Und sie gaben uns die Mikrofone. . .

Ein denkwürdiger Abend war der gestrige, im Centro Wifredo Lam, dank der Performance der Künstlerin Tania Bruguera*. Ein Podest mit Mikrofonen, vor einem riesigen roten Vorhang, war Teil der interaktiven Installation im Innenhof. Alle, die wollten, konnten das Podium nutzen, um – in nur einer Minute – in einer Rede das zu sagen, wonach ihnen der Sinn stand.

Da Mikrofone nicht gerade reichlich vorhanden sind, und mehr noch, weil ich zudem seit meiner Zeit als patriotische Verse aufsagende junge Pionierin keinem weiteren mehr begegnet bin, nutzte ich die Gelegenheit. Rechtzeitig von guten Freunden informiert, die davon unterrichtet waren, war ich vorbereitet mit einem Text über die Meinungsfreiheit, die Zensur, die Blogs und dieses schwer fassbare Werkzeug namens Internet. Vor den Kameralinsen des staatlichen Fernsehens, und geschützt durch die eingeladenen ausländischen Gäste der X. Biennale von Havanna, folgten Rufe nach „Freiheit“, „Demokratie“ und sogar offene Kampfansagen an die kubanischen Machthaber aufeinander. Ich erinnere mich an einen Zwanzigjährigen, der bekannte, dass er sich niemals freier gefühlt habe.

Tania gab uns die Mikrofone, uns, die wir noch nie eine eigene Rede hatten halten können, sondern stattdessen die langweiligen Reden der Anderen in der heißen Sonne haben ertragen müssen. Es war Aktionskunst, doch die Erklärungen, die wir abgaben, waren kein Spiel. Wir waren alle sehr ernst. Eine Taube ließ sich auf unseren Schultern nieder, wahrscheinlich ebenso dressiert wie jene andere, damals, vor fünfzig Jahren. Allerdings, niemand von uns, die wir dort sprachen, hielt sich für auserwählt und niemand wollte – fünf Jahrzehnte lang – dort oben stehenbleiben und in die Mikrofone schreien.

* Der – sehr amateurhafte – Videofilm, den ich gestern aufnahm.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
*    Tania Bruguera (geb. 1968 in Kuba) lebt und arbeitet in Havanna u. Chicago. Sie ist mittlerweile eine der bekanntesten Künstlerlnnen Kubas. Sie arbeitet vor allem mit Installationen, aber auch Performances und Zeichnungen. Ihre Arbeit ist eine Reflexion ihrer kulturellen Umgebung, in der sie das Verhältnis von Ideologie und Macht (durchaus auch aus feministischer Perspektive), aber auch Emigration und Postkolonialismus thematisiert. Sie steht damit in der Tradition von KünstlerInnen, die kulturwissenschaftliche Themen aufgreifen und in ihrer Arbeit künstlerisch übersetzen. (vgl. 3sat)

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Jugendarbeitslosigkeit

sentados_calle.jpg

Bestimmte unbeirrbare Statistiken werden niemals in den Kommunikationsmedien bekannt gegeben; eher versteckt man sie, trotz ihrer großen Aussagekraft. Neben der Anzahl der Selbstmorde, Abtreibungen und Ehescheidungen lässt man auch die wahre Zahl der Arbeitslosen verschwinden. Die Nachrichtensendungen und Plakatwände wollen uns glauben machen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle die Möglichkeit haben, eine Arbeit zu finden und diejenigen, auf die das nicht zutrifft, zur Faulheit neigen. Trotzdem, die Vielzahl dieser nicht produzierenden Hände weist auf den Kern eines Systems hin, das die Arbeit in bloßen Anschein und den Lohn in einen schlechten Scherz umgewandelt hat.

Vor einigen Tagen befasste sich ein kurzer Fernsehbeitrag mit dem Thema der Jugendarbeitslosigkeit, jedoch, ohne die Anzahl der gegenwärtig Arbeitslosen zu erwähnen. Havanna, an einem Werktag um zehn Uhr morgens ist der beste Beweis dafür, wie viele Menschen keine Arbeit haben, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Parks, Gehwege und jede Ecke, voller Menschen während Arbeitszeiten, sind vertrauenswürdiger als die niedrigen Arbeitslosenzahlen in den statistischen Jahrbüchern.
Nach Ansicht der vorsichtigen Spezialistin, die vor den Kameras sprach, würden viele Jugendliche ihre Möglichkeiten falsch einschätzen und deshalb bestimmte Arbeitsstellen nicht annehmen. Auf ihren Satz folgte ein Interview in der Fakultät für soziokulturelle Studien der Provinz Granma, wo die soeben Graduierten sich über Arbeitsplätze als Reinigungskräfte oder Ungezieferkontrolleur beklagten, die ihnen zugewiesen worden waren.

So viel Verbal-Jonglage, nur um nicht anzuerkennen, dass die jungen Leute nicht zum Arbeiten motiviert sind, solange die Löhne derart niedrig bleiben. Es geht nicht darum, an ihre Opferbereitschaft zu appellieren oder sie aufzurufen, mit ihrem täglichen Einsatz das Vaterland zu retten, sondern darum, ihnen einen Betrag in derjenigen Währung auszuzahlen, der ihnen ein angemessenes Leben erlaubt. Der angestrebte „neue Mensch*“ ist gar nicht so anders als der Rest der Menschheit: Er möchte seine Zeit und seine Kraft für etwas einsetzen, das zu Wohlstand und Wohlbefinden führt. Dies dürfte weder für die Spezialisten allzu schwer zu verstehen sein, noch systematisch von den Statistiken totgeschwiegen werden.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
*    Von Ernesto “Che” Guevara 1965 entworfenes Konzept des “hombre nuevo”. Die neue, im Entstehen begriffene Gemeinschaft ist für ihn zu diesem Zeitpunkt die kommunistische Gesellschaftsform: Der „Neue Mensch“ (hombre nuevo) erlangt dort durch Erziehung und Selbsterziehung ein umfassendes Bewusstsein seiner sozialen Existenz und verwirklicht sich im Rahmen von „befreiter Arbeit“, die nicht feudalen Herren sondern der Gemeinschaft zugute kommt. Die Verwirklichung der Ideale der Neuen Gesellschaft fordert immer wieder Opferbereitschaft des Einzelnen. Mehr z.B. unter Lateinamerika-Studien

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Wer unterschreibt jetzt?

carro.jpg

Ein Auto zu kaufen ist eines dieser Abenteuer nach Art eines Indiana Jones, das zu einem Herzinfarkt führen kann, aber auch zu einer Wartezeit von zehn langen Jahren. Lange Zeit über bekam man ein Auto nur durch Zuteilung auf Grundlage der herrschenden Meritokratie. Ein ausgezeichneter Arbeiter, mit tausenden von Freiwilligenstunden und einem Einsatz etwa als Soldat in Angola oder Äthiopien konnte sich glücklich schätzen, wenn ihm gestattet wurde, einen Moskowitsch oder einen Lada zu kaufen. Gelehrte höchsten Ranges wetteiferten in den Universitäten und Studienzentren um die knappen Fahrzeugzuteilungen. Funktionäre und Regierungsbeamte konnten währenddessen auf modernere Modelle hoffen, die in staatseigenen Werkstätten repariert wurden.

Als die Subventionsleitung vom Kreml zu uns zusammenbrach, endete auch die auf Verdiensten begründete Zuteilung von elektrischen Haushaltsgeräten und Autos. Das Geld funktionierte – wieder – als Tauschmittel zum Erwerb eines Fahrzeugs. Um jedoch das Recht zu erlangen, die neu eingetroffenen Citroëns, Peugeots oder Mitsubishis zu kaufen, wurde weiterhin ein Selektionsfilter beibehalten. Zwar dürfen die vor 1959 erworbenen Altfahrzeuge weiterverkauft werden, aber eine Übereignung an Andere ist für die Fahrzeuge verboten, die jemand wegen Arbeits- oder ideologischer Qualifizierungen erhalten hat. Die Bestimmungen bestätigen letztlich, dass das in jenen Jahren des „Realsozialismus“ Erreichte nur ein Teileigentum war, nicht übertragbar und leicht zu beschlagnahmen.

Obwohl manche Geschäfte moderne Geländewagen und klimatisierte Minibusse ausstellen, kann bis heute kein Kubaner – ohne mehr als nur Geld – dort hingehen und ein Auto kaufen. Vorher muss man ein Genehmigungsschreiben erhalten haben, das man nach jahrelangem Papierkrieg bekommt. Der Vorgang schließt eine eingehende Überprüfung der Herkunft der Mittel und die Bestätigung der ideologischen „Reinheit“ des Käufers ein. Fast ein Jahrzehnt lang setzte Carlos Lage, der vor ein paar Wochen entmachtete Vizepräsident des Ministerrates, seine Unterschrift unter diesen Freibrief. Jetzt fragen sich Einige mitten im maßlosen Erstaunen über seine Auswechslung: „Wer unterschreibt jetzt die Schriftstücke für den Kauf des ersehnten Autos?“

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Brainstorm

braimstorm.jpg

Der neueste Kurzfilm von Eduardo del Llano* müsste in den Redaktionen von Zeitungen und anderen Informationsmedien des ganzen Landes gezeigt werden. An einem runden Tisch debattiert eine Redakteursrunde darüber, welches Ereignis auf der Titelseite ihrer nächsten Ausgabe erscheinen soll. Es stehen mehrere Nachrichten zur Auswahl: ein außergewöhnlicher Sport-Rekord und der Aufprall eines Meteoriten, bei dem ein Maler, mehrere Helden der Arbeit und ein paar internationalistische Soldaten getötet wurden. Die gefügigen Redakteure warten auf den Anruf, der ihnen – von oben – mitteilt, welche Nachricht Vorrang vor den anderen haben soll. Währenddessen führen sie die Scharade auf, sie könnten selbst entscheiden, tun großspurig so, als sei die Zeitung wirklich ihre.

In dem Kurzfilm Brainstorm werden die handelnden Personen keinesfalls karikiert, der Film zeigt vielmehr eine – im Grunde überzogene und absurde – Wirklichkeit. Eine Welt aus Schauspielerei und professionellen Feigheiten als Folge miterlebt zu haben, wie die waghalsigsten Kollegen kaltgestellt wurden. Die Herausforderung für diese Journalisten besteht nicht darin, eine eigene Meinung zu haben, sondern im Voraus die Einschätzung der Machthaber zu prophezeien. Jeder gute „revolutionäre“ Berichterstatter muss wissen, was seine politischen Führer sagen werden – bevor sie den Mund aufmachen; es empfiehlt sich, die Mienen der Regierenden zu deuten und sich bei deren Wiedergabe nicht zu vertun.

Von diesem und anderen journalistischen Übeln handelt der Kurzfilm, der sich in die Reihe einfügt, die mit dem schon klassischen Monte Rouge** eingeleitet wurde. Unter den Filmen des Regisseurs Del Llano hat mich dieser am meisten berührt, wegen seiner thematischen Nähe und weil er auf die Maulkörbe der offiziellen Presse hinweist. Als ich ihn sah, wurde mir wieder bewusst, welch unschätzbares Privileg ich genieße, denn ich habe keinen Chefredakteur, keinen Zensor und auch sonst niemanden, der mir vorschreibt, welche Themen anzusprechen sind oder welches Gewicht ich ihnen geben soll. Mein schlimmster beruflicher Albtraum wäre es, an einem solchen Tisch zu sitzen, wo alle auf Nummer Sicher gehen, um der Erhaltung des kleinen Privilegs willen, bei der Granma***, der Juventud Rebelde**** oder irgendeinem Provinzblatt arbeiten zu dürfen.

Wie in der Schlussszene des Kurzfilms – die ich euch nicht verrate, um euch den Spaß nicht zu verderben – geschieht etwas dort draußen und unsere Medien ignorieren es beharrlich weiter. Tausende von Ereignissen passieren jeden Tag, aber die disziplinierten Nachrichtenkorrespondenten sind nicht befugt, über sie zu berichten. Stattdessen zeigen sie uns ein Traum-Kuba mit landwirtschaftlicher Übererfüllung, gewonnenen Wettkämpfen, Präsidentenbesuchen, Widerstands-gelöbnisse und lachenden kleinen Pionieren. Der Telefonanruf mit der Erlaubnis, die Wirklichkeit zu berichten, hat – noch – keine Zeitungsredaktion erreicht.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Mehr Infos zum in der Wikipedia [auf Spanisch].
** Dieser Kurzfilm über einen ganz besonderen Einsatz des kubanischen Geheimdienstes ist bspw. hier zu finden.
*** Offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas, benannt nach dem Boot Granma, mit dem Fidel Castro, Che Guevara und 80 weitere Rebellen 1956 in Kuba anlandeten, um die langjährige Diktatur von Fulgencio Batista zu beenden (siehe: Wikipedia).
**** (dt.: rebellische Jugend): Tageszeitung des Kommunistischen Jugendverbandes Kubas (UJC – Unión de Jóvenes Comunistas).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Unter dem Schirm

glorieta.jpg

Bei vielen von uns geht es sogar so weit, dass sie glauben, nicht zu existieren, wenn wir nicht unter dem Schutzschirm einer staatlichen Organisation stehen. Eine Frage empfängt uns immer, sei es am Eingang eines Ministeriums, sei es vor der Sekretärin irgendeines Funktionärs: „Und woher kommen Sie?“ Es handelt sich nicht um Neugier über unsere regionale Herkunft, sondern um eine scharfsinnige Ermittlung, welche Institution hinter uns steht. Wenn man kein Empfehlungs-schreiben mit dem Emblem eines Staatsunternehmens vorweist, kann man in diesen amtlichen Niederlassungen wenig ausrichten. Wir „unabhängige Bürger“ oder „selbstständige Individuen“ sind gewöhnt an die langen Wartezeiten und die Ablehnungen.

In dieser eigentümlichen Situation als freies Elektron, entfernt vom Kernbereich jeglicher Privilegien, Macht oder wichtiger Posten, bin ich geübt in den Fallstricken, Spezialistin in Angelegenheiten, die niemals geregelt werden. Tausend und ein Mal hat man mir dieselbe Frage nach dem staatlichen Schutzschirm gestellt, der mich behütet, und ich möchte lieber unter der Sonne meiner Autonomie dahinsiechen, als unter Sonderrechten Zuflucht suchen. Es ist klar, dass ein Erklären dieser Philosophie der „Nichtzugehörigkeit“ nichts dazu beitragen würden, dass der Wächter mich eintreten lässt, um irgendeine Ablehnungsverfügung zu klären.

Es stellt sich heraus, dass ich nicht existiere, weil mich keine staatliche Einheit zu ihrem Inventar zählt, weil ich weder einen Gewerkschaftsbeitrag zahle, noch in der Mitgliederliste einer Arbeiterkantine erscheine. Obwohl ich laufe, schlafe, liebe und mich sogar beklage, fehlt mir die Lebensbescheinigung, die mir die Mitgliedschaft in einer der wenigen – und langweiligen – neoregierungsamtlichen Organisationen geben würde. In der Praxis bin ich ein staatsbürgerliches Gespenst, eine Nicht-Seiende, eine, die dem messerscharfen Auge des Pförtners nicht den geringsten Beleg vorweisen kann, dass sie in der staatlichen Maschinerie existiert.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Kurzsichtigkeit und der Knick in der Optik

50aniv.jpg

Ich setze die Brille des Optimismus auf und werfe einen Blick auf die heruntergekommene Stadt, in der ich wohne. Mit diesen schillernden Gläsern der Hoffnung pumpt mein Herz ruhiger, ohne Aussetzer. Dank ihnen verstehe ich, dass ich nicht wegen staatlicher Ineffizienz – unfähig, innerhalb von fünf Monaten einen Fahrstuhl zu montieren – vierzehn Stockwerke täglich erklimme, sondern weil ich eine ausgemachte Umweltschützerin bin und entschlossen, nur meinen „Human-Treibstoff“ zu verbrauchen. Mit diesen neuen Gläsern, durch die ich alles betrachte, merke ich, dass auf meinem Teller kein Fleisch ist, aber nicht wegen seines viel zu hohen Marktpreises, sondern weil ich die Tiere liebe und ihnen das Leiden beim Schlachten ersparen möchte. Mir fehlt ein Internetanschluss zu Hause, aber die rosaroten Brillengläser verbergen vor mir, dass diese Dienste ausschließlich Funktionären und ausländischen Einwohnern vorbehalten sind. Vielleicht will man mich ja vor den „Perversionen“ im Netz schützen, sage ich mir, so wie es der lächerliche Candide* eines Voltaire täte. So habe ich einen kurzen Augenblick lang versucht, Paläste anstelle des Zusammenbruchs zu sehen, politische Führer, die uns zum Sieg führen, während sie uns in Wahrheit an den Abgrund bringen, und Männer, die von meinem Haar hypnotisiert sind, obwohl ich weiß, dass sie mir folgen, um mich zu überwachen.

Das Problem fängt an, wenn ich die Brille der Einfalt absetze und das betrachte, was mich umgibt, in den wahren Farben der Krise. Die Wadenschmerzen kommen wieder, als Reaktion auf die lange Treppe; ich beginne, von einem Rindersteak zu träumen und ein blinkendes Modem wird zu einem beinahe erotischen Wunsch. Ich werfe die Brille des Optimismus von meinem Balkon, vielleicht gibt es dort unten jemanden, der sie noch immer benutzen will, der sich mit ihr die Wirklichkeit zurechtbiegen möchte.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Verweis auf den satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“ des französischen Philosophen Voltaire. Siehe dazu Wikipedia.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Drei Becher und keine Brühe

paloma1.jpg

Dieses Mal sind „sie“ direkter gewesen: „Sie sind nicht reiseberechtigt“, teilte mir eine kleine olivgrün gekleidete Frau – beinahe liebenswürdig – mit. Mein Verfahren zum Erhalt der Ausreiseerlaubnis ging ohne große Verzögerungen und mit derselben ablehnenden Antwort zu Ende. Ich forderte eine Erklärung von der Beamtin, aber sie war nur der Schutzwall zwischen meinen Ansprüchen und ihren verborgenen Vorgesetzten.

Während man mir das „Nein“ mitteilte, rief ich mir die Erklärungen* ins Gedächtnis, die Miguel Barnet** vor ein paar Monaten abgegeben hatte. Der Präsident des kubanischen Schriftsteller- und Künstlerverbandes (UNEAC) hatte behauptet, dass alle Kubaner reisen können, ausgenommen diejenigen, die eine offene Rechnung mit der Justiz haben. Ich habe den ganzen Tag nach einem Verfahren geforscht, das irgendwo gegen mich anhängig sein könnte, aber mir fällt überhaupt keines ein. Sogar den elektrischen Reiskocher, den ich im rationierten Markt auf Kredit erhalten hatte, habe ich vollständig bezahlt, obwohl er nur zwei Monate lang funktionierte, bevor er endgültig zu Bruch ging.

Ich bin niemals vor einem Gericht angeklagt worden, dennoch bin ich dazu verurteilt, diese Insel nicht zu verlassen. Diese Beschränkung hat kein Richter verfügt, ich konnte dagegen keine Beschwerde bei einem Gericht einlegen; sie kommt stattdessen vom allmächtigen großen Staatsanwalt, als der sich der kubanische Staat aufspielt. Dieser gestrenge Gerichtsherr entschied, dass die alte Frau, die neben mir im Büro Ecke 17 und K saß, die „tarjeta blanca“*** nicht bekommen solle, weil ihr Sohn bei einem medizinischen Einsatz**** „desertierte“. Der Junge, der in einer Ecke wartete, konnte auch nicht reisen, weil nämlich sein Vater, ein Sportler, jetzt unter einer anderen Flagge antritt. Die Liste der Bestraften ist so lang, und die Strafbegründungen sind so vielfältig, dass wir eine große Gruppe von „Zwangsinsulierten“ gründen könnten. Es ist schade, dass die große Mehrzahl schweigt, in der Erwartung, eines Tages ausreisen zu dürfen, so wie jemand eine Belohnung für Wohlverhalten erhält.

Einer der ersten Wallfahrtsorte für uns, die wir keine Ausreiseerlaubnis bekommen, sollte das Büro des leichtgläubigen UNEAC-Präsidenten sein. Vielleicht könnte er uns erklären, für welches Vergehen man uns bestraft.

Zur Vergrößerung des Papierstapels mit meiner Sammlung von Ablehnungsbescheiden überlasse ich euch das letzte Dokument der SIE****. Ich stelle auch meine Visa ein, um euch daran zu erinnern, dass meine Schwierigkeiten nicht darin bestehen, in ein anderes Land ein-, sondern aus meinen auszureisen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Link zum spanischen Text, eine – nicht autorisierte – deutsche Übersetzung finden Sie hier.
** Miguel Barnet wurde 1940 in Havanna geboren, wo er noch heute lebt. Er studierte Werbetechnik, Soziologie und Ethnologie. Er erlangte Weltruhm durch die Veröffentlichung des Buches “Der Cimarrón” (Biografía de un cimarrón) 1966. Im Jahr 1994 wurde er mit dem Premio Nacional de Literatura de Cuba, dem kubanischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Mehr unter Wikipedia und Suhrkamp.
*** „Weiße Karte“: Gemeint ist die Ausreiseerlaubnis (permiso de salida).
**** Kuba entsendet immer mehr Ärzte als Internacionalistas ins Ausland. Von den 73.000 kubanischen Ärzten arbeiten heute über 20.000 (begleitet von nochmals so viel medizinischem Personal) in 68 Ländern, die meisten davon in Venezuela. Bebt irgendwo die Erde oder wütet ein Hurrikan, schickt Kuba sofort Medizinbrigaden und tonnenweise Medikamente ins Katastrophengebiet. Mehr z. B. im Schweizer Tagesanzeiger
***** Sección de Inmigración y Extranjería dt. etwa: Abteilung für Auswanderung und Ausländerangelegenheiten. Die Übersetzung eines vergleichbaren Bescheids aus dem letzten Jahr findet sich hier.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Der Fleischwolf

maquina_de_moler_derechos.jpg

Wenn ihr diesen Eintrag lest, dann werde ich im Wartesaal der Oficina de Inmigración y Extranjería* des Bezirks Plaza sitzen. Zwischen Militäruniformen wartet mein Pass auf eine Reiseerlaubnis, die mir schon zwei Mal verweigert worden ist. Während des letzten Jahres haben mir die gehorsamen Soldaten, die mit der Aufgabe betraut sind, unsere Bewegungsfreiheit zu beschränken, nicht gestattet Auslandseinladungen anzunehmen. In ihren Datenbanken und neben meinem Namen muss es wohl ein Zeichen geben, das mich zum Zwangsaufenthalt auf der Insel verdammt. Als Strafe für das Schreiben eines Blogs, um mich an den Ohren zu ziehen, weil ich mich für einen freien Menschen gehalten habe, sieht es die Besitz ergreifende Logik von unserem Papa Staat als normal an, dass ich die „tarjeta blanca“** nicht bekomme.

Was ich mir an diesem Freitag voller Bürokratie und Erwartungen am wenigsten wünsche, ist, dass mir am Ende jemand die Hand auf die Schulter legt, um zu sagen „Wir haben uns in dir geirrt, du kannst ausreisen“. Ich glaube nicht, dass sie „den Irrtum“, mich am Reisen zu hindern, berichtigen, ich habe noch nicht einmal die geringste Hoffnung, am 29. März in ein Flugzeug zu steigen. Ich werde mich in der überfüllten Diele des Blocks Ecke 17 und K nur aus zwei Gründen hinsetzen: Um „ihnen“ mit meiner Sturheit auf die Nerven zu gehen und um meine Rechte einzufordern. „Ihnen“ meine Visa vorweisen, die mir Eintritt in viele Teile der Welt verschaffen, während „sie“ mein Fortkommen bremsen. Ich werde dort sein, in der Gewissheit, dass es eines Tages diese ganze Maschinerie zur Profitmache und zur Sicherstellung der Linientreue – wozu sich die Ausreiseerlaubnis gewandelt hat – nicht mehr geben wird.

Ich bekenne, dass ich nicht möchte, dass man mir zu reisen erlaubt, als sei dies eine Gabe, ich erträume mir eher, dass – noch heute – während ich auf das dritte „Nein“ warte, jemand herauskommt und verkündet, dass diese schändliche Regelung gerade abgeschafft worden ist. Ich sehe es kommen, dass ich dann aus Kuba ausreisen werde, wenn alle es ungehindert tun können. Aber bis dahin werde ich „ihnen“ hart zusetzen mit meinen Forderungen, meinen Blogeinträgen und meinen Fragen.

Hier überlasse ich euch den Vordruck, den ich beim Stellen des Ausreiseantrags ausfüllen musste. Blatt 1 und Blatt 2***.

Nachtrag vom Freitag, dem 20. um 14:15 Uhr:
Ergebnis der behördlichen Maßnahme: Abermals heißt die Antwort „Nein“

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Das Büros für Einwanderung und Auslandsangelegenheiten
** „Weiße Karte“: Gemeint ist die Ausreiseerlaubnis (permiso de salida).
*** Die deutsche Übersetzung ist hier zu finden.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Von Tag- und Nachtgleichen und Enkelkindern

banderas_y_cables.jpg

Sie nahmen Adolfo mit, eines Morgens vor sechs Jahren, nachdem sie sein Haus durchsucht hatten, als handele es sich um einen gefährlichen Terroristen. Es gab weder Waffen noch Chemikalien in seiner ärmlichen Behausung in Centro Habana, aber seine Unterlagen gaben Aufschluss über viele Meinungsäußerungen, die ohne Erlaubnis aufgeschrieben worden waren. Man machte ihm den Prozess mit der derselben Eile, mit der man – genau zur selben Zeit – drei Jugendliche erschoss, weil sie eine Fähre entführt hatten, um nach Florida auszureisen. Das war um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche, aber uns allen schien, dass so viel Dunkelheit nur auf eine Weise benannt werden konnte: Schwarzer Frühling 2003. Nicht einmal der Irakkrieg schaffte es, dass diese Nachricht nur unter der Freunden und Angehörigen der fünfundsiebzig Verhafteten blieb. Der alte, oft erfolgreich wiederholte Trick, sich zunutze zu machen, dass alle in die andere Richtung schauten, funktionierte nicht.

Aus seinem Gefängnis in Ciego de Ávila rief er diese Woche an, um uns mitzuteilen, dass seine Tochter Joana ein Baby erwartet. Höchstwahrscheinlich wird er die ersten Zähne nicht sehen können, die das Kind bekommt, wegen der Halsstarrigkeit jener Leute, die ihn zu fünfzehn Jahren Haft verurteilten. Seine Freiheit ist zu einem Wechselbrief geworden, der aufbewahrt wird für einen politischen Schachzug, von dem niemand weiß, wie oder wann er ausgeführt wird. Nur ein Mann, der im Sterben liegt und deshalb starrköpfig ist, scheint die Kompetenz zu haben, seine Entlassung aus dem Gefängnis zu beschließen. Diesem sterbenden Greis muss die Zukunft von Adolfo – in Freiheit und in einem pluralistischen Kuba lebend – jedoch mehr wehtun als die Nadeln von Infusionen und Injektionen. Trotz seiner enormen Macht wird dieser achtzigjährige Rekonvaleszent nicht verhindern können, dass das Enkelkind des bescheidenen Englischlehrers ihn nur als einen Namen unter vielen in den Geschichtsbüchern sehen wird, als den launischen Caudillo, der seinen Großvater hinter Gitter brachte.

Der März ist nicht wieder zu dem Monat geworden, in dem die Tage gleich lang sind wie die Nächte, weil eine anhaltende „Freiheitsfinsternis“ sich über uns gelegt hat. So viel ich auch schaue, es scheint mir immer, dass wir uns zwischen der Sonnenwende und der Dämmerung befinden. Dort vorne kann ich meine Kinder und die von Joana unter einem beständigen Licht sehen. Sie rufen uns.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

Weitere Informationen zum Fall von Juan Adolfo Fernández Saínz bei amnesty international.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Hobbit-Höhle

a-solas.jpg

Ich verließ die Oberstufe der Landschule mit dem Gefühl, dass mir gar nichts gehörte, nicht einmal mein Körper. In Massenunterkünften zu leben, schafft dieses Empfinden, dass dein ganzes Leben, deine Vertraulichkeiten, deine persönlichen Gegenstände und sogar deine Nacktheit zum Allgemeingut geworden sind. „Teilen“ heißt die Pflicht, und es geht sogar so weit, dass es als normal gilt, nicht – oder sogar niemals – alleine zu sein. Nach Jahren der Mobilmachungen, Zeltlagern auf dem Land und einer armseligen Schule in Alquízar brauchte ich eine Überdosis Privatleben.

Ich hatte zum ersten Mal die Bücher von J. R. R. Tolkien gelesen, und das heimelige Haus von Bilbo Beutlin war mein ideales Versteck. Ich sehnte mich nach einem Platz, um meine Bücher hinzulegen, meine Kleidung aufzuhängen, zu entscheiden, welches Foto ich an die Wand kleben wollte und ein Stoppschild an die Tür zu malen. Ich war es leid, mich in vorhanglosen Duschräumen zu waschen, von Aluminiumtabletts zu essen und Läuse und Fußpilz mit den Mitbewohnern im Heim auszutauschen. Das Phantasiereich des kleinen Hobbits* bot mir jenen warmen, geschützten Raum, den mir die Wirklichkeit vorenthielt. In dieses fiktive Baumloch flüchtete ich mich immer, wenn das gemischte Zusammenleben unerträgliche Ausmaße erreichte.

Das geprügelte Individuum in mir begriff damals, dass nicht nur in Lagern und Internatsschulen die persönliche Intimität missachtet wird. Meine Insel kommt –zeitweise – einer Reihe von Stockbetten gleich, wo alle wissen, was der Andere isst, wen er trifft, und wie er denkt. Die finsteren Blicke meines Oberstufenrektors wurden ersetzt durch die Kontrolle des CDR**. Er bat mich damals, eine gebügelte Uniform und blank geputzte Schuhe zu tragen, das CDR erwartet, dass ich eine bestimmte politische Haltung einnehme.

Der Eindruck, „Allgemeingut“ zu sein, ein „gesellschaftlicher Gebrauchs-gegenstand“, ist bis heute nicht verschwunden. Mit der Zeit hat es sich nämlich bestätigt, dass ich in einer riesigen Herberge lebe, die vom Staat beaufsichtigt wird. In ihr ist die Glocke zu hören, die in den Speisesaal ruft – mittlerweile als Ruf der Nachbarin präsent, die verkündet, dass es einen neuen Artikel auf dem rationierten Markt gibt. Bei diesem Aufruf springe ich allerdings nicht sofort aus dem Bett, sondern ich nehme mir meine Zeit, um etwas unter der Matratze in Sicherheit zu bringen. Es ist ein eigenartiges und gefährliches Buch, in dem ein Halbling mit Fellfüßen seine Pfeife raucht und sich an einer heimeligen, verborgenen Baumhöhle erfreut.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Roman von J.R.R. Tolkien: Siehe Wikipedia.
** Comité de Defensa de la Revolución. Komitee zur Verteidigung der Revolution, 1960 gegründete kubanische Massenorganisation, die sowohl soziale als auch Spitzelaufgaben übernimmt.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger