Reliquien und Erinnerungen

tirar_bien
Foto: Man muss schießen können und zwar gut. Fidel *

Ein Leser von Generation Y schickte mir ein Stück der Berliner Mauer. Das Stückchen Beton ist bei mir angekommen, die ich auch von bestimmten Grenzen umschlossen bin, unberührbaren, aber nicht weniger strikten. Der mit Resten von Graffiti bemalte Stein hat vor meinem geistigen Auge eine unmögliche Ansammlung von jenem aufsteigen lassen, was dazu beigetragen hat, die Kubaner zu trennen. Um es mit einem lateinamerikanischen Schriftsteller zu sagen, es wäre ein Defilee von „den Dingen, all diesen Dingen“, die Trennung und Spannungen zwischen uns, die wir diese Insel bewohnen, bewirkt haben.

Ich würde zu dieser seltsamen Ansammlung von Dingen ein Stück Stacheldraht hinzufügen, der einmal die UMAP*, Militäreinheit zur Unterstützung der Produktion, umgab; einen Splitter der Nuklearraketen*, die einmal auf unserem Land stationiert waren und uns alle an den Rand der Auslöschung brachten; eine dieser Seiten, auf der Millionen unterschrieben, – ohne die Option zu haben, „nein“ anzukreuzen -, dass der Sozialismus* unumkehrbar sei und einen Holzsplitter von den Stöcken, die am 5. August 1994* auf Havannas Malecón Köpfe einschlugen. Bei der Kollektion fehlte auch noch ein wesentliches Stück, wenn ich es nicht hinzufügte, eine Schale der Eier, die beim Exodus von Mariel* flogen. Einige Milliliter der Tinte von den Berichten und Denunziationen, die in den letzten Jahren so überhand genommen haben. Es wäre auch kein Museum geeignet, die Personen und Situationen aufzunehmen, die wie eine große Barriere aus Ziegelsteinen und Zement zwischen uns gewirkt haben.

Jeder Kubaner könnte sein eigenes Repertoire zusammenstellen von den Mauern, die uns immer noch umgeben. Viel schwieriger scheint es, eine Liste zu erstellen von dem, was uns eint, von den möglichen Hämmern und Meißeln, mit denen wir die Mauern, die noch zwischen uns bestehen, niederreißen werden. Deswegen hat mich das Geschenk dieses häufigen Kommentarschreibers glücklich gemacht, da ich den Eindruck habe, dass auch unsere Barrieren und Trennungen – eines Tages – Objekte sind, die nur noch für Sammler vergangener Dinge Wert haben.

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

Anmerkungen der Übersetzerin
(siehe auch:http://en.wikipedia.org/wiki/History_portal):

*Foto: Yoani und ihr Fotograph machen gerne Wortspiele. Eine weitere Bedeutung von “tirar” ist wegwerfen und das passt gut zum Text.

*UMAP: waren bewachte Arbeitslager zur Umerziehung von Antisozialisten

*Nuklearraketen: spielt auf die Kubakrise zwischen USA und Sowjet Union 1962 an, als es beinahe zum 3. Weltkrieg kam.

*1994: ein spontaner Protest gegen die Restriktionen der Sonderperiode auf Havannas Seepromenade Malecón

*unumkehrbarer Sozialismus: 2002 wurde die kubanische Verfassung durch die Unterschrift von 8 –9 Millionen Kubanern dahingehend verändert. Das war die Reaktion auf das Varelaprojekt, bei dem 11000 Unterschriften für ein Referendum plädierten, das Persönlichkeitsrechte, wie die freie Rede, garantieren sollte.

*Mariel: 1980, in einer Phase des wirtschaftlichen Niedergangs, beschlossen 125 000 Kubaner, ihre Insel vom Hafen Mariel, 40 km westlich von Havanna, aus zu verlassen, sie wurden wie Abtrünnige unter Schimpf und Schande verabschiedet.

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