Vorsicht mit der Spontaneität

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Zu einer Schule im Stadtteil Cerro kamen mehrere ausländische Besucher, um Bücher- und Buntstiftspenden zu übergeben. Zwei Tage zuvor hatte die Lehrerin die besten Schüler in die ersten Reihen gesetzt und von den Eltern Zierpflanzen für das Klassenzimmer erbeten. Die Direktorin erklärte bei der Morgenbesprechung, solange während die Gäste im Haus wären, niemand in den Pausen herumrennen dürfe und dass der Verkauf von Süßigkeiten am Haupteingang nicht erlaubt würde.

An jenem Mittwoch, an dem die Delegation in der Bildungseinrichtung eintraf, gab es Hähnchen zum Mittagessen, und die Fernsehgeräte in den Klassenzimmern zeigten nicht die gewohnten mexikanischen Telenovelas, sondern Tele-Unterricht. Die Lehrerin der fünften Klasse verkniff es sich, das rote Lycrateil anzuziehen, das ihr so gut gefiel, sondern zwängte sich in ein warmes Jackett, passend für Hochzeiten und Beerdigungen. Sogar die junge Hilfslehrerin war anders, sie verlangte nämlich nicht – wie sonst an jedem Tag – dass die Kinder ihr ein Stück von ihrem Imbiss abgeben sollten, den sie von zu Hause mitgebracht hatten.

Der Besuch schien gut zu laufen: Das Schulmaterial war schon übergeben, und die modernen Autos draußen auf dem Parkplatz würden bald die Gruppe der lächelnden Fremden mitnehmen. Aber dann geschah etwas Unerwartetes. Einer der Gäste brach das geplante Protokoll und ging zur Toilette. Die Nähte der übereilten „Schönheitsoperation“, der man das Schulzentrum unterzogen hatte, waren augenfällig in jenem gesundheitsschädlichen Raum von wenigen Quadratmetern. Die Monate ohne Reinigungsdienst, die gesperrten Waschbecken und das Fehlen von Türen zwischen den Toiletten ließen den Anschein von Normalität zunichte werden, den sie so sehr eingeübt hatten.

Der spontane Gast verließ die Toilette mit gerötetem Gesicht und ging wortlos zum Ausgang. Nachdem er hinter die Bühnendekoration geschaut hatte, wurde ihm klar, dass er bei einem nächsten Mal statt Papier und Buntstiften besser Desinfektionsmittel und Putzlappen schenken und einen Installateur bezahlen würde.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger