Hühnchen statt Fisch

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Foto: “La Sardina” war die erste Metzgerei, in der ich auf dem rationierten Markt einkaufte

Am Samstagmorgen erfuhr ich, dass es auf dem rationierten Markt Hühnchen gab, und ich ging zur Metzgerei, wo normalerweise Eier und Sojahackfleisch verkauft werden. Allerdings war kein einziger Kunde dort. Stumm, wie es unter denen Mode ist, die Leute bedienen, deutete der Angestellte mit dem Finger auf etwa hundert Personen, welche vor dem Fischgeschäft Schlange standen.

Schon seit einiger Zeit gibt es kaum noch Meeresfrüchten, und die natürlichen Lieferanten für Phosphor sind verschollener als die Arche in den Indiana-Jones-Filmen. Deshalb wird in dem Rasterkästchen, wo normalerweise die Zuteilung von Holzmakrele oder Seehecht stehen würde, nun eine bescheidene Portion an Hühnchenschenkeln eingetragen. Ich musste ein paar Stunden warten, und endlich betrat ich den Ort, an dem nichts mehr von dem Duft der Küsten Afrikas übrig ist, wo die kubanische Fangflotte die Fische fing, damals… in den idealisierten Zeiten des realen Sozialismus.

Die Verkäuferin stand auf einem Läufer aus Kartons, auf denen man – ganz deutlich – die Herkunft der Ware lesen konnte: “Made in USA”. Einem alten Mann mit scharfer Zunge blieb dieses Detail nicht verborgen, und er kommentierte: “Diese amerikanischen Hühnchen sind wirklich gut genährt”. Die Frau nahm unser Zuteilungsbüchlein*, in dem sie sich vergewisserte, dass wir drei Personen sind, legte 33 Unzen* auf die Waage – es war keine Hühnchenbrust dabei – und sagte mir, dass der Preis ein Peso und fünfzig Centavos wäre. Wann kommt der Fisch, fragte ich nach, aber sie antwortete mir nicht mit Worten, sondern zeigte mit ihrem Zeigefinger Richtung Himmel.

Anmerkung der Übersetzer:
* Das Bezugsscheinheft für Lebensmittel wurde 1962 eingeführt, am Beginn der Sonderperiode 1990, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall der Unterstützung Kubas verschlechterte sich die Lage dramatisch. Auch heute herrscht wieder eine Mangelsituation, da Venezuela, das Kuba zwischenzeitlich unterstützt hatte, durch die Wirtschaftskrise stark beeinträchtigt ist.
Die Nahrungsmittelzuteilung ist zu gering, um eine Familie zu ernähren, deshalb wird auf dem Schwarzmarkt gehandelt.

*ungefähr 935 Gramm (1 Unze = 28,35 Gramm)

Übersetzung: Werner Jäckle