Computer ohne Papiere

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Sie klopften an die Tür mit einem Durchsuchungsbefehl, den sich Aldos Mutter nicht einmal genau ansehen durfte. Sie gingen direkt in das Zimmer, um den Computer zu beschlagnahmen, auf dem sich die Texte jener Lieder befinden, die im ganzen Land kursieren. Es gab keine Möglichkeit, der Polizei klar zu machen, dass dieser Mann mit langen Haaren und Tattoos am ganzen Körper kein Verbrecher ist. Uniformierten geht Hip Hop auf die Nerven, und ein langhaariger Tätowierter ist für sie die perfekte Verkörperung eines Kriminellen. Sie berücksichtigten nicht, dass Juanes seinen Namen erst vor einer Woche auf dem Platz der Revolution in Erinnerung rief, als er die Gruppe Los Aldeanos erwähnte. Die Nachricht von der Verhaftung verbreitete sich, bis der Sänger Silvio Rodríguez in eigener Person sich dafür einsetzte, dass ihm der Computer zurückgegeben wurde und man ihn nach Hause gehen ließ.

Aldo und Bian sind schon fast von allem ausgeschlossen worden, nur ihre Begabung für Musik konnte die Zensur ihnen nicht nehmen. Einige Freunde verteilten Flugblätter, um die Ausschaltung des bekannten Duos anzuprangern, und äußerten: “Es ist eine Frage der Ehre, diese Männer in den Rang von lebenswichtigen Organen der Nation aufzunehmen”. Aber unsere Gesellschaft liegt auf der Intensivstation, mit transplantierten Teilen und einem Dialysegerät, das an jenen Bereich angeschlossen ist, wo ein Bürgertum funktionieren sollte. Wir leben auf einer Insel, wo man etwas heraus reißt und amputiert, weil einige wenige diagnostizieren, dass ein Glied Wundbrand hat, während es in Wirklichkeit einfach nur anders ist.

Dadurch dass man den Musiker mit seinem Computer wegbrachte – für den ein Eigentumsnachweis fehlt, wie bei fast allen auf Kuba – wollte man ihm vielleicht eine Spritze voller Schrecken injizieren, die bekannte Behandlung, um Angst zu verstärken. Aber das funktioniert nicht mehr so wie früher. Jetzt verwandelt sich Furcht in Lieder, in Blogs und in Scheiben, die von Hand zu Hand wandern, während Beschlagnahmungen und Verhaftungen nur erreichen, dass es immer so weiter geht.

Nicht eingehaltene Ankündigungen und Fristen

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Überschrift des Zeitungsartikels von 1991: „Dieses Jahr können die Kubaner unbeschränkt ins Ausland reisen“*

Zurzeit beschäftige ich mich wieder einmal mit den Formalitäten, die nötig sind, um eine Ausreiseerlaubnis zum Verlassen Kubas zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, am 14. Oktober in der Columbia University sein zu können, um der Übergabe des Maria-Moors-Cabot-Preises* beizuwohnen, ist gering. Aber ich werde den Papierkrieg fortsetzen. Ebenso wenig Hoffnung habe ich, zur Präsentation meines Buches in Brasilien gehen zu können, obwohl der Senat dieses Landes Schritte unternommen hat, um zu erreichen, dass ich ein Flugzeug besteigen kann. All diese Schwierigkeiten beim Erhalt einer Ausreisegenehmigung rufen mir die Worte, die vor 18 Jahren von Carlos Aldana gesagt wurden, in Erinnerung, einem Schoßkind der Revolution, der in Ungnade verfiel und heute, wie es heißt, Senioren Unterricht im Marxismus erteilt.

In einem Interview von 1991 für die spanische Zeitschrift „Cambio 16“ versicherte die frühere Nummer drei der Macht in Kuba, dass „dieses Jahr die Kubaner unbeschränkt ins Ausland reisen können“. Er präzisierte aber weder, ob wir das mit den Flügeln unserer Vorstellungskraft tun sollten, noch, ob ein solches Jahr zwölf Monate oder fast zwei Dekaden umfasst. Damit Ihr die Erklärungen von damals lesen könnt und feststellen könnt, wie lange man uns schon dieselben Stereotypen in einem fort wiederholt, ist hier der Link für das Interview: (http://www.desdecuba.com/generaciony/wp-content/uploads/2009/09/entrevista_-aldana_1991.pdf).

*Ich danke der Journalistin Miriam Leiva für die Fotokopie des Dokumentes.

Anmerkung der Übersetzerin:
*Siehe dazu den Blogeintrag vom 28. Juli 2009

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

Pas de quatre

Der Wirbel, der um das Konzert von Juanes gemacht wurde, ließ uns wichtige Themen unserer Realität nicht erkennen. Auf der Straße hat man kaum die Maßnahmen kommentiert, die von Obama ergriffen wurden, um den Versand und die Reisen auf unsere Insel zu flexibilisieren. Sogar die Verhandlungen, um den direkten Postverkehr zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba wiederherzustellen, stießen auf Gleichgültigkeit. Die hell gleißenden Lichter der Showbühne stellte die neue offizielle Regelung in den Schatten, die es – auch wenn sie noch nicht in die Praxis umgesetzt wurde – den kubanischen Postämtern erlaubt, den Internetzugang in konvertibler Währung anzubieten. Man vergaß sogar am letzten Freitag die Vorstellung des siebten Kurzfilmes der Sage von Nicanor unter der Regie von Eduardo del LLano.

Jetzt, da wir zu den verblichenen Farben unseres Alltags zurückgekehrt sind, habe ich den erst kürzlich erschienenen Film „Pas de quatre“ wieder gesehen. Die Geschichte spielt in einem alten Chevrolet, dessen Chauffeur seine Dienste umsonst anbietet. Unter den drei Passagieren, denen es gelingt, in dieses seltsame Taxi einzusteigen, muss einer so schnell wie möglich die Analyse seines Stuhlganges zu einer weit entfernten Polyklinik bringen. Der Fahrer, gespielt von Luis Alberto García, legt seine innovative Philosophie dar über den Schaden, den die Immobilität und die Schwierigkeiten im Transportwesen der Nation bringen. Zum Rhythmus der Räder auf dem Asphalt kommt er zu der Erkenntnis, dass „es keine anarchistischere und subversivere Vorstellung gibt, als die eines kubanischen Touristen“.

Nun ja, sich zu bewegen hat sich wirklich in einen Akt des Protestes verwandelt. Deshalb können Erleichterungen für die Leute bei der Ein- und Ausreise, bei Ortsveränderung oder Standortwechsel unerwartete Veränderungen im nationalen Umfeld entfesseln. Man stelle sich vor, wenn es uns allen in den Sinn käme, zu reisen, die Landstraßen zu benutzen und Verwandte zu besuchen, die wir seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben. Wenn ein Reisefieber das Land überraschenderweise erfasste, dann könnte diese Aufregung die Bürokraten anstecken und all die leitenden Männer, die keine Vorstellung von Dynamik haben. Wer weiß, ob dann dieser Anstoß nicht auch diejenigen wieder in Bewegung setzen würde, die heute die Bremsklötze darstellen, die verhindern, dass wir endlich auf dem Weg der Veränderung dahin gleiten.

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

Nach Juanes

Cuba Juanes

Bildunterschrift: Foto aus der Zeitung “El Diario”

Morgen wird es wieder hell wie jeden Montag. Der Peso Convertible wird weiter ins Unendliche steigen, Adolfo und seine Kollegen werden einen weiteren Tag hinter Gittern in dem Gefängnis von Canaleta verbringen, mein Sohn wird in der Schule hören, dass der Sozialismus die einzige Option für unser Land ist und an den Flughäfen werden wir weiterhin eine Ausreisegenehmigung brauchen, um die Insel zu verlassen. Das Konzert von Juanes wird unser Leben nicht signifikant verändert haben, aber ich bin auch nicht mit einer solchen Illusion zur Plaza gegangen. Es wäre ungerecht, von dem jungen kolumbianischen Sänger zu verlangen, dass er jene Veränderungen anstieße, die wir selbst nicht erreicht haben, obwohl wir sie so sehr herbeisehnen.

Ich war auf jenem grossen, ebenen Platz und stellte fest, wie verändert ein und derselbe Ort sein kann, wenn er von einem Menschenauflauf, der von oben organisiert ist, angefüllt ist oder wenn er von einer Menschenmenge belebt ist, die tanzen, singen und interagieren will, ohne dass sich die Politik einmischt. Es war eine seltsame Erfahrung, dort zu sein, ohne Parolen zu rufen und ohne mechanisch applaudieren zu müssen, sobald der Ton der Rede anzeigt, dass der Moment für Ovationen gekommen ist. Natürlich ähnelten einige Elemente doch denen eines beliebigen Aufmarsches zum 1. Mai, besonders der Anteil von Polizisten in Zivil im Publikum.

Gewisse technische Details haben sich als störend herausgestellt. Den Ton hörte man nicht gut, den kleinen Bildschirm, der das Geschehen auf der Bühne reproduzierte, sah man von weiter weg nicht und die Tageszeit, die man sich ausgesucht hatte, war wenig menschenfreundlich, da sie mit der Zeit zusammenfiel, zu der die Sonne besonders gnadenlos scheint. Zum Glück hat sich der Himmel nach 4 Uhr bewölkt und diejenigen, die unter den wenigen Bäumen Zuflucht gefunden hatten, fingen an, mit den Orishas zu tanzen. Das sind Details, die es bei der nächsten Vorstellung, die Juanes in Cuba geben wird, zu perfektionieren gilt, jener Vorstellung, bei der es nicht reihenweise technische Mängel gibt und bei der auch die Ausgeschlossenen dieses Abends singen können.

Wenn wir das Konzert dieses 20.September als Generalprobe für ein zukünftiges Konzert auf der Insel betrachten, dann müssen wir den Teilnehmern ein Kompliment machen. Selbst wenn es keine weiteren Konzerte geben sollte und der Platz wieder feierlich und grau daliegen sollte, so haben wir wenigstens an diesem Sonntag Nachmittag etwas ganz anderes erlebt. An einem Ort, an dem man immer systematisch die Trennung zwischen uns Bürgern betrieben hat, da rief Juanes beim Sonnenuntergang aus: “Für eine einzige große kubanische Familie!”

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

Sanatorium für Pánfilo*. Und Essen? Und Freiheit? Freiheit?

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Beim Aufstehen habe ich die Nachricht gehört von der Überführung Pánfilos vom Gefängnis in eine psychiatrische Klinik, vielleicht, um dort mit seiner Entgiftung zu beginnen. In die Liste der für die kubanische Zivilgesellschaft davongetragenen Siege im letzten Jahr – noch sind es wenige und sie sind begrenzt – muss man die Befreiung dieses einfachen Menschen aus seiner Zelle aufnehmen. Zu der kurzen Aufzählung des Erreichten gehört auch die Befreiung von Gorki Àguila vor mehr als einem Jahr und die Nichtanwendung einer Resolution, die die einheimischen Bürger daran hindert, in Hotels ins Internet zu gehen.

Ich glaube, dass die positive Entwicklung der Ereignisse im Fall „Pánfilo“ durch die Arbeit der Leute erreicht wurde, die die Kampagne „Futter und Freiheit“ durchführten und eben gestern 3000 Unterschriften überreichten, die seine Befreiung forderten. Man muss auch den unzähligen internationalen Printmedien danken, die dazu beitrugen, die Aufmerksamkeit auf die ungerechte zweijährige Freiheitsstrafe für Juan Carlos Gonzáles zu richten. Die alternative Blogger-Sphäre half, wie zu erwarten war, der Mauer einen Stoß zu versetzen, die sich an dem Tag zu verstärken schien, als jemand ins Gefängnis geworfen wurde, nur weil er nach Essen verlangte.

Jedenfalls vergisst man den Fauxpas, den unaggressiven Betrunkenen eines Stadtviertels wegen Gefahr im Verzug vor Gericht zu bringen, nicht so leicht. Jetzt bleibt abzuwarten, dass er nach Hause zurück darf, dass er Zugang zu einer Ernährung hat, die jedes menschliche Wesen verdient und zu einer Redefreiheit, die ihm erlaubt, vor der Kamera das zu sagen, was er meint, ohne es deswegen mit dem Staatsanwalt zu tun zu bekommen. Wenn die Übergabe des Dokuments „Schick einen Brief!“ an den Vertreter von Juanes irgendwie dazu beitragen konnte, dass sich für Pánfilo die Gefängnistüren öffneten, dann gibt es einen weiteren Grund, diesem Konzert vom 20. September zu applaudieren. Schade, dass wir warten müssen, dass uns Berühmtheiten besuchen, damit sich die Riegel öffnen; aber, abgesehen von diesem Detail, verbuchen wir diesen Triumph für uns.

Ihr wisst schon: Wenn ihr anstoßen wollt, um Pánfilos Freilassung zu feiern, dann tut es auf keinen Fall mit Alkohol, lieber mit Wasser!

Anmerkung der Übersetzerin:

*siehe dazu Blogeintrag vom 16. August: Der Antiheld

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

Der ideologische Kitsch

In einem Ambiente von gedämpftem Licht und mit einem Mojito in der Hand kann ich die Lieder genießen, die mir in einem anderen Umfeld mit ihren einfachen Texten süßlich und kitschig erscheinen. Ich bringe die Kritik in mir zum Verstummen und lasse mich, wenn die Situation es verdient, von jenen Sätzen mitreißen, die “dolor” auf “amor” und “sufrir” auf “morir” reimen (deutsch: Schmerz, Liebe, leiden, sterben). Den romantischen Kitsch kann ich tolerieren, aber der schlechte Geschmack in der Politik ist etwas, was ich unerträglich finde.
Der Missbrauch von Bildern und Parolen, die so lange wiederholt werden, bis sie ihre emotionale Bedeutung, die sie einmal besaßen, verlieren, verstärkt noch diesen reichlich vorhandenen Kitsch in extrem ideologisierten Gesellschaften wie der unseren.

Einige kurze Bildsequenzen aus einem “Basar der revolutionären Kunst” in einer zentral gelegenen Straße in Havannas Altstadt bestätigen meine Hypothese der dekorativen Elemente in Verbindung mit einer Ideologie. Um dort irgendeines jener Attribute zu kaufen, die einen politischen Entwicklungsprozess kennzeichnen, muss man in einer anderen Währung bezahlen als der, die unsere Arbeit uns einbringt. Kurioserweise werden die “Ikonen” selbstloser Hingabe an ein soziales Projekt auf der klaren Basis von Angebot und Nachfrage verkauft. Das Geld verwandelt sich so in einen Pullover, eine Kappe oder einen Rucksack, welche dann wie eine Reliquie, wie ein Stück Holz aus Utopia hergezeigt werden.

Die Gesichter, die man in diesem kleinen Geschäft sieht, sind für viele Personen außerhalb Kubas Teil der Gegenkultur, die sich dem Status quo entgegen stellt. Sie sind die Embleme, auf die sich manche in der Absicht berufen, das zu verändern, was ihnen in ihrer eigenen jeweiligen Gesellschaft nicht gefällt. Aber auf dieser Insel tritt genau das Gegenteil ein. Die Männer, die uns von den Plakaten und T-Shirts anblicken, sind für uns jene, die die aktuelle Ordnung erschufen, die Verwalter des Systems, in dem wir seit fünfzig Jahren leben. Wie kann man diese Symbole tragen, ohne den Eindruck zu haben, dass man dadurch die Kultur der Macht, die Embleme der Herrschenden annimmt?

Übersetzung: Werner Jäckle