26 persönliche Websites in seinem so kurzen Leben aufweist. Ich erinnere mich, wie inmitten von Umarmungen und Gelächter jemand zu mir sagte, dass ich mich in acht nehmen solle. „In einem solchen System gibt es keine Möglichkeit, sich vor den Angriffen des Staates zu schützen“, sagte ich zu ihm in dem Versuch, meine eigene Furcht zu verscheuchen.

Ungefähr um sechs Uhr abends waren wir auf dem Weg zu einem Familientreffen. Meine Schwester schenkte vor 36 Jahren am Tag der Eisenbahn meinem Vater beim Morgengrauen ihren ersten Schrei als Baby. Sogar Teo, der als Heranwachsender wenig zugänglich dafür ist, an den Aktivitäten der „Alten“ teilzunehmen, sagte zu, uns zu begleiten. Dort erwartete uns ein typischer Geburtstag mit Fotos, Kerzen zum Ausblasen und „Herzlichen Glückwunsch, Yunia, an deinem Ehrentag, verbringe ihn gesund und froh …“. Nur dass mehrere Augenpaare, die uns auflauerten, andere Pläne für uns hatten. Mitten auf der Boyeros Avenida, wenige Meter vom MINFAR (Ministerium der Bewaffneten Revolutionstruppen) und dem Büro von Raúl Castro entfernt, hielten drei Autos den schäbigen Lada an, in den wir an einer Ecke gestiegen waren.

“Lass es dir bloß nicht einfallen, durch die 23. Straße zu fahren, Yoani, weil die Union der Jungen Kommunisten dort eine Aktion veranstaltet“, schrieen einige Männer, die aus einem Geely von chinesischem Fabrikat ausstiegen, der mir meine starken Schmerzen im Lendenbereich von damals in Erinnerung rief. Etwas Ähnliches habe ich nämlich schon im vergangenen November erlebt, doch heute würde ich es nicht zulassen, dass sie mich kopfüber in ein anderes Auto dieses Mal neben meinem Sohn steckten. Ein riesiger Mann stieg aus dem Fahrzeug und begann seine Drohungen zu wiederholen. „Wie heißt du?“ fragte ihn Reinaldo, aber er hatte nicht den Mut zu antworten. Teos schlaksigem Körper entsprang ein ironischer Satz: „Er sagt seinen Namen nicht, weil er ein Feigling ist.“ Noch schlimmer, Teo, noch schlimmer, er sagt seinen Namen nicht, weil er sich nicht als Individuum sieht, sondern weil er einfach nur ein Sprachrohr anderer Leute weiter oben ist. Eine professionelle Kamera filmte jede unserer Gesten in der Erwartung einer aggressiven Haltung, eines unflätigen Satzes, eines Zornesausbruchs. Die Injektion des Schreckens war kurz, aber der Geburtstag war uns verdorben.

Wie können wir unversehrt aus all dem herauskommen? Auf welche Weise kann sich ein Bürger eines Staates schützen, der über Polizei und Gerichte verfügt, schnelle Eingreifbrigaden und die Massenmedien, der die Möglichkeit zu Diffamierung und Lüge hat, der die Macht hat, jemanden sozial zu vernichten und ihn in einen Besiegten zu verwandeln, der um Vergebung fleht? Wovor haben sie solche Angst? Was sollte ihrer Erwartung nach heute in der 23. Straße passieren, dass sie mehrere Blogger festnahmen?

Ich spüre ein Entsetzen, das mich fast nicht tippen lässt, aber ich will denen, die mich heute im Beisein meiner Familie bedroht haben, sagen, dass jemanden, der zu einem gewissen Grad von Panik gelangt ist, eine noch höhere Dosis gleichgültig lässt. Ich werde weder aufhören zu schreiben, noch zu twittern; ich habe nicht vor, meinen Blog zu schließen, noch werde ich die Gewohnheit ablegen, mit meinem eigenen Kopf zu denken und vor allem werde ich nicht aufhören zu glauben, dass diese Leute viel mehr Angst haben als ich.

Die Nation und die Nation

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Es ist lange her, dass eine Insel unsere Identität noch umfassen konnte. Der Akt des Geborenwerdens und Aufwachsens in diesem länglichen Territorium ist nicht mehr der wichtigste Faktor, um seine Nationalität zu tragen. Wir sind ein Volk, das auf alle fünf Kontinente verteilt ist, als ob uns eine unstete Hand, geleitet von ökonomischen Bedürfnissen und dem Mangel an Freiheit, auf der Oberfläche der Weltkarte verstreut hätte.

Ich weiß, was man da fühlt. Ich weiß, wie hart es ist, in irgendeinem Land zu einem kubanischen Konsulat zu gehen, und man bittet dich dort um deine Unterschrift für die Freilassung von fünf Agenten des Innenministeriums, Gefangene der Vereinigten Staaten, aber sie fragen dich nicht einmal, ob sie dir bei irgendetwas behilflich sein können. Ich habe gehört, wie eine junge Frau in einer Botschaft in Europa weinte, als ein Beamter ihr wiederholt mitteilte, dass sie nicht in ihr eigenes Land zurückkehren dürfe, weil sie die elf Monate der Ausreiseerlaubnis überschritten habe. Ich war auch Zeuge der anderen Seite. Des ablehnenden Bescheids, den viele erhalten, die hier die Weiße Karte beantragen, um in ein Flugzeug zu steigen und dem Inseldasein zu entfliehen. Die Reisebeschränkungen sind für uns zur Routine geworden und viele sind inzwischen der Meinung, dass es so sein muss, weil das Kennenlernen anderer Länder ein Privileg ist, das man uns gibt, ein Sonderrecht, das man uns verleiht.

Diese wenigen Personen, die darüber entscheiden, wer diesen Archipel betritt oder verlässt, haben die Teilnehmer der Tagung „Nation und Emigration“, die seit heute im Palast der Konventionen statt findet, ausgewählt. Ich habe die Diskussionspunkte dieser zwei Tage gelesen und glaube nicht, dass sie die Sorgen und Bedürfnisse der Mehrheit der emigrierten Kubaner repräsentieren. Es fällt auf, dass nicht gefordert wird, die Beschlagnahmung des Besitzes derer, die sich in einem anderen Land angesiedelt haben, zu beenden, noch die Notwendigkeit erwähnt wird, den Exilkubanern das Wahlrecht zurückzugeben. Ich finde auf der Tagesordnung nicht einmal die Ankündigung, den Beschränkungen ein Ende zu setzen, denen viele von ihnen ausgesetzt sind, wenn sie wieder einreisen oder sich auf ihrer eigenen Heimaterde niederzulassen wollen.

Auch der Teil von uns Kubanern, die wir auf der Insel leben, wird nicht mit all unserer Vielfältigkeit und unseren Nuancen wiedergegeben, sondern er zeigt den Stempel des Offiziellen und das Holzschnittartige des von oben Gesteuerten. Beide Ansichten, die von Innen und die von Außen, sind eingeschränkt und gefiltert, um zu vermeiden, dass „Nation und Emigration“ zu einer Veranstaltung wird, bei der man die Liste der Grausamkeiten im Zusammenhang mit Migration abarbeitet, unter denen wir leiden. Die verantwortlichen Personen, die das Treffen organisiert haben, möchten in dem riesigen Saal, in dem sich normalerweise das Parlament versammelt, lieber donnernden Applaus hören als Beschwerden und Kritiken.

Reparaturen

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In einem Haushalt zu leben, bedeutet, lästige Pflichten erfüllen zu müssen. Der Wasserhahn vom Spülbecken tropft, die Lampe im Wohnzimmer brennt nicht mehr, der Türschüssel macht Probleme und – was für ein schlimmer Tag, entsetzlich – der Kühlschrank ist kaputt. Erschrocken stellen wir fest, dass das Eisfach anfängt zu tropfen und dass das typische Summen des Apparates aufgehört hat. Eine Tragödie dieses Ausmaßes erlebte ein Bekannter von uns letzte Woche.

Früh morgens rief er die nächste Stelle zur Reparatur von Haushaltsgeräten an, aber sie gingen nicht ran oder es ertönte das Besetztzeichen. Er beschloss hinzugehen, am Empfang feilte sich ein Mädchen sorgfältig die Nägel. Tief betrübt erzählte er ihr die Geschichte seines Haushaltsgerätes und beschrieb dessen Symptome. Er war sogar schon kurz davor, eine Diagnose zu wagen, aber in dem Moment unterbrach sie ihn und verkündete, dass es sich sicher um den „Timer“ handele und dass sie dieses Ersatzteil nicht auf Lager hätten. Sie machte ihm klar, dass die Werkstatt eine Warteliste habe, die sich auf mehrere Monate belaufe. Wie ein intelligenter Mann mit Lebenserfahrung formulierte der hilfsbedürftige Kunde die richtige Frage im entsprechenden Tonfall: „Kann man das nicht anders lösen?“ Die Frau beendete ihre Maniküre und rief laut nach einem Mechaniker.

Nachdem man sich über den Preis geeinigt hatte, waren alle zufrieden. Mittags funktionierte der Kühlschrank wieder und der Techniker ging mit einem entsprechenden Entgelt von zwei Monatslöhnen nach Hause. An diesem Abend brachte mein Bekannter, der Barmann in einem 5 Sterne Hotel ist, mehrere Flaschen Rum, die er auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte, mit zur Arbeit. Mit ihnen schenkte er die ersten Mojitos und die leckeren Piñas Coladas aus, die die Touristen tranken. Sie vermuteten nicht, dass sie so dabei halfen, das Loch zu stopfen, das durch die Reparatur des Kühlschranks entstanden war, das riesige Schlagloch, das sich im Budget des Barmannes aufgetan hatte.

Der Corralito*

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Jeden Abend geht ein europäischer Geschäftsmann im Cabaret eines Luxushotels von Tisch zu Tisch mit einer ungewöhnlichen Bitte. Er nähert sich den Tischnachbarn und erklärt ihnen, dass sie ihn zahlen lassen sollen, wenn die Rechnung kommt, und zwar mit den bunten Gutscheinen, die er in seiner Tasche mit sich führt. Im Gegenzug sollen sie ihm den Betrag in Pesos Convertibles geben, die er dann in Dollar oder Euro tauschen und ins Ausland mitnehmen kann. Dieser Mann ist ein Opfer des Finanz-Corralitos, der zahlreiche ausländische Investoren daran hindert, ihren Gewinn aus nationalem Territorium zu schaffen. Damit sie nicht völlig verzweifeln, erlauben die kubanischen Autoritäten ihnen, auf der ganzen Insel ihren Profit zu konsumieren, indem sie mit Papiergeld zahlen, das keinen realen Wert hat.

Das Drama der eingefrorenen Guthaben betrifft heute zahlreiche Geschäftsleute, die sich anschickten, mit Billigung des Gesetzes von ausländischen Investitionen vom Jahr 1995 in unser Wirtschaftssystem zu investieren. Sie genossen das Privileg, eine Firma zu betreiben, eine Sache, die den hier Geborenen absolut verboten war. Sie bildeten eine neue Unternehmerklasse in einem Land, in dem die Revolutionsoffensive von 1968 alles, sogar die Sessel der Schuhputzer, konfisziert hatte. Der umfangreiche Gewinn, den sie erwirtschaften konnten, machte sie zu einem sehr attraktiven Zielobjekt für Amateurhuren, Hausvermieter und Mitglieder der Staatssicherheit. Viele von ihnen sah man in den teuersten Restaurants appetitliche Speisen in Begleitung sehr junger Frauen auswählen. Andere, und das waren die wenigeren, spendierten ihren Angestellten Zusatzgeschenke, um die niedrigen Löhne in kubanischen Pesos auszugleichen, die ihnen die Staatsfirma als Arbeitgeber zahlte.

Diese Repräsentanten einer “Vorpostengilde“ waren bereit, ein wenig von ihrem Kapital zu verlieren, solange sie sich nur von nun an in dem Umfeld aufhalten durften, das eines Tages einem in Stücke aufgeteilten Kuchen ähneln würde. Die Leute jedoch, die die Verträge unterschrieben und mit ihnen nach einem Abschluss den Champagner teilten, hielten sie nur für ein notwendiges und vorläufiges Übel, einen Umweg, der völlig verschwinden würde, sobald die Sonderperiode beendet wäre. Nach so vielen Garantieversprechungen zeigte man ihnen vor einigen Monaten die leeren Staatskassen, wobei ihnen immer der gleiche Satz wiederholt wurde „wir können Sie nicht bezahlen“. Plötzlich spürten diese Unternehmer die Machtlosigkeit und fühlten den Schrei, der einem in der Kehle stecken bleibt, Dinge, mit denen wir Kubaner uns jeden Tag herumplagen müssen. Trotzdem sind sie noch nicht ganz so schutzlos wie wir der Ausplünderung durch den Staat ausgeliefert: ihr Reisepass eines anderen Staates gibt ihnen die Möglichkeit, einfach wegzufliegen und alles zu vergessen.

Anm. d. Ü.
*Corralito (deutsch: Ställchen) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein argentinisches System zur Beschränkung des Bargeldumlaufs und zum Einfrieren von Bankkonten, das 2001 in der Argentinienkrise eingeführt wurde.

Die Verrückten und die Spitzbuben

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Fotos aus: http://cubalagrannacion.wordpress.com/2010/01/17/el-hospital-de-dementes-de-mazorra/

Die Verrückten sind leichte Beute für die Spitzbuben, die ihnen an den Straßenecken schmerzliche Sätze zurufen, um ihr Delirium noch zu vergrößern. In meinem Viertel hatten wir einen mit zwei Papierschiffchen, der Stunden mit einer seltsamen Regatta zubrachte, die nirgendwohin führte. Seine Mutter hielt ihn mit Benadrilin und Diazepam ruhig; besser, als ihn in das Irrenhaus Mazorra, die psychiatrische Klinik von Havanna zu schicken.

Vor dem geistigen Auge jener Frau standen die Bilder der Nervenheilanstalt in der Boyeros Straße mit ihrem angehäuften Schrecken und ihrer armseligen Ausstattung. Die Patienten fast nackt, die Wände mit menschlichen Exkrementen beschmiert und das Fehlen von Beaufsichtigung waren das Szenarium für schlimmste Gräueltaten. Die Fotos waren in den Zeitschriften in jenem fernen Jahr 1959 veröffentlicht worden. Danach kamen Reportagen im Fernsehen, saubere Bettlaken, Beschäftigungstherapie und sogar politische Propagandatafeln, die das Antlitz des früheren Schreckens veränderten. Nur dass die Verrückten, wie ich schon sagte, leichte Beute für Spitzbuben sind.

Seit den Neunziger Jahren mit dem Eintritt der Sonderperiode wirkte sich die Umleitung von Hilfsmitteln verheerend auf Mazorra aus. Die Nachbarn der angrenzenden Straßen waren gut versorgt durch den Schwarzmarkthandel, bestehend aus Wolldecken, Milch, Essen, Kleidung, Handtüchern und Medikamenten, die aus dem Hospital kamen. Die dort Eingewiesenen hielten es für einen Teil ihres Leidens, dass jeden Tag mehr Glühbirnen in den Sälen fehlten, wie in dem Film „Das Haus der Lady Alquist“. Man stahl ihnen alles Unverzichtbare und niemand bemerkte die zerbrochenen Fenster, die verstopften Toiletten und die durchgebrochenen Betten. Diesmal bekam kein Journalist die Erlaubnis, über das Elend zu berichten.

Die offizielle Presse konnte jedoch den Tod von 26 Patienten, einige behaupten, die Zahl belaufe sich auf fast 40, wegen Unterkühlung und Leiden infolge von Vernachlässigung nicht verheimlichen. Sie kamen an einigen kalten Tagen im Januar ums Leben, während sie sich an einander drückten, Körper an Körper, ohne dadurch das Ende vermeiden zu können. Die Spitzbuben aber bauten sich Häuser mit den Dividenden des Raubes und glaubten, dass nie jemand ihre Hinterziehungen entdecken würde. Heute wird nach den Verantwortlichen in dem Krankenhaus unter großem Polizeiaufgebot gesucht, damit sich keine Neugierigen nähern. Es sind noch keine Bilder herausgekommen, aber mich quält die Vorstellung, wie sehr diese Patienten in ihrer Hilflosigkeit jenen Gesichtern auf den Fotographien aus der Vergangenheit gleichen werden.

Seinen Kindern einen Namen geben

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“Was meinst du, welchen Namen ich ihm geben soll?”, fragt mich eine Freundin, die im sechsten Monat schwanger ist und einen Jungen erwartet. Aus dem ersten Impuls heraus antworte ich mit dem üblichen „José“, aber sie verzieht ihr Gesicht und verpflichtet mich damit, etwas weniger Traditionelles zu suchen. Ich spule daraufhin eine umfangreiche Liste mit Mateo, Lázaro oder Fabian ab, aber keiner sagt der anspruchsvollen Mutter zu. Wenn sich die gleiche Situation vor zwanzig Jahren zugetragen hätte, dann wäre das Baby mit einem „Y“ belastet worden, wie viele, die in den Siebziger und Achtziger Jahren geboren wurden. Die exotische Mode, den vorletzten Buchstaben des Alphabets zu nutzen, scheint jedoch überwunden zu sein.

Viele Jahre zeigten die Kubaner bei der Namensgebung ihrer Kinder eine Freiheit, die sie in anderen Lebensbereichen nicht erfahren durften. Der graue Schleier, den der rationierte Markt und die staatliche Kontrolle auf unsere Existenz warfen, verflüchtigte sich, sobald ein Neugeborenes in das Zivilregister eingetragen wurde. Die Eltern spielten mit der Sprache und kreierten wahrhafte Zungenbrecher, wie der, den ein berühmter Baseballspieler aufweist, der „Vicyohandri“ heißt. Manchen verpassten sie sogar das seltsame Gebilde „Yesdasí“, eine Mischung des Wortes „ja“ in Englisch, Russisch und Spanisch.

Glücklicherweise wehen seit einigen Jahren ruhigere Winde bei der Benennung eines Kindes. Eine ganze Generation, die den Eindruck hatte, bei ihrer Namensgebung habe es sich um ein Laborexperiment gehandelt, will jetzt lieber wieder zu alten Gepflogenheiten zurückkehren. Nach mehreren Tagen rief mich also meine Freundin an, um mir ihre Entscheidung mitzuteilen: das Baby wird Juan Carlos heißen. Auf der anderen Seite der Leitung atmete ich erleichtert auf: der Verstand ist bei der Namensgebung von Kindern zurückgekehrt.

Wenn die Erde bebt

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Eine Insel, die schon eine Menge von Tragödien, Invasionen und Diktatoren erleben musste, zeigt heute die Überreste des Desasters, die Spuren eines Bebens, das trotz seines natürlichen Ursprungs genauso abscheulich ist. Das Unglück ist für Haiti, das uns Carpentier in seinem Buch „Das Königreich dieser Welt“ vor Augen führte, und das durch die neuesten Nachrichten unser aller Mitleid erregte, zu etwas Chronischem geworden und Wehklagen wurde dort zu normalem Sprachgebrauch. Zusätzlich zu dem Erdbeben wird die Heimat von Jacques Roumain noch durch das Ungemach ins Wanken gebracht, dass es über ein Land herfällt mit sozialer Instabilität, Wirtschaftskrise und Verzweiflung. Für jede Nation würde so etwas ein großes Unglück bedeuten, für Haiti ist es die totale Apokalypse.
Es ist jetzt nicht der Moment, um Politik mit dem Schmerz zu machen, noch vor die Mikrophone zu treten und Hilfe zu versprechen, sondern ohne Vorbedingungen zu Hilfe zu eilen, ohne auf Anerkennung und Dank zu spekulieren. Mich erschreckt besonders, dass in drei Monaten das Leid wohl nicht mehr auf den Titelseiten der Zeitungen stehen wird und dass die haitianische Tragödie den Leuten dann nicht mehr dringend erscheint. Ich fürchte, dass wir uns an das Unglück gewöhnen und dass sich unsere Herzen angesichts der Tragödie verhärten, dass wir uns wieder auf unsere eigenen Probleme konzentrieren werden, ohne die Schreie der anderen dort drüben zu bemerken.
Der Seismograph mag anzeigen, dass es keine neuen Erdstöße geben wird, aber das Zählwerk des Lebens steht auf Rot. Es ist Zeit zu helfen und man muss es sofort tun.

Momentan suchen mehrere Blogger von uns neben anderen Personen der kubanischen Zivilgesellschaft einen Weg, um den Geschädigten unseren kleinen Beitrag an Hilfe zu leisten. Wir haben vor, Kleidung, Medikamente und Hygieneartikel zu sammeln und sie zur Caritasvertretung in Havanna zu bringen.

Unser tägliches Problem

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Foto: Effizienz und Produktivität

Ich verlasse das Haus, eingepackt in mehrere Pullover und mit einem uralten Schal um den Hals. Die Strecke ist kurz, aber mit der so tiefen Temperatur wird jeder Schritt, den ich mache, zu einer großen Anstrengung. Die Leute neben mir laufen genauso „verkleidet“ herum und ich sehe sogar jemanden, der sich anscheinend eine Bettdecke um die Schultern gelegt hat. Obgleich auf dem kurzen Weg von Zuhause bis zur Bäckerei niemand einen guten Wintermantel vorweisen kann, stelle ich fest, dass der unserem Volk eigene Erfindungsgeist auch nicht vor dem Absinken des Thermometers halt macht. Sie haben die alten Regenmäntel aus der Sowjetzeit entstaubt mit ihren riesigen Knöpfen und den jetzt ausgebleichten Farben. Andere, die nicht einmal so etwas zum Anziehen haben, sind einfach zu Hause geblieben.

Ich nähere mich einem Ort, an dem Brot außerhalb des rationierten Marktes verkauft wird; eine Stange kostet den Arbeitslohn eines ganzen Tages. Seltsamerweise gehen viele, die ich in ihrer eigenartigen und improvisierten Kleidung auf dem Weg gesehen habe, in dieselbe Richtung wie ich. Während wir näher kommen, stelle ich fest, dass alle hinter dem knappen Lebensmittel her sind, das uns seit Wochen in Atem hält. Wenige Meter von dem Ort entfernt ruft einer, der vorausgeeilt war, uns zu, „Es gibt keines!“, was wie ein Eimer eiskalten Wassers auf unsere Köpfe wirkt. Ich drehe mich um und gehe nach Hause. Morgen wird ein weiterer Tag ohne Frühstück sein.

Die Ankunft dieser Winde aus dem Norden ist nicht nur mit dem Verschwinden des Brotes zusammengefallen, sondern auch mit dem Ausbleiben der Milch. Als ob der Winter die Öfen in Mitleidenschaft gezogen und die Euter der Kühe eingefroren hätte. Obwohl im Fernsehen eine Extraproduktion der geschätzten Flüssigkeit angekündigt wurde, beweisen jeden Morgen der Becher schwarzen Kaffees und der fade Tee das Gegenteil. Das sind Zeiten, in denen wir mit einem Ruck aufstehen, ohne den Frühstückstisch eines Blickes zu würdigen, in denen wir zu den Kindern sagen, sie sollen keine Fragen stellen, in denen wir die Arbeit, den Blog, die Freunde, das Leben links liegen lassen, um uns völlig darauf zu konzentrieren, ein Stück Brot und ein Glas Milch aufzutreiben. Zeiten, in denen wir uns durch die Mühsal von Mangel und Schlangestehen schleppen, da man, um dieser Negativperiode zu entkommen und wieder zu fliegen, weniger Flügel, als vielmehr den Treibstoff von Nahrungsmitteln braucht.

Die freigegebene Kartoffel

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Im Jahr, in dem ich geboren wurde, beging man feierlich den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Kubas und der Handel und die Dienstleistungen waren fast vollkommen zentralisiert. Man konnte außerhalb des rationierten Marktes nur einige Bücher, Zeitungen und Kinokarten kaufen. Der Rest der Produkte und Leistungen stand unter dem strengen Zeichen der Beschränkung, eingeschlossen in die subventionierte Quote, die wir jeden Monat bekamen. Sogar wenn man ein Rasiermesser kaufen wollte, musste man das Kärtchen vorweisen, in dem eine Verkäuferin die den Rasierklingen entsprechende Nummer ankreuzte.

Mit dem Essen passierte etwas Ähnliches, besonders mit den Früchten unserer fruchtbaren Felder, die auf jeden Verbraucher in begrenzten Mengen verteilt wurden. Die Kartoffel war eine derjenigen Feldfrüchte, die vom Staatsauge am meisten kontrolliert wurden. Mein ganzes Leben lang befand sich diese wohlschmeckende Knolle ausschließlich auf den Theken der rationierten Märkte; sie kam alle drei oder vier Monate, um uns die Ehre ihrer Anwesenheit und ihres Geschmacks zu erweisen. Ich träumte von Püree mit reichlich Butter, und von Pommes Frites, die über den Tellerrand hingen. Ich kam allmählich zu der Ansicht, dass ihre weiche Textur auf weit entferntem sibirischen Grünland und nicht auf den Furchen meines eigenen Landes geerntet wurde.

Die Privatbauern waren verpflichtet, ihre Kartoffelproduktion an den Staat zu verkaufen, der Leute, die diese strikte Regel verletzten, streng bestrafte. So gewöhnten wir uns daran, sie nur selten im Jahr auf unseren Tellern vorzufinden und sie in unseren kulinarischen Fantasien zu bewahren. So war die Situation, bis vor einigen Wochen die Regierung von Raúl Castro beschloss, ihren Verkauf freizugeben und sie aus dem immer leerer werdenden rationierten Markt zu nehmen. Jetzt ist es nicht mehr nötig, ein Dokument vorzuzeigen, um ein Kilo Kartoffeln kaufen zu können, aber jetzt müssen wir warten, bis sie auf den Märkten wieder auftauchen, damit wir sie in unsere Einkauftaschen legen und nach Hause tragen können.

Einen Blogger zum Schweigen bringen

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Vor Jahren las ich eine Studie der Internationalen Arbeiterorganisation, in der der Beruf des Journalisten als die zweit riskanteste Beschäftigung auf der Welt galt, nur noch von Testpiloten übertroffen. Ich weiß nicht, ob bei der Untersuchung auch Krokodiljäger oder Leibwächter eingeschlossen waren, aber die Studie wurde in den Neunzigerjahren durchgeführt, als es noch keine Blogger gab.

In Kuba Journalist zu sein, bedeutet nicht das gleiche Risiko, das Reporter in anderen Ländern eingehen müssen. Hier werden die Nachrichtenredakteure nicht erschossen, noch werden sie entführt, sondern man macht ihnen eher ihren Beruf zur Qual. Wozu ein Individuum, das unbequeme Wahrheiten schreibt, körperlich ausschalten, wenn man das mit dem Rotstift des Zensors besorgen kann? Wozu ihn töten, wenn man alle Mittel zur Verfügung hat, ihn zu zähmen? Der Tod während der Berufsausübung taucht bei uns nicht in den Statistiken auf, außer in der Frustration von Leuten wie mir, die eines Tages planten, ihr Schicksal mit der Information zu verknüpfen. Wer auf dieser Insel beschließt, sich den Nachrichten zu widmen, weiß, dass alle Medien in den Händen der Macht sind, ob sie nun der Staat selbst oder die einzige Partei oder Máximo Líder genannt wird. Er weiß, dass er das, was angebracht und nötig ist, sagen muss, und dass es nicht genügen wird, zu applaudieren, wenn man es nicht mit Hingabe und großem Enthusiasmus tut. In diesem Fall ist das Risiko für das Gewissen enorm.

Seit mehr als 20 Jahren gibt es auf unserer Insel einen neuen Typ von Reportern. Das Adjektiv „unabhängig“ unterscheidet ihn von den offiziellen. Diese stellen sich anderen Risiken, genießen andere Möglichkeiten. Wie man annehmen kann, durchliefen viele kein Universitätsstudium, aber lernten, das zu erzählen, was die Parteipresse verheimlichte, sie wurden zu Spezialisten der Anprangerung, sie kultivierten sich auf der verborgenen Seite der Geschichte. Im Frühling 2003 verwandelte sich alles, was bis jetzt als Gefahr und Risiko erschien, in Bestrafung. Viele von ihnen wanderten ins Gefängnis, um eine Strafe von zehn, fünfzehn und zwanzig Jahren abzusitzen. Die Mehrheit befindet sich immer noch hinter Gittern.

Wir Blogger kamen später, unter anderem weil die Technologie bei uns erst langsam Zugang fand. Ich wage zu behaupten, dass die Staatsautoritäten sich nicht vorstellen konnten, dass die Bürger zu erdumspannenden Mitteln greifen würden, um sich frei zu äußern. Die Regierung kontrolliert die Studiokameras des Fernsehen, die Mikrofone der Radiosender, die Seiten der Zeitschriften und Zeitungen, die sich auf dem Gebiet der Insel befinden, aber dort oben, außerhalb ihrer Reichweite, bietet ein Netz von Satelliten, verteufelt, aber unumgänglich, jedem, der es will, die Möglichkeit, seine Meinungsäußerungen praktisch unbegrenzt „einzustellen“.

Sie brauchten einige Zeit, um es zu verstehen, aber sie sind dabei, sich darüber klar zu werden. Sie wissen schon, dass man, um einen Blogger zum Schweigen zu bringen, nicht dieselben Methoden anwenden kann, mit denen es gelang, so viele Journalisten verstummen zu lassen. Diese unverschämten Leute aus dem Web kann niemand aus der Redaktion einer Tageszeitung entlassen, oder ihnen eine Woche in Varadero oder einen Lada zum Ausgleich versprechen, noch weniger könnten sie sich mit einer Reise nach Osteuropa gewinnen lassen. Will man einen Blogger ausschalten, so muss man ihn beseitigen oder ihm Angst einjagen und diese Gleichung haben der Staat, die Partei … der General allmählich verstanden.