In eigener Sache

Den Lesern der deutschen Version von Yoanis Blog (übrigens zurzeit täglich zwischen 800 und 900 im Schnitt) und den bis jetzt noch wenigen, dafür aber sehr treuen Kommentarschreibern einen guten Rutsch und die besten Wünsche zum neuen Jahr.

Yoani und ihrer Familie alles, alles Gute für 2010. Deine Vorsätze und Wünsche „im Weidenkörbchen“ mögen sich erfüllen. Pass gut auf dich auf und bleibe weiterhin so stark wie bisher.

Die Farbe der Landstraße

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Foto: Auf der Landstraße

Mit dem Jahresende schießt der Preis für Schweinefleisch in die Höhe, die Taschendiebe verstärken ihre Aktivitäten und der Transport zwischen den Provinzen wird zu etwas Unmöglichem. Wir stellen fest, dass sich der 31. Dezember nähert, sobald die Schlangen für den Kauf einer Fahrkarte länger werden und es auf der Landstraße schwieriger wird, Autostop zu machen. An den Ausfallstraßen von Havanna sammeln sich die Alleinreisenden oder ganze Familien beladen mit ihren Koffern. Viele von ihnen kehren an ihre Heimatorte zurück, um dort die letzte Nacht von 2009 zu feiern. Sie suchen für einige kurze Tage den Platz wieder auf, den sie aus Gründen materieller Not, Arbeit oder Heirat verlassen mussten.

Obwohl es der Anschein hatte, dass der Kauf von Tausenden von Omnibussen der Marke Yutong vor einigen Jahren die Verkehrsprobleme in Kuba lösen könnte, ist es immer noch eine Odyssee, sich von einem Punkt der Insel zu einem anderen zu bewegen. Ein Fahrschein von der Hauptstadt bis zur Provinz Camagüey kann die Hälfte eines Monatslohnes kosten und verurteilt uns dazu, uns auf den engen Sitzen dieser chinesischen Busse niederzulassen bei einer Klimaanlage, die man nicht regulieren kann und bei Reggaemusik, die dröhnend aus den Lautsprechern schallt. Zu diesen Unbequemlichkeiten kommen noch die Kontrollpunkte auf der Landstraße, die der volkseigene Humor CAT (computergesteuerte Axialtomographie) getauft hat, da sie es fertig bringen, sogar ein Paket Garnelen, das ausgerechnet zwischen den Brüsten einer walzenförmigen alten Frau versteckt ist, zu entdecken. Zum Jahresende vervielfacht sich der Schacher des Schwarzmarktes und die Polizisten machen ihren Reibach, wenn sie den furchtlosen Händlern von Käse, Langusten, Fleisch, Milch und Eiern ihre Ware abnehmen, Strafgelder abkassieren und sogar das Einkassierte behalten.

Auf beiden Seiten einer Straße, die eine Provinz mit der anderen verbindet, sieht man ausgestreckte Hände, die Geldscheine anbieten, die im Wind flattern. Das sind Leute, die nicht einmal mehr ein Zugticket bekommen haben und sich aufs Geradewohl auf die Autobahn stellen in der Hoffnung darauf, dass einer sie mitnimmt. Dort sieht man das bläuliche Papier eines Scheines zu Zwanzig und weiter hinten zwei zu Fünfzig, eine junge Frau zeigt nur einen Schein zu Zehn, sodass sie keine Chance haben wird, wenn sie nicht ihr Angebot erhöht oder ihren Rock ein wenig höher schiebt. Manchen lacht das Glück, wenn ein Touristenauto erscheint, das einen Reiseführer braucht angesichts des Fehlens von Wegweisern. Aber die ausländischen Besucher ziehen aus Furcht vor einem Überfall Paare oder Frauen mit Kindern vor. So müssen die Männer auf einen Lastwagen oder einen Karren warten, der sie mitnehmen will.

Am Ende des Tages werden diese Improvisations-Reisenden am Tisch eines kleinen Häuschens sitzen oder die Yucca zubereiten für das Essen des heiligen Silvester. Sobald die ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahres erscheinen, werden sie zur Autobahn zurückkehren, sich von neuem dem Asphalt übereignen und eine Hand heben, die dieses Mal vielleicht keinen Schein mehr vorzuweisen hat.

Was hast du getan, als sie kamen, um den Nonkonformisten abzuholen?

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Foto: Während des Anti-Gewalt-Marsches am 6. November 2009

Meine Bereitschaft, Unterschiede zu respektieren wurde mit dem „offenen Brief, der sich gegen die aktuellen Behinderungen und Verbote sozialer und kultureller Initiativen wendet“ auf die Probe gestellt. Der Text kam als E-Mail und beinhaltet die desillusionierte und drängende Aussage einer Gruppe von Intellektuellen und Akademikern. Unter ihnen entdecke ich einige der Namen, die im fernen Jahr 2007, mit gewisser Naivität dazu beitrugen, den Reform-Mythos von Raúl erstehen zu lassen. Zu dieser Zeit sprachen sie von Maßnahmen, die man durchführen müsse, von Anpassungen und Veränderungen, mehr ästhetischer als systemischer Art, die man anwenden müsse. Zwei Jahre später zeigten sie sich fürchterlich alarmiert über die Richtung, die das Land genommen hat. Mit ihren Artikeln stützten sie die Hypothese, dass der kubanische Entwicklungsprozess sich selbst erneuern könne, als ob diese Absurdität, in der wir leben, ein Drehbuch wäre, das von der Mehrheit geschrieben worden sei, und nicht die strenge Richtschnur, die einem einzigen Büro entspringt.

Ich werde nicht eine von denen sein, die andere beschuldigen, sie hätten zu lange gewartet, um sich zu äußern. Ich, die ich fast dreißig Jahre schwieg, habe kein Recht, über die zu urteilen, die die Maske des Konformismus trugen, das passive Gesicht dessen, der sich nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Ich begrüße jeden Vorstoß, der den Fluss der Kritik ans Tageslicht bringt, der in den Grotten unserer Furcht mehrere Jahrzehnte eingesperrt war. Ich werde meine Hand denen entgegenstrecken, ohne ihnen Vorwürfe zu machen, die das Risiko auf sich nehmen, sich zu äußern, weil bei ihnen so die Angst davor schwinden wird, von mechanischem Applaus zu offener Kritik überzugehen.

Der Brief sticht hervor durch Verschiedenes, was unerwähnt bleibt, besonders auf der Liste der Tatsachen, die den “Anstieg der bürokratisch-autoritären Kontrolle“ beweisen. Es fehlen auf dieser Liste die bitteren Ereignisse vom vergangenen 10. Dezember, die Zunahme der so genannten Ablehnungskampagnen, die Züchtigung von verschiedenen Oppositionellen und die Anwendung von körperlicher Gewalt gegen viele von ihnen. Besondere Erwähnung verdient der Gebrauch, den man vom Terminus „Konterrevolution“ macht, indem die Unterzeichner die degradierende und ausschließende Sprache übernehmen, die den Rednertribünen entspringt. Es überrascht zu sehen, mit welch großem Schematismus Professoren, Wirtschaftler und graduierte Universitätsangehörige ihre Mitbürger klassifizieren. Mich erschreckt diese Gesellschaft, die ich in diesem Dokument erahne, wo man offen über Trotzkismus, Anarchismus oder Sozialismus sprechen kann, wo man aber weiterhin die Sozialdemokraten, wie die Christdemokraten, wie auch die Liberalen nicht zu Wort kommen lässt. Wenn das der Lösungsvorschlag ist, dann tut es mir sehr leid, aber das ist nicht das Land, wo ich meine Enkel aufwachsen sehen will.

Ich glaube nicht, dass wir eine Re-Pavonisierung* erleben, da schließlich der Hardliner Luis Pavón nicht die Macht hatte, um eine schreiende und schlagende Menge auf die Straße zu schicken; seine Macht reichte auch nicht dazu, irgend jemanden zu einer Strafe von dreißig Jahren zu verurteilen. Den dunklen Zensoren jener fünf grauen Jahre fehlte die Autorität, um einen Bewachungszaun um ein Haus zu ziehen, ein Telefon abzuhören oder einen unabhängigen Journalisten oder Blogger zu verhaften, ohne ihn auf eine Polizeistation zu bringen. Es ist nicht die Rückkehr der Kultur-Inquisitoren, was wir gerade erleben, sondern das Anziehen der Schrauben eines sterbenden Systems, dem die Argumente ausgehen, der Fall des letzten Schleiers, der das hässliche Antlitz der Autoritätsherrschaft offen legt.

Die Überschrift bezieht sich auf einen Text von Niemöller**, der in dem Brief zitiert wird: „Als sie kamen, um die Juden abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Jude war; als sie kamen, um die Kommunisten abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war; als sie kamen, um die Gewerkschafter abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war; dann kamen sie, um mich abzuholen, und niemand sagte etwas.“ Um diese Idee mit entsprechendem Text zu versehen, würde ich gerne die Unterzeichner des Dokumentes fragen, ob sie schweigen würden, wenn sie kämen, um einen „Konterrevolutionär“ abzuholen, einen „Wurm“, einen „Oppositionellen“, ob sie unter denen zu finden wären, die bei den Ablehnungskampagnen zuschlagen oder unter denen, die das Opfer verteidigen.

Anmerkung der Übersetzerin:
* Luis Pavón Tamayo war 1971-1976 der Leiter von Kubas Nationalem Kulturrat und betrieb während seiner Amtszeit eine Hetzjagd gegen anders denkende Schriftsteller und Künstler.
** Martin Niemöller 1892-1984, leistete als Theologe Widerstand gegen die NS-Diktatur, war deswegen auch mehrere Jahre im KZ. Im Ausland gilt Niemöller vielerorts als Figur eines ungebrochenen Widerstandes gegen Hitler.

Camila und ihr Weidenkörbchen

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Lange Zeit gab es bei uns das Neujahrsritual, uns mit mehreren Freunden im Haus von Camila zu treffen. Wir saßen auf dem Boden und mitten im größten Palaver legten wir ein Stück Papier in ein Weidenkörbchen mit unserem Namen, einem persönlichen Wunsch, einem guten Vorsatz und einer Voraussage für das kommende Jahr. Viele von uns kamen zu dem Treffen mit vorüberlegten Antworten, aber in manchen Jahren war es besonders schwer, etwas vorherzusagen oder sich etwas zu wünschen, mitten in der Ungewissheit der Krise. Gleichwohl machten wir uns daran, uns ein bisschen unser Leben auszumalen, uns etwas vorzunehmen oder zu erraten, was uns geschehen könnte.

Bevor dieser alljährliche Abend endete, wurde das, was wir beim Treffen vor zwölf Monaten geschrieben hatten, vorgelesen und mit dem verglichen, was wir gerade in den Korb gelegt hatten. Diese Lektüre war eine wahrhaftige Gewalttour durch gute Vorsätze und unvollendete Pläne, auch wenn wir dabei nur darauf aus waren, zu lachen und weiter neue Phantasien zu entwickeln. Nur wenige Male lag ich richtig mit der Vorhersage dessen, was auf meiner Insel geschehen würde, wogegen ich glaube, einen guten Teil meiner Vorsätze für mich selbst erfüllt zu haben, mehr aus persönlichem Eigensinn, als aufgrund wirklich günstiger Voraussetzungen, dies zu erreichen. Unter den Teilnehmern dieses Festes wiederholte sich in auffallender Weise der Wunsch, sich in einem anderen Land anzusiedeln, mit ziemlichem Abstand gefolgt von Herzensangelegenheiten und der Sehnsucht nach einem eigenen Dach überm Kopf.

Bei jedem Treffen rings um das Körbchen registrierten wir, dass die Zahl derer, die es schafften zu emigrieren, größer wurde. Das so genannte „Fest der Zettelchen“ wurde so zu einem Durchgehen der Liste der Abwesenden, zu einer Bestandsaufnahme der Illusionen eines ganzen Freundeskreises, der es angesichts fehlender Aussichten vorzog, die Anker zu lichten. Selbst Camila, unsere süße Gastgeberin, ging Tausende von Kilometern weg von ihrem kleinen Häuschen in Ayestarán. In diesen Tagen kann es sein, dass sie den Berg von Vorsätzen und Prophezeiungen noch einmal durchgeht, den wir Jahr für Jahr in ihrem Wohnzimmer schrieben und anhäuften. Ich weiß ganz genau, dass sie diese gelblichen Blätter als Zeugnis einer zerstreuten Generation aufbewahrt, als klaren Beweis dafür, dass wir nicht aufhörten zu träumen, nicht einmal in den härtesten Zeiten.

Herzlich umarmen möchte ich an diesem Jahresende alle diese „Mikadostäbchen“, die über die Welt verstreut sind, die Kommentatoren dieses Blogs, die kubanischen Blogger drinnen und draußen, von der einen oder der anderen Richtung, die Übersetzer der „Generación Y“, die freiwillig meine Texte so vielen zugänglich machen, diejenigen, die von mir am Telefon diktierte Texte niederschreiben und sie dann auf Twitter veröffentlichen, diejenigen, die meine Posts an Tausende von Mailadressen in aller Welt schicken, die mich zuhause anrufen, um mir das zu erzählen, was mir mein Handicap als Surfer nicht zu erfahren erlaubt. All denen alles Gute, Glück und Beständigkeit für dieses Jahr 2010, das in einigen Tagen beginnt.

Unsichere Prognose

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Foto: Text auf dem T-Shirt: Kuba, weltweit größter Produzent von positiver Energie

„Stillstand ist die Dynamik der Verschlechterung“ sagte mir ein Freund, halb Philosoph, halb Pessimist, als er die Rede von Raúl Castro gestern in der Nationalversammlung hörte. Unsere Hoffnungen hinsichtlich unserer Prognosen waren nicht hoch gespannt im Hinblick auf eine mögliche Ankündigung von Veränderungen, aber irgendwie erwarten wir noch immer bestimmte schon lange versprochene Maßnahmen. Als der zweite Parteisekretär seine offiziellen Worte zum Jahreswechsel von 2009 sprach, schien er jedoch eher auf die Bremse treten, als steuern zu wollen, schien er eher vorsichtig als draufgängerisch zu sein, viel konservativer als mutig.

Unsere Parlamentarier versäumten ihrerseits wieder die Gelegenheit, unbequeme Fragen zu stellen, bei einer Abstimmung zu opponieren oder hitzige Diskussionen zu führen. Vielleicht ließen sie bei dieser Versammlung die letzte Gelegenheit vorübergehen, eine Öffnung von oben anzustoßen und mit diesem Bild vom stummen Chor zu brechen, das sie mehr als drei Jahrzehnte gezeigt hatten. Die Debatten, die im Palast der Konventionen geführt und im Fernsehen übertragen wurden, schienen in einem weit entfernten Land statt zu finden, das über genügend Zeit verfügt, um die notwendigen Veränderungen eins ums andere Mal zu verschieben. Nicht einmal der Euphemismus von der „Aktualisierung des ökonomischen Systems“ enthielt die wichtigsten Forderungen der übervollen Agenda des Volkes.

Aus dieser vierten regulären Sitzung können wir gerade noch den Namen des neuen Jahres* erschließen, ein zurückgehendes Wachstum des BIP, das uns auch so noch aufgeblasen erscheint, und die Androhung künftiger Kürzungen, die niemand bestätigt. Abgesehen von bestimmten Sätzen pragmatischen Tons, die in der Schlussansprache fielen, bilden weiterhin Freiwilligkeit und Anordnungen von oben die Hauptstrategie, um das Land zu regieren. Auf diese Weise verliert die Figur des Parlamentariers immer mehr an Gewicht, denn der Masterplan wird in einem einzigen Büro ausgeheckt und nur von ein paar Unterschriften abgezeichnet. Es würde mich nicht wundern, wenn im Februar oder März ein Packet von Kürzungen und Anpassungen eingeführt würde, über das nicht im Parlament abgestimmt wird, nicht einmal durch Handzeichen der so gutwilligen Deputierten.

Mitte nächsten Jahres wird die Nationalversammlung von neuem zusammentreten, um ihren Beifall zu zollen, ihre übliche Dosis von Komplizenschaft und ihr Schweigen.

Anmerkung der Übersetzerin:
* In Kuba erhält jedes neue Jahr einen eigenen Namen.

Die Cola des Vergessens und der Zuckerrohrsaft des Heimwehs

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Für Roberto San Martín

Ich habe hier und dort gelebt. Ich war eine Stimme, die um eine Ausreisegenehmigung aus meinem Land bat und eine Verbannte, die auf eine Einreisegenehmigung hoffte. Die Maschinerie hat mich mit beiden Seiten ihrer Zahnräder zermalmt: für meinen Aufenthalt im Ausland und für die Entscheidung, auf meiner Insel zu bleiben. Ich ging zu einem Konsulat um die hohen monatlichen Gebühren für den Aufenthalt in einem anderen Land zu bezahlen und ich musste auch die Kosten für meine Rückkehr begleichen, die enorme persönliche Summe, eine „Zurückgekehrte“ zu sein. Zwei Jahre lang sah ich die Insel aus der Distanz und stand vor dem Dilemma, ob ich die „Cola des Vergessens“ oder den „Zuckerrohrsaft des Heimwehs“ zu mir nehmen sollte, aber keines von beidem floss durch meine Kehle. Ich zog den bittersüßen Geschmack der Realität vor.

Ich habe Alpträume, dass ich durch den kubanischen Zoll gehe und mich ein Uniformierter in ein graues Zimmer führt. Umgeben von abgeblätterten Wänden und einem riesigen Foto von Fidel Castro ziehen sie meinen Pass ein und verkünden mir, dass ich, wenn ich einreise, nie mehr woandershin reisen darf. All dies erklärt mir ein Funktionär mit schweißnassem Gesicht, der eine Pistole an der Hüfte trägt und einen Kugelschreiber, der aus seiner Hosentasche herausschaut. Ich ahne, dass ich eine Ewigkeit bei diesem Wesen mit der mürrischen Redeweise zubringen werde, ohne die Möglichkeit zu bekommen, die Tür zu dem Raum zu durchqueren, wo meine Familie auf mich wartet. Das Unbehagen gelangt bis zu einem Punkt, an dem ich aufwache und feststelle, dass ich immer noch zu Hause bin, ebenso gefangen, aber zufrieden, zurückgekehrt zu sein.

Dieser so intensive Traum wechselt sich mit einem anderen ab, in dem man mich nicht in mein eigenes Land fliegen lässt. Ich befinde mich in einem weit entfernten Flughafen und versuche ein Flugzeug Richtung Havanna zu besteigen. Die junge Frau, die die Flugscheine überprüft, sagt mir, dass ich nicht an Bord gehen kann. „Wir haben die Anordnung, Sie nicht einsteigen zu lassen“, sagt sie schließlich ohne die dramatische Gewichtigkeit von jemandem, der gerade bei einem anderen den Status eines Heimatvertriebenen erkannt hat. Es gibt niemanden in der Nähe, an den ich mich wenden könnte und die elektronischen Anzeigetafeln zeigen die nächsten Abflüge nach New York, Buenos Aires und Berlin. Ich setze mich, lege mein Gepäck auf die Knie, stütze mich darauf und versuche zu schlafen. Das kann nicht wahr sein, sage ich mir, ich muss nur ein wenig ruhen und wenn ich aufwache, werde ich in der Kabine sein, in einer Höhe von Tausenden von Metern.

Ich habe es schon mit Lindenblütentee probiert, mit dem Lesen von Pilotengeschichten vor dem Zubettgehen und mit dem Auflegen von beruhigender Musik im Zimmer. Aber das einzige, was diese Traumabfolge von eingesperrt sein und verstoßen werden beenden kann, ist das Ende der Ausreisebeschränkungen für Kubaner. Ich will das Recht haben zu reisen, genauso wie ich schlafen können will, ohne den Uniformierten zu sehen, der mir den Pass abnimmt, und ohne den Lärm eines Flugzeugs zu hören, das abhebt und mich in einem fremden Land zurücklässt.

Vom Räumen einer Zone*

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Foto: Aus Mangel eines anderen Veranstaltungsortes wird das Programm in privaten Wohnzimmern fortgesetzt.

Ich kenne sie eigentlich schon immer, seit ich mich darauf einließ, mein Viertel mit den dreckigen Häuserfassaden zu verlassen, um ein Havanna zu entdecken, das mich jedes mal von neuem überraschte. Man könnte sagen, dass sie aussehen, wie alle meine Freunde: dicht behaart, alternativ und vergnügt. Sie gleichen den jungen Menschen, die unser Wohnzimmer vor einigen Jahren bevölkerten, um Gitarre zu spielen und die Zeit einer Stromsperre mit Gesang und Gedichten zuzubringen. Die Jungs von Omni Zona Franca benutzen gleichermaßen einen Topf als Hut, einen Rock über ihren Männerbeinen oder einen langen Schäferstab, der aus einem Ast hergestellt wurde. Sie sind Rebellen in allem, sie brechen mit der süßlichen und apologetischen Poesie, mit den Normen der Kleiderordnung und sogar mit der institutionalisierten und deswegen so vernünftigen Kunst.

Der Schauplatz ihrer Performances ist genau jenes Stadtviertel Alamar, das entworfen wurde, damit in ihm der neue Mensch wohne. Heute ist es ein wenig funktionales Konglomerat von Gebäuden, alle identisch, wo niemand gerne leben möchte und es Leuten, die dort wohnen, selten gelingt, anderswohin umzuziehen. Ohne große städtebauliche Logik einfach auf die grüne Wiese gesetzt, dienten diese Betonblöcke als Inspiration für mehrere Kunstaktionen von Omni. Ich erinnere mich noch, dass die Nachbarn dieses Viertels die Polizei riefen, als sie sahen, wie Arme und Köpfe aus den Müllhaufen herauskamen, die seit Wochen schon kein Laster mehr abholte. Auf diese Weise wollten die jungen Leute ihren Mitbürgern sagen: wir ersticken im Abfall, wir schaffen es doch kaum noch, in mitten von so viel Müll zu atmen.

Jeden Dezember organisiert Omni das unendliche Festival der Poesie und die aktuelle Veranstaltung ist durch die Schließung ihrer Räumlichkeiten im Haus der Kultur von Alamar gekennzeichnet. Mit Polizeiaufmarsch und unter der Stimmgewalt eines jähzornigen Vizeministers der Kultur wurde diesen chronisch Respektlosen ein Raum genommen, den sie schon seit zwölf Jahren hatten. Sie durften ihre Plakate mitnehmen, ihr Geschirr, ein paar alte Schreibmaschinen und einen Laptop, mit dem sie ihre Videos herausgeben und Texte für ihre Website schreiben. Ihre Aktivitäten und deren Programm zogen in die Wohnzimmer ihrer Wohnungen um und in die Garage eines Freundes, in der Absicht, das lange „Fest des Lichts“ nicht abzublasen. Heute werden sie eine riesige Opfergabe für das Wohlergehen der Poesie zum Heiligtum von San Lázaro in der Ortschaft Rincón tragen. Sie werden eine riesige Figur aus Zweigen mit ihren Armen hochheben und ein Gebet sprechen für einen Vers, einen klingenden Reim oder den Refrain eines Hip Hop Songs.

Die Leute, die ihnen am vergangenen Freitag ihre Räumlichkeiten wegnahmen und den Versuch unternahmen, sie mit Nomadentum zu bestrafen, haben nicht verstanden, dass ihre Kunst aus dem Asphalt sprießt, aus dem Verrückten, der an der nächsten Ecke um milde Gaben bettelt und aus der verkorksten, aber dennoch intensiven Stadt, die heute Alamar ist.

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Foto: Luis Eligio auf einem Balkon in Alamar

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Anmerkung der Übersetzerin:
*Der Titel “Franquear una zona” bezieht sich auf die Gruppe Omni Zona Franca. Das Wortspiel kann man im Deutschen nicht nachahmen.