Das unwahrscheinliche Interview von Gianni Miná

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Eine ganze Rhetorik, so weit verbreitet in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zeigt in diesem eben erst beginnenden Jahrtausend die letzten Zuckungen einer im Sterben begriffenen Spezies. Es ist eine Form zu diskutieren, die mich an die „Barrikaden“ erinnert, bei denen man sich verschanzte und dem Gegner, von einem sicheren Platz aus, Beschimpfungen entgegenschleuderte anstelle von Argumenten. Gianni Miná* hat diese abgewetzte Artillerie ein wenig entstaubt. Das Arsenal, das er auf mich abgeschossen hat, besteht aus den Anschuldigungen, dass ich ein Geschöpf des Nordens sei und dass ich – vorsätzlich – vergessen hätte, die Vorteile des aktuellen kubanischen Systems zu erwähnen. Zum Schluss wiederholt er die ewige Leier, dass ich eine „Unbekannte“ in Kuba sei, wobei er vergisst, dass ich selbst immer meine Bedeutungslosigkeit und meinen geringen Einfluss betont habe.

Miná jedoch hat wirklich eine Lebensgeschichte voller bedeutender Taten. Es gelang ihm, den zu interviewen, der die Geschicke meines Landes fünf Dekaden lang lenkte, während wir Kubaner selbst ihn nicht befragen, noch ihm mittels eines Stimmzettels in einer Wahlurne antworten konnten. Das aus diesem Interview hervorgegangene Buch lag in jenen Jahren in den Buchläden aus, als ich mir überlegte, das Schuljahr abzubrechen, das mir den Zuagng zur Universität gewährt hätte, weil ich keine Schuhe zum Anziehen hatte. Von der anderen Seite her, weit entfernt von den Vitrinen, wo das ausgedehnte Interview in einer Luxusausgabe ausgestellt wurde, geschah etwas vollkommen anderes: Die Taschen leerten sich, die Frustration wuchs und Angst breitete sich aus. Keiner dieser Punkte erschien in den lobpreisenden Sätzen jener Publikation und der Autor wollte keine zweite Ausgabe herausgeben, um diese Unterlassungen auszugleichen.

Ich würde ihm gerne ein paar Fragen nahelegen für ein neues Interview zwischen ihm und Fidel Castro, das wahrscheinlich nie stattfinden wird. Herr Miná, fragen Sie, der mit Ihm sprechen darf, warum er keine Amnestie erlässt für Adolfo Fernández Saínz und seine Kollegen, die schon sechs Jahre im Gefängnis sitzen wegen des „Delikts der freien Meinungsäußerung“. Notieren Sie bitte in ihre Agenda die Zweifel, die meine Nachbarin hegt bezüglich des negativen Bescheids zum Einreiseantrag ihres Bruders, nachdem er bei einem Kongress im Ausland „desertierte“. Übermitteln Sie ihm die Frage meines Sohnes Teo, der nicht versteht, dass er, um in der Sekundarstufe weiterzustudieren, eine Reihe von ideologischen Erfordernissen erfüllen muss.

Wenn Sie sich Ihm nähern können, näher als irgendjemand von uns es vermag, dann bitten Sie ihn, er möge es zulassen, dass sich diese „unbekannten“ Bürger zusammentun, eine Zeitung gründen, eine Radiostation einrichten, einem Präsidenten Forderungen stellen oder sich des Rechtes erfreuen, das Sie voll ausschöpfen, nämlich öffentlich Meinungen niederzuschreiben, die von denen ihrer Regierung stark abweichen. Ich versichere Ihnen, dass dieses Interview, das Sie nie machen werden, auf dieser Insel ein Bestseller sein wird.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Der betreffende Blogeintrag von Gianni Miná findet sich hier (auf Italienisch!).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger