Der nächste Frankenstein

anacronismo

Er tauschte eine Markenuhr ein, um einen Mikroprozessor zu erhalten; das Motherboard überließ ihm sein Bruder, der das Land verließ. Es fehlen ihm nur noch die RAM-Speicher, um den nächsten Frankenstein auszurüsten, mit dem er sich an das Intranet anschließen wird, das ein paar junge Leute in seinem Haus eingerichtet haben. Mit knapp dreißig Jahren baut er bereits seit zehn Jahren seine eigenen Computer, dank des Schwarzmarkts für Informatikteile. Anfänglich waren sie wahre Monster – voller Innovationen – aber mit der Zeit wurden seine Computer präsentierbarer und konnten mit gekauften Geräten mithalten.

Heute bestückt er ein neues „Geschöpf“, um ein Unternehmen zum Rippen von DVDs aufzuziehen und seine langweilige Arbeit in einem Staatsbetrieb aufzugeben. Mit einem ausgefeilten Programm zur Videobearbeitung wird er sich als „Spezialist für das Filmen von Hochzeiten und Fiestas de Quince*“ anpreisen können, eine informelle, sehr gut bezahlte Beschäftigung. Einer seiner Träume ist es, eine Verbindung zum Internet herzustellen und in den Chats eine Braut zu suchen, die ihn hier rausholt. Er malt sich aus, dass sie ihm dann – am Hochzeitstag – einen Computer schenkt, dem nicht eine einzige Schraube hinzugefügt werden muss.

Als bekannt wurde, dass Raúl Castro den Verkauf von Computern an Kubanern erlauben werde, freute sich dieser alternative Techniker sehr, dass er nicht so lange warten musste. Für den Preis eines Laptop, der heute in den Devisenläden verkauft wird, könnte er – auf dem grauen Markt – Teile kaufen, um mindestens drei PCs zu bauen. Trotzdem, seinem Frankenstein fehlt das Wichtigste, die Möglichkeit, nach draußen zu gehen und seine ersten Schritte im Web zu machen. Damit er nicht länger nur ein Bündel von Schaltkreisen ist, braucht er den Blitz der Konnektivität, diesen Stromschlag, der ihn zum Leben erweckt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* La Fiesta de Quince: In ganz Lateinamerika hat der 15. Geburtstag eine besondere Bedeutung für die jungen Mädchen. Früher wurden sie an diesem Tag in die Gesellschaft eingeführt und konnten von da an verheiratet werden. Heute suchen sie sich ihre Partner natürlich selbst aus. Aber das 15. Wiegenfest ist bis heute ein besonderer Tag für sie geblieben. Quince (das heißt auf Spanisch auch fünfzehn!) nennt man diese Feier, die man mit der Jugendweihe oder Konfirmation vergleichen kann. Ein teueres Kleid gehört genauso zum Ehrentag, wie die Schaufahrt durch die Stadt. Die macht man am besten in einem Cabriolet mit eigenem Chauffeur. Dann können auch die Passanten sie in ihrer ganzen Pracht bestaunen. Siehe hier.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger