Sechs Plätze hinter Sullivan

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In der Liste, die die Zeitschrift TIME sowie CNN über die 25 besten Blogs 2009 aufgestellt haben, gibt es mehrere Aspekte, die mich mit Stolz erfüllen. Generación Y ist das einzige Blog dieser Aufzählung, das in spanischer Sprache geschrieben wird, in eben der Sprache, die manche für außerstande halten, sich dem Tempo von Technik und Modernität anzupassen. Unter den übrigen 24 Bloggern bin ich diejenige, die – zweifellos – am wenigsten Stunden Zugriff auf das Internet hat. Und zu allem Überfluss habe ich noch die Besonderheit vorzuweisen, dass ich einen Blog betreibe, den ich nicht sehen kann, wegen der fiesen Filter, die ihm die Zensur auferlegt hat.

Der Guru, zu dem Andrew Sullivan für uns und unseren Bloggerfahrplan* geworden ist, steht auf Platz fünf mit seinem The Daily Dish. Er kann sich gewiss nicht vorstellen, dass jede Woche eine Gruppe Kubaner sich seinen Text Warum ich blogge** ins Gedächtnis ruft und dass seine Arbeit ihnen als Kompass dient. Nach beinahe zwei Monaten mit diesen wöchentlichen Treffen wissen wir wenigstens, dass der Weg zur Meinungsäußerung nicht rückwärts beschritten wird, dass man die Kontrollmauer mit einem Ruck umwerfen oder allmählich Byte für Byte, Eintrag für Eintrag unterminieren kann.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Generación Y vom 19. Dez. 2008, deutsch: Blogger-Fahrplan
** Das englische Original lautet „Why I blog“ und erschien im November 2008.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Unbequeme Fragen

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Ich gehe an unserem Haus entlang und vermeide es, unter den Balkonen zu laufen, weil nämlich die Kinder dort zum Zeitvertreib Präservative voller Urin herunterwerfen. Ein Mann, der von seiner Tochter begleitet wird, trägt einen Beutel, aus dem ein Gemisch aus Fett, Wasser und Blut heraustropft. Sie kommen von der Metzgerei, wo eine lange Warteschlange anzeigt, dass irgendein rationiertes Produkt heute Morgen angekommen ist. Die beiden steigen mit ihrer Fleisch-Trophäe froh die Treppe hinauf. Wahrscheinlich schneidet die Mutter schon die Zwiebeln, während sie erleichtert aufseufzt, weil nach mehreren Tagen Abwesenheit wieder Protein auf ihren Tellern landet.

Ich gehe hinter ihnen und kann das Mädchen fragen hören: „Papi, wie viele Hähnchen hast du im Leben schon gegessen?“ Ich bemerke das verblüffte Gesicht des Vaters, der – aus allen Poren schwitzend – das sechste Stockwerk erreicht hat. Seine Antwort ist etwas schroff: „Woher soll ich denn das wissen? Ich führe nicht Buch über das Essen.“ Aber die Kleine ist hartnäckig. Offenbar lernt sie gerade Multiplizieren und Teilen, weswegen sie die Welt auseinander nehmen und – vollständig – mit reinen Ziffern erklären möchte. „Papi, wenn du 53 Jahre alt bist und jeden Monat eine Libra* Hühnerfleisch in der Metzgerei bekommst, dann musst du doch nur wissen, wie viele Monate du schon lebst. Wenn du diese Zahl hast, dann teilst du sie durch vier Libras, so viel wie ein normales Hähnchen ungefähr wiegt.“

Ich ertappe mich, wie ich die mathematische Formel anwende, die die Kleine entwickelt hat, und rechne aus, dass ich in diesen 33 Jahren 99 Hähnchen verzehrt habe. Der Mann unterbricht meine Rechnung und sagt zu ihr: „Mein Kind, als ich geboren wurde, gab es die Hähnchen nicht auf Bezugsschein.“ Mir wird klar, dass ich jedenfalls aufgewachsen bin mit den engen Fußeisen der Rationierung an beiden Knöcheln. Aber dank des Schwarzmarkts, der „umgeleiteten“ Ressourcen, der Devisenläden, des Tauschs von Kleidung gegen Essen und einer Menge paralleler Wege, weiß ich nicht die genaue Menge dessen, was ich bis heute verdaut habe. Ich gehe schneller und höre den misstrauischen Satz von Fräulein Pythagoras: „Ach Papi, du willst mir doch nicht weismachen, dass man dir früher im Fleischerladen so viel Hühnerfleisch verkauft hat, wie du nur wolltest …“

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Gewichtseinheit, 1 Libra = 454 Gramm

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Cuba performance

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Vor ein paar Tagen hatten wir in unserer Wohnung die Gelegenheit den Dokumentarfilm Cuba performance zu sehen, der sich dem künstlerischen Schaffen der Gruppe Omni Zona Franca* widmet. Das Wohnzimmer füllte sich mit Langhaarigen, und sogar einige ausländische Autoren, die zur Buchmesse eingeladen worden waren, stiegen die Treppen bis zum vierzehnten Stock hinauf. Amaury – der Hauptdarsteller des Films – war nicht dabei, weil ihm vor ein paar Tagen ein Sohn geboren wurde und er fast zwischen Windeln und schlaflosen Nächten erstickt. Es war Freitag der 13. und Vollmond. Der Aberglaube hinderte uns jedoch nicht daran, ein paar schöpferische, freie Stunden zu genießen und uns Luft zu machen.

Die Regisseurin des Dokumentarfilms, Elvira Rodríguez Puerto**, hatte wochenlang mit Eligio, David und den anderen Künstlern aus Alamar*** zusammengelebt. Wegen dieser engen Interaktion gelingt es ihr, uns die Mischung aus Poesie, Malerei, Zen und Graffiti nahezubringen, mit der diese talentierten Autodidakten die Straßen der Modellstadt des „neuen Menschen“ angefüllt haben. Unzweckmäßig und stigmatisiert – dieses einzigartige Viertel ist ein Ort, an dem Wenige wohnen möchten, voller identischer, sich periodisch wiederholender Betonblöcke****. Dort wohnt Amaury, und dort betreibt er seine Kunst. Ein großer schwarzer Mann, der mit einem Bergmannshelm und in einem weiten Rock herumläuft. Ihm gelingt es, die Nachbarn in seine Aktionskunst einzubeziehen, er lässt sie ihre leeren Plastiktüten vergessen, mit denen sie vom Markt heimkommen, und hilft ihnen, den erstarrten Gesichtsausdruck der Ungläubigkeit zu überwinden, mit dem sie alles ansehen.

Unser Leben ist voller Performances und Aktionskunst, die selbst dann symbolträchtig sind, wenn sie uns vollkommen folgerichtig und alltäglich erscheinen. Das ist das Gefühl, das sich bei mir einstellt, wenn ich der Philosophie dieses frohgelaunten Dichters lausche, der sich beim Gehen auf einen hölzernen Gehstock stützt. Auf den Bus warten, Schlange stehen nach dem einzigen Brot auf dem Bezugsschein, Artikel auf dem Schwarzmarkt tauschen, ein kleines Boot bauen, um in See zu stechen, und sogar so tun, als sei man einverstanden, das sind Teile eines Drehbuchs, das wir über Jahrzehnte aufgeführt haben. Nur, dass wir uns nach der Ungezwungenheit des Happening und der Spontaneität sehnen, mit der sich Amaury bewegt, so weit entfernt von Angst, Konventionen und Kontrollen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Das aus einem guten Dutzend Frauen und Männern bestehende Kunstkollektiv agiert vollkommen unabhängig vom institutionellen Kulturbetrieb mit provokanten Performances, Dichterlesungen, Ausstellungen und Konzerten (aus der Jungle World). Mehr z.B. bei der TAZ oder amnesty international.
** Mehr auf der Webseite der Regisseurin.
*** Vorort Havannas, Hochburg des kubanischen Rap, 120.000 Menschen leben hier in der Modellstadt der Revolution, die nie fertig gebaut wurde (vgl. Jungle World).
**** Plattenbauten

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Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Nimm mich mit zur See, über das weite Meer1

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In einem Land, das komplett von Wasser umgeben ist, sind Seeleute eine Verbindung zur anderen Seite, die Überbringer jener Bilder, die wegen der Insellage nicht sichtbar sind. Im Falle Kuba können diejenigen, die auf einem Schiff arbeiten, außerdem im Ausland viele Produkte kaufen, die es auf den heimischen Märkten nicht gibt. In der Art eines Odysseus können sie nach Monaten auf See einen Koffer voller Krempel für die Familie zurückbringen. Die Seeleute bringen die elektrischen Haushaltsgeräte aus dem Bauch der Frachtschiffe mit dem Schwarzmarkt zusammen; sie sorgen dafür, dass die Mode früher ankommt, als im Plan der Bürokraten der Binnenwirtschaft vorgesehen.

Jahrzehntelang war „Handelsmatrose“ zu sein gleichbedeutend damit, zu einer auserwählten Zunft zu gehören, die über den Horizont hinaus fahren konnte und Dinge holen, die man in unseren Breiten noch nie gesehen hatte. Die ersten Jeans, Tonbandgeräte und Kaugummis, die ich in meinem Leben berührte, waren von solchen glücklichen Besatzungsmitgliedern transportiert worden. Dasselbe geschah mit Digitaluhren, Farbfernsehern und einigen Autos, die in keiner Weise den wenig attraktiven Ladas oder Moskovichs glichen.

Für die Angehörigen eines Seemanns werden die Entbehrungen der langen Monate seiner Abwesenheit abgemildert durch den wirtschaftlichen Balsam, den sein Aufenthalt in Häfen mit niedrigen Preisen und besseren Qualitäten als in kubanischen Geschäften hervorbringt. Wenn die Zeit kommt, in Rente zu gehen und den Anker zu werfen, dann heißt es, von dem zu leben, was herangeschafft werden konnte und von den Bildern, die im Gedächtnis bleiben.

Ich erzähle diese Geschichte von Schiffen, Masten und dem informellen Markt, weil man Oscar, dem Ehemann der Bloggerin von Sin Evasión*, damit droht, ihn aus seinem Beruf als Seemann herauszuwerfen. Der Anlass: Die Entscheidung von Miriam, die Gesichtsmaske abzunehmen und ihre Meinungen vor aller Augen zu veröffentlichen. Die Strafe: Der Familie die Existenzgrundlage zu nehmen. Weil sie sich frei im Netz bewegt, kann er die Möglichkeit verlieren, die Wasser zu durchpflügen.

1 Aus dem Kinderlied „Barquito de papel“**

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Eintrag vom 17.02.2009 „Durmiendo con el enemigo“. Eine deutsche Übersetzung finden Sie auf der Seite der Deutsch-Cubanischen Gesellschaft für Solidarität mit Cuba! e.V.
** Dt. etwa: „kleines Schiffchen aus Papier“. Zu hören ist das Lied bspw. hier.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Sanduhr

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Jeden Tag treffe ich zufällig auf jemanden, der enttäuscht ist und die Entwicklungen auf Kuba nicht länger unterstützt. Manche geben den Ausweis der Kommunistischen Partei zurück, wandern zu ihren in Italien verheirateten Töchtern aus oder konzentrieren sich auf die beschauliche Aufgabe, ihre Enkelkinder zu betreuen und nach Brot anzustehen. Sie wechseln vom Denunzieren zum Verschwören, von der Bespitzelung Anderer zur eigenen Verleitung und ändern sogar ihren Rundfunkgeschmack von Radio Rebelde* zu Radio Martí**. All diese Bekehrungen – langsam bei manchen, rasend schnell bei anderen – nehme ich in meiner Umgebung wahr, als ob es unter der Inselsonne plötzlich Tausenden eingefallen wäre, sich zu häuten. Jedoch geschieht diese Metamorphose nur in eine Richtung. Bis heute habe ich noch niemanden getroffen – und ich kenne nun wirklich viele Leute – der sich gewandelt hätte vom Unglauben zur Loyalität, der begonnen hätte, auf die Ansprachen zu vertrauen, die er jahrelang kritisiert hat.

Die Mathematik konfrontiert uns mit bestimmten unfehlbaren Wahrheiten: Die Zahl der Unzufriedenen steigt, aber die Gruppe der Beifallklatscher gewinnt keine neuen „Seelen“ hinzu. Wie in einer Sanduhr landen jeden Tag hunderte von kleinen Partikeln Enttäuschter genau entgegen gesetzt von der Stelle, an der sie einmal waren. Sie fallen auf die Erhebung, die wir Skeptiker, wir Ausgegrenzte und der unübersehbare Chor der Gleichgültigen bilden. Es gibt keine Rückkehr mehr auf die Seite des Vertrauens, weil keine Hand die Sanduhr umdrehen, nicht das nach oben drehen kann, was heute endgültig unten ist. Die Zeit des Multiplizierens und Addierens ist schon eine Weile vorbei, heute arbeiten die Rechenschieber mit Subtraktionen, sie markieren einen endlosen Abfluss in eine einzige Richtung.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Radio Rebelde ist ein staatlicher kubanischer Rundfunksender, ursprünglich ein kleiner Piratensender der kubanischen Rebellenarmee während der kubanischen Revolution, der maßgeblich von Ernesto Che Guevara ins Leben gerufen wurde. Homepage des Senders: Radio Rebelde
* Radio Martí ist ein von der US-amerikanischen Regierung finanzierter Sender mit Sitz in Miami, der Radiosendungen in spanischer Sprache für Kuba ausstrahlt. Der 1983 von Präsident Ronald Reagan auf Drängen von Jorge Mas Canos gegründete Sender, dessen Aufgabe es ist „den Kommunismus zu bekämpfen“, strahlt heute ein 24-stündiges Radioprogramm auf Kurz- und Mittelwelle aus. Mehr Informationen unter: Wikipedia

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Zwischen den beiden Mauern*

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Heute um 15 Uhr gelang es uns, das Buch von Orlando Luis Pardo Lazo vorzustellen. Nachdem wir durch die engen Gassen von Cerro** gelaufen waren, um die zwei „Sicherheitsleute“ abzuhängen, die wir im Schlepptau hatten, kamen wir schließlich beim Capitolio*** an und nahmen den Bus, der durch den Tunnel der Bahía fährt. Anspannung, Furcht und Zweifel begleiteten uns auf der kurzen Fahrt zur Festung La Cabaña. Orlando dachte an seine Mutter, die hohen Blutdruck hat und verängstigt war wegen der Drohanrufe. Ich war mit meinen Gedanken bei Teo, der in seiner Schule war und nicht ahnte, dass vielleicht niemand zuhause sein könnte, wenn er heimkommt. Zum Glück waren das nur Gespenster.

Der Polizeitrupp hatte – wie wir erst nachträglich verstanden – die Absicht, uns einzuschüchtern, aber sie konnten wenig tun vor den Kameras der Auslandspresse und den eingeladenen Schriftstellern. Wir begannen, auf dem Gras sitzend, für eine Gruppe von fünfzehn Personen zu sprechen und endeten mit dem stürmischen Applaus von mehr als vierzig. Uns überraschten die Anwesenheit und die Solidarität von mehreren jungen Erzählern und Dichtern, die ihre Bücher bereits in den offiziellen Verlagen veröffentlicht haben. Auch der Beistand einiger lateinamerikanischer Romanautoren, die uns mit Worten und Umarmungen unterstützten. Dort waren Gorki und Ciro von der Gruppe „Porno para Ricardo“, Claudia Cadelo vom Blog Octavo Cerco, Lía Villares, Autorin des Tagebuchs Habanemia, Reinaldo Escobar, Blogger von Desde aquí, Claudio Madam und Andere, deren Namen ich nicht nenne, um ihnen nicht zu schaden.

Auf der anderen Straßenseite filmte die Gruppe der Verfolger mit einem Teleobjektiv alles, was auf dem grünen Platz passiert ist. Mehrere Grundschulen waren eingeladen worden, um genau an dieser Stelle Papierdrachen steigen zu lassen, und ein gellender Reggaeton begann genau um drei Uhr nachmittags. Trotzdem schafften wir es, uns von all dem abzusondern und durch die Tür von Boring Home einzutreten, uns ein paar Zentimeter über die staubige Wirklichkeit von Bewachten und Bewachern zu erheben. Von dort aus, wo ich saß, schien mir das Gemäuer der Cabaña lädierter, voll kleiner Poren, die sich im Stein öffneten.

Das Buch von Orlando Luis Pardo Lazo kann man hier als PDF-Datei (Spanisch) herunterladen

 

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Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Unter demselben Titel steht ein Eintrag von Yoani Sánchez vom 16.02.2009 im Blog Habanemia, seine deutsche Übersetzung finden Sie in Kürze hier.
** Innenstadtviertel von Havanna
*** Das Kapitol (Capitolio) von Havanna wurde 1926 als Sitz der Legislative gebaut und diente diesem Zweck bis 1959. Mehr unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitol_(Havanna)

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

1971 – 2009: Das graue Jahrtausend

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Der Fall Padilla* und seine graues Nachspiel auf die kubanische Kultur haben sich länger gehalten als angenommen. Fast vier Jahrzehnte und doch scheint es so, als seien nicht einmal ein paar Minuten vergangen. Zensierte Autoren, verbotene Bücher und Messen, die nur für zuverlässige Schriftsteller gedacht sind. Die Kultur in den Händen der Institutionen und einige Wenige entscheiden, welche Texte das Licht der Welt erblicken werden. Damals ging es um Heberto, heute um Orlando, doch auf der Insel, auf der beide geboren worden sind, ist Verschiedenheit noch immer ein Regelverstoß.

Noch wissen wir nicht, was morgen in der Cabaña** bei der Präsentation von „Boring Home“ passieren wird, aber wir Beteiligten haben schon etwas gelernt: Wenig, sehr wenig hat sich verändert seit der Zensur von „Fuera de juego“. Traurigerweise geht alles weiter wie bisher.

Anschließend überlasse ich euch hier den Text, den Orlando Luis Pardo Lazo für die – umstrittenste – Präsentation bei dieser langweiligen Internationalen Buchmesse geschrieben hat.

Die heimischen Detektive

Orlando Luis Pardo Lazo

Es hätte ein Titel von Roberto Bolaño*** sein können, dem bereits verstorbenen und universellen chilenischen Schriftsteller. Einem Schriftstellertyp, der in keinster Weise zum Aufgebot der XVIII. Internationalen Buchmesse in Havanna gepasst hätte, im Inneren, hinter den „moralischen“ Mauern und den wiederverwendeten Erschießungsgräben der Festung San Carlos de La Cabaña, vom 12. bis 22. Februar Hauptveranstaltungsort der Messe.

Und, tatsächlich: Unsere heimischen Detektive sind nicht weniger grausam als die von Bolaño. Sie rufen stündlich bei mir an, um meine siebzigjährige Mutter, die an einem Emphysem erkrankt ist, in Angst und Schrecken zu versetzen. Junge Leute sind es, Männer, und sie verschanzen sich hinter einem öffentlichen Telefon, um die vorbeugende Syntax von Erschießungskommandos auszusprechen: „Wenn dein Sohn am Montag zur Buchmesse geht, dann werden wir ihm den Schwanz abschneiden“, sagen sie und legen auf. (Klicken zum Weiterlesen) Weiterlesen