Skeptische Enkel

joven

Ich spaziere mit meinem jüngsten Enkel durch die Straßen eines veränderten und zugleich vertrauten Havanna. Ich habe keinen Blog mehr und meine 70 Jahre erkennt man an jeder Falte meines Gesichtes und an meinem langen weißen Zopf. Obwohl das eine Zukunftsfantasie in dunklen Tönen sein könnte, ziehe ich es vor zu glauben, dass wir durch eine wiedergeborene und prosperierende Stadt laufen werden. Wir gehen in einen Park, um uns zu sonnen, und ich versuche, wie jeder alte Mensch, ihm von meinen Zeiten zu erzählen, von jenen Jahren, als ich die schlanke Figur und die Energie hatte, die er jetzt aufweist.

Spanisch ist weiterhin die Muttersprache meiner Nachkommen, aber der Junge schaut mich an, als ob er nichts verstünde von dem, was ich ihm sage. Er macht ein ungläubiges Gesicht, als ich auf die Sonderperiode*, das Buch der rationierten Produkte und die Ideologietreue zu sprechen komme. Seine Probleme sind so anders, warum sollte er die verstehen, die ich einmal hatte? Er bringt, ohne dass es ihm peinlich wäre, einige historische Verwechslungen vor und benennt einen toten Führer mit dem Namen einer Salsasängerin. Er kann nicht zwischen der Rede unterscheiden, die den sozialistischen Charakter der Revolution verkündete, und jener, in der der Zusammenbruch der Sowjetunion verkündet wurde.

Aus Respekt sagt er nicht, ich solle schweigen, aber in seinen Augen lese ich, dass mein ganzes Geschwätz ihn langweilt. „Die Oma ist auf die Vergangenheit fixiert“, wird er sagen, wenn ich gehe, aber mir gegenüber tut er so, als hörte er den überholten Anekdoten aus einem weit entfernten Kuba zu. Dieser Junge weiß nicht, dass die Vorahnung seiner Existenz es mir vor 40 Jahren ermöglichte, die Besonnenheit zu bewahren. Die Vorstellung, wie er mit seinem skeptischen Gesichtsausdruck in einem Park vom zukünftigen Havanna sitzt, hielt mich davon ab, den Weg übers Meer zu nehmen, den Weg der Vortäuschens und des Schweigens. Dank seiner bin ich so weit gekommen und anstatt es ihm zu sagen, nerve ich ihn mit meinen Anekdoten von dem, was geschah und was sich nie wiederholen wird.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Período especial: Der Notstand, den Fidel Castro 1990 nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verkündete. Die „Período especial en tiempos de paz“ (dt.: „Sonderperiode in Friedenszeiten“) ist bis heute offiziell nicht aufgehoben. Der erste Abschnitt der Sonderperiode war gekennzeichnet von einem allgemeinen Zusammenbruch des Verkehrs und der Landwirtschaft. Außerdem kam es zu einer weit verbreiteten Nahrungsmittelknappheit; Fleisch und andere Produkte des täglichen Bedarfs, welche stark von der veralteten industriellen und ölabhängigen Produktion abhängig waren, verschwanden bald vom Markt und wurden rationiert (Buch der rationierten Produkte).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger