Bastion und Ablenkung

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Bild: Verhaltensanweisungen im Falle einer Evakuierung

Jemand schob einen Zettel unter meiner Tür durch. Ein in der Mitte durchtrenntes Blatt mit Verhaltensanweisungen zur Evakuierung im Falle eines Hurrikans oder einer Invasion. Einer der Sätze blieb mir im Gedächtnis wie der Refrain eines banalen Liedes: „Einen Aufnäher an der Kleidung jüngerer Kinder anheften mit den Identifizierungsdaten der Eltern (Kriegszeiten)“. Ich stellte mir vor, wie ich Nähte auf dem Hemd meines Sohnes anbringe, damit irgendjemand mitten im Chaos weiß, dass seine Mutter Yoani und sein Vater Reinaldo heißen.

Der “Krieg des ganzen Volkes”, der in diesen Tagen mit der militärischen Übung „Bastion 2009“ trainiert wird, hat jedem von uns eine feste Aufgabe zugewiesen. Es interessiert nicht, ob Waffen uns Angst machen, ob wir je an Konfrontationen als möglichen Lösungsweg geglaubt haben oder ob wir kein Vertrauen haben zu den Anführern, die den Trupp leiten. Die Männer, die auf einem Tisch mit kleinen Plastikpanzern und Plastikflugzeugen Krieg spielen, wollen verbergen, dass der tiefste Schützengraben, den wir Bürger ausgehoben haben, dazu dient, uns vor ihnen selbst zu schützen.

Die Nachrichtenberichte sind voll von Uniformierten mit ihren Waffen, aber den militärischen Manövern gelingt es nicht zu verbergen, dass unsere wahren „Feinde“ die Restriktionen und Kontrollen sind, die uns von der Staatsmacht auferlegt wurden. Krieg als Ablenkung funktioniert nicht mehr. Die Bedrohung durch landende Fallschirmspringer und dröhnende Bomben als Gegenmittel gegen die Sehnsucht nach Veränderung, hat keinen Effekt mehr. Ich glaube, dass immer mehr Menschen ihren Zeigefinger auf den wirklichen Ursprung unserer Probleme richten und zur Überraschung unserer Schlachtenführer sieht es nicht so aus, als würde er nach außen zeigen.

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

Unterhaltsempfänger

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Wir sind froh, wenn wir von diesem Lebensstadium genesen, das sich Adoleszenz nennt, besonders dann, wenn wir unabhängig werden wollen. Froh, eine Antwort gefunden zu haben auf die Frage, die wir uns so oft stellten: „Was wirst du tun, wenn du einmal groß bist?“ Froh, das Haus zu verlassen, ohne Erklärungen abzugeben, verantwortlich zu sein für unser eigenes Geschick und vor allem jene väterliche Mahnung nicht mehr anhören zu müssen: „Solange ich für dich aufkomme, hast du das zu tun, was ich dir sage.“

Nationen, die sich unter dem Schutz eines paternalistischen Staates entwickeln, laufen Gefahr, ihre Bevölkerung in einer Art von stagnierender Adoleszenz zu halten. Der Fall Kubas ist einer der paradigmatischen Beispiele. Wir leben unter der väterlichen Gewalt einer Regierung, die durch die Kontinuität der Personen an der Macht charakterisiert ist, die den Anspruch erhob, einen Teil unserer Grundversorgung zu subventionieren. Mit großem Stolz weisen die offiziellen Medien hartnäckig auf die kostenlose medizinische Versorgung hin und die kostenfreie Erziehung auf allen Ebenen des Unterrichts, ebenso auf die Existenz des rationierten Marktes, der angeblich einen Basiswarenkorb garantiert.

Es erweist sich als elementar, dass es öffentliche Mittel sind, die den Unterhalt bestreiten und sich aus diesen unberührbaren Vermögenswerten speisen, die die Arbeiter produzieren, aber nicht als Verdienst erhalten. Offensichtlich ist Arbeiten nicht stimulierend und das, was man verdient, reicht kaum, um aus dem Subventionierten Nutzen ziehen zu können. Papa Staat erlaubt nicht, dass man abweichende Meinungen äußert, und noch viel weniger, dass sich Leute im Bezug auf diese Ideen organisieren, oder die ökonomische Unabhängigkeit erreichen, und, um es auf die Spitze zu treiben, verlangt man von ihnen sogar noch unbegrenzte Dankbarkeit.

Glücklicherweise zielt alles im Laufe der Jahre auf Veränderung ab, wie es uns schon das paternalistische Familienmodell gezeigt hat. Die Kinder wachsen heran, werden schließlich erwachsen und nichts kann verhindern, dass die Jüngsten die Hausschlüssel übernehmen.

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

Wenn es regnet

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Die Sonne ist den ganzen Tag nicht herausgekommen und immer wieder zwingt uns ein Regenschauer, uns in irgendeinem Torbogen unterzustellen oder ganz zu Hause zu bleiben. Man könnte meinen, dass sich das Leben in einem tropischen Land mit Blick auf das Klima organisiert und dass wir neben der leichten Kleidung immer auch Sonnenschirme und Regencapes zur Hand haben. Aber das stimmt nicht. Die Durchlässigkeit der Dächer ist allgemein verbreitet, besonders bei den Konstruktionen der letzten 50 Jahre. Wohnungen, Büros, Schulen und Krankenhäuser, ja sogar Warenlager erleiden deswegen wiederholt Verluste. Außerdem sind die eingestürzten Häuser, die schon typisch sind für unsere Stadtlandschaft, nicht das Ergebnis von einem Bombardement durch den Imperialismus, sondern sie sind vielmehr das Resultat der Schwierigkeiten beim Erwerb von Bau- und Abdichtungsmaterial.

“Ich konnte nicht kommen, weil es regnete” ist die häufigste Ausrede der Saison. Nicht zu erscheinen oder zu spät zu kommen, ebenso zur Arbeit wie zu einer amourösen Verabredung, ist gesellschaftlich akzeptiert, wenn wir dieses überzeugende Argument anführen. Aber es handelt sich nicht immer um eine vorgeschobene Ausrede, denn wenn in der Straße, wo wir leben, die Abwasserrohre übergelaufen sind, ist das Risiko, bei einem der zahllosen Schlaglöcher, die durch Wasser verdeckt sind, hinzufallen, ziemlich hoch.

Oft haben wir in ausländischen Filmen die Szene einer Menschenmenge im Regen gesehen. Uns beeindruckt das Bild von dieser Wolke von Regenschirmen, die sich auf der Länge einer breiten Straße hinzieht oder über die ganze Breite der Tribüne in einem Stadion. Ohne es vermeiden zu können, vergleichen wir diese Szenen mit dem typischen Aussehen unserer Straßen mitten in einem Platzregen: Nylontaschen als Mütze genutzt, die Zeitung Granma oder ein Stück Karton, um damit den Kopf zu bedecken; ältere Menschen, die unter Balkonen abwarten oder zusammengedrängt in einem Bushaltestellenhäuschen. Freude empfinden fast immer die Jugendlichen, die dem Gewitter die Stirn bieten, indem sie klitschnass herumrennen und auf dem erst besten, was sie finden, surfen, ein Brett oder ein alter Autoreifen, angeklammert an die Stoßstange eines Lasters.

Das sind Tage, an denen man sich fragt, wann es endlich aufhört, für so viele Leute ein unerfüllbarer Traum zu sein, ein Regencape zu besitzen, und zwar ohne Löcher und maßgerecht, an denen man sich fragt, wann die Stadt endlich nicht mehr kollabiert wegen eines einfachen Wolkenbruches, der auf die Tropen fällt.

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

Das Gespenst von 1980

Die Bilder dessen, was gestern in der Straße G geschah, mit Reinaldo* und anderen Freunden, erinnern mich zu sehr an die Ablehnungskampagnen von 1980. Schaut selbst und sagt mir, ob es Euch nicht auch so geht:

Anmerkung der Übersetzerin:
*Reinaldo Escobar, freier Journalist und Ehemann von Yoani Sánchez, wurde das Ziel einer organisierten Ablehnungskampagne von Regierungstreuen gegen Nonkonformisten. Nur weil ihn seine Freunde schützten, konnte er tätlichen Angriffen entgehen.

Präsident Obama antwortet auf die Fragen von Yoani Sánchez

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Präsident Barack Obama: Danke, für die Gelegenheit, Meinungen mit Ihnen und Ihren Lesern in Kuba und in der Welt auszutauschen, und Gratulation zum Maria-Moors-Cabot-Preis der gratuierten Journalistenschule der Colombia-Universität, den Sie bekommen haben, weil Ihre Berichte das wechselseitige Verständnisses zwischen den zwei amerikanischen Kontinenten fördern. Sie haben die Auszeichnung mehr als verdient. Ich war enttäuscht darüber, dass man Sie nicht ausreisen ließ, um den Preis persönlich in Empfang zu nehmen.
Ihr Blog bietet der Welt ein einzigartiges Fenster zur Realität des Alltagslebens in Kuba. Es ist bezeichnend, dass das Internet Ihnen und den anderen mutigen kubanischen Bloggern ein Medium geboten hat, sich so frei zu äußern und ich kann Ihren kollektiven Bemühungen nur Beifall zollen, Ihre Landsleute in die Lage zu versetzen, sich durch diese Technologie auszudrücken. Die Regierung und das Volk der Vereinigten Staaten freuen sich zusammen mit Ihnen allen auf den Tag, an dem alle Kubaner sich frei und öffentlich ohne Furcht und Repressalien äußern dürfen.

Yoani Sánchez: 1. Lange Zeit war das Thema “Kuba” ebenso präsent in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten, wie in der Innenpolitik, vor allem wegen der Existenz einer großen cubano-amerikanischen Bevölkerungsgruppe. Zu welchem der beiden Sektoren sollte Ihrer Meinung nach diese Angelegenheit gehören?

Präsident Barack Obama: Alle außenpolitischen Fragen beinhalten auch innenpolitische Komponenten, besonders wenn sie Nachbarn betreffen wie Kuba, aus dem die Vereinigten Staaten eine große Bevölkerungsgruppe von Einwanderern besitzen, und mit dem wir eine lange Geschichte von Beziehungen haben. Unser Engagement, die Redefreiheit, die Menschenrechte, eine demokratische Regierungsform zu Hause und auf der Welt zu schützen und zu unterstützen, lässt ebenfalls die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik verschwimmen. Außerdem umfassen viele der Herausforderungen, die unsere beiden Länder in gleichem Maße betreffen, wie Migration, Drogenhandel und Wirtschaftsfragen innenpolitische und außenpolitische Angelegenheiten. Somit sind die Beziehungen der USA zu Kuba mit Recht im Kontext sowohl der Außen- als auch der Innenpolitik zu sehen.

Yoani Sánchez: 2. Falls auf Seiten Ihrer Regierung der Wille bestünde, den Konflikt zu beenden, würde das geschehen, indem sie in eventuellen Verhandlungen die Legitimität der aktuellen Regierung von Raúl Castro als einzigen rechtsgültigen Gesprächspartner anerkennt?

Präsident Barack Obama: Wie ich bereits erwähnte, erkläre ich meine Bereitschaft, dass meine Regierung mit der kubanischen Regierung Verhandlungen aufnimmt über eine Reihe von Fragen wechselseitigen Interesses so, wie es bereits geschehen ist in den Verhandlungen über Migration und direkten Postverbindungen.
Es ist auch meine Absicht, weitergehenden Kontakt mit dem kubanischen Volk zu erleichtern, besonders was getrennte kubanische Familien angeht, was ich bereits getan habe, indem ich die US-Restriktionen in Bezug auf familiäre Besuche und Geldüberweisungen zurücknahm. Wir bemühen uns darum, mit Kubanern außerhalb der Regierung Kontakt aufzunehmen so, wie wir es anderswo in der Welt auch tun, da die Regierung natürlich nicht die einzige Stimme ist, auf die es in Kuba ankommt. Wir ergreifen jede Gelegenheit, mit dem ganzen Spektrum der kubanischen Gesellschaft zu interagieren und wir freuen uns auf den Tag, an dem die Regierung den freien Willen des kubanischen Volkes widerspiegelt.

Yoani Sánchez: 3. Verzichtet die Regierung der Vereinigten Staaten auf den Gebrauch von militärischer Gewalt, um den Konflikt zu beenden?

Präsident Barack Obama: Die Vereinigten Staaten haben keinerlei Absicht, militärische Gewalt auf Kuba auszuüben. Die Vereinigten Staaten treten ein für größere Beachtung der Menschenrechte und der politischen und wirtschaftlichen Freiheiten auf Kuba und hoffen, dass die Regierung Kubas dem Bedürfnis des kubanischen Volkes entgegenkommt, nämlich die Vorzüge der Demokratie zu genießen und in der Lage zu sein, in Freiheit Kubas Zukunft zu bestimmen. Nur das kubanische Volk kann einen positiven Wandel auf Kuba herbeiführen und es ist unsere Hoffnung, dass es schon bald in der Lage sein wird, seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen.

Yoani Sánchez: 4. Raúl Castro hat öffentlich gesagt, bereit zu sein, über alle Themen in einen Dialog zu treten, unter der einzigen Bedingung des gegenseitigen Respekts und der Gleichheit der Voraussetzungen. Erscheinen Ihnen diese Forderungen übertrieben? Was wären die Vorbedingungen, die Ihre Regierung stellen würde, um einen Dialog zu beginnen?

Präsident Barack Obama: Seit Jahren sage ich schon, dass es Zeit ist, den Weg direkter Diplomatie zu beschreiten und zwar ohne Vorbedingungen, sowohl mit Freunden als auch mit Feinden. Allerdings bin ich nicht daran interessiert zu reden, um des Redens willen. Im Falle Kubas sollte eine derartige Diplomatie Möglichkeiten schaffen, die Interessen der Vereinigten Staaten und die Sache der Freiheit für das kubanische Volk voranzubringen: Wir haben bereits einen Dialog initiiert auf Gebieten wechselseitiger Interessen zum Beispiel was sichere, legale und geordnete Migration und die Wiedereinrichtung direkten Postverkehrs angeht. Das sind kleine Schritte aber ein wichtiger Teil einer Entwicklung in Richtung auf neue und positive US-kubanische Beziehungen. Um eine normalere Beziehung zu erreichen, wird es allerdings Schritte von Seiten der kubanischen Regierung bedürfen.

Yoani Sánchez: 5. Welchen Anteil könnten die Exilkubaner, die internen Oppositionsgruppen und die entstehende kubanische Zivilgesellschaft in diesem hypothetischen Dialog haben?

Präsident Barack Obama: Wenn man vor einer politischen Entscheidung steht, ist es unverzichtbar, auf so viele unterschiedliche Stimmen wie möglich zu hören. Was Kuba anbetrifft, tun wir genau dies. Die US-Regierung führt regelmäßig Gespräche mit Gruppen und einzelnen Menschen innerhalb und außerhalb von Kuba, denen an unseren Beziehungen gelegen ist. Viele sind nicht immer einverstanden mit der kubanischen Regierung; viele sind nicht immer einverstanden mit der Regierung der Vereinigten Staaten; und viele stimmen untereinander nicht überein. Worin wir aber alle übereinstimmen sollten auf unserem Weg nach vorne ist die Notwendigkeit, den Anliegen der Kubaner, die auf der Insel leben, Gehör zu schenken. Das ist der Grund dafür, dass alles, was sie tun, um ihre Stimme zu Gehör zu bringen, so wichtig ist, nicht nur zur Förderung der Redefreiheit selbst, sondern auch damit Menschen außerhalb Kubas ein besseres Verständnis gewinnen für das Leben, die Kämpfe, die Freuden und Träume der Kubaner auf der Insel.

Yoani Sánchez: 6. Sie sind ein Mann, der auf die Entwicklung der neuen Kommunikations- und Informationstechnologien setzt. Trotzdem sind wir Kubaner vielen Beschränkungen beim Zugang zum Internet unterworfen. Welche Verantwortung hat dabei die nordamerikanische Blockade gegenüber Kuba und welche die kubanische Regierung?

Präsident Barack Obama: Meine Regierung hat wichtige Schritte unternommen, um den freien Informationsfluss zu Kubanern und von Kubanern zu fördern, besonders durch neue Technologien. Wir haben bessere Telekommunikationsverbindungen ermöglicht, um die Interaktion zwischen Kubanern und der Außenwelt voranzubringen. Das wird die Bedingungen verbessern, unter denen die Kubaner der Insel mit einander und mit Menschen außerhalb kommunizieren können, zum Beispiel durch Erweiterung der Möglichkeiten von Glasfaser und Satellitenübertragung nach und von Kuba. Das wird nicht über Nacht geschehen, es wird sich auch nicht voll auswirken können ohne positive Maßnahmen durch die kubanische Regierung. Soviel ich weiß, hat die kubanische Regierung den Plan angekündigt, den Kubanern einen besseren Zugang zum Internet in Postämtern zu bieten. Ich verfolge diese Entwicklung mit Interesse und fordere die Regierung auf, dem Volk den unbeschränkten Zugang zum Internet und zu Informationen zu erlauben. Zusätzlich begrüßen wir Vorschläge, die sich auf Gebiete beziehen, auf denen wir weiter den freien Informationsfluss fördern können und zwar innerhalb und nach Kuba.

Yoani Sánchez: 7. Wären Sie bereit, unser Land zu besuchen?

Präsident Barack Obama: Niemals würde ich Schritte ausschließen, welche die Interessen der Vereinigten Staaten und die Sache der Freiheit für das kubanische Volk fördern könnten. Gleichzeitig sollten diplomatische Instrumente erst nach sorgfältiger Vorbereitung und als Teil einer klaren Strategie genutzt werden. Ich freue mich darauf, ein Kuba besuchen zu können, auf dem alle Bürger die gleichen Rechte und Chancen wie andere Bürger in dieser Hemisphäre genießen können.

Anmerkung der Übersetzerin: Die Passagen des Präsidenten Barack Obama wurden aus dem englischen Original übersetzt.
Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

Sieben Fragen

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Die Volksdiplomatie braucht keine Memoranden oder Absichtserklärungen, sie entsteht unmittelbar zwischen den Völkern, ohne Ministerien oder Regierungspaläste zu durchlaufen. Sie wird begleitet von einer Umarmung, einem Händedruck oder einem langen Gespräch im Wohnzimmer. Ohne auf Blitzlichtgewitter oder Schlagzeilen abzuzielen, haben ganz gewöhnliche Personen die Welt vor großem Unrecht bewahrt, sie haben vielleicht eine Vielzahl von Kriegen verhindert und sind sogar verantwortlich für bestimmte Allianzen und einige wenige Momente des Friedens.

Ab und zu wendet sich eine Einzelperson ganz ohne ministeriale Aktentasche und ohne offizielle Privilegien an die Machthabenden und schickt ihnen eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Wir Kubaner haben uns längst damit abgefunden, dass von „dort oben“ niemand versucht, uns aufzuklären oder um Rat zu fragen in Bezug auf den Untergang, dem diese Insel entgegengeht, wobei der Eindruck eines Schiffes entsteht, das bereits ein Leck hat und kurz vor dem Schiffbruch steht. Müde davon, dass man uns in unserer Bedeutungslosigkeit nicht wahrnimmt, habe ich mich entschieden, sieben Fragen an diejenigen zu richten, die im Moment mit ihren Entscheidungen das Schicksal meines Landes prägen.

Der Konflikt zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten verhindert nicht nur, dass sich zwischen den Völkern beider Küsten wechselseitige Beziehungen entwickeln, sondern er bestimmt auch die Schritte – oder deren Ausbleiben – die bei der notwendigen Veränderung unserer Gesellschaft getan werden müssen. Die politische Propaganda spricht davon, dass wir in einem Belagerungszustand leben, spricht von David gegenüber Goliath und vom „gefräßigen Feind“, der kurz davor ist, sich auf uns zu stürzen. Ich möchte gern wissen – von meiner niedrigen Position als Bürgerin aus – wie sich dieser Konflikt entwickeln wird, wann er aufhören wird, das wichtigste Thema sämtlicher Aspekte unseres Lebens zu sein.

Nach monatelangen Versuchen habe ich es geschafft, einen Fragebogen mit einigen dieser Themen, die mich nicht schlafen lassen, an den nordamerikanischen Präsidenten Barack Obama zu schicken. Inzwischen habe ich seine Antworten – die ich morgen veröffentlichen werde – und jetzt möchte ich hier meine Fragen an Raul Castro richten. Es sind Fragen, die meiner persönlichen Erfahrung entstammen und ich gebe zu, dass jeder meiner Landsleute sie auf andere und eigene Weise formulieren könnte. Die Zweifel, die sie beinhalten, sind so beängstigend, dass ich mir nicht vorstellen mag, wie die Nation beschaffen sein wird, in der meine Kinder aufwachsen.

Hier sind beide Fragebögen:

Fragen an Raúl Castro, Präsident von Kuba:

1. Welche negativen Einflüsse könnte eine Verbesserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten auf die ideologische Struktur der kubanischen Revolution haben?

2. Sie haben bei verschiedenen Gelegenheiten Ihre Bereitschaft zu einem Dialog mit der nordamerikanischen Regierung signalisiert. Sind Sie allein dieser Absicht? Mussten Sie mit dem Rest des Politbüros diskutieren, um ihn von der Notwendigkeit eines Dialogs zu überzeugen? Stimmt Ihr Bruder Fidel Castro zu, wenn es darum geht, den Konflikt zwischen beiden Regierungen zu beenden?

3. Sie sitzen an einem Tisch, Obama gegenüber: Was wären die drei wichtigsten Erfolge, die Sie bei dieser Unterhaltung erringen möchten? Welche drei Erfolge könnte Ihrer Meinung nach die nordamerikanische Seite erringen?

4. Können Sie die konkreten Vorteile aufzählen, die das kubanische Volk heute und in Zukunft hätte, wenn der lang anhaltende Konflikt zwischen beiden Regierungen beendet würde?

5. Wenn die nordamerikanische Seite in eine Verhandlungsrunde die kubanische Exilgemeinde, Mitglieder der Oppositionsparteien der Insel und Repräsentanten der Zivilgesellschaft mit einbeziehen wollte, würden Sie diesen Vorschlag akzeptieren?

6. Meinen Sie, es bestehe eine reale Möglichkeit, dass die aktuelle Regierung der Vereinigten Staaten dafür votieren könnte, militärische Gewalt gegen Kuba anzuwenden?

7. Würden Sie als Zeichen des guten Willens Obama einladen, Kuba zu besuchen?

Fragen an Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten:

1. Lange Zeit war das Thema “Kuba” ebenso präsent in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten wie in der Innenpolitik, vor allem wegen der Existenz einer großen cubano-amerikanischen Bevölkerungsgruppe. Zu welchem der beiden Sektoren sollte Ihrer Meinung nach diese Angelegenheit gehören?

2. Falls auf Seiten Ihrer Regierung der Wille bestünde, den Konflikt zu beenden, würde das geschehen, indem sie in eventuellen Verhandlungen die Legitimität der aktuellen Regierung von Raúl Castro als einzigen rechtsgültigen Gesprächspartner anerkennt?

3. Verzichtet die Regierung der Vereinigten Staaten auf den Gebrauch von militärischer Gewalt, um den Konflikt zu beenden?

4. Raúl Castro hat öffentlich gesagt, bereit zu sein, über alle Themen in einen Dialog zu treten, unter der einzigen Bedingung des gegenseitigen Respekts und der Gleichheit der Voraussetzungen. Erscheinen Ihnen diese Forderungen übertrieben? Was wären die Vorbedingungen, die Ihre Regierung stellen würde, um einen Dialog zu beginnen?

5. Welchen Anteil könnten die Exilkubaner, die internen Oppositionsgruppen und die entstehende kubanische Zivilgesellschaft in diesem hypothetischen Dialog haben?

6. Sie sind ein Mann, der auf die Entwicklung der neuen Kommunikations- und Informationstechnologien setzt. Trotzdem sind wir Kubaner vielen Beschränkungen beim Zugang zum Internet unterworfen. Welche Verantwortung hat dabei die nordamerikanische Blockade gegenüber Kuba und welche die kubanische Regierung?

7. Wären Sie bereit, unser Land zu besuchen?

Made in USA

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Vor einigen Tagen legte die ausländische Presse offen, dass zusammen mit dem spanischen Außenminister Miguel Àngel Moratinos eine Botschaft der nordamerikanischen Regierung nach Havanna gekommen war. Darin wurde unseren Regierenden vorgeschlagen, einige Schritte zur Verbesserung der Bürgerfreiheit zu tun, um so auf dem Weg einer Konfliktlösung voranzukommen. Dieser Versuch eines geheimen Einverständnisses wurde in den offiziellen kubanischen Medien nicht erwähnt, die in diesen Tagen die Kritik an den schon 50 Jahre währenden wirtschaftlichen Sanktionen der Vereinigten Staaten verstärkt haben. Dieses – nach meinem Dafürhalten – so bornierte und anachronistische Wirtschaftsembargo lässt sich in gleichem Maße als Rechtfertigung für den Produktionsrückgang nutzen wie zur Unterdrückung Andersdenkender. Mir fällt allerdings auf, dass in den Regalen der Supermärkte die Etiketten und Tetrapacks genau das enthüllen, was der antiimperialistische Diskurs zu verbergen sucht: ein Gutteil dessen, was wir essen, ist „Made in USA“.

Nie zuvor waren wir so abhängig von den Auf- und Abwärtsbewegungen, die sich in Washington oder an der Wall Street ereignen. Die öffentlich gerühmte Souveränität dieser Insel und das angebliche Vorbild an Unabhängigkeit, das sie dem Rest der Welt demonstriert, verbirgt in Wirklichkeit, wie abhängig wir tatsächlich von dieser Nation sind, in der tausende unserer Landsleute leben. In dem Maße, in dem die politischen Parolen gegen die Yankees heftiger werden, wird die Bevölkerung abhängiger vom Wirtschafts- und Migrationsfluss, der zwischen den beiden Küsten entstanden ist. Die Meerenge von Florida scheint uns zu trennen, aber in Wirklichkeit gibt es eine unsichtbare Brücke der Zuneigung, materiellen Unterstützung und Information, die diese Insel mit dem Festland verbindet.

Der Schuster aus dem Erdgeschoss wurde ein paar Jahre vor dem Bruch der Vereinigten Staaten mit unserem Land geboren, aber den Leim, den er für seine Reparaturen benutzt, schickt ihm sein Bruder aus Miami. Den USB-Stick, den dieser junge Mann um den Hals trägt, bekam er von einem „Yuma“*, der mit seiner Yacht den Hemingway-Hafen ansteuerte. Die Friseuse an der Ecke lässt sich die Färbemittel und Cremes aus New Jersey schicken. Ohne diesen Strom an Produkten und Geldsendungen wären viele Personen in meiner Umgebung bettelarm und verloren. Selbst der Whiskey, den die Parteiführenden trinken, trägt den unverwechselbaren Stempel des Verbotenen.

Anmerkung der Übersetzer:

*Yuma: abwertende Bezeichnung für einen Ausländer mit Devisen