Die Kinder der Krise

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Als ich klein war, nötigte mich meine Mutter dazu, meine Portion ganz aufzuessen. Der Aufforderung zum Leeren des Tellers lautete: „Lass nicht einen einzigen Löffel voll übrig, es gibt andere Kinder auf der Welt, die haben gar nichts zu beißen.“ Es vergingen nur wenige Jahre, und die schwere Krise, hervorgerufen durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Europa, veränderte den Anblick auf meinen Tisch vollkommen. Statt uns diejenigen ins Gedächtnis zu rufen, die nichts hatten, fingen wir an, von den leckeren Speisen zu faseln, über die andere sich hermachen würden. Es waren Zeiten, in denen wir ständig von abhanden gekommenen Geschmacksnoten und über vom Markt verschwundene Produkte sprachen. Meine Eltern forderten von mir keinen größeren Appetit mehr, sondern gingen dazu über mich wegen des – zu schnellen – Herunterschlingens von auf Rationierungskarten erhaltenem Brot zu tadeln.

Die Krise betrat unser Leben, um zu bleiben. Nach mehr als 20 Jahren des Zusammenlebens mit einer kollabierten Wirtschaft, reagiert unsere Haut schon kaum noch auf die Stacheln der Schwierigkeiten. Die Welt erschaudert vor den Indikatoren, die eine ökonomische Katastrophe anzeigen, doch meine Generation, aufgewachsen in der Härte einer Hungersnot, kann sich gar nicht vorstellen, eines Morgens ohne die ängstliche Frage aufzustehen: „Was werde ich heute essen?“

Das die Welt heimsuchende finanzielle Debakel führt dazu, dass einige Analysten das Ende eines Systems prophezeien. Wir sind die Überlebenden der langen Agonie des anderen, so dass uns das Todesröcheln nicht erschreckt. Die Erfahrung, die wir darin haben, mit einem Minimum auszukommen, wird von großem Nutzen sein, wenn das Problem bestehen bleibt. Vielleicht müssen wir die unglaublichen Rezepte der schlimmsten Momente der „Sonderperiode*“ wieder hervorholen, wie zum Beispiel das Steak aus Grapefruitschalen, oder Hackfleisch aus Bananenschalen. Wir werden diese Notgeburten auf den Teller legen, ohne unsere Kinder dazu drängen, dass sie größeren Appetit entwickeln, aus Furcht, dass sie die Ration der ganzen Familie verschlingen könnten.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Gemeint ist der Notstand, den Fidel Castro 1990, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, ausrief. Der „Período especial en tiempos de paz“ (Dt.: „Spezialperiode in Friedenszeiten“) ist bis heute offiziell nicht aufgehoben. Die ersten Jahre der Spezialperiode waren gekennzeichnet von einem allgemeinen Zusammenbruch der Wirtschaft und des Verkehrs. Es kam zu extremer Nahrungsmittelknappheit (vgl. Wikipedia).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger