“Die Hauptsache ist das Gewissen … nicht die Wissenschaft”

Dieses kurze Video von Juan Vela, dem früheren Minister für höhere Bildung, ist mir in die Hände gekommen. Eine Versammlung mit einigen seiner Mitarbeiter in der Provinz Ciego de Ávila bildete den Rahmen für diese Erklärung über die Reihenfolge der Prioritäten in den kubanischen Universitäten. Ich bin sicher, dass diese autoritären und einseitigen Worte, die er vor den Kameras aussprach, ihn nicht seinen Posten gekosten haben.

Vielleicht war es genau das Gegenteil, was bewirkte, dass er durch Miguel Díaz-Canel Bermúdez ersetzt wurde. Wer weiß, ob der Ex-Minister in der Stunde, als er seinen Sinnspruch “Die Hauptsache hier ist das Gewissen, ist die Revolution… nicht die Wissenschaft” äußerte, es nicht mit der aufrechten Geisteshaltung tat, die man von einem Mitglied der kommunistischen Partei erwartete? Er geht, und jetzt, frei von diesen Verantwortlichkeiten, kann er endlich seinen alten Traum erfüllen, Kardiologe zu sein.

Übersetzung: Werner Jäckle

Wenig Vogelfutter für einen so großen Käfig

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Die Gerüchte über das mögliche Verschwinden des Rationierungssystems für Nahrungsmittel häufen sich. Zwischen Hoffen und Bangen versichern manche, dass Anfang 2010 schon die Zuteilungsquote für Salz und Zucker Geschichte sein wird, und dass die Freigabe dieser und anderer Nahrungsmittel uns bevor steht. Jene, die vor dieser Möglichkeit erschrecken, können sich ein Leben ohne die Unterstützung des Staates, ohne die Krücken der Subventionierung nicht vorstellen. Ich selbst wurde geboren und in ein Büchlein eingetragen, wo man jedes Gramm dessen notierte, was ich mir in den Mund stecken sollte. Wenn ich nur mit den reglementierten Nahrungsmitteln hätte aufwachsen müssen, dann hätte ich einen schwächlicheren Körper als den, den ich heute aufweise. Zum Glück hat das Leben mehr Möglichkeiten als die Kästchen, in denen – jeden Monat – der Lagerverwalter die minimalen Rationen ankreuzt, die wir erhalten.

Eine einfache Rechnung bringt mich auf den Gedanken, dass, wenn die 66 Millionen Pfund Reis, die man jeden Monat bei der Zuteilung verteilt, auf dem freien Markt erscheinen würden, die Preise auf dem letzteren sinken würden. Man könnte dann entscheiden, ob man anstatt des immer wiederkehrenden Getreides Kartoffeln oder Gemüse kaufen sollte, und niemand würde rufen “ich nehme alles mit nach Hause, was man mir gibt, bevor ich es im Lager lasse”. Außerdem gäbe es nicht den Eindruck, dass man uns etwas schenkt, und vor allem nicht das Gefühl der Schuld, das uns von Protest oder Kritik an denen abhält, die diese kleinen Portionen garantieren. Der rationierte Markt müsste für jene erhalten bleiben, die eine körperliche oder psychische Behinderung haben, oder für jene, die arbeitslos geworden sind. Schließlich muss er sich an diejenigen richten, die die soziale Sicherheit zum Überleben brauchen.

Auch wenn die Idee einfach auszusprechen ist: Das Problem bei der Umsetzung ist, dass die Löhne an die subventionierten Lebensmittel des “Büchleins” angepasst bleiben und nicht den freien Preisen entsprechen. Einer kubanischen Familie zu sagen, dass sie ab morgen die begrenzte Menge und die zweifelhafte Qualität dessen, was man im Lager erhält, nicht mehr haben werden, bedeutet den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Das Vogelfutter ist, außer dass es beschränkt ist, auch schwer abzuschaffen, da man es nur dann aussetzen kann, wenn man die Tore des Käfigs öffnet. Deshalb ist die Nachricht, auf die wir in Wirklichkeit warten, nicht, dass die Rationierung beendet wird, sondern dass die wirtschaftliche Einschränkung aufhört, welche uns an diese Rationierung bindet, und dass die bevormundende Beziehung endet, welche uns wie Täubchen hält, abhängig und… hungrig.

Übersetzung: Werner Jäckle

Eingeweiht

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Endlich hat man die zwei Fahrstühle in meinem Wohnblock eingeweiht, nach einem Jahr Montage und einem langen Zeitraum der Erprobung. Am Freitag war die Versammlung, um die Nutzungsregeln für die zwei Artefakte bekannt zu geben, die schon jetzt wie nach einem Jahrzehnt des Betriebs aussehen. Die Nachbarschaftsversammlung ging in Zwischenrufe und Klagen über, da der enorme Betonblock, in dem wir leben, jeden Tag weiter verfällt, und es keine Mittel gibt, um ihn zu reparieren. Nicht einmal die gute Nachricht, nicht mehr die Treppen steigen zu müssen, kann die Erscheinung des neuen Verfalls verschleiern, die diese Immobilie – ein jugoslawisches Modell – zeigt.

Man hat auch den Geldbetrag erhöht, den man von jeder Familie erhebt, um den Lohn der beiden Pensionäre bezahlen zu können, die die Aufzüge bewachen sollen. Da im Inneren der Kabine kaum Platz für fünf Personen ist, bleiben die beiden “Bewacher” der russischen Apparate auf einem Stuhl am Eingang sitzen. Manche versichern, dass diese Greise – Aktivisten der PCC* – statt auf die Anzeigetafel und ihre Knöpfe mehr darauf schauen, was wir in den Taschen mitbringen, oder wer uns besucht. Ich hoffe, dass die Wächter nur etwa zwei Wochen da sein werden, bis der Mangel an Ausdauer, der hier alles auszeichnet, die Sache der Überwachung entspannt.

Was mir an all dem weniger gefällt, ist, dass man wieder die Formel stärkerer Kontrolle, Disziplin und Überwachung anwendet, weil man glaubt, dass sich damit die Probleme lösen werden. Persönlich glaube ich, alles liefe besser, wenn jeder Bewohner das Gefühl hätte, dass der Wohnblock ihm gehört, und dass auch die Gemeinschaftsflächen ein Teil unseres Hauses sind. Allerdings haben Jahre ohne die Möglichkeit zu entscheiden, was auf ihnen geschieht, dieses Gefühl der Distanziertheit und eine gewisse Tendenz des “Ausplündern” geschaffen. Einmal hat man uns eine Ecke weggenommen, um das Lokal der CDR* einzurichten, und man hat den Platz, wo die Kinder spielten, in ein Büro der OFICODA* umgebaut, ohne die vorherige Zustimmung von uns, die wir hier wohnen. Mit der Zeit und der sukzessiven Einmischung so vieler staatlicher Körperschaften, die ein Stückchen unseres weiträumigen Erdgeschosses benötigten, kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass nichts davon uns gehört. Nicht einmal die beiden Aufzüge, die vor ein paar Tagen eingeweiht wurden.

P.S.: Das Thema Juanes und sein Konzert am 20. September gibt weiterhin Anlass zu angeregter Diskussion, weshalb eine neue Webseite unter dem Namen Paz sin Fronteras* geschaffen wurde, wo sich alle diesbezüglichen Informationen befinden werden. Dort werden die Meinungen verschiedener Blogger und Kommentatoren bezüglich des Besuchs des kolumbianischen Sängers in unserem Land einen Platz haben.

Anmerkung der Übersetzer:
* PCC: Partido Comunista de Cuba – Kommunistische Partei Kubas
* CDR: Comites de Defensa de la Revolucion – Komitee zur Verteidigung der Revolution
* OFICODA: oficina de control de productos alimentarios – Amt für die Aufsicht über Lebensmittelprodukte
* Paz sin Fronteras (Frieden ohne Grenzen): http://www.pazsinfronterascuba.com/

Übersetzung: Werner Jäckle

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Bildunterschrift:
Während die neuen Wohnblock-Regeln diskutiert wurden, war dies das Drama, das die Mülltonnen an der Ecke boten.

Etwas mehr als virtuell

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Am vergangenen 15. August begann die Online-Wahl für den Blogger-Wettbewerb
„ Eine virtuelle Insel“*.

Ich lade euch ein, die 66 Blogs anzusehen, die miteinander im Wettstreit um die vier Preise liegen, die am 9. 9. 09 vergeben werden. Wie ihr sehen werdet, ist die Auswahl ziemlich ausgeglichen, es gibt digitale Seiten jeder Richtung, die von den Lesern oder von den Autoren selbst nominiert wurden. Um die Mitglieder der Jury zu zitieren, unter denen ich die Ehre habe zu sein, „wird dies ein Musterkatalog, so vielstimmig und verschiedenartig wie die aktuelle kubanische Realität, auch wenn es keine genaue Auflistung aller existierender Blogs im Land werden wird (…), so ist es doch die Vorstellung eines Phänomens, das sich in Kuba gerade täglich ausbreitet und weiterentwickelt.“

Anmerkung der Übersetzerin:

* http://unaislavirtual.com

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

Pinnwand

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Der Zettel hing nur kurze Zeit an einer Mauer in der Tulipán – Straße. Auf ihm stand: „Schalte Handys frei“ mit der Telefonnummer des kundigen Technikers. Immer öfter sieht man Anzeigen, die Hundewelpen oder Autoteile zum Kauf anbieten und Dienstleistungen von jemandem, der Küchen repariert oder Fußböden in Wohnungen poliert. Sie wurden von den Mutigsten eines informellen Marktes mit Dienstleistungen, Tauschhandel und sonstigen Angeboten angebracht, von dem wir alle abhängen. Eine Flut von Geschäften, die keine legalen Räume hat, wo sie sich ausbreiten könnte, und die dennoch ihre Ware mit ebenso großer oder sogar noch größerer Effizienz zeigt als der offizielle Handel.

Diese kleinen handgeschriebenen Zettel lassen mich an zentrale Stellen in Firmen oder Universitäten außerhalb von Kuba denken, bei denen mich die Pinnwand, voll gestopft mit Angeboten und Nachfragen, faszinierte. Ein „billiges Zimmer“, „jemand, der einen Laptop kaufen möchte“ oder eine Exkursion, die neue Teilnehmer braucht, um die Fahrtkosten zu teilen, waren einige der Anzeigen, die ich dort hängen sah. Nichts davon kann man auf den langweiligen Wandmalereien voller politischer Parolen lesen, die in den kubanischen Universitäten, Fabriken oder Firmen erscheinen. Den Studenten und Arbeitern ist es nicht erlaubt, einen physischen Ort zu haben, wo sie einen kleinen Zettel anheften könnten, auf dem sie ein Buch suchen, ein PC-Ersatzteil oder ein Zimmer zur Miete. Ebenso wenig gibt es solche Orte für den Rest der Bevölkerung, auch nicht irgendwelche Radiosendungen und lokale Kanäle, die wenige Minuten dafür zur Verfügung stellen, um über einen Warenaustausch oder verlorene Objekte zu informieren.

Diese Anzeigentafeln nicht zu erlauben, ist für mich eines der sichtbarsten Zeichen der Kontrolle über jede spontane Form der Bürger, sich zu organisieren oder miteinander in Kontakt zu treten. Dass es sie nicht gibt, ist wirklich schade, weil diese Säulen oder Tafeln voller Anzeigen einer Stadt Dynamik verleihen und ihren Schulen, Büros und Läden Leben einhauchen. Aber statt dessen ein kleines Plakat anzubringen mit der Aufschrift „Verkaufe das und das“ oder „Kaufe das und das“, ist hier immer noch ein Akt der Grenzüberschreitung, eine Aktion, die in der Heimlichkeit der Nacht vonstatten gehen muss, auf einer Mauer im Halbschatten, wenn keiner uns sieht.

Ich gebe euch einige virtuelle Beispiele von diesen Anzeigentafeln, die wir in der realen Welt nicht haben: http://www.revolico.com y http://cu.clasificados.st

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de

Krankheiten

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Meine Telefonnummer stimmt in fünf Ziffern mit der der nächsten Apotheke überein. So kommt es, dass ich jeden Tag mehrere fehlgeleitete Anrufe entgegennehme, bei denen man mich fragt, ob das eine oder andere Medikament angekommen ist. Normalerweise gebe ich den Leuten die korrekten Daten, damit sie die ärztliche Beratungsstelle finden, aber bei anderen, am Sonntag um sieben Uhr früh, schaffe ich es nur, ihnen zu sagen: „Nein, meine Dame, in diesem Haus verkaufen wir dieses Medikament nicht.“

Wenn ich davon ausgehe, was die Leute suchen, um ihre Krankheiten zu lindern, müsste ich daraus schließen, dass die Zahl der Depressionen ansteigt. 90 Prozent der Anrufer möchten irgendeinen Angstlöser oder ein Beruhigungsmittel, irgendetwas, was ihnen hilft, sich aus der belastenden Realität auszuklinken. Die Schwierigkeiten im Transportwesen, die doppelte Währung, die Schlangen und der Stress, der entsteht, wenn man bestimmte Produkte auf dem Schwarzmarkt sucht, können jeden aus dem Gleichgewicht bringen. Besonders wenn man seit Jahrzehnten unter dem Eindruck von nationaler Instabilität, dauerndem Provisorium und Frustration gelebt hat.

Deshalb versuche ich diejenigen zu verstehen und nicht zu beschimpfen, die mich zu unmöglichen Stunden anrufen im Glauben, dass sie mit der Apotheke kommunizieren. Ich erkenne an ihrer Stimme den Ton der Verzweiflung, die nur Erleichterung findet, wenn man irgendeine Pille nimmt, die hilft, sich zu entspannen und zu schlafen. Es sind die gleichen Leute, die anderntags wieder zur Arbeit gehen mit den Augenlidern auf Halbmast, noch unter dem Einfluss des Beruhigungsmittels. Die Pillen werden ihnen helfen zu akzeptieren, dass die Klimaanlage wegen der neuen Sparmaßnahmen abgeschaltet ist, dass der Omnibus eine Stunde später als vorgesehen ankommt, dass der Metzger ihnen ein Kilo Hühnchen verkauft, bei dem zehn Gramm fehlen. Die ersehnten Tabletten können nicht bewirken, dass die Dinge funktionieren, aber wenigstens dienen sie dazu, dass es ihnen nichts mehr ausmacht.

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

Der Antiheld

Er hätte ein Alkoholiker bleiben können, der, in einer Ecke hingestreckt, seinen Rausch ausschläft – wie es so viele in dieser Stadt gibt – aber er wollte auch rebellieren. Er sprang vor eine Kamera und schrie nach Essen, was, gemeinsam mit der Sehnsucht nach Veränderung, zur nationalen Besessenheit geworden ist. Seine Spontaneität und der Nachdruck, den er in die Bitte nach “Futter” legte, verwandelten das kurze Video von Juan Carlos – alias Pánfilo, dem Einfältigen – in einen “Superhit” in den alternativen Informationsnetzen. Ich kann mich an kein anderes Videomaterial erinnern, das in unserer Gesellschaft so schnell wachsende Metastasen hervorgerufen hätte, außer dem Video von Eliécer Ávila* gegen Ricardo Alarcón im vergangenen Jahr.

Pánfilo hätte – wenige Tage nach der Ausstrahlung seiner Bilder – wissen müssen, dass er sich durch seinen Auftritt verraten hatte. Seine Worte waren wie ein roter Kreis um seinen Kopf, eine leuchtende Anzeige an seinem Hauseingang oder ein Finger, der auf sein Leben zeigt. Die Lupe der Macht, die über uns allen hängt, nahm ihn ins Visier und begann, in seinen Schwächen zu stöbern. Er hielt sich über Wasser, ohne Arbeit zu haben, war schon einmal wegen Raubes verurteilt, kaufte wahrscheinlich Rum auf dem Schwarzmarkt und beging viele andere Schwindeleien, die wir Kubaner jeden Tag begehen, um zu überleben oder zu entkommen. Dass er vor einem Mikrofon aufrichtig war und die Maske abwarf, genügte, um das Skalpell der Repression zu fühlen, das seine Existenz sezierte.

In einer Gesellschaft, die geprägt ist von der Bestrafung derer, die ihre Meinung offen äußern, sagen weder Narren noch Kinder, höchstens Betrunkene, was sie denken. Deshalb überraschte mich auch die Nachricht nicht, dass nach Pánfilo als einem zu verurteilenden Verbrecher mit der Anklage der “vorkrimineller Gefährlichkeit” gesucht wurde, worauf zwei Jahre Gefängnis stehen. Der juristische Prozess dürfte ihn schneller wieder nüchtern gemacht haben als ein Eimer kaltes Wasser und ein extrem starker Kaffee. Obwohl er immer noch die Möglichkeit hat, diese Entscheidung vor ein Tribunal zu bringen, ist es wenig wahrscheinlich, dass er ohne Strafe davon kommen wird, da es sich hier nicht um eine Warnung handelt, die nur an ihn gerichtet ist. Wenn sie ihn nicht bestrafen, wer könnte dann verhindern, dass die Alkoholiker auf der Straße, die Betrunkenen des Viertels sich vor eine Kamera hinstellen und anfangen, nach allem zu schreien, was uns fehlt: Futter! Zukunft! Freiheit!

Anmerkung der Übersetzer:

*http://www.youtube.com/watch?v=X_nMQD2xwJs