Milch, Wasser und Schatten

Die Worte von Raúl Castro am 26. Juli 2007 * wurden von der Bevölkerung die „Milchrede“ genannt wegen seines Aufrufs, die Milchproduktion zu erhöhen. In jener anderen Rede – die er ein Jahr später hielt – setzte er tiefer an und versprach nur die Lösung der Wasserprobleme in der Provinz Santiago de Cuba. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass seine Ansprache von diesem Sonntag sich durch den Einleitungssatz in Erinnerung bringen wird: „ich bin sicher, dass mich niemand von euch sehen kann, ihr werdet, wenn überhaupt, nur einen Schatten sehen, das bin ich“.*

Der General verkündete nichts außergewöhnliches, noch erwähnte er den Olivenzweig, von dem er einmal sagte, dass er bereit sei, ihn der nordamerikanischen Regierung zu überreichen. Ebenso wenig ging er genauer auf Zukunftsprojekte ein, noch auf Maßnahmen, um aus der Krise herauszukommen, auch bestätigte er weder die Feiern zum sechsten Kongress der Kommunistischen Partei, noch dementierte er sie. Er beschränkte sich nur darauf, über die nächsten Treffen der Staatsorgane zu informieren, wo – wie es scheint – einige Entscheidungen getroffen werden. Die Sonne von Holguín* fand einen Platz voller weißer und roter Pullover vor, präsidiert von einem betagten Redner, der nicht viel zu sagen hatte. Der Applaus erklang ohne Enthusiasmus und über den Bildschirm meines Fernsehers spürte ich den allgemeinen Wusch, dass die Formalität der Feier möglichst bald enden möge.

Als sie nach Hause gingen, hatten die mehreren tausend Leute, die bei dem Akt zugegen waren, wohl sehr wenig zu erzählen, außer der neckischen Bemerkung über das Gegenlicht, das jemanden im Halbschatten zeigte, der nie durch eigenes Leuchten erstrahlt war. Das war die „Schattenrede“, weil Licht etwas ist, was selbst Despoten nicht zähmen können und sich wenig um Militäruniformen schert. Raúl Castro hat recht: wir können ihn nicht mehr sehen, da die Abenddämmerung, die er repräsentiert, jeder Leuchtkraft entbehrt und das schon seit langer Zeit.

Anmerkung der Übersetzerin:
* Der 26. Juli ist der Jahrestag eines Überfalls der Revolutionäre auf Miltärbaracken in Santiago de Cuba 1953. Dieses Ereignis, damals ein Fehlschlag, viele der Rebellen starben und Fidel wurde gefangen genommen, wird als Geburt der kubanischen Revolution bezeichnet.
*Text des Videos
*Großstadt im Osten von Kuba

Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de