Aufmarsch und Epidemie

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Foto aus Yahoo Noticias México.

Die beiden Nachrichten folgten unmittelbar aufeinander, so widersprüchlich, dass sich selbst der Sprecher anstrengen musste, seine Verwirrung zu verbergen. In der ersten war die Rede von den Volksansammlungen demnächst am ersten Mai, während die zweite die Alarmbereitschaft angesichts der Bedrohung durch eine mögliche Schweinegrippeepidemie anordnete. Seit Dienstagabend ist im ganzen Land eine Reihe entsprechender Vorbeugungsmaßnahmen getroffen worden. Trotzdem wird weiter an dem Plan festgehalten, bei dem Aufmarsch am kommenden Freitag fast eine Million Menschen zu versammeln.

Meine Erfahrung mit Erkältungen und Grippebeschwerden sagt mir, dass eine Menschenansammlung der günstigste Nährboden für deren Ausbreitung ist. Die angekündigten Maßnahmen sollten – als Mindestvorsichtsmaßnahme – das Verschieben oder Absagen der Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit einschließen. Ich möchte keine unnötige Aufregung schüren. Ich kenne niemanden, der sich angesteckt hat, und es wurde eine staatliche Erklärung verkündet, dass es keinen registrierten Krankheitsfall gibt. Aber ich erinnere mich, dass man uns über lange Zeit dasselbe sagte, bis schließlich zugegeben wurde, dass Aids nach Kuba gelangt war – ganz zu schweigen von der verheimlichten Anzahl derer, die sich jedes Jahr am Dengüefieber anstecken.

In aller Demut bitte ich die kubanische Regierung, ihr Vorhaben zu überdenken, gerade jetzt tausende von Menschen zu versammeln. Bitte weniger Sinn für Spektakel und einen besseren Schutz der Bevölkerung.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Newsletter

newsletter

Unter uns Freunden haben wir einen kleinen Nachrichtendienst per SMS begonnen. Eine Nachricht, die in den staatlichen Medien nicht erwähnt wird, wird per Mobiltelefon an eine Personengruppe geschickt, die sie ihrerseits an andere weitersendet. Selbst wenn dieser Kanal ziemlich begrenzt erscheint – denn die Anzahl der Kubaner mit Mobiltelefon ist niedrig – glaube ich an sein Zukunftspotenzial. Dafür, dass dieser neue Nachrichtenkanal wächst, genügt es, dass jemand eine kurze Schlagzeile an einen anderen Beteiligten schickt.

Ich glaube, wir sollten Lösungen finden, um diesen plumpen „Newsletter“ weiterzuentwickeln. Wer helfen möchte, könnte vielleicht eine Website erstellen, wo wir unser Mobiltelefonnummern angeben und dann die Nachrichten kostenlos erhalten. Wir leben in einem Land, wo das Verteilen einer Zeitung aus Papier uns eine Bestrafung einbringen kann wegen des Delikts der „feindlichen Propaganda“, deshalb sollten die virtuellen Wege verstärkt werden … zumindest solange kein neues Gesetz geschaffen wird, um sie zu verbieten. In der Zwischenzeit nutzen wir schon mal unser Mobiltelefon, um die Zahl der Nachrichtenquellen zu erweitern. Es könnte gut soweit kommen, dass dieses kleine Accessoire an unseren Hüften zu all den Zeitungen wird, die an unseren Kiosken fehlen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Nicht unter Druck … und ohne Druck auch nicht

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Heute morgen haben einige von uns Freunden Edgar* begleitet, um seinen Widerspruch** gegen die Ablehnung seines Ausreisantrags einzulegen. Wenige Schritte vom Rechtsberatungsbüro entfernt ist der Hauptsitz der Ein- und Auswanderungsbehörde. Ich kannte den Platz, denn genau dort hatte ich vor einem Jahr eine ähnliche Beschwerde*** vorgebracht, die mit dem Ergebnis schloss, dass ich „vorläufig nicht reisen“ konnte. Uniformierte Beamte und schweigende Menschen, die auf die Revision ihres Falles warten, bilden die Szenerie dieser Außenstelle des MININT****.

Die gesammelten Unterschriften von Kubanern von hier und dort wurden der diensthabenden Beamtin übergeben. Diese bestätigte, dass die Behörden nun sechzig Tage Zeit haben, um den Antrag zu bearbeiten. Am Freitag hatten zwei Mitglieder der Abteilung 21***** Edgar „nahegelegt“, er möge darauf verzichten, an dem Ort zu erscheinen, wo wir heute hingegangen sind. Sie ließen durchblicken, dass – wenn er stillhalte – man ihm noch vor August die Reiseerlaubnis gewähren werde. Nach dem Hungerstreik dieses jungen Mannes könne die Migrationsbehörde – nach Aussage der besorgten Herren – nicht „unter Druck handeln“, da es so aussehen könne, als hätten sie sich gezwungen gefühlt, ihn ins Flugzeug steigen zu lassen.

Als ob es nicht das Allernormalste wäre, dass wir Bürger Druck machen und – als Antwort darauf – die Politiker ihr Handeln nachbessern. Genau dafür haben sie ihre Ämter, um – ein ums andere Mal – den Forderungen der Gesellschaft nachzugeben. Ist es denn nicht schon – von genügend Stimmen – gesagt worden, dass die Reiseerlaubnis von und nach Kuba abgeschafft werden muss? Was muss denn noch passieren, damit man uns dieses Recht nicht länger raubt?

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Link zum spanischen Text in „Penúltimos días“, eine deutsche Übersetzung steht hier.
** Die deutsche Übersetzung steht hier.
*** vgl. Eintrag vom 30. 05. 2008, Nein, „zurzeit nicht“.
**** Innenministerium
***** Staatssicherheit

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Feuchte Lappalien

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Zur selben Zeit, als die Entlassung von Carlos Lage und Felipe Pérez Roque die Aufmerksamkeit der ausländischen Presse und der heimischen Gerüchteküche erregte, sorgte sich Xiorama um etwas Näherliegendes. Seit vier Monaten gelangten die Binden, die Frauen benutzen, um die Unannehmlichkeiten der Monatsblutung zu lindern, nicht bis zu ihrem Dorf in der Provinz Pinar del Río. Ihre Töchter und sie zerschnitten ein paar Betttücher und machten sich daraus einige Kompressen, die sie nach Gebrauch wuschen. Wenn auf dem rationierten Markt dieses Produkt der weiblichen Hygiene fehlt, nimmt in den kubanischen Haushalten die ohnehin geringe Zahl an Handtüchern und Überzügen weiter ab. Die Natur versteht die Mechanismen der Verteilung nicht, so dass wir alle 28 Tage eine feuchte Bescherung haben, die diese auf die Probe stellt.

Xiorama erzählt – beschämt darüber, dass sie über etwas öffentlich reden muss, was sie lieber im Privaten gehalten hätte –, dass die Kolleginnen in ihrer Firma dasselbe Problem gehabt hätten. „Deswegen wollten wir uns schon weigern, zur Arbeit zu gehen“, sagte sie mir; und ich stellte mir einen „Menstruationsstreik“ vor, einen massiven Protest, gekennzeichnet durch den Zyklus des Eisprungs. Aber nichts kam in der Provinz Pinar del Río durch diese „Lappalie“ zum Stillstand. Die Funktionäre redeten weiterhin über die „Erholung nach den Hurrikans“ und die Zeitungen, die sich leider nicht als Monatsbinden verwenden lassen, erwähnten das Übersoll bei der Kartoffelernte. Das Drama blieb in den Badezimmern verborgen, es zeigte sich nur in zwei neuen Sorgenfalten auf der Stirn von einigen Frauen.

Es gibt Leute, die glauben, dass die Entlassung von einigen Funktionären oder die Fusion von ein paar Ministerien die wirklich bedeutsamen Schritte auf dem Weg zu einer Veränderung darstellen. Ich aber spüre, dass der Auslöser für Veränderungen einfach eine Gruppe von Frauen sein könnte, denen es reicht, jeden Monat die Binden zu waschen, die sie während ihres Menstruationszyklus benutzen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger

Die kurze Nacht der langen Messer

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Leute mit einem Schlagstock oder einem Klappmesser unter dem Bett, die nur darauf warten, diese benutzen zu können. Aufgestaute Hassgefühle gegen denjenigen, der sie anzeigte, sie daran hinderte, eine bessere Anstellung zu bekommen oder veranlasste, dass ihr jüngster Sohn nicht an der Universität studieren konnte. Es gibt so viele, die auf ein mögliches Chaos warten, das ihnen die Möglichkeit zur Rache gibt, dass ich mir wünschte, ich wäre nicht in dieser Epoche geboren, in der man nur Opfer oder Täter sein kann, in der so viele die Nacht der langen Messer herbeisehnen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger

Hauen wir auf die Pfanne!

escuelita

Die alten Gerätschaften, die zur Ernährung der Familie dienen, können sich, sollte es soweit kommen, in den Stimmzettel verwandeln, den wir nicht in die Wahlurne stecken können, und in die Hand, die wir bei der politischen Versammlung nicht zu heben wagen. Jedes Objekt ist geeignet, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit zu erringen: ein Tuch, das man vom Balkon hängen lässt, eine Zeitung, die man in der Öffentlichkeit hin- und herschwenkt oder eine Pfanne, die man im Chor mit anderen schlägt. Der große metallische Chor, den die Löffel und die Pfannen formieren, könnte an diesem 1. Mai um 20:30 Uhr unsere Stimme sein und das ausdrücken, was uns im Halse stecken geblieben ist.

Die Beschränkungen beim Betreten und Verlassen von Kuba haben schon zu lange angedauert. So werde ich meinen Topf klingen lassen für meine Eltern, die nie das Meer, das uns von der Welt trennt, überqueren konnten. Die Symphonie der Töpfe werde ich auch für mich anstimmen, dazu verdammt, in den letzten zwei Jahren nur virtuell zu reisen. Ich werde den Rhythmus des Löffels beschleunigen, wenn ich an Teo denke, verurteilt zu endgültigem Exil, wenn es ihm in den Sinn käme, ein Flugzeug vor seinem 18. Geburtstag zu besteigen. Ich werde den Topf scheppern lassen für Edgar, der sich im Hungerstreik befindet, nachdem sein Ausreiseantrag zum siebten Mal abgelehnt wurde. Am Ende des Metallkonzertes werde ich ein paar Noten Marta widmen, die kein grünes Licht bekam, um ihre Enkelin, die in Florida geboren wurde, zu besuchen.

Nach so vielen Schlägen auf den Boden der Pfanne wird sie wohl nicht mehr dazu taugen, ein einziges Ei zu braten. Für die lebensnotwendige „Nahrung“ der Reisefreiheit, der Bewegungsfreiheit, der Möglichkeit, sein Zuhause verlassen zu können, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen, rentiert es sich ganz sicher, alles Zubehör meiner Küche zu zerschlagen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger

An die Außenwelt

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Der Amerika-Gipfel endete gestern und es sieht nicht so aus, als ob eine dringende Parlamentssitzung oder ein außerordentliches Plenum des Zentralkomitees der Partei einberufen würden, um die von Obama gemachten Vorschläge zu analysieren. „Ein neuer Anfang mit Kuba“, sagte der nordamerikanische Präsident in Trinidad und Tobago, aber heute nehmen die Reflexionen von Fidel Castro nur Bezug auf die lange Rede von Daniel Ortega. Die Journalisten der Hauptnachrichtensendung im staatlichen Fernsehen sind nicht auf die Straßen gegangen, um die Eindrücke des Volkes aufzunehmen und mein Nachbar wurde in die Liste für die Operation Caguairán* eingetragen, für den Fall einer möglichen Invasion aus dem Norden.

Angesichts der Bedeutung dessen, was gerade passiert, sollte sich die Versammlung zur Rechenschaftsablegung, die heute in meinem Gebäude stattfindet, den neuen Verbindungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten widmen. Aber der Vorsitzende spricht lieber über die undisziplinierten Nachbarn, die ihren Müll nicht in die dafür vorgesehenen Tonnen werfen, als unsere Meinung über das Ende der Streitigkeiten zu hören. In der Schule meines Sohnes wiederholte ein Lehrer ihm gegenüber „Obama ist wie Bush, nur schwarz angemalt“ und die Werbebanner auf den Straßen rufen uns weiterhin zum Kampf gegen den Imperialismus auf.

Ich weiß nicht, was ich denken soll, angesichts des Unterschiedes zwischen dem, was gegenüber dem Ausland gesagt wird, und dem ermüdenden Sermon, den man uns täglich verabreicht. Sogar Raúl Castro selbst scheint bereit zu sein, mit Obama über Themen zu reden, über die er mit uns nie debattieren wollte. Ich frage mich nun, ob all das Gerede vom „Olivenzweig“ und der Bereitschaft, umfangreiche Themen zu berühren, ob all dies nur nach außen gerichtete Worte sind, Sätze, die fern von unseren Ohren ausgesprochen wurden.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Operation zur Reaktivierung der Reservisten der Fuerzas Armadas Revolucionarias (kubanische Armee). Diese militärische Operation begann zeitgleich mit der Krankheit von Fidel Castro. Die Einheiten werden an wichtige angreifbare Stellen des Landes verlegt und sollen das Land vor einem „drohenden Angriff“ seitens der USA schützen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger

Der andere Blog GY

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Ihr erinnert euch, dass ich vor ein paar Monaten versuchte, einige Verbesserungen bei Generación Y einzufügen, was gänzlich misslang. Doch jetzt scheinen sie zu funktionieren. Die Kommentarseite wird bis zum nächsten Dienstag geschlossen, damit die Änderungen vorgenommen werden können. Nach den Änderungen werden die übersetzten Seiten genau wie zuvor funktionieren, doch das Original von Generation Y wird auch in einer Kopie vorliegen, die auf http://www.vocescubanas.com/generaciony, zu finden ist. Sie ist extra dafür gedacht, die Zensur auf der Insel zu umgehen. Dort, so hoffe ich, können sich die Kubaner von hier und von dort wieder treffen.

Diese Seite wird auch eine komfortablere Kommentarfunktion anbieten, um die Diskussion fortzuführen.

Ich verspreche, dass die Reparaturen dieses Mal nicht so lange dauern, und dass sie etwas Gutes bringen werden.

Anregungen zum Design des Vorschlags „die andere Generation Y” werden dankbar entgegengenommen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Das Logbuch des Blogbuchs

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Buchtitel: Cuba Libre. Leben und schreiben in Havanna*

Heute stellt das Verlagshaus Rizzoli in Italien eine Sammlung meiner Blogeinträge unter dem Titel “Cuba Libre”* vor. Ich hoffe, bald eine Ausgabe in meiner eigenen Sprache ankündigen zu können. Vorab veröffentliche ich für euch den Einleitungstext des Buches über die Anfänge von Generación Y, von jenem Blog, der genau in diesen Tagen zwei Jahre alt wird und mit dem Eintrag von heute 300 veröffentlichte Blogeinträge zählt.

Es ist April, und es gibt nicht viel zu tun, nur vom Balkon zu schauen und festzustellen, dass alles so weitergeht wie im März oder im Februar. Die Plaza de la Revolución – ein abgebrochener Riesenlutscher, der jedem Kind Angst machen würde – beherrscht die Betonblöcke meines Stadtviertels. Gegenüber tragen 18 Stockwerke aus Beton das Schild des Landwirtschaftsministeriums. Seine Größe ist umgekehrt proportional zur Produktivität des Bodens, und so widme ich mich mit dem Fernglas dem Betrachten leerer Büroräume und ihrer kaputten Fensterscheiben. In dieser „ministeriellen“ Gegend zu wohnen, erlaubt mir, die hohen Gebäude zu inspizieren, von denen die Richtlinien und Verordnungen für das ganze Land ausgehen. Eine Marotte, die Linse auf sie zu richten und zu denken: „Sie beobachten mich, dann beobachte ich sie auch“. Ehrlich gesagt, habe ich bei diesen Inspektionen mit meinem blauen Teleskop recht wenig herausbekommen, doch ein Eindruck von Trägheit durchdringt das Glas und schleicht sich durch den Beton meines Wohnhauses jugoslawischer Bauart ein.

Ich blicke auf diejenigen, die mit ihrer leeren Plastiktüte zum Markt gehen und häufig genauso damit zurückkehren, wie sie losgegangen sind. Ich habe auch einen Plastikbeutel, aber meinen trage ich immer zusammengefaltet in der Hosentasche, damit man mir nicht ansieht, dass mich die Maschinerie aus Schlangestehen, der Suche nach Lebensmitteln, dem Gerede der Frauen, ob Huhn nun auf dem rationierten Markt angekommen sei oder nicht, schon verschlungen hat… Nun ja, ich bin genauso besessen davon, irgendein Produkt zu ergattern, aber ich bemühe mich darum, dass man es mir nicht zu sehr anmerkt.

In meinem Wahn, die Geier zu zählen, die den abgebrochenen Lutscher überfliegen, und während ich mich frage, wie ich diesen Plastikbeutel füllen werde, lande ich bei der gefährlichsten Idee, die ich in zweiunddreißig Jahren gehabt habe. Der Einfall scheint von der feuchten Verrücktheit des April beeinflusst zu sein, offenbar das Ergebnis des ungesunden Frühlingskitzels. Ich ziehe die Tasten meines alten Laptops heran, den mir vor einem halben Jahr ein Balsero** verkauft hatte, der einen Chevrolet-Motor brauchte, und beginne zu schreiben. Die Reise dieses Lehrlings von Magellan scheiterte, aber da gehörte der Rechner schon mir, und deshalb gab es kein zurück. Ich beginne mit etwas, das sich auf halbem Wege zwischen Aufschrei und Frage befindet und noch weiß ich nicht, dass dies mein erster Blogeintrag sein wird, der Ursprung eines Logbuches. Die Szene ist schlicht: eine mickrige Frau ohne Träume hat mit dem Schauen aufgehört und beginnt das zu erzählen, was sie nicht im langweiligen Fernsehen und in den lächerlichen staatlichen Zeitschriften widergespiegelt sieht.

Bevor ich mit meinen ernüchternden Illustrationen zur Wirklichkeit beginne, belehrt mich die Stimme der Trägheit, dass mein Schreiben nichts ändern wird. Das Raunen der Angst säuselt wieder etwas bezüglich meines zwölfjährigen Sohnes und den Beeinträchtigungen, welche ihm die mütterliche Katharsis künftig einbringen kann. Ich höre die Stimme meiner Mutter, die mir zuruft: „Aber mein Kind, wozu mischst du dich denn da ein?“ und nehme die Beschuldigungen vorweg, Spitzel der CIA oder der Staatssicherheit zu sein, die ebenfalls auf mich herabregnen werden. Der Wächter in meinem Kopf irrt sich selten, doch der Verrückte, mit dem er den Raum teilt, sorgt dafür, dass ich ihn nicht höre. Und so beginne ich mit dem Füllen des ersten Blogeintrags, und mit ihm treten die Einkaufstüte, das hohe unproduktive Ministerium und das Floß, das im Golf treibt, in den Vordergrund.

(…)

Monate nach diesem ersten Text, werde ich vor den fast dreihunderttausend Lesermeinungen stehen, die zweihundert Blogeinträge und die tausenden von Anekdoten durchsehen und versuchen, sie auf den Seiten eines Buches zusammenzufassen. Chordelos de Laclos*** würde mich auslachen, während ich versuche, die Evolution eines Kommentarschreibers anhand seiner eigenen Einträge aufzuspüren, über den Zorn von einigen zu berichten und den Zickzackkurs aufzuzeigen, dem ich selbst gefolgt bin. Die Briefromane selbst sind nicht mehr ergiebig, aber das Netz, seine Hypertexte, Hotspots und Interaktivität, sind noch kaum mit der Literatur in Kontakt getreten. Es ist so schwer, diese ganze virtuelle Welt in der Linearität des Papiers unterzubringen, dass ich diesen Versuch endgültig aufgebe. Ich schaffe es nur, dass im Logbuch des Blogbuches – das ich eines Tages veröffentlichen werde – alle an die Reihe kommen werden, um etwas zu sagen: Generación Y, die Bloggerin und die Leser.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* wörtlich: “Freies Kuba”
** Bootsflüchtling
*** Gemeint ist Pierre Choderlos de Laclos, Autor des Briefromans “Les liaisons dangereuses” (1782), vgl. Wikipedia

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Und, was jetzt?

futbol

Der Ball befindet sich, nachdem Obama ihn gestern mit der Ankündigung neuer Flexibilisierungen seiner Kubapolitik geworfen hat, auf kubanischem Terrain. Die Spieler der hiesigen Seite wirken etwas irritiert, unsicher, ob sie den Ball aufnehmen, ihn kritisieren oder schlichtweg ignorieren sollen. Der Rahmen könnte nicht besser sein: die Treue zur Regierung schien niemals mehr beschädigt, und der ideologische Eifer lag noch so am Boden wie jetzt. Darüber hinaus glauben nur wenige noch das Märchen vom mächtigen Nachbarn, der kommen wird, um uns anzugreifen, und die Mehrheit meint, dass diese Konfrontation schon zu lange angedauert hat.

Beim nächsten Spielzug ist die Regierung von Raúl Castro an der Reihe, aber ich ahne, dass wir sehr lange auf ihn warten werden. Man sollte „politische Meinungsunterschiede entkriminalisieren“*, wodurch – umgehend – die langen Gefängnisstrafen derjenigen hinfällig würden, die für Meinungsvergehen bestraft worden sind. Der Ball, von dem wir uns wünschen, dass er ihn werfen würde, ist das Eröffnen von Räumen für die Initiative der Bürger, das Erlauben freier Zusammenschlüsse und – in einem Akt von höchstem politischem Anstand – das zur Verfügung Stellen seines Amtes in echten öffentlichen Wahlen. In einem verwegenen Sprung über das Spielfeld müsste es „der ewige Zweite“ wagen, etwas mehr als einen Ölzweig zu reichen. Wir hoffen, dass er die Reisebeschränkungen abschafft, dass er jenem erpresserischen Handel ein Ende setzt, zu dem die Erlaubnis zur Ausreise bzw. zur Rückkehr auf die Insel, geworden sind.

Das Spiel würde an Dynamik gewinnen, wenn man dem kubanischen Volk den unberechenbaren Ball des Wandels überlassen würde. Viele von uns würden den Ball (mit dem Baseballschläger, Einfg. der Übers.) schlagen, damit die Zensur endet, die staatliche Informationskontrolle, die Vergabe bestimmter Arbeitsplätze nach Linientreue, die Indoktrinierung im Bildungswesen und die Bestrafung der Andersdenkenden. Wir würden ihn werfen, damit man uns im Internet surfen lässt, ohne dass Seiten gesperrt sind oder damit wir in offene Mikrofone das Wort „Freiheit“ sprechen können und nicht deshalb einer „konterrevolutionären Provokation“ bezichtigt werden.

Etliche von uns sind von den hinteren Rängen heruntergestiegen, von wo aus wir das Spiel betrachtet hatten. Falls die kubanische Regierung den Ball nicht aufnimmt, gibt es tausende Hände die bereit sind, davon Gebrauch zu machen, dass wir mit Werfen an der Reihe sind.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Yoani verweist hier auf einen Artikel von Reinaldo Escobar „Despenalizar la discrepancia“ (2007, revista consenso nr. 7, 2007). Eine deutsche Übersetzung finden sie in Kürze hier.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger